Die Hölle als Insel

Dreirat Von Owasko bis Florida: Kurzrezensionen zu neuen Sachbüchern von Erhard Schütz

Das Ende muss man nicht lesen. Doch wenn man schon über 400 großformatige Seiten Text und Zeichnungen hinter sich hat, mag man auch das noch wissen wollen. Reif Larsen war der Buchbörsen-Hype der Vorbörsencrashzeit: 1 Million Vorschuß soll es für den Erstling gegeben haben. Das passt in seiner Irrealität bestens zum Buch selbst. Es ist ein Jugendbuch für solche, die sich nicht entscheiden können, ob sie sich das Jugendbuchlesen abgewöhnen oder damit weitermachen wollen. Ein Buch für Spielenerds, Sammelfreaks und Spinnereifans, für Dietmar-Dathiker mit Regressionsbedürfnis.

Um wenigstens eine Ahnung davon zu geben: Tecumseh Sparrow Spivet, Sohn eines ländlichen Cowboyimitators und einer käferversessenen Biologin im tiefen amerikanischen Westen, malt obsessiv Karten von allem und jedem, was ihm begegnet. Die Frequenz von seines Vaters Whiskey-Konsum ebenso wie das Gewehr, mit dem sein Bruder sich erschoss (?), Bewegungsvektoren beim Rodeo oder den Stand des Grundwassers – das alles im Stil zwischen alten Schatzkarten, Pfadfinderhandbüchern und Adobe Illustrator. Sein Ruhm dringt zum Smithsonian Institute, das ihm ein Stipendium offeriert. Allerdings weiß man dort nicht, dass T. S. erst zwölf Jahre alt ist.

Der macht sich nun auf die umgekehrte amerikanische Reise: vom Westen in den Osten. Unterwegs sieht und erlebt er naturgemäß allerlei, das dann erzählt und gezeichnet wird. Was er zwischen Owasco und Dix notiert, wird den Lesern nicht zustoßen: „Schwer gelangweilt.“ Denn entweder kommt man erst gar nicht bis dahin, oder lässt sich auch jetzt nicht mehr aus der Spur bringen. Im Osten gibt’s dann noch eine, sagen wir: goetheanische Verschwörung zum Guten. Das Ende, siehe oben ...

Löwe als Gefährte

„Denn die Einsamkeit geht den Menschen ins Herz und wandert von dort aus überallhin. Alles bringt sie im Menschen durcheinander. Sie löscht sogar die Erinnerung aus.“ So geschieht es Iwein, dem seine Frau Laudine großzügig ein Jahr Urlaub zum Austoben gewährt hatte. Doch der verliert sich in Abenteuern und vergisst die Rückkehr. Das hat Einsamkeit und Wahnsinn zur Folge. „Abenteuer? Was ist das?“ selbst das weiß er nicht mehr. Doch findet sich ein Löwe als Gefährte – und am Ende wird für den Löwenritter alles wieder gut. Erwachsenenbücher für Kindsköpfe oder Kinderbücher für Erwachsene. Hier stellt sich gar nicht erst die Frage. Das Buch ist empfohlen ab dem 12. Lebensjahr. Felicitas Hoppe hat Hartmann von Aues rund 800 Jahre alte Geschichte für Kinder nacherzählt. Doch hat sie es so getan, dass man, wenn man als Erwachsener auch nur hineinliest, nicht mehr herausfindet, so wie Iwein sich verritt. Man ist aber nicht einsam und wird nicht verrückt. Das macht die formvollendete Sprache, die hinreißende, wundersame Wiederbelebung vermeintlicher Schlichtheit, in der zwinkernd oder sinnend das Abgründige blitzt. Für so etwas, obendrein noch wunderschön und solide aufgemacht – allein: der schönen Illustrationen von Michael Sowa sind viel zu wenige -, lässt man leicht alle die Großostereierweltversteckromane liegen, um sich nach Weihnachten dies hier noch einmal vorzunehmen, mit Freude, Andacht und Rührung – und dem Genuss einer Wiederentdeckung. Naja, Kindern kann man es auch noch schenken.

Antipodeninsel, Campbell, Deception, Einsamkeit, Fangataufa, Semisopochnoi oder Taongi – was haben diese Inseln mit vielen weiteren gemeinsam? Nun, sie sind, in den verschiedensten Winkeln der Welt und zwischen wenigen und stattlichen Quadratkilometern groß, allesamt unbewohnt. Nicht verwunderlich, dass Judith Schalansky da nicht hinwill. Sie will aber auch nicht nach Amsterdam (25 Einwohner), Floreana (100), Laurie (14 – 45), Raoul (10) oder Trindade (32), weder nach Tromelin, 4, noch nach Napuka mit immerhin 277 Einwohnern. Vielleicht, weil letztere auch Insel der Enttäuschung heißt. „Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde“ hat Judith Schalansky, Autorin und Typografin, vom, wie sie schreibt „kartografischen Katzentisch“ weggeholt und sich und uns vorgestellt. „Das Paradies mag eine Insel sein. Die Hölle ist es auch.“ In anrührender grafischer Akribie, sorgfältiger Aufmachung, ergänzt um weise Geschichtchen und sprechende Zahlen, lässt sie diese fünfzig Inseln so Revue passieren, dass ihr Buch die 51. wird, eine Himmelsinsel für alle Ferneträumer, Kartenillusionisten und Armstuhlabenteurer, unbewohnt, aber unglaublich schön!

Reif Larsen. Roman. Fischer, Frankfurt am Main 2009, 447 S., 22,95 Felicitas Hoppe. Erzählt nach dem Roman von Hartmann von Aue. Fischer, Frankfurt am Main 2009, 250 S., 16,90 Judith Schalansky. mare, Hamburg 2009, 144 S., 34 Die Karte meiner TräumeIwein LöwenritterAtlas der abgelegenen Inseln

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11:45 18.01.2010

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