Die Horden Allahs

Ideologisch Günther Lachmann betätigt sich in seinem Essayband über die "Muslime und unsere offene Gesellschaft" als Rassekundler

Woraus besteht das terroristische Projekt? Aus den Reaktionen, die der Terrorismus erzeugt. Kurz, aus dem Krieg, den die Terroristen allein nicht führen könnten. So gesehen folgt der Lauf der Dinge zur Zeit exakt dem terroristischen Katechismus. Doch der Terrorismus bedarf nicht nur der Staatsmänner wie George Bush. Er bedarf auch des ideologischen Fußvolkes. Und dazu gehören Journalisten wie Günther Lachmann, der dafür sorgt, dass wir uns ständig bedroht fühlen und uns tapfer in Wehrhaftigkeit ertüchtigen. "Es kann nicht verwundern, dass den Deutschen Zweifel kommen, ob es gut ist, eine Religion zu tolerieren, in deren Namen ein Terrorkrieg geführt wird und die, in der Auslegung radikaler Kräfte, nicht nur Religion sein soll, sondern eine eigenständige Ideologie. Immerhin will der orthodoxe Islam die grausamen Gesetze der Schari´a zum allgemein gültigen Staatsrecht erheben."

Scharfe Thesen für einen Mann, der offenkundig nichts von der Türkei weiß, keine Ahnung vom Islam hat und die muslimischen Immigranten nur aus einem älteren Lehrbuch der Rassenkunde zu kennen scheint. Zunächst einmal sollte man Lachmann daran erinnern, dass in der Türkei ein nicht gerade zimperlicher Staat seinen Untertanen seit Jahrzehnten den Gottesstaat untersagt. Und dass die Mehrzahl der Türken in Deutschland sich der Schari´a verpflichtet fühlt, den Terrorismus bejaht und unsere Verfassung durch Gottesgerichte ersetzen will, ist nicht mehr und nicht weniger als barer Unsinn - deshalb aber nicht weniger perfide. Lachmann behauptet: "Der Islam unterscheidet sich in einem Punkt gravierend von anderen Religionen: Er hat ein eigenes religiöses Recht entwickelt, das alles menschliche Handeln nach islamischer Ethik bewertet und durch Gesetze regelt."

Der Blick in ein Jugendlexikon der Weltreligionen hätte Lachmann darüber informiert, dass fast alle Religionen ihre eigenen Gesetze haben. Insbesondere die christliche und die jüdische Religion. Der Katholik darf sich bekanntlich nicht scheiden lassen und der Jude am Shabbat nicht arbeiten. Und fast alle Religionen konkurrieren in ihren Grundlagentexten grausam darin, wie man mit dem Ungläubigen zu verfahren habe. Und in diesem Sinne wird man eine erstaunliche Teilmenge an Grundüberzeugungen beim Kölner Kardinal Meisner und bei manchem iranischen Mullah finden.

Zwar bekennen sich alle islamischen Verbände in der Bundesrepublik zur Verfassung, räumt selbst Lachmann ein. Aber er lässt sich nicht so leicht hinters Licht führen und überführt "den" Türken schwerer fundamentalistischer Tatbestände. Um nur einmal die Jahrzehnte zurückliegende Klage einiger weniger türkischer Eltern gegen den Sexualkundeunterricht zu erwähnen. Eine Klage, die abgewiesen wurde. Im Falle des gemischtgeschlechtlichen Sportunterrichts allerdings folgte das Gericht den religiösen Bedenken. "Mit solchen Richtern im Rücken setzten die Muslime den Bau von Moscheen, notfalls gar den von Minaretten mit Lautsprecheranlagen durch." In einer Stadt wie beispielsweise Köln gibt es viele Türken, aber kein Minarett mit Lautsprecheranlage. Hingegen gibt es viele kleine Moscheen, die sich als Gemüseläden tarnen müssen - aus Angst vor ausländerfeindlichen Übergriffen. Bei dieser Gelegenheit darf man daran erinnern, dass in Istanbul weit über hundert christliche Kirchen stehen, die selbstredend ihr Glöcklein bimmeln lassen können, ohne dass jemand daran Anstoß nähme. Aber Lachmann hat ja noch andere schlagende Beweise für fundamentalistische Umtriebe: "Die Türken sehen sich Fußballspiele lieber in ihrem Lokal an. Sie jubeln auch nicht für Deutschland, obwohl sie hier leben und einige ihrer Jungs Oliver Kahn ›echt krass‹ finden. Sie applaudieren lieber bei jedem Tor, das die deutsche Nationalmannschaft kassiert."

Und bei so viel platter Verachtung dämmert uns allmählich, warum Türken ein echtes Integrationsproblem in Deutschland haben: von Toleranz keine Spur. Im elementaren Verstande bedeutet Toleranz, Differenz auszuhalten. Davon ist Günther Lachmann denkbar weit entfernt. In seinem Buch zählt er Differenzen oder angebliche türkische Eigenheiten wie eine Liste von Staatsverbrechen auf. Über die Verfassungstreue von Türken wachen einige Staatssicherheitsbehörden, doch es wird Zeit, sich über die Verfassungstreue von solchen Zeitgenossen wie dem Journalisten Günther Lachmann Sorgen zu machen. Elementare Grundgesetz-Artikel wie die Religionsfreiheit hält er offenbar für gefährlichen Unsinn.

Aus bekannten historischen Gründen gibt es heute in Deutschland nicht mehr viele orthodoxe Juden, und die wenigen stehen unter Polizeischutz. Doch auf 280 Seiten kann man bei Günther Lachmann nachlesen, dass der Antisemitismus sich bester Gesundheit erfreut, er hat den Gegenstand gewechselt, und seine intakte Argumentationsstruktur richtet sich jetzt gegen Muslime. Wenn Lachmann in dem angeblich verfassungskonformen Türken einen Schläfer entdeckt, der - wenn die Stunde kommt - als Allahs Tretmine lauert, dann korrespondiert das dem Bild, das vor 70 Jahren vom "assimilierten Juden" kursierte. Und dem Ghettojuden mit Schläfenlocken erwächst im orthodoxen Ghettotürken ein Spiegelbild. Fanatisch leben sie ihrer Religion und harren darauf, als Horden Allahs die westliche Zivilisation zu überrennen. Und schließlich gibt es noch die weltweite Verschwörung des Judentums beziehungsweise des Islams. Die finsteren Hintermänner mit unermesslichem Reichtum nannten sich früher Rothschild und Oppenheim, jetzt finden sich die Drahtzieher des islamischen Komplotts in Saudi-Arabien.

Mit Sicherheit erfährt man aus diesem Buch nichts über den Zustand der türkisch-islamischen Integration in Deutschland. Mit einer atemberaubenden Mischung aus Ahnungslosigkeit und ideologischem Eifer toupiert Günther Lachmann ein paar ganz normale Konflikte und Probleme zur Apokalypse hoch. Dieses Buch belegt vor allem die bedenkliche Geistesverfassung der bürgerlichen Mitte in Europa. Und es sieht so aus, als bedrohe nicht der Islam die europäische Substanz, nämlich die Kultur aufgeklärter Toleranz, sondern wieder einmal die bekannte Sorte völkischer Dreistigkeiten.

Günther Lachmann: Tödliche Toleranz. Die Muslime und unsere offene Gesellschaft. Mit einem Beitrag von Ayaan Hirsi Ali über die Situation der muslimischen Frauen. Piper, München 2005, 288 S., 14 EUR


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00:00 10.06.2005

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