Die Hölle liegt an der Donau

Kehrseite Der Bekannte eines Bekannten erzählt mir etwas über einen Bekannten: Der junge Mann ist im Urlaub in den USA - und er besichtigt nicht das damals ...

Der Bekannte eines Bekannten erzählt mir etwas über einen Bekannten: Der junge Mann ist im Urlaub in den USA - und er besichtigt nicht das damals noch stehende World Trade Center, sondern ein Indianerreservat im Staate Arizona. Dort herumstreifend kommt er bald mit einem echten Indianer ins Gespräch. Ob er nicht aus Wien sei, fragt der Ureinwohner unvermittelt. Ja, gibt der junge Mann verdutzt zu, woher wisse er das denn? "Man sieht es Ihnen an. Sie sehen sehr depressiv aus." Doch, so fährt der Indianer fort, dafür könne sein Gegenüber nichts. Denn die ganze City of Vienna sei von negativen Energien durchzogen, was einfach daran liege, dass sich hier einer dera von den insgesamt drei Eingängen zur Hölle befinde. Unter einer Kreuzung im dritten Bezirk der Stadt sei das Tor seit Hunderten von Jahren verborgen, raunt der Indianer. "Es hat Wien in seiner Vergangenheit geprägt, und es wird diese Stadt auch weiterhin prägen." Und während der junge Mann noch über des Kaisers Reaktionen auf das Attentat in Sarajewo, Sigmund Freuds Couch und einen Mann namens Adolf Schicklgruber nachdenkt, der als erfolgloser Maler durch die Gassen seiner Heimatstadt streift, löst sich die Geschichte im Rauch einer Friedenspfeife auf.

Doch wenn es wahr wäre? Nicht wenig spricht dafür. Landstraße heißt der III. Wiener Gemeindebezirk. Das klingt schon so verdächtig unscheinbar, und wo eine Straße ist, sind immer auch Kreuzungen, das war zu Urzeiten auch nicht anders als heute. Erschwerend kommt hinzu, dass gerade dieser Stadtteil von Ingeborg Bachmanns Ungargasse durchschlängelt wird - einer Straße, in der in ihrem Roman Malina eine Frau von den Rissen in einer Wand verschluckt wird ...

Vielleicht weil ich als Kind zu viele Die drei Fragezeichen-Kassetten gehört habe, beschließe ich, der Sache auf den Grund zu gehen. Und na ja, in meinem Leben habe ich nicht viel erreicht, so könnte ich wenigstens auf dem Gebiet der Höllen-Forschung etwas Bahnbrechendes leisten. Wien ist dafür bekannt, dass es an jedem zweiten seiner Häuser eine Gedenktafel anbringt, hier hat X übernachtet, da ist Y gestorben, dort ist Z der entscheidende Einfall zu seiner Symphonie XYZ gekommen. Als ich in Pionierlust die Tür zum Reisebüro aufstoße, sehe ich natürlich eine Tafel mit meinem Namen schon vor mir, über dem aufgrund meiner Verdienste für immer versiegelten Höllen-Tor. Die BerlinLinienBus-Reise kostet nicht viel, und praktischerweise soll der Bus auch am Bahnhof Wien-Mitte ankommen, der sich mitten im dritten Bezirk befindet.

Der Abend senkt sich über die Autobahn in Richtung Dresden, die Fahrgäste stopfen sich Kissen in den Rücken und Stullen in den Magen, da spricht der Fahrer in gelangweiltem Wienerisch ins Mikrofon: "Sie befinden sich in einem modernen Reisebus mit allem, was man so braucht, vor Ihnen sind Fußstützen, die können Sie herunterklappen, und ihre Sessel, die können Sie nach hinten klappen, und ihren Platz, den halten Sie bitte sauber, falls Sie sich über etwas beschweren wollen, kommen`S besser jetzt vor zu mir als später, wenn es dann zu spät ist, und für alle, die mich noch nicht kennen, ich bin der Josef, und ich wünsche eine gute Fahrt!"

Ich schließe die Augen und denke an den Dritten Mann und dessen Versinken in der Kanalisation von Wien, um selber im Schlaf zu versinken und im Traum auf die Jagd nach dem Höllen-Tor zu gehen. Doch es gibt keine Schlummerminute. Überall rappelt es, knarrt es, zischt es unentwegt. Der Mann hinter mir schnarcht wie ein munteres Sägewerk, die Frau vor mir singt zur Arie in ihrem Walkman mit. Um halb eins halten wir an einer tschechischen Autobahnraststätte. "Die Toiletten hier sind sehr sauber und hier können Sie auch in Euro zahlen", erklärt Josef. Die Beine sind steif, der Rücken schmerzt, im Kopf hämmert`s. Gegen vier Uhr befinden wir uns schon fast in Österreich, an einem Grenzübergang namens Kleinhaugsdorf. Akribisch mustert der Herr Gendarm jeden Pass und prüft gleich zweimal die Tür unserer Bordtoilette. Aber nein, da ist kein Illegaler dahinter. Und auch keine Hölle.

Gegen fünf Uhr schießt der Bus durch das morgenklamme Wien. Und hält. Ich kann mich nicht bewegen und werde mich auch nie wieder bewegen können. Doch Josef kennt kein Pardon und stellt meinen Koffer einfach auf den Gehsteig. So schiebe ich meinen steifen Körper doch durch die enge Bustür auf die Straße hinaus. "Abfahrt wieder von hier", sagt Josef. Weit und breit ist kein Bahnhof zu sehen, weder für Züge noch für Busse. "Der wird gerade umgebaut, die Haltestelle ist jetzt hier, unter dem Visa-Schild." Ich nicke, nehme meinen Koffer und gehe vor bis zur nächsten Kreuzung. Invalidenstraße, Ecke Landstraßer Hauptstraße. Ob es hier ist?

Da ertönt hinter mir ein leises Zischen und das Schnauben eines Motors. Der BerlinLinienBus rauscht an mir vorbei, mit einem Josef mit zwei spitzen Hörnern am Steuer. Ich lasse den Koffer fallen und nehme die Verfolgung auf.

An der nächsten Kreuzung habe ich das Folter-Gefährt aus den Augen verloren.

00:00 05.07.2002

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare