Die Hölle, das sind die anderen

RAF-Gewalt und Staatsgewalt Andreas Baader und Horst Herold kämpften aneinander vorbei

Was die RAF noch heute unheimlich macht oder faszinierend erscheinen lässt, ist die Entschiedenheit, mit der sie das staatliche Gewaltmonopol missachtete. Weil sie sich das Recht der Gewaltausübung nahm, gab es nicht wenige, die in ihr die "radikalste" Gruppierung sahen - und was kann mehr überzeugen als Radikalität? Doch radikal sein heißt, eine Sache bei der Wurzel packen. Was die allgemeine Wurzel der Gewaltsache war, haben die Genossen der RAF, soweit sie marxistisch dachten, zweifellos erkannt. Aber so wenig man die Produktion im Allgemeinen bekämpfen kann, vielmehr nur als Produktionsweise in historisch bestimmter Form, so wenig die Staatsgewalt. Als die RAF zu kämpfen begann, war der Staat gerade im Begriff, seine Gewaltausübung materiell und diskursiv umzurüsten. Den Gehalt dieser Umrüstung können wir erst heute annähernd ermessen. Der RAF indessen ging es nicht darum, das Neue, das da entstand, als solches zu bekämpfen. Sie nahm es nur als Hindernis wahr und suchte ihm auszuweichen. Obwohl sie darin einiges Geschick zeigte, waren ihre "Erfolge" gänzlich perspektivlos.

Manche haben das Bild, Andreas Baader von der RAF und Horst Herold, der damals das Bundeskriminalamt erneuerte, hätten sich wie verfeindete Zwillingsbrüder bekämpft und gegenseitig in die Eskalation getrieben. Herold selbst sagte: "Baader war der einzige, der mich jemals richtig verstanden hat. Und ich bin der einzige, der ihn jemals richtig verstanden hat." Er wußte ja, seine Schriften zur Terrorismusbekämpfung waren von Baader zur Pflichtlektüre der RAF gemacht worden. Doch in Wahrheit kämpften sie aneinander vorbei.


Herold war nur darin RAF-kompatibel, dass er ohne den Auftritt dieser Gruppe nicht so schnell, nämlich ab 1971, so viel Freiraum für die Einführung seiner Methoden erhalten hätte. Die Methoden selber mussten kommen, weil sie dem Stand der Technik und auch dem Zeitgeist entsprachen. Die polizeiliche Fahndung wurde computerisiert. Bis 1979 hatte Herold ein Datenverarbeitungssystem aufgebaut, das in 37 Dateien und Karteien fast fünf Millionen Namen Verdächtiger und über 3.000 Organisationen enthielt. Die Fotos von fast zwei Millionen Menschen wurden gespeichert. Von mehr als 3.500 Personen lagen außerdem Fingerabdrücke, Handschriftproben und kurze Personenbeschreibungen vor. Eine "Kommunekartei" hielt die Erinnerung an 1.000 Wohngemeinschaften fest, mit denen die Polizei Bekanntschaft gemacht hatte. Mit der Computertechnik war es möglich geworden, nicht nur viel zu sammeln, sondern auch die gesammelten Bausteine in kürzester Zeit nach beliebig wechselnden Gesichtspunkten zusammenzufügen.

Dies war nicht nur eine neue Technik, sondern auch ein neuer Diskurs. Man sieht es, wenn man das Prinzip der Sammlung bedenkt. Gab es denn wirklich fünf Millionen Verdächtige? Herold, der ein kluger Mann war, hätte die Frage wohl höflich verneint. Nein, eigentlich verdächtig waren wenige; aber viele gab es, die sich möglicherweise zur RAF-Nähe entwickeln konnten. Heute wird von "Schläfern" gesprochen, Leuten, die ein ganz harmloses Leben führen und sich dann plötzlich, indem sie "aufwachen", als Terroristen entpuppen. Bei ihnen unterstellt man noch, ihr "Schlaf" sei ein Täuschungsmanöver. Herold ist die Sache seinerzeit viel radikaler angegangen. Bei seiner Methode spielt die Frage, ob Täuschung vorliegt oder nicht, überhaupt keine Rolle. Der Schläfer, den man damals noch nicht so nannte, ist radikal gedacht der mögliche Terrorist. Möglich ist vieles, ja fast alles. Zum Beispiel waren Menschenrechtsorganisationen in Herolds Kartei gespeichert. Zwar kämpfte in denselben Jahren US-Präsident Carter mit dem Menschenrechtsbegriff gegen die Sowjetunion. Aber jemand, der für Menschenrechte eintrat, konnte sich ebenso gut an den Haftbedingungen der RAF-Gefangenen stoßen. Dies führte womöglich zum Kontakt mit RAF-Genossen und, wer weiß, zur Teilnahme an Aktionen der RAF. Niemand konnte das ausschließen. Jeder kann jederzeit aus dem Schlaf gerissen werden.

Als Instrument der RAF-Bekämpfung war die neue "Rasterfahndung" ein Flop. Nicht weil es die Netze der Datenverarbeitung gab, sondern als es Herold zum ersten Mal gelang, für ein paar Tage die ganze Bevölkerung zu mobilisieren und zur polizeilichen Mitarbeit zu ermuntern - "Aktion Wasserschlag" 1972 -, wurde die Gruppe um Baader gefangen. Die Datennetze zeigten eine ganz andere Eignung: Sie konnten aus möglichen Staatsfeinden wirkliche machen. Klaus Traube, der als Topmanager an der Entwicklung des Schnellen Brüters in Kalkar beteiligt war, ist das beste Beispiel. Er gehörte zu den "weltweit nur drei Personen, deren fachliche Kenntnisse und Qualifikationen für diese Aufgabe ausreichen". So die Auskunft von Siemens, als der Verfassungsschutz nachfragte. In dessen Visier war Traube geraten, weil er den RAF-Kämpfer Hans-Joachim Klein kennen gelernt hatte, zu einer Zeit freilich, als Klein nur einer von Tausenden RAF-Sympathisanten gewesen war. Egal - vom Standpunkt der Heroldschen Methode war es "möglich", dass er der RAF zuarbeitete. Als der Verdacht 1976 ausgeräumt war, hatte er seinen Job bereits verloren und erhielt ihn nicht wieder.

Die Ereignisse im Jahr 1977 illustrieren die völlige Hilflosigkeit der Heroldschen Möglichkeitsfahndung. Man stand nun der klüger gewordenen zweiten RAF-Generation gegenüber. Die Polizei mußte vier politischen Morden zusehen. Herold räumte schon nach dem Tod des Bankiers Ponto ein, dass es sich "leider um ein Massenproblem" handle: "1200 Personen von größter Gefahr kann niemand in der Bundesrepublik observieren." Dabei sollten die neuen Methoden gerade der präventiven Verhinderung von Gewalttaten dienen. Von der Absicht, den Arbeitgeberpräsidenten Schleyer zu entführen, war die Polizei vorher informiert. Doch obwohl Schleyer ständig bewacht wurde, konnte sie die Tat nicht verhindern. Ein Polizeiwagen war seinem Auto gefolgt, die Polizisten wurden einfach erschossen. Dass zwei andere Autos die Straße blockieren würden, davon allein hätte man sich vielleicht nicht überwältigen lassen. Doch es war nicht "möglich", mit der "Möglichkeit" vorher zu rechnen, dass jemand einen Kinderwagen auf die Fahrbahn rollen und so die Insassen des Polizei- und des Schleyer-Autos eine entscheidende Sekunde lang verwirren könnte.

Im Versuch, die Entführer zu finden, versagte die Methode noch krasser. "Man wusste alles, man musste sie nur kriegen, das ist der einzige Punkt", sagte Herold später. Das Hochhaus, in dem Schleyer gefangen gehalten wurde, war nur 30 Autominuten vom Entführungsort entfernt. Es gab eine Verdachtsmeldung: Dem Vermieter fiel auf, dass die Vorhänge eines Appartements auch bei Tag immer zugezogen waren. Ein Polizist warf daraufhin einen Blick auf das Hochhaus, die Wohnung überprüfte er nicht. Das Fernschreiben, das er ans BKA sandte, kam aus irgendeinem Grund nicht an. Einer von hunderttausend Fahndungsvorgängen; wer konnte wissen, dass gerade er so wichtig war?


Wir betreten eine ganz andere Welt, wenn wir uns dem Gewaltkonzept der RAF zuwenden. Vier Elemente waren in ihm zusammengerührt: Maoismus, südamerikanische Stadtguerilla, Marxismus und ein anarchisch gefärbter Aktionsbegriff. Der Maoismus dominiert in der von Ulrike Meinhof verfassten Broschüre Das Konzept Stadtguerilla. In ihr wird Maos Wort, die militärische Auseinandersetzung sei die höchste Form des Klassenkampfes, zum Leitsatz gemacht. Für China war es eine nachvollziehbare Schlussfolgerung; auf Deutschland passte es schwerlich. Doch als die RAF nach dem Ende der 68´er Studentenbewegung entstand, schien man nur noch zwischen verschiedenen Dritte-Welt-Konzepten, die alle nicht passten, auswählen zu können.

Die Anpassung an die deutschen Verhältnisse bestand hauptsächlich darin, dass die RAF ihre Niederlage von vornherein erwartete und billigte. Es ging nur darum, Unruhe auch in Deutschland zu stiften, den Staat und die Stützpunkte der US Army auch hier zu beschäftigen und so zum weltweiten Klassenkrieg, von dem man glaubte, dass er aus der Peripherie heraus gewonnen werden könne, etwas immerhin Messbares beizutragen. Wie man in den deutschen Städten bei erdrückender Übermacht des Gegners agieren konnte, sollte Marighellas Minihandbuch des Stadtguerilleros lehren. Tatsächlich ließ sich das Überraschungsmoment als klassische Freischärler-Waffe vom Land auf die Stadt übertragen; der Kinderwagen bei der Schleyer-Entführung ist ein Beispiel. Marighella hatte allerdings als Gegner das faschistische Regime im Auge, das seinerzeit in Brasilien herrschte. Doch die RAF glaubte ja, und sie stand nicht allein, auch Westdeutschland sei im Grunde von einem Faschismus beherrscht, der sich sofort überdeutlich zeigen müsse, wenn man nur den Staat angreife.

Der Maoismus ist eine marxistische Strömung, und die RAF-Genossen waren eindeutig Marxisten, nicht Anarchisten, auch wenn sie sich weigerten, dem Anarchismus die Solidarität aufzukündigen. Als marxistische Maoisten konnten sie ihrerseits auf begrenzte Solidarität vonseiten der K-Gruppen rechnen, die damals neben der RAF entstanden. Ein anarchistisches Element war jedoch im RAF-Konzept unübersehbar: der Glaube, Gewaltanwendung sei das beste Mittel, sich aus der Vereinnahmung durch die Staatsgewalt zu lösen; durch eigene Gewalt arbeite man sich aus der Staatsbindung heraus und stoße zur Selbstverwirklichung vor. Die RAF-Broschüre distanzierte sich zwar vehement von dem Gedanken. Doch sie hatte viel Anlaß, es zu tun: Um zu sehen, wie gerade diese Idee zur materiellen Gewalt wurde, braucht man nur einen Blick auf das Umfeld der RAF zu werfen - etwa das Sozialistische Patientenkollektiv, aus dem einige vom Motto "Macht kaputt, was euch kaputt macht!" zur Losung "Irre ans Gewehr!" und damit zur zweiten RAF-Generation vorstießen.

Das Selbstverwirklichungsmoment war in der Studentenbewegung zentral gewesen. Es hatte dort weder eindeutig anarchistischen noch eindeutig gewaltsamen Charakter gehabt. Im Pariser Mai unterschied Daniel Cohn-Bendit zwischen "faschistischer" und "kreativer Gewalt". Faschistische Gewalt war bereits "das Festhalten an der etablierten Ordnung", dem stand "jede künstlerische Kreation" und "jede politische Aktion" als "Negativ" der Gewalt gegenüber, und die Schlussfolgerung war: "Gewalt ist also das einzige Mittel zur Selbstverwirklichung gegenüber einer Herrschaft, die den einzelnen unterdrückt." Man mag das als heillose Konfusion abtun. Doch im Grunde beschwor Cohn-Bendit nur den "Geist der Abspaltung" vom Staat, wie Antonio Gramsci, der marxistische Klassiker, es genannt und zur Keimform des Klassenkampfs erklärt hatte. Den Begriff hatte er in dem Buch Réflexions sur la violence gefunden, dessen Autor Georges Sorel zur Zeit der Abfassung noch anarchistisch dachte. In Gramscis Augen war nicht der "Geist der Abspaltung" anarchistisch, sondern dass man bei ihm stehen blieb, statt sich von ihm her zur Disziplin der Klassenpartei fortzuentwickeln.

Die RAF wollte nicht eingestehen, dass ihr Kampf nicht nur gegen den US-Imperialismus gerichtet war, sondern immer noch auch der Selbstverwirklichung diente. Doch es gab einen Beleg: ihre Kampagnen gegen die "Isolationsfolter". Dieser Begriff hat viele befremdet, denn anfängliche Härten schienen mit der Überführung der "Baader-Meinhof-Gruppe" nach Stammheim wesentlich gemildert. Dort durften Mitglieder stundenlang in derselben Zelle zusammen sein, alle legten sich Privatbibliotheken zu, konnten Radio hören und vieles mehr. Isoliert waren sie nur, weil sie zum einen überhaupt im Gefängnis saßen, und zum anderen, weil ihnen jeder Kontakt zu anderen Gefangenen verwehrt war. Wie aber diese Situation zur "Folter" werden konnte, ist durchaus nachvollziehbar. Die kleine Gruppe war auf sich selbst zurückgeworfen. Sie entfaltete psychische Spannungen, aus denen Ulrike Meinhof in den Freitod floh. Das wäre einer Gruppe, deren Mitglieder sich einem gemeinsamen entfremdeten Über-Ich unterworfen hätten, zum Beispiel Mitgliedern einer parteikommunistischen Gruppe oder einer christlichen Märtyrergruppe, wahrscheinlich nicht so ergangen. Aber als Gruppe von Menschen, die nur sich selbst hatten und von ihrem Selbst alles verlangten, hätten sie sich nur wechselseitig einen Halt geben können. Das konnten sie nicht. Das überforderte sie unendlich.

Wer weiß, ob die Überforderung nicht sogar staatlich kalkuliert war. Wurde sie nicht während der Schleyer-Entführung zur "Kontaktsperre" ausgeweitet, in der die Gefangenen nun sogar jeder für sich der Total-Isolation unterlagen? Soll man sagen, das war gezielte psychologische Kriegsführung? Wie auch immer, die Folgen sind bekannt. Ausgezogen, ihre revolutionäre Selbstverwirkung zu erleben, erlebten Meinhof, Baader, Ensslin, Raspe vielmehr die Wahrheit des Satzes, den Jean-Paul Sarte in seinem Schauspiel über die Hölle geprägt hatte, die bei ihm ein metaphysisch isoliertes Hotelzimmer ist: "Die Hölle, das sind die anderen."

Was der Staat kalkuliert hat, wissen wir nicht, denn die Akten sind nicht freigegeben. Nur dass er die RAF trotz des Todes der Stammheim-Häftlinge nicht besiegt hat, ist klar. Ebenso klar ist freilich, dass die RAF den Staat nicht besiegt hat. Das sah sie selbst schließlich ein und löste sich 1998 freiwillig auf. Seitdem hat sich Herolds Möglichkeitsfahndung als früher Baustein weltweiter "Kriege gegen den Terror" entpuppt, die unsere Zivilisation gefährden. Wie man ein Gegenmittel findet, können wir aus der Geschichte der RAF nicht lernen.


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00:00 31.08.2007

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