Die Hosenträger

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Anfangs freute sich Aaron Chatajewitsch natürlich von ganzem Herzen an seinem neuen Leben. Und labte seine Seele nach Herzenslust. Er konnte und musste ohnehin nichts weiter tun, tagelang, rund um die Uhr. Er war schließlich nicht umsonst auf eigenen Wunsch ins Zentrum Europas emigriert, ins wirkliche Zentrum, nicht nur geografisch. Nicht umsonst lebte er nun zu seiner vollen und endgültigen Zufriedenheit in einem Luftkurort - war Chatajewitsch doch, sobald er die Grenze überschritten hatte, hier praktisch ein Niemand. Was in seinem Rentenalter normal ist und nur besser so. Wie ein richtiger Niemand wohnte er in einem Wohnheim für Pseudoflüchtlinge und Aussiedler aus vieler Herren Länder. Ruhe, Freiheit, eine toll niedrige Kriminalitätsrate plus soziale Sicherheit und Erholung. Für Leib und Seele, von Kopf bis Fuß. Atme aus voller Brust - wenn sie voll ist, natürlich - weiter hast du keine Sorgen. Sogar die inzwischen verstorbene Raissa Maximowna war mit ihrem Gatten, dem Präsidenten, zum Atmen hergekommen; Millionäre zahlten ein Heidengeld für diese glückliche Möglichkeit, und er hatte das alles gratis.

Früher, in der Heimat, der Teufel soll sie holen, galt Chatajewitsch als großer Mann. Erst auf Parteiebene, trotz seines untragbaren Namens, dann auf juristischem und kommerziellem Gebiet. Die Heimat hielt ihn vielleicht nicht für den Größten, aber keineswegs für klein. Sie betrachtete ihn als mittelgroß und übertrug ihm verantwortliche Posten, bis hin zu dem eines Gefängnisdirektors, immerhin im größten Gefängnis von Europa. Chatajewitsch, das kann man sagen, wurde geliebt und geachtet, vier Mal wollte man ihn sogar umbringen. Er trug also viele Jahre eine beträchtliche Last an Verantwortung. Verständlich, dass er dieser Last schließlich überdrüssig war. Und der Steinzeitlichkeit seiner Heimat auch.

Wie anders war es hier, im Zentrum des extrem zivilisierten Europa! Alles war abgepackt, in Scheiben geschnitten, abgewogen, alles wurde verkauft und gekauft, alles mit einem Lächeln, hübsch anzusehen und auf dem neuesten Stand fortschrittlicher Technologien.

Vor kurzem rief Chatajewitsch einen jüdischen Bekannten in der Heimat an. Er erzählte ihm überschwänglich von den Technologien und erkundigte sich wie nebenbei: "Und wie gehts meiner Heimat ohne mich?" Darauf der Jude: "Alles wie gehabt, stellenweise noch viel schlimmer. Wie soll´s ihr auch gehen, deiner beschissenen Heimat?" (Er benutzte natürlich ein saftigeres Wort.) Dies aus dem Mund eines Augenzeugen gehört, freute sich Chatajewitsch. Nicht für die Heimat, die er brüderlich liebte, sondern für sich. Er freute sich und widmete sich erneut der Erholung, indem er gleichmäßig die ökologisch saubere Kurortluft atmete, die sogar geradezu nahrhaft war.

Er erholte sich also in diesem Atemluftkurort, erholte sich, und dann hängte er sich mit Gottes Hilfe auf. Dabei verwendete er gewitzt eine Errungenschaft der neuesten europäischen, nein, nicht Technologie, sondern Mode - will sagen, er erhängte sich mit Hilfe und Unterstützung von Hosenträgern von irgendeiner Couture. Erstanden hatte Chatajewitsch diese wundervollen, vielseitig verwendbaren Hosenträger auf dem Flohmarkt - so albern und prätentiös heißt hier im Zentrum Europas der Trödelmarkt.


Valja Satwaldin hingegen war, seinem früheren Wohnsitz nach, ein Kind der Steppe. Und zwar in einem solchen Maße, dass er einem Hammel binnen zwanzig Minuten mit bloßen Händen das Fell abzog. Der Hammel steht da, strotzend vor Gesundheit, glotzt neugierig, sagen wir mal, aufs neue Tor, und schon hat Valja ihm virtuos die Haut abgezogen, als wärs ein Smoking oder Bettwäsche. In gerade mal zwanzig Minuten. Er war also ein hochqualifizierter Spezialist auf seinem Gebiet, der Valja, und wie viele dieser Hammel durch seine bloßen Hände gegangen waren, lässt sich nicht einmal schätzen.

Und als man Valja hier, im Zentrum des hochgebildeten und zutiefst zivilisierten Europa fragte, was er werden wolle und welche Schulungen er mit Auszeichnung zu absolvieren wünsche, um sich restlos in die europäische Gemeinschaft zu integrieren, antwortete er natürlich ohne nachzudenken. Denn im Nachdenken war er nicht sehr trainiert. "Schlachter für mittelgroßes Nutzvieh im Handbetrieb möcht ich werden" - das antwortete Valja ohne nachzudenken.

Die hochentwickelten Europäer staunten sehr über seinen aufrichtigen, innigen Wunsch. Denn bei ihnen war längst alles auf dem neuesten Stand europäischer Technologien. Natürlich wurde auch Vieh geschlachtet, was sollte man sonst damit tun, aber automatisch, ohne menschliche Handarbeit und schöpferische Initiative. Mit Strom, Gas oder anderen fortschrittlichen technischen Mitteln. Kurz, man verging sich an den armen Tieren technisch qualifiziert und ökonomisch günstig. Valja aber blieb stur wie der erwähnte Hammel bei seinem Wusch: Ich will Schlachter sein, sonst nichts. Ich war zu Hause in den weiten Steppen Kasachstans nichts anderes und will hier wieder dasselbe sein, ich gehe auf geradem Weg durchs Leben. Man sagte zu ihm: Warum sind Sie dann von Ihrem geraden Weg abgewichen und hergekommen, wenn Sie doch nichts anderes sein wollen? Valja erwiderte: Ich bin dem Ruf des Blutes meiner Frau gefolgt. Sie hat das passende Blut.

Übrigens - ihr hättet diese Frau sehen sollen!

Kurz: Man erlaubte Valja nicht zu sein, was er sein wollte, und wonach er in seinen Träumen strebte. In Ermangelung des uralten Schlachterberufs im vereinigten Europa.

Valja, klar, war erst mal sauer auf Europa, und dann hängte er sich auf, in der Hitze seines Unmuts natürlich. Dazu benutzte er das Erstbeste, was ihm in die Hände fiel - nämlich die Hosenträger seines ehemaligen Wohnheimnachbarn Chatajewitsch. Eigene Hosenträger besaß Valja Satwaldin nicht. Woher auch? Schon gar nicht von irgendeiner Couture.


Oberst Rosenberg seinerseits hatte auf Treu und Glauben erst in der sowjetischen, dann in der russischen Armee gedient - als Militärarzt und Gynäkologe. Als man ihn zum Major degradierte - wegen Saufens am Arbeitsplatz unter Ausnutzung seiner günstigen Dienststellung - war er zu Recht empört über diese Zustände und nahm seinen Abschied, indem er bei seinen Vorgesetzten in aller Form in obszönen Ausdrücken Meldung erstattete. Gleichzeitig - um seine Vorgesetzten zu ärgern - beantragte er die Ausreise in ehemaliges Feindesland. Und fuhr mit seiner Gattin hin, um dort zu leben. Und seine Gattin schenkte ihm einen Stammhalter. Praktisch gleich bei der Ankunft. Alle beglückwünschten ihn im Chor zu dieser triumphalen Überraschung im Privatleben - sie hingen ihm echt zum Hals raus, die Parasiten.

Nun, wessen Stammhalter das war, wollte der Major natürlich erkunden, indem er gewisse indirekte Indizien mit nackten Fakten verglich. Nicht, dass er einen konkreten Verdacht gehabt hätte oder wenigstens einen in Frage kommenden Rivalen. Nein. Die Kontrolle war eher prophylaktisch. Aus alter militärischer Gewohnheit, alles zu kontrollieren. Auch sich selbst kontrollierte er hin und wieder überraschend, erst recht also seine Gattin.

Aber darum geht es nicht. Sondern um das Krankenhaus, um dessen Wesen sozusagen. Seine Gattin ging zum Gebären ins Krankenhaus, in ein zentraleuropäisches, und der Major als Mann der Pflicht besuchte sie dort täglich mit Blumen und besah sich dabei die Versorgung einfacher Eurogebärender, ihre vitamin- und kalorienreiche Verpflegung und so weiter. Das alles war nach seinen Beobachtungen von derart hoher Qualität, dass Major Rosenberg, wäre er zum Beispiel noch vor seiner Ausreise gestorben, im Dienst der Heimat, und man hätte ihm im Jenseits gezeigt, wie Frauen im Zentrum Europas entbunden werden und dann mit ihren Neugeborenen beiderlei Geschlechts in der Klinik liegen - dass er glatt ein zweites Mal gestorben wäre, an Ort und Stelle der Vorführung. Vor Staunen und Glück, dass so etwas auf der Welt nicht nur theoretisch möglich ist, sondern tatsächlich existiert, im realen Leben realer Menschen.

Jedenfalls, Major Rosenberg besuchte seine Gattin nach der Entbindung, besichtigte die Räumlichkeiten und unterhielt sich, wenn man das so nennen kann, mit dem Personal. Es - das Personal - plapperte natürlich nur in seiner eigenen Sprache, europäisch, und verstand den Major darum nur sehr ungefähr, dabei drückte dieser sich im Streben nach gegenseitiger Verständigung äußerst klar aus. "Scheiße, Mann", sagte er, "Wahnsinn!" und "Also das", sagte er, "is echt ein Hammer, Kollegen!" Das Personal lächelte den Major kultiviert an und nickte zustimmend. Denn es konnte dem Major schwerlich widersprechen - zumal er früher Oberst gewesen war.

Allerdings hatte Major Rosenberg, früher Oberst, nicht lange die Ehre, diesen Krankenhauszauber zu betrachten und aufrichtig zu bewundern. Nur ganze drei Kalendertage. Denn am vierten Tag musste seine Gattin laut Gesetz entlassen werden. Im Zentrum Europas liegt man nicht lange im Krankenhaus rum, schon gar nicht, wenn man ein Kind bekommt, statt krank zu sein. Dort kostet schließlich alles Euro, und der Kurs des Euro steigt bekanntlich stetig.

Major Rosenberg saß also am Abend vor der Entlassung mit seiner Gattin und dem gemeinsamen Kind im engsten Familienkreis zusammen, sah sich an, was man seiner Frau zum Abendbrot brachte, und sagte: "Das würde glatt für drei Soldaten der Inneren Truppen reichen", und ging mit einer Packung Leberpastete nach Hause. Die hatte seine Gattin ihm von ihrem Abendbrot abgegeben. Damit er sie vorm Schlafengehen aß, sie sich im Wohnheim aufs Brot strich - als Neuankömmlinge zur ständigen Ansiedlung lebten sie zeitweilig im Wohnheim.

Der Major ging also zu Fuß ins Wohnheim, öffnete mit dem großen Schlüssel die Tür und betrat das Zimmer, das schon einiges mitgemacht hatte. Er nahm die Pastete aus der Tasche, legte sie auf den Tisch und wunderte sich: Da lagen Hosenträger. Was das für Hosenträger waren, woher sie kamen - das wusste Gott allein.

Übersetzung aus dem Russischen Ganna-Maria Braungardt

Alexander Churgin, 1952 in Moskau geboren, lebte und schrieb zunächst in der Ukraine, seit 2003 tut er beides in Deutschland. Im Freitag 4/2006 erschien sein Text Zeit der Hoffnungen.


00:00 24.03.2006
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