Die Hufe küssen

Wolfgang Staudte Die Verfilmung des Heinrich-Mann-Romans „Der Untertan“ gerät in der frühen Bundesrepublik auf den Index. Der ­Regisseur hat eine sehr werkgetreue Version vorgelegt

Der Filmregisseur Wolfgang Staudte (1906 – 1984) kam auf Umwegen zum Film. Nach der mittleren Reife begann er eine Lehre als Autoschlosser, die er abbrach, weil er sich lieber als Motorradrennfahrer versuchte. Danach erprobte er als Schauspieler auf Provinzbühnen sein Talent und landete schließlich beim Film als Darsteller sowie Texter und Regisseur von Werbespots. 1942/43 dreht er seinen ersten Spielfilm, es folgt ein Jahr später der Streifen Frau über Bord mit Heinrich George in einer Hauptrolle – allerdings wird das Werk erst 1952 unter dem Titel Das Mädchen Juanita die Kinos erreichen.

Schon bei Kriegsende arbeitet Wolfgang Staudte am Drehbuch für einen Film, der ihn berühmt machen soll: Die Mörder sind unter uns. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der unter dem Nazi-Regime als Wehrmachtsoffizier zum Mörder wird und nach der Heimkehr vom Schlachtfeld ein Unternehmen aufbaut. Durch Zufall trifft er auf einen Zeugen der mörderischen Tat, der – stellvertretend für die Opfer – Rache nehmen will. Major Alexander Dymschitz – Chef der Kulturabteilung der sowjetischen Militäradministration im Osten Deutschlands – verlangt indes von Staudte ein Finale, das nicht auf Revanche und Selbstjustiz hinausläuft. Staudte will das zunächst nicht einsehen, gibt dann aber nach.

Der Film wird 1946 mit Hildegard Knef und Ernst Wilhelm Borchert im verwüsteten Berlin von der DEFA gedreht und ab 7. Oktober 1949 auch in den westlichen Besatzungszonen aufgeführt. Er verbucht bis Ende 1950 fünf Millionen Zuschauer, die sich einer Begegnung mit eigener jüngster Geschichte nicht entziehen wollen. Staudte lässt danach die Spannung zwischen verbrecherischer Vergangenheit und wohlstandsversessener Gegenwart nie mehr los. In Meisterwerken wie Rosen für den Staatsanwalt (1959) und Herrenpartie (1964) fasziniert ihn gleichfalls die Kollision von verdrängter Zeit und verlockendem Zeitgeist. Dabei lässt sich Staudte – wie auch Erich Engel und Kurt Maetzig, die beiden anderen Regisseure der ersten Stunde – von niemandem vereinnahmen und beharrt auf einer autonomen linken Position jenseits von westlicher Restauration und östlichem Bekehrungswillen im Namen der Arbeitermacht.

Mit offenem Mund

1951 wagt er sich an eine filmische Version des Romans Der Untertan von Heinrich Mann, der 1914 kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs erschienen war und schon damals heftige Kontroversen auslöste. Staudte schreibt zusammen mit seinem Vater Fritz das Drehbuch und gewinnt den Schauspieler Werner Peters für die Rolle des bedingungslosen Mitläufers Diederich Heßling. Für den Filmhistoriker Wolfgang Gersch gelingt damit „einer der bedeutendsten deutschen Filme überhaupt“. Der Romanheld liefert das Muster des wilhelminischen Untertans, dem Nationalismus und Militarismus in Schule, Burschenschaft und Armee eingeimpft werden. Daraus wird die Knechtsnatur schlechthin, die sich in „selbstmörderischer Begeisterung“ (Heinrich Mann) der höheren Macht willfährig unterwirft, um selbst wenigstens ein Quäntchen Macht zu ergreifen. Im Roman heißt es: „Diederich Heßling war so beschaffen, dass die Zugehörigkeit zu einem unpersönlichen Ganzen, zu einem unerbittlichen, menschenverachtenden, maschinellen Organismus ihn beglückte, dass die Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend, teilhatte, sein Stolz war.“

Eine Schlüsselszene bildet auch bei Staudtes filmischer Adaption der Vorbeiritt des Kaisers. Heßling erlebt „die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Gegen die wir nichts können, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin haben!“ Heßling rennt der kaiserlichen Kalesche nach und betrinkt sich förmlich an seiner Ergebenheit. Er fällt „mit Wucht in einen Tümpel“. Der Kaiser lacht, und Heßling „sah ihm nach, den Mund noch offen“.

Staudtes Film hat im Oktober 1951 Premiere in Ostberlin. Die dortige Filmkritik stößt sich an einem Hang zum „Formalismus“ und vermisst die tragende Rolle der Arbeiterklasse. Staudte erhält trotzdem den „Nationalpreis der DDR, zweiter Klasse.“ Auch im Westen erregt der Film Aufsehen, freilich negativ. Der damals noch nationalistisch imprägnierte Spiegel diskreditiert das Werk als „Paradebeispiel ostzonaler Filmpolitik“ und erkennt ein Instrument „gegen die Aufrüstung“. Sechs Jahre nach Kriegsende riskiert das Magazin die These, es habe „in der ganzen preußischen Geschichte keinen Untertanen gegeben, der so unfrei gewesen“ sei „wie die volkseigenen Menschen unter Stalins Gesinnungspolizei es samt und sonders sind“. Die Reaktionen in Ost und West gleichen sich in einem Muster: „Was von der Geschichte nicht benutzbar war für das eigene gesellschaftspolitische Konzept, wurde verstoßen.“ (Wolfgang Gersch)

Bis 1955 werden im Westen Deutschlands rund 500 Spiel- und Dokumentarfilme gedreht, vorwiegend den Stoffen Natur und Heimatliebe verpflichtet. Die im Namen des deutschen Volkes durch das NS-Regime begangenen Verbrechen bleiben ausgeblendet. Man richtet sich ein an den Nierentischen und will vergessen. Was an filmischem Oeuvre aus dem Osten kommt, erhält stets das Stigma Propaganda verpasst. Als Staudte 1951 im Westen die Regie für einen Kriminalfilm übernehmen soll, verlangt das Bonner Innenministerium, er solle künftig nicht mehr für die DEFA drehen und sich obendrein vom Kommunismus distanzieren. Staudte verwahrt sich gegen diese Übernahme der Hallstein-Doktrin in der Kulturpolitik und sagt ab. 1960 bekommt der Regisseur dennoch den deutschen Filmpreis, was dazu führt, dass der damalige Innenminister Gerhard Schröder (CDU) der Verleihung demonstrativ fernbleibt und sich durch seinen Staatssekretär vertreten lässt. Dass ein Film wie Der Untertan auch eine Parabel ist, um den Untertanengeist des soeben untergegangenen Nazi-Staates zu verdammen, wollen seine westdeutschen Kritiker nicht wahrhaben. Anders das Innenministerium, das die Filmpolitik in der frühen Bundesrepublik maßgeblich steuert: Es verbietet den Film kurzerhand – unter Berufung auf „devisen-rechtliche Bestimmungen“.

Kein Einzelbeispiel

Erst im Januar 1957 darf eine um elf Minuten gekürzte Version wieder aufgeführt werden, doch wird nicht darauf verzichtet, dem Staudte-Film einen Text voranzustellen, der den Fall Diederich Heßling ausdrücklich als Einzelbeispiel kennzeichnet. Eine unzensierte Fassung kann in der Bundesrepublik erst 1971, 20 Jahre nach der Premiere, gezeigt werden. Ein spätes Gedenken widerfuhr Staudtes Film 1995. Die Post gab eine Briefmarke mit einer Szene aus dem Untertan heraus.

Wie wenig machtergebener Konformismus ein „Einzelbeispiel“ in der deutschen Geschichte ist, sondern das Bewusstsein des deutschen Bürgertums bis in die jüngste Vergangenheit prägt, dafür gibt es viele Belege. Vor fast 20 Jahren etwa erschien in der FAZ ein Text von höchst untertanseliger Prosa. Bei Heinrich Mann „verschwamm“ Diederich Heßling das Gesicht des Kaisers aus lauter Begeisterung und Ergriffenheit vor der Macht. Auch beim „Gipfeltreffen in Wilflingen“ am 20. Juli 1993 – einem Staatstheater mit Ernst Jünger, Helmut Kohl und François Mitterrand in den Hauptrollen – floss Wasser in Strömen. Der Autor fühlte sich emotional mitgerissen und schrieb: „Gleichgültig bietet die Natur ihren Sommermorgen. Es ist einer wie alle. Aber etwas geschieht hier (…) Wer auf der Straße steht, an diesem 20. Juli 1993, der spürt, dass die Zeit über die Ufer tritt. Er kann ihr Rauschen vernehmen und wundert sich sehr.“ Heßling spürte den „historischen Moment“, als der Kaiser vorbeiritt, Helmut Kohl beschwor nach 1989 unentwegt „historische Stunden“. Bei der Vereinnahmung des Widerstands gegen Hitler durch zwei Unbeteiligte und eine historisch subalterne Randfigur hörte der Autor ebenfalls „das Rauschen“ der Geschichte. Aber das nur als Beispiel und weil der Reporter Frank Schirrmacher hieß.

Rudolf Walther hat hier zuletzt über den Kolonialkrieg in Indochina geschrieben

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09:00 08.10.2011

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