Die Hunde, die ich rief

Militär Die Bundeswehr bleibt ein weiteres Jahr in Afghanistan. Doch welche Tradition vertritt sie? Ein Nachfahre von Holocaust-Überlebenden auf der Suche

Vor einem halben Jahr habe ich angefragt, ob ich bei der deutschen Armee „embedded“ werden könnte. Ich gab an, dass ich eine Reportage über die deutsche Armee im Licht der Geschichte Deutschlands machen wollte; ich wollte untersuchen, inwieweit die Bundeswehr aus den Schatten der NS-Vergangenheit herausgetreten ist. 2007 hatte mir ein deutscher Offizier gesagt: „Aus auf der Hand liegenden Gründen sind wir eine Armee ohne Tradition.“ Es klang, als ob er auf die Tradition nur ungern verzichtete.

Zu der Basis in Kunduz werde ich von Pressefeldwebel Sickmann erwartet, einem Mann in den Fünfzigern mit einem eleganten Schnurrbart. „Ich habe gerade ein bisschen geforscht. Dass Sie mit Ihrer Biografie zu uns wollen...“ Er meint damit wohl, dass ich ein Nachkomme von Überlebenden des Holocausts bin. „Es gibt hier so viele niederländische Militärangehörige, und Sie wollen mit den Deutschen mit.“ Auf dem Weg zum Oberstleutnant erklärt er: „Man sagt, dass seit 70 Jahren Friede in Deutschland herrscht, aber mein Großvater war Soldat im Krieg, mein Vater war Soldat im Krieg, ich bin Soldat im Krieg. Mein Kind, das auch in der Armee dient, ist Soldat im Krieg. Was also bedeuten diese 70 Jahre Frieden dann?“

Oberstleutnant Fischer ist ein kleiner Mann mit grauem Bart, der ein wenig dem älteren John Malkovich ähnelt. „Wir haben ein schönes Programm für Sie zusammengestellt“, sagt er. Er zeigt auf eine Karte von Kunduz und Umgebung. „Südlich von Kunduz haben wir die meisten Insurgents vertrieben, aber nördlich gibt es noch Reste.“ Obwohl er Deutsch mit mir spricht, benutzt er das Wort „Insurgents“, um damit den Feind zu bezeichnen, etwas, was auch andere deutsche Soldaten tun. Dann sagt der Pressefeldwebel: „Gehen Sie nur zu Bett. Wir gehen morgen früh auf Patrouille.“

Die Patrouille beginnt südlich von Kunduz an einem Außenposten der afghanischen Polizei. In einer Ecke des Innenhofs erklärt ein Hauptfeldwebel die Operation. Er ist ein dicklicher, freundlicher Mann mit pockennarbigem Gesicht. „Wir gehen zum Dorf Mur Shaykh, da sind wer weiß wie lang keine ISAF-Soldaten mehr gewesen. Wir werden mal mit der Bevölkerung reden.“

Nach ungefähr einer halben Stunde Fahrt treffen wir am Ziel ein. Ein unbemanntes Flugzeug hängt in der Luft. Es behält die Umgebung im Auge, wie mir gesagt wird. Auf einem Hügel stehen deutsche Soldaten mit ihren Fahrzeugen, die am Tag zuvor angekommen sind, um die Gegend auszukundschaften.

Die Fußpatrouille beginnt. Der erste, der uns auflauert, ist ein Hund. Er bellt. „Die Hunde haben Krankheiten“, sagt Sickmann. Ein Gewehr wird auf den Hund gerichtet. „Steine oder trockener Lehm!“, ruft der Hauptfeldwebel, worauf einer der Übersetzer beginnt, mit Lehm nach dem Hund zu werfen. Dann kommt der Besitzer, ein alter Mann mit einem Kind auf dem Arm und nimmt sich des Hundes an. Die Patrouille geht weiter.

Ein Scherz, aber niemand lacht

„Wir haben eine Spielkarte gefunden“, sagt der Hauptfeldwebel zu mir. „Das ist ein Zeichen dafür, dass die Insurgents hier waren. Sie benutzen Spielkarten als Markierung. Die Afghanen spielen keine Kartenspiele.“ Später wird er mir erzählen, dass sie auch die Bänder von Musikkassetten benutzen, um Botschaften auszutauschen. Aber die Bänder sind unzuverlässig. Manche Bauern hängen sie an Bäume und Sträucher, um Vögel zu verscheuchen.

Wir begegnen erneut einem alten Mann. Der Hauptfeldwebel und ein Übersetzer gehen zu ihm. „Wie ist es hier um die Sicherheit bestellt?“, fragt der Hauptfeldwebel. „Prima“, sagt der Afghane. Aber er will nicht über Sicherheit reden. „Die Deutschen haben mir letztes Jahr versprochen, dass hier Brunnen entstehen sollen.“

„Ich gebe es weiter“, sagt der Hauptfeldwebel. „Aber wie steht es mit der Sicherheit?“

„Die Taliban sind weit weg“, sagt der Afghane und weist nach Süden. Der Hauptfeldwebel macht sich Notizen.

Als wir weitergehen, kommen wir an einen kleinen Bach. „Guck mal“, sagt der Hauptfeldwebel. „Keine zehn Minuten zu Fuß entfernt gibt es reichlich Wasser, und dann macht der so einen Aufriss ums Wasser.“ Wir nähern uns einem Hirten, dessen Schafe gerade geschoren worden sind. Dieses Mal wird das Gespräch von einem kahl werdenden Hauptmann geführt: „Wer sorgt hier für die Sicherheit?“

Da knallen Schüsse.

Der Hauptmann und ich suchen Deckung, doch nach fünf Minuten zeigt sich, dass die Schüsse nicht auf die Soldaten gerichtet waren; ein lokaler Kommandant der afghanischen Polizei hat die Angewohnheit, auf Autofahrer zu schießen, die nicht schnell genug anhalten.

Das Gespräch mit dem Hirten wird wieder aufgenommen. „Sie haben so schöne blaue Augen“, sagt der Hauptmann, „darf ich ein Foto von Ihren Augen machen?“ Er darf.

Am Freitagmorgen organisiert die Bundeswehr ein „Bibelfrühstück“ für die Soldaten. Als der Gesang vorbei ist, betrete ich die Kirche. An der Wand hängt ein großes Poster, auf dem ein Bibelspruch prangt: ‚Lukas 18, 27: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.‘ Das Bibelfrühstück wird vom protestantischen und dem katholischen Geistlichen sowie den Psychologen organisiert; wo der Psychologe aufhört und der Geistliche anfängt, scheint bei der Bundeswehr undeutlich. Der Pfarrer, ein gedrungener Mann Ende 40, erklärt: „Wir beantworten Sinnfragen, die Psychologen beantworten Lebensfragen.“ Jetzt ist alles klar.

„Es ist auch eine Geschmacksfrage, der eine will zu einem netten Mädchen“, er zeigt auf einen der Psychologen, „der andere will lieber zu einem netten Jungen.“ Er zeigt auf sich selbst und den Priester. Ich vermute, dass er einen Scherz macht, aber niemand lacht. „Und es gibt noch einen großen Unterschied“, sagt der Pfarrer. „Ich unterstehe dem Amtsgeheimnis. Die Psychologen unterstehen nicht unter allen Umständen der Schweigepflicht.“

„Kommen Sie manchmal in Gewissensnöte?“, frage ich. „Ach, das ist eher etwas aus Büchern und Filmen. Ich werde selten mit Mord konfrontiert.“ In einem Kriegsgebiet zu behaupten, man werde selten mit Mord konfrontiert, kommt mir vor, wie in einem Schlachthof zu behaupten, selten mit Schlachtung konfrontiert zu werden. Und wie in einem Schlachthof gibt es auch hier die Verpflichtung zu töten, aber dann heißt Mord nicht mehr Mord.

Auf einer improvisierten Terrasse, die einen Blick über das Feldlager bietet, sitzt Oberstleutnant Kuhn, ein Mann in den Fünfzigern mit Brille, der auch schon auf dem Balkan gedient hat. Er ist für die Sicherheit in einem 50 mal 70 Kilometer großen Gebiet in der Umgebung von Kunduz-Stadt verantwortlich. Pressefeldwebel Sickmann und Oberstleutnant Fischer sind mitgekommen, offensichtlich halten sie dieses Gespräch für wichtig. „Eigentlich ist das hier ein amerikanisches Projekt“, sagt Kuhn, „basierend auf einer amerikanischen Idee. Nämlich dass Demokratien einander nicht angreifen. Das versuchen wir jetzt schon seit zehn Jahren durchzusetzen.“ Er wirkt etwas mutlos. Ich lasse die magische Jahreszahl 2014 fallen, das Jahr, in dem die NATO sich vermutlich zurückziehen wird.

„Ja, das ist schwierig“, sagt Kuhn. „Einerseits ermutigt man die Insurgents, sich zu sagen: Wir schlagen uns da noch mal kurz durch, dann sind die weg. Andererseits setzt man Karzai die Pistole auf die Brust und sagt: Bald musst Du es allein regeln, Junge.“ Es herrscht ein kurzes Schweigen. Dann fährt Kuhn fort: „In Deutschland interessiert sich nur noch eine Elite für diesen Krieg. Der Rest hat keine Ahnung.“

„Ist das nicht eine Gefahr für die Demokratie?“, frage ich. „Eine große Gefahr“, sagt Kuhn. „Die Elite muss dem Willen der Nicht-Informierten folgen. Ich glaube an Bildung, nicht nur in Afghanistan. Europa muss in Bildung investieren. Sonst haben wir in 100 Jahren ein großes Problem.“

Im Einsatz für stabile Toiletten

Am nächsten Morgen verlassen sieben deutsche Militärfahrzeuge das Feldlager, um deutsche Toiletten für afghanische Kinder zu inspizieren. Die Dörfer Alchin und Imam Sahib liegen nicht weit entfernt von der Grenze zu Tadschikistan. Die Toiletten werden hinter der Schule gebaut. Es ist eine Grube von ungefähr fünf Kubikmetern gegraben worden, und dort, wo die WCs hinkommen, stehen ein paar Wände herum. Der Bauunternehmer ist ein gepflegter Mann in einem traditionellen afghanischen Gewand. Der Direktor der Schule ist etwas magerer und etwas weniger gepflegt, er trägt auch kein afghanisches Gewand. Der Bauunternehmer sagt stolz: „Da kommt ein Wassertank von 1.000 Litern drauf.“

„Das werden die Wände nicht aushalten“, sagt ein Hauptmann, der etwas von Architektur versteht und darum mitgekommen ist. Es werden Fotos geschossen, und der Hauptmann macht mit einem Taschenmesser Kerben in die Steine, um deren Qualität zu prüfen. Eine plötzliche Wehmut überfällt mich. Die NATO rückt mit schwerem Gerät aus, um zu kontrollieren, ob Toiletten gut gebaut werden. Muss man daraus nicht folgern, dass wir von Kopf bis Fuß auf die Niederlage eingestellt sind?

Als wir zurückkehren, habe ich noch eine Verabredung mit Major Matthias Kock, einem sympathischen Mittdreißiger mit einer leichten Hauterkrankung auf der Nase. Wir setzen uns in den Garten unter einen Baum. Dieses Feldlager hat echte Gärten. „Ich bin interkultureller Berater für die deutsche Armee“, sagt Kock. „Ich habe Jura und Politologie studiert und über Konfliktlösung bei den Paschtunenstämmen geforscht“, sagt er.

„Was könnt ihr bis einschließlich 2014 noch machen?“, frage ich.

„Nicht viel“, sagt der Major. „Wenn Afghanistan ein Auto wäre, dann hätten wir es wohl gegen die Wand gefahren. Das liegt auch an den Afghanen. Sie sind faul, sie sind unfähig, sie haben Probleme mit falschem Stolz. Ihr Egoismus und ihre Unwissenheit kommen auch noch dazu.“

„Ihr habt nichts falsch gemacht?“, frage ich.

„Wir haben auch einiges verkehrt gemacht. Wir befanden uns in einem Dilemma, wir wollten die Liebe der Bevölkerung gewinnen und haben ihnen deshalb säckeweise Geld gegeben, ohne zu kontrollieren, was damit eigentlich passiert. Wir haben sie nicht ermuntert, Rechenschaft abzulegen. Und darum geht es. Pro Tag fliegen 14 Millionen Dollar in bar von Afghanistan nach Dubai.“

„Und was ist die gute Nachricht?“, frage ich.

„Wenn die Taliban wieder zurückkommen – und ich zweifle nicht daran, dass die Taliban in den meisten Provinzen zurückkommen werden – dann werden sie weniger brutal sein als in den neunziger Jahren. Viele Afghanen haben für westliche Mächte gearbeitet. Wir haben Wirkung gehabt, aber wie groß diese Wirkung ist, wissen wir noch nicht.“

Die Nachricht nach zehn Jahren Krieg: Die Taliban gewinnen, aber es sind Taliban light.

„Wie ist eigentlich dein Verhältnis zu den anderen Soldaten der Bundeswehr? Du bist kein typischer Soldat“, sage ich.

„Unser ranghöchster Kommandeur, Rosch, ist ein hervorragender Militär“, antwortet der Major und seufzt tief. „Im Großen Vaterländischen Krieg hätte er die Russen wahrscheinlich bei Moskau oder Berlin aufgehalten. Aber hier brauchen wir so einen Soldaten nicht, hier führen wir keinen vaterländischen Krieg.“ Es dauert ein paar Sekunden, bis ich begreife, dass der Major mit dem „Großen Vaterländischen Krieg“ wirklich den Zweiten Weltkrieg meint.

Der Niederländer Arnon Grünberg ist Schriftsteller und Nachkomme von Holocaust-Überlebenden. Seine Werke wurden in 25 Sprachen übersetzt.


Übersetzung: Holger Wiedestried

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11:00 29.01.2012
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