Die Hölle auf Erden

Historische Alternativen Immanuel Wallersteins neueste Prognosen für den Weltkapitalismus

In seinem beinahe-Klassiker Der historische Kapitalismus korrigierte Immanuel Wallerstein das Bild von der Entstehung dieses Wirtschaftsystems im 15. und 16. Jahrhundert: Der Kapitalismus wurde seiner Meinung nach nicht vom Sturz des rückschrittlichen Adels durch eine fortschrittliche Bourgeoisie ins Leben gerufen, sondern durch die Verwandlung des landbesitzenden Feudaladels in profitraffende Bürger, weil sich die Herrschaftsstrukturen des Mittelalters in Auflösung befanden. Wallenstein widmete sich der Rolle des Staates bei der Regelung der Produktionsverhältnisse und analysierte die Zusammenhänge zwischen der Herausbildung einer Ideologie des Universalismus mit dem Rassismus, Sexismus sowie Kulturimperialismus (Herrschaft im Namen geistiger Befreiung). Schließlich kehrte der Direktor des "Fernand Braudel Center for the Study of Economics, Historical Systems and Civilisations" an der Binghampton University im US-Bundesstaat New York quasi im Zirkelschluss zu seinem Bild über die Transformation des Feudalismus in ein kapitalistisches System zurück. Er postulierte: "Die zukünftige Weltordnung wird sich selbst langsam aufbauen, und zwar auf Wegen, die wir uns kaum vorstellen und schon gar nicht vorhersagen können".
Dieses Resümee seines Buches (in Englisch 1983, auf Deutsch 1984 erschienen) ließ Nutzanwender(innen) ein wenig ratlos zurück. Bot das globalisierte System überhaupt noch Chancen zum subjektiven Eingreifen und wenn ja, welche?
Genau in dieses Vakuum stößt Wallerstein mit seinem neuen Buch Utopistik nun vor: Nur in Phasen eines historischen Überganges sind die Möglichkeiten einer grundlegenden, systematischen Weichenstellung real, lautet seine Hypothese. Und der moderne Kapitalismus befindet sich für Wallerstein jetzt in einem solchen "Verwandlungs-ZeitRaum".
Erstens sieht er die mit der unendlichen Kapitalakkumulation verbundene Ideologie des Fortschritts delegitimiert. Diese Delegitimation geht für Wallerstein weit über die marxistische Ablehnung des Kapitalismus hinaus. Er begründet sie zweitens mit der weltweiten Rüstung, insbesondere mit atomaren, chemischen und bakteriologischen Waffen. Und drittens schließlich führt er die unaufhaltsame, massive Einwanderung aus den armen in die reichen Länder an, wodurch Zündstoff für ethnische Spannungen entsteht, die sich jederzeit in chaotischen oder bürgerkriegsähnlichen Zuständen entladen können.
Diese drei Faktoren sind für Wallerstein Auslöser einer tiefen Systemkrise, die sich in der zunehmenden Unfähigkeit manifestiert, selbstregulierend sein Gleichgewicht wieder zu finden. Die Zukunft ist aber in keiner Weise rosig, alles befindet sich in Erosion, Unsicherheiten und Gefährdungen nehmen zu und wie bei manchen Gärungsprozessen ist unklar, ob Wein oder Essig entstehen wird. Will sagen: Wallerstein verwirft entschieden jedes Denken, dass aus dieser "Hölle auf Erden" der nächsten 40 oder 50 Jahre zwangsläufig ein Paradies auftauchen sieht; solche Illusionen fördern für ihn nur die Desillusionierung. Er ist der Ansicht, dass sich eine Regenbogen-Koalition bilden muss, die den Kampf einfach aufzunehmen hätte, ohne Gewissheit, dass sie ihn jemals gewinnen wird.
Den Rezensenten erinnert Wallersteins in Dezennien berechenbarer "Verwandlungs-ZeitRaum", kombiniert mit der apodiktischen Behauptung, "dass das ganze gegenwärtige System als solches nicht überleben kann" allzu sehr an die Theorien vom großen Kladderadatsch, der Marx und insbesondere der alte Engels mehrmals zum Opfer fielen. So wie Engels zum Beispiel in einem Brief an Sorge im Februar 1894 formulierte: "Es geht überall lustig voran und das fin de siècle präsentiert sich immer schöner" - (MEW 39, 213). Leicht möglich, dass Wallerstein mit dieser Vorhersage wiederum jenes Schicksal erleidet, das ihm schon einmal beschieden war, als er 1983 in der Schrift Dynamics of Global Crisis den Niedergang der USA als Hegemonialmacht verbunden mit einer Niederlage im Konkurrenzkampf mit Europa und Japan prophezeite.
Ökonomische Ursachen der Krise spielen in der Utopistik eine völlig nebensächliche Rolle: Beiläufig behauptet Wallerstein einen "Kontradieffschen Aufschwung beim Eintritt der Welt ins 21. Jahrhundert" . Für diese These spricht vor allem der 1991 in den USA einsetzende, längste wirtschaftliche Aufschwung in der Geschichte dieses Landes mit Wachstumsziffern, die mit den Ausnahmeraten in den sechziger Jahren vergleichbar sind. Trotzdem ist die Behauptung vom Beginn einer fünften langen Welle mit "expansivem Grundton" (Ernest Mandel) in der Geschichte des Weltkapitalismus unter marxistischen Ökonomen nicht unbestritten. Eine solche Aussage bedürfte daher einer Begründung, insbesondere, was die außerökonomischen Grundlagen dieses angeblichen Aufschwunges betrifft. Der Terminus "tendenzieller Fall der Profitrate" kommt in der Utopistik erstaunlicherweise überhaupt nicht vor. Dabei würde gerade das säkulare Sinken des Gewinns jene Grenze der kapitalistischen Produktionsweise signalisieren, die Wallerstein vor uns liegen sieht.
Verteidigte Wallerstein im "historischen Kapitalismus" noch "jene marxistische Behauptung, die selbst orthodoxe Marxisten oft verschweigen, die These von der absoluten (nicht der relativen Verelendung) des Proletariats", so konfrontiert er den (die) erstaunten Leser(innen) nunmehr mit der konträren Meinung, dass "in Wirklichkeit der jüngste Abschwung bei den Löhnen und Steuern in Anbetracht des fortgesetzten weltweiten Anstieges kurzfristig und geringfügig war". Wieso sinkt dann der Anteil der Nichtselbstständigen am Volkseinkommen (die sogenannte bereinigte Lohnquote) EU-weit seit Jahren ab und liegt mittlerweile unter dem Niveau der USA?
Viele andere - zumindest kühne - Thesen aus Wallersteins früheren Schriften tauchen hingegen in der Utopistik wieder auf: Etwa die Annahme, "die Französische Revolution wäre keine bürgerliche und die Russische Revolution keine proletarische gewesen", ja es hätte "in den Staaten, die das moderne Weltsystem ausmachen, überhaupt keine Revolutionen gegeben und es hätte auch keine geben können". Oder die These, die Bolschewiki hätten die "Popularität der Russischen Revolution in der außereuropäischen Welt ... ohne Erfolg für sich nutzbar zu machen versucht". Aber Wallerstein zu lesen ist selbst dort intellektuell befruchtend, wo er wahrscheinlich irrt.

Immanuel Wallerstein: Utopistik. Promedia Verlag, Wien 2002, 128 S., 9,90 EUR



www.fbc.binghampton.edu


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00:00 30.08.2002

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