Die ideale Zelle

Im Gespräch Um die Gefängnisse machen Architekten einen Bogen. Ein Fehler, sagt Andrea Seelich: "Vernünftige Gefängnis­architektur ist potenzieller Opferschutz"

Freitag: Frau Seelich, Gefängnisse sind hässliche Klötze. Ist die Architektur Teil der Strafe?


Andrea Seelich:

Alle Probleme, die es in der modernen Architektur gibt, finden sich im Strafvollzug in verschärfter Form. John Howard, ein englischer Gefängnisreformer, hat schon 1777 darüber nachgedacht, wie Gefängnisbauten menschlicher werden könnten.

Die Strafe besteht ja im Freiheitsentzug, nicht im Tageslichtentzug oder Frischluftentzug. Elemente wie vergitterte Fenster, die sich kaum öffnen lassen, verschärfen die Situation für die Gefangenen unnötig. Schließlich hat sich die Technik weiterentwickelt, mittlerweile gibt es Bewegungsmelder, Überwachungskameras – das sollte man bei der Planung mit einbeziehen.

Weshalb macht man das nicht?


Zum einen wird Gefängnisarchitektur seit 1850 nicht mehr unterrichtet. Und dann schrecken viele Architekten vor diesem Thema zurück, weil es schwer ist, eine klare Meinung dazu zu haben. Sie finden Gefängnisse vor allem scheußlich, nehmen sie nicht als Architektur wahr. Und ich sage: Genau deshalb muss man etwas ändern. Bedarf gäbe es jedenfalls genug.

Worin liegt denn die Schwierigkeit?


Man muss wissen, was Freiheitsentzug ist, muss wissen, was Justizwachen wirklich machen, muss wissen, für welche Funktionen welche Räume nötig sind. Architekten haben aber oft keine Ahnung vom Gefängnisalltag. Wenn sie eine Luxusvilla planen, studieren sie 100 verschiedene Materialien – aber geht es um Gefängnisse, greifen sie auf das zurück, was sie aus Fernsehserien kennen.

Wie lernt man es dann?


Jedenfalls nicht aus Büchern. Um zu wissen, worauf es in der Praxis ankommt, habe ich in Justizvollzugsanstalten gearbeitet. Etwa mit einer Gruppe Lebenslänglicher, das sind meist Mörder, sie haben mir erzählt, wie es ist, 20 Jahre lang auf acht Quadratmetern zu leben, haben mir beschrieben, wie die ideale Zelle aussehen müsste.

Und wie sollte sie sein?


Das wichtigste für sie war ihr Bett. Es ist der privateste Ort, den man im Gefängnis hat. Die Gefangenen wünschten sich, dass das Bett nicht direkt gegenüber der Tür steht, den WC-Bereich am liebsten abgetrennt, und somit nicht direkt von den Wärtern einsehbar. Man muss sich vor Augen führen, dass die Zelle gleichzeitig der Arbeitsplatz der Justizwache ist.

Lässt sich Gefängnisatmosphäre mit Architektur überhaupt beeinflussen?


Selbstverständlich. Es geht vor allem darum, eine harmonische Stimmung zu schaffen. Schon Handläufe aus Holz vermitteln ein ganz anderes Gefühl als solche aus Metall. Mit Materialien, Proportionen und Farben kann man da viel bewirken. Stahl, Glas und Beton sind sicher sehr fotogen, aber kontraproduktiv. Denken Sie nur an die Stahltreppen, wie es sie in vielen Anstalten gibt: Die machen einen Heidenkrach. Während meiner Gefängnisbesuche stelle ich oft fest: Wenn die positiv wirkenden Reize fehlen, suchen die Insassen sich selbst welche.

So etwa in einem 30 Quadratmeter großen Gefängnishof: Er ist fast komplett mit Betonplatten gepflastert, aber am Rand gibt es etwas Gras. Die Insassen drehen ihre Runden auf dem Gras, man sieht ihre Fußspuren. Kein Wunder: Sie sind ja sonst fast nur von harten Oberflächen umgeben.

Und Gras hat wenigstens Farbe.


Ja, aber damit muss man vorsichtig sein. Malt man alles bunt an, freuen sich alle in der ersten Woche noch, weil es anders ist als vorher. Aber die grellen Farben wirken schnell aggressiv, sie verstärken den ohnehin hohen Stresslevel. Gegen Monotonie helfen andere Dinge, etwa das Tageslicht, das sich mit den Jahreszeiten ändert. Und diese Farbwechsel sieht man auf weißen Oberflächen einfach am besten. Gemüsebeete nützen übrigens auch.

Gemüsebeete?


Ja, das schlage ich oft vor. Im Gefängnishof können die Insassen Tomaten züchten, in der Erde wühlen, Natur spüren, sehen, wie etwas wächst. Sie brauchen Freiräume zur Selbstgestaltung.

Wenn all das nicht gelehrt wird: Wie kamen Sie denn überhaupt zu diesem Thema?


Ich habe in den Neunzigern in Prag studiert, Demokratie war noch etwa Neues. Meine Kommilitonen stürzten sich in Entwürfe von Millionärsvillen. Mich beeindruckte der aufkeimende Kapitalismus nicht sonderlich, ich war schließlich in Österreich aufgewachsen. Ich sah Architektur schon damals in erster Linie als „Dienstleistungshandwerk“. Und Räume, die man nicht verlassen kann, faszinierten mich. Als Diplomarbeit plante ich dann ein Gefängnis. Das war der Anfang.

Und?


Ich habe schnell gemerkt, dass es kaum Parameter gibt, keine EU-Normen, keinen, der sich auskennt. Da war klar: Das wird meine Nische. Ich promovierte in Architektur und Kriminologie und dafür musste ich so viele Gefängnisse wie möglich von innen sehen.

Wieviele waren es denn?


Ich habe über 50 Gefängnisse besucht, vor allem in Österreich und Tschechien. Sie ähneln sich, die beiden Länder haben schließlich eine gemeinsame Geschichte – Backsteinbauten wie in Berlin-­Tegel gibt es gar nicht. Manche der historischen Gebäude wurden als Gefängnisse geplant, aber viele waren früher Klöster oder Schlösser, die man umfunktionierte. Die großen Säle teilte man dann in kleinere Einheiten ab. In Tschechien nutzte man nach dem Ende des Kommunismus einfach die ehemaligen Arbeitslager weiter.

Wie muss man sich das vorstellen?


Die Arbeitslager waren oft an Braunkohlebergwerke angeschlossen, die mittlerweile stillgelegt sind. Diese Anstalten genügen bis heute nicht modernen Strafvollzugstheorien. Das zeigt sich schon an der Quadratmeterzahl, die jedem Insassen zusteht. Normalerweise bezieht sich diese Zahl nur auf die Zelle, hier rechnet man aber Krankenabteilungen und Arresträume einfach mit ein. Auf dem Papier sieht das dann nach einer hohen Kapazität aus. Und Beschäftigungsmöglichkeiten gibt es für die Insassen auch nicht. Beides ist heutzutage eigentlich undenkbar.

Michel Foucault kritisierte in seinem Buch Überwachen und Strafen die künstliche Rhythmisierung und Hierarchisierung des Lebens im Gefängnis. Kann man dagegen überhaupt anbauen?


Seither hat sich natürlich viel getan. Doch ein Gefängnis muss über eine Hierarchie verfügen, um Chaos und lebensbedrohliche Situationen zu vermeiden. Architektonische Lösungen können aber helfen, dass der Vollzug humaner wird.

Es gibt ja auch noch die andere Seite: Wärter verbringen ihren Tag ebenso hinter Mauern. Wie wichtig sind deren Bedürfnisse für Architekten?


Das Wachpersonal ist bis zu zehn Kilometer am Tag unterwegs, die Territorien des Personals und der Insassen überlagen sich immer mehr. Das Problem: Die Wachen haben oft keinen Raum, in dem sie von den Insassen unbeobachtet ihre Stulle essen können. Aber ein Gefängnis ist ein sozialer Organismus – das zu begreifen, wäre ein erster Schritt.

Hatten Sie auch schon Berührungsängste?


Mit Vergewaltigern, Kinderschändern, Räubern zu tun zu haben, ist natürlich nicht angenehm. Oft werde ich gefragt, auf welcher Seite ich eigentlich stehe. Ich sage dann: auf der Seite der Opfer. Wir Architekten können dazu beitragen, dass die Justiz in den Gefängnissen ihrem Auftrag, also der Resozialisierung, besser nachkommen können, die Entlassenen nicht rückfällig werden. Meiner Meinung nach ist eine vernünftige Gefängnisarchitektur auch potentieller Opferschutz.

Das Gespräch führte

Anne Haeming

Andrea Seelich, 40, hat in Prag Architektur studiert, Gefängnisbauarchitektur war Thema ihrer Dissertation. Heute lebt und arbeitet sie in Wien als selbständige Architektin und berät unter anderem das Justizministerium. Ihr Buch Handbuch Strafvollzugsarchitektur. Parameter zeitgemäßer Gefängnisplanung ist 2009 im Verlag Springer Wien erschienen, hat 312 Seiten und kostet 69,95 Euro

21:00 02.12.2009
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