Die Industrie klärt auf

Im Gespräch Rolf Hüllinghorst über "Klartext reden", eine Alkoholpräventionskampagne der Deutschen Spirituosen-Industrie

FREITAG: Welchen Trend beobachten Sie beim Jugendalkoholismus?ROLF HÜLLINGHORST: Der Trend ist leicht fallend, in den einzelnen Bereichen allerdings unterschiedlich. Das Alkopop-Gesetz, das die zusätzliche Besteuerung von alkoholhaltigen süßen Mischgetränken regelt, hat dazu geführt, dass der Konsum massiv eingebrochen ist. Bei anderen Alkohol-Getränken lässt sich das so nicht beobachten. Was uns Sorgen macht, ist das Anwachsen des so genannten binge-drinking, das heißt, dass bei bestimmten Gelegenheiten sehr viel Alkohol getrunken wird. Das Einstiegsalter mit durchschnittlich dreizehneinhalb Jahren hat sich nicht verändert, es gibt allerdings viele Kinder, die schon viel früher damit beginnen. Das ist deshalb alarmierend, weil Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit Alkoholproblemen in der Regel auch früh mit Alkohol begonnen haben. Man kann also sagen, je früher der Konsum beginnt, desto höher das Risiko.

Nun hat der im Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie tätige Arbeitskreis "Alkohol und Verantwortung" vergangene Woche die Kampagne "Klartext reden" ins Leben gerufen. Warum wird die Kampagne weder von der Deutschen Hauptstelle fürSuchtfragen (DHS) noch von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unterstützt? Wir wurden überhaupt nicht angefragt, wahrscheinlich, weil die Spirituosen-Industrie weiß, dass wir eine inhaltliche Zusammenarbeit abgelehnt hätten. Die Bundeszentrale ist, soweit ich weiß, gefragt worden, sie hat die Kooperation aus fachlichen Gründen abgelehnt. Der Kampagne "Klartext reden" verfolgt nämlich keine Langfristplanung, sie operiert mit einer Ad hoc-Idee, im Mittelpunkt stehen zum Beispiel Elternabende in der Schule. Nun wissen wir aber aus den Erfahrungen der Suchtprävention, was wirkt und was nicht wirkt. Wirkung zeigen nur solche Konzepte, die langfristig eingebettet sind, wenn zum Beispiel in der Schule immer wieder unterschiedliche Altersgruppen angesprochen werden. Sporadische Elternabende nützen da gar nichts. Wenn Sie sich außerdem die Liste der Experten, die die Kampagne unterstützen, anschauen, handelt es sich um Suchtexperten, das heißt, Leute, die in Kliniken oder ambulant süchtige Menschen therapieren, nicht aber präventiv arbeiten.

Worin besteht der Unterschied? Suchtexperten wissen, wie Alkohol wirkt, und sie nutzen dieses Wissen, um alkoholkranke Menschen zu behandeln. Präventionsexperten müssen sich darüber Gedanken machen, welche Maßnahmen langfristig bei welcher Zielgruppe wie wirken. Der Umgang mit einer Zielgruppe, die mit der Droge noch nichts zu tun hat, ist etwas völlig anderes als mit einer Zielgruppe, die bereits entsprechende Erfahrungen hat.

Die in der Broschüre von "Klartext reden" enthaltenen Ratschläge hören sich alle ganz vernünftig an und decken sich mit dem, was auch in entsprechenden Publikationen der DHS und der Bundeszentrale steht. Was also ist schlecht daran? Na ja, man wird in eine solche Broschüre nichts Falsches schreiben, aber die entscheidende Frage ist doch die Einbettung. Die Zigaretten-Industrie hat eine ganz ähnliche Kampagne lanciert. Man hat dann Kinder und Jugendliche nach ihrer Einschätzung gefragt, und sie sagten, das wirkt nicht, weil der Absender die Zigarettenindustrie ist. Kinder und Jugendliche wissen sehr genau, was zusammen gehört und was nicht. Für sie ist es unglaubwürdig, wenn der Absender auf der einen Seite Millionen in die Alkoholwerbung steckt und auf der anderen Seite eine solche Kampagne macht.

Immerhin wird die Kampagne vom Bundeselternbeirat unterstützt. Ich denke, man hat sich Partner gesucht, die etwas tun wollten. Sie werden sich keine großen Gedanken über das Konzept gemacht haben. Hätten die Eltern ihre Kinder gefragt, hätten die ihnen wahrscheinlich gesagt, hör mal, das kann wohl nicht sein, dass du mit diesem Partner zusammenarbeitest. Ehrlich gesagt, ich möchte nicht, dass meine Kinder von Alkoholherstellern aufgeklärt werden.

Es ist bekannt, dass ältere Menschen, insbesondere Frauen, seltener von Alkoholmissbrauch betroffen sind als jüngere, wahrscheinlich, weil die Nachkriegsgeneration weniger Alkohol konsumiert hat. Werden wir damit zukünftig ein größeres Problem haben? Ich wundere mich immer, dass die Zahlen bei Frauen so stabil sind. Wenn ich mir allerdings die Tabakszene anschaue und feststelle, dass wir hier in bestimmten Altersgruppen mittlerweile ein Verhältnis von 50:50 haben, sind die Bemühungen der Alkohol-Industrie, neue Konsumentenschichten insbesondere unter jungen Frauen zu erschließen, nachvollziehbar. Mit den Alcopops wollte man ihnen eine geschmackliche Alternative anbieten. Und Brauereien lassen sich zum Beispiel neue Gläser einfallen, damit Frauen lieber Bier trinken. Vor einiger Zeit hielten die das Reinheitsgebot für Bier noch ganz hoch, mittlerweile werden Mixgetränke erprobt, weil der Markt bei Männern ausgeschöpft ist.

Was würden Sie Eltern auf den Weg geben? Genau hinzuschauen und mit ihren Kindern im Gespräch zu bleiben. Vor kurzem wurde ich gefragt, was ich mache, wenn mein Kind betrunken nach Hause kommt. Ich würde es ausschlafen lassen ...

... genau das steht auch in der Broschüre von "Klartext reden" ... ... das haben die geklaut! Am nächsten Tag muss aber darüber geredet werden - und nicht kneifen. Das Zweite ist natürlich, selbst ein gutes Vorbild zu sein, das ist wichtiger als alles andere.


Das Gespräch führte Ulrike Baureithel

Rolf Hüllinghorst ist Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V. in Hamm


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00:00 16.12.2005

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