Industrie: Beschäftigte wollen grüne Transformation selbst organisieren

Gewerkschaft Klimaschutz? Beschäftigte sind da oft viel weiter als Management oder Politik. Die IG Metall begreift immer mehr: Sie sitzt am Hebel der ökologischen Wende
So gelingt der Wandel! Gewerkschaftsdemonstration in Berlin
So gelingt der Wandel! Gewerkschaftsdemonstration in Berlin

Foto: Fritz Engel/Laif

Die „schöpferische Zerstörung“, dank der sich der Kapitalismus ja angeblich stets verjüngen und erneuern soll, ist dann am Ende doch nicht so schöpferisch. Nehmen wir das Bosch-Werk in Trudering in München. Einspritzventile und elektrische Kraftstoffpumpen für Verbrennungsmotoren werden hier bis dato hergestellt, ein Ding der Vergangenheit, wenn doch die große Transformation von Mobilität und Energie künftig ohne Verbrennung auskommen soll. E-Autos fahren ohne Einspritzventile – klar, dass das Bosch-Werk weg gehört. Aus und vorbei.

So scheint es zumindest die ebenfalls wenig schöpferische Unternehmensführung zu sehen. Anders ist das bei der Belegschaft. Die und ihre gewerkschaftliche Vertretung, die IG Metall, will nicht nur ihre Arbeitsplätze erhalten, was naheliegend scheint. Sie will auch – jedenfalls schöpferischer als alle anderen hier – ihr Werk umstellen, auf Technologien, die Zukunft haben. Wärmepumpen zum Beispiel, statt Kraftstoffpumpen.

Klimaschutz und Klassenkampf

Unterstützt werden die Beschäftigten dabei von Klimaaktivistinnen und -aktivisten. Die fordern – unter der eingängigen Parole „Klimaschutz und Klassenkampf“ – „keine Entlassungen für den Klimaschutz“. Stattdessen entwickeln sie zusammen mit den Beschäftigten Ideen für eine schöpferische Transformation des Bosch-Werks.

Die IG Metall sitzt am Hebel der Transformation, die im grünen Kapitalismus so oder so vonstatten gehen wird. Die Frage ist nur, ob die Transformation sozial-ökologisch sein wird, also die Klimakatastrophe tatsächlich noch abwenden kann. Und ob sie mit oder über die Köpfe der Beschäftigten hinweg geschieht.

Kein Wunder, dass viele Beschäftigte erst einmal an nichts Gutes denken, wenn sie von Transformation hören. Diese umfasst so große Prozesse wie Digitalisierung, Automatisierung und Klimawende. Für Beschäftigte wirken sie oft wie „natürlich“, wenn sie von unternehmerischer Seite als rein äußerliche Gründe dafür angegeben werden, Standorte zu wechseln, Arbeit zu verdichten oder Kündigungen zu begründen. Allerdings ist nichts an der Transformation natürlich, sondern alles wie beim Klimawandel menschengemacht. Angetrieben durch die technische Entwicklung verändern sich Arbeits- und Produktionsprozesse allerdings so stark und so schnell, dass es zu sozialen Revolutionen im Großen wie im Kleinen kommen kann.

Für die Kapitalseite ist so eine Revolution eine „Disruption“, wie man sie angetrieben durch Elon Musk gerade in Grünheide bei Berlin erlebt. Teslas neues Produktionsmodell setzt Maßstäbe, mit denen Gewerkschaften sich auseinandersetzen müssen. Diese Art von Disruptionen finden am laufenden Band statt. Für die Beschäftigten bedeuten sie im besseren Fall Qualifizierung, im schlechteren Fall Wechsel in einen anderen Betrieb – oder Arbeitsplatzverlust.

Das Soziale mit dem Ökologischen verbinden

Wer mit Betriebsräten und Aktiven aus der IG Metall spricht, erfährt, was die Beschäftigten im Zuge der Transformation umtreibt. Entgegen dem Vorurteil über die Metaller haben die eine genaue Vorstellung davon, wie die Transformation ihren jeweiligen Betrieb verändert. Und eine gesellschaftspolitische Idee davon, dass die Klimawende stattfinden muss. Die auch unter Linken verbreitete Vorstellung des weißen Industriearbeiters, der nur seinen Arbeitsplatz erhalten will, ist doppelt schief: Nicht nur waren Belegschaften in der Produktion schon immer diverser, sie haben außerdem eine sehr realistische Einschätzung des eigenen Produktionsstandorts und Sektors.

Erst kürzlich begleitete ich ein Gewerkschaftsseminar, bei dem Gewerkschafter aus den unterschiedlichsten Branchen der IG Metall in Bayern zusammenkamen. Vom Fließbandarbeiter aus einer ländlichen Region bei Tölz über den IT-Experten des Halbleiterherstellers Infineon aus München herrschte Klarheit darüber, dass die allseits beliebte Formel von Linken, das Soziale mit dem Ökologischen verbinden zu wollen, sich auf der praktischen Ebene bereits stellt: „Das, was wir hier als Transformation beschreiben, erleben wir eigentlich jeden Tag.“ Zugleich äußerten alle Teilnehmer ein Ohnmachtsgefühl; sie seien überfordert von den vielschichtigen Transformationsprozessen.

Im Laufe des Seminars wurde klar, dass die Erwartung an die Gewerkschaft nicht mehr nur darin besteht, dass sie bei der Aushandlung von Lohn und Arbeitsbedingungen zur Seite zu steht. Ein Betriebsrat aus einem Flugzeugbau-Unternehmen sagte: „Ich brauche einen Plan, den ich mit in meinem Betrieb nehmen und von dem ich die Beschäftigten überzeugen kann.“

Beschäftigte nehmen ökologische Transformation selbst in die Hand

Ein Plan. Für die Transformation. Aus der Not heraus erarbeiteten beim traditionsreichen Unternehmen Rohrwerk Maxhütte in Sulzbach-Rosenberg die Arbeiter selbst so einen Plan, nachdem sie von der kompletten Schließung bedroht sind. Die rund 450 spezialisierten Beschäftigten legten kurzerhand ein eigenes Konzept für ein „grünes Rohrwerk“ vor, nach dem 40 Prozent des Energieverbrauchs eingespart werden könnten. Betriebsräte und Gewerkschaften hoffen, durch diesen Plan nicht nur die Bayern-SPD politisch auf ihre Seite zu ziehen, sondern auch künftige Käufer und Investoren des Werks zu überzeugen. Für die Stahlproduktion, die bereits jetzt im Fokus steht und für die alle politischen Lager „grünen Stahl“ predigen, wäre es ein Leuchtturm, wenn aus der Belegschaft selbst Pläne für den Umbau vorgelegt werden würden.

Ähnliches gilt für das Bosch-Werk in Trudering: Auch hier handelt es sich erst einmal nur um 250 verbleibende Mitarbeiter, doch auch dieses Werk steht exemplarisch für den Prozess, der die gesamte Auto-Zuliefererbranche erfasst. In ihrem Bewusstsein davon sind die Arbeiterinnen und Arbeiter oftmals weiter als die Unternehmensleitung oder auch die Gewerkschaftsspitze.

Betriebe wie Rohrwerk Maxhütte oder das Bosch-Werk wären, wenn sie ihre Produktion erfolgreich umstellen könnten, Modellbetriebe für die Organisierung der eigenen Belegschaft für eine grüne Transformation. Der Clou läge darin, dass das Expertenwissen und der Plan von den Beschäftigten selbst kommen. Transformation geschieht dann nicht mehr, sondern Beschäftigte nehmen sie selbst in die Hand. Sie werden zum Hebel statt zur Verfügungsmasse, sie leisten nicht nur Widerstand, sondern gehen selbst in die Gestaltung, in die Offensive.

Strategisch wäre es für die Klimabewegung sinnvoller, hier anzusetzen, als bei den ewigen Appellen an eine Regierung zu bleiben, die eher daran interessiert ist, den Status quo zu verwalten, statt die Transformation anzugehen.

Mehr als Mitbestimmung

Der einstige Vorsitzende der IG Metall, Otto Brenner, könnte die Seminarteilnehmer daran erinnern, dass Gewerkschaften nicht nur passiv auf die Folgen der Transformation reagieren, sondern selbst aktiv in die Geschichte eingreifen sollten. Unter anderem auf Brenner geht das Selbstverständnis zurück, die volle Mitbestimmung bei der Durchführung aller betrieblichen Automatisierungen zu erkämpfen. Weil sich Arbeiterinnen und Arbeiter nur dann gegen Rationalisierungsprozesse wehren können, wenn sie selbst die Kontrolle in ihren Betrieben haben. Das ist ein weit emphatischerer Begriff von Mitbestimmung, als ihn die IG Metall in den vergangenen Jahren oft praktizierte, auch wenn IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban heute noch von Wirtschaftsdemokratie spricht, also der demokratischen Kontrolle der Betriebe durch die Beschäftigten selbst.

Die Betriebsräte aus dem Seminar jedenfalls sind begeistert von den Möglichkeiten, außerhalb „des Systems“ zu denken. Einer bezeichnet die Demokratisierung der Betriebe gar als die „DNA der Gewerkschaften“. Demgemäß sollte die Gewerkschaft selbst ihr politisches Mandat verstärken und an frühere Debatten um Gemeinwirtschaft und Vergesellschaftung, die noch immer im Statut der IG Metall stehen, anknüpfen. Die Betriebsräte, sprich: die Basis, scheinen bereit dazu.

Allein aufgrund der derzeitigen Schwäche der linken Parteien und des Fehlens wirklich grüner Alternativen liegt die Transformationsaufgabe bei der Arbeiterbewegung selbst. Strategisch müssen sich die Metallgewerkschaft und die Klimabewegung gemeinsam auf mittelfristige Projekte einigen, die sie gemeinsam gegen Unternehmensführungen und die politischen Parteien organisieren können. Auch über den 1. Mai hinaus.

Ines Schwerdtner ist Chefredakteurin des Jacobin Magazin

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