Die Influencer von Dschihad und Rassenwahn

Sachlich richtig Erhard Schütz inspiziert die Schreibtische der Vordenker von Dschihad und Rassenwahn und muss feststellen: sie saßen oft woanders als vermutet
Die Influencer von Dschihad und Rassenwahn
Was reale Schreibtischtäter zu produzieren pflegen, sind nicht Bestseller, sondern Untaten

Foto: Stocktrek Images/Imago

Zugestanden, nicht sehr rational ärgere ich mich bei jeder literarischen, pamphletistischen oder sachkundigen Neuerscheinung zum Thema Islam(ismus) aufs Neue darüber, dass Imbezile und Indiskutable uns, die wir auf ein allmähliches Ausschleichen aus dem Opium des Volkes gehofft hatten, sowohl zur Kenntnis zu nehmen aufzwingen, dass das Gegenteil eingetreten ist, als auch zähneknirschend nach satisfaktionsfähigen Moderatreligiösen zu fahnden, um wenigstens hinhaltenden Widerstand zu leisten. Dabei ist durchaus heilsam, den Anteil unserer Vorvorderen an dieser Entwicklung in Erinnerung gerufen zu bekommen. Gerade hat Jakob Hein die ebenso abstrusen wie vergeblichen Unternehmungen des Kaiserreichs zur Dschihadisierung der Muselmanen zu einem kleinen Roman verarbeitet. Parallel dazu kann man nun die Denkschrift nachlesen, auf die solcherlei fußte. Max Freiherr von Oppenheim, Archäologe, Orientalist und Diplomat, hat sie verfasst. Die Idee: Das Reich mobilisiert die von England und Frankreich kolonialisierten islamischen Länder zu einem gemeinsamen Dschihad gegen ihre Besatzer und Besitzer. Gleich eingangs lässt er keinen Zweifel, dass dazu „große Mittel“ notwendig sind – finanzielle, militärische, wirtschaftliche und politische. Darauf durchmustert er sämtliche in Frage kommenden Weltgegenden zwischen Afghanistan und Russland, Ägypten und Persien, auf die jeweiligen Gegebenheiten und Potenziale zur Entfachung von Unruhen und Mobilisierung zum Aufstand, die Türkei als Motor dessen. Am Ende ein Szenario des Erfolgs: Die Türkei wird zur Hegemonialmacht des Islam, Persien wird frei und Afghanistan zukünftig glänzen. England und Frankreich müssen Reparationen an die Türkei zahlen, mit „Rückzahlung an uns“. Ein Klacks, gemessen an den neuen Absatzgebieten und dortigen Rohstoffen. Das liest sich faszinierend wie eine alternativgeschichtliche Weltkunde. Schade lediglich, dass statt einer profunden Biografie des Urhebers, einer wahrlich komplexen Figur, oder der soliden Forschungen von Wolfgang G. Schwanitz, das Nachwort bloß selbstgefälliges Geplapper des Romanciers Steffen Kopetzky bietet.

Wer sich selbst als „Schreibtischtäterin“ bezeichnet, kann zwar wie Elfriede Jelinek den Nobelpreis bekommen, wird aber eher nicht zwingend mit gelisteten Bestsellern auffallen, dafür wahrscheinlich nachhaltiger auf die Produktion von Sekundärliteratur einwirken. Was reale Schreibtischtäter zu produzieren pflegen, sind nicht Bestseller, sondern Untaten. Die anderer. Als händewaschende Glieder in den modern verlängerten Handlungsketten (Norbert Elias) kommt ihnen eine zwiespältige und zwielichtige Bedeutung zu. Die fatale Wirkung ihrer unheimlichen Heimlichkeit wie die empörende Unangreifbarkeit ihres verwalterischen Waltens haben immer wieder nach Analyse und Kritik gerufen. Man denke an Adolf Eichmann, der nicht zuletzt durch Hannah Arendts Essay zum Prototyp aufstieg. Erwartbar, dass Dirk van Laaks und Dirk Roses Sammelband zum Schreibtischtäter sich mit eben dieser Figur und der Judenvernichtung befasst. Aber zugleich eröffnet er einen weiteren Horizont in Beiträgen von Juristen, Zeitgeschichtlern und Literaturwissenschaftlerinnen, historisch bis in den Ersten Weltkrieg, zu Militärs ebenso wie zu Thomas Mann, der damals für sich „Gedankendienst mit der Waffe“ reklamierte, zum Grünen Tisch der Bürokratie wie zu den unterschiedlichsten literarischen Deutungs- und politischen Bewältigungsversuchen.

Die Rassegesetze der Nationalsozialisten waren sowohl Produkt als auch Instrument der Schreibtischtäter. Doch sie kamen nicht aus dem Nichts des amtswaltenden Bösen, sondern hatten in Prozedur wie Tenor das, was man verwalterisch gern Vorgänge nennt. Der renommierte Rechtshistoriker James Q. Whitman von der Yale University hat einen besonders heiklen Strang unter Vorläufern und Vorbildern herauspräpariert – den institutionalisierten Rassismus in den USA. Munitioniert durch die dubiosen Lehren der Eugenik, in der die Vereinigten Staaten von Amerika damals führend waren, gab es dort zwei höchst fatal wirksame Stränge des puren Rassismus: das Einwanderungsgesetz, das Asiaten, Ost- und Südeuropäer diskriminierte, und die Jim-Crow-Gesetze, die die Rassensegregation sanktionierten, zwar von „separate, but equal“ sprachen, faktisch aber aus Afroamerikanern Staatsbürger höchst reduzierter Rechte machten. Dazu kamen Gesetze in US-Bundesstaaten, die „Rassenmischung“ verboten. James Q. Whitman rekonstruiert nicht nur die Bewunderung der Naziverwalter und -juristen für diese amerikanische Gesetzgebung, die raffiniert den vierzehnten Zusatzartikel der Verfassung unterlief, sondern zeigt bis in personelle Konstellationen hinein, wie man sich direkt dort beraten ließ und instrumentierte. Eine der bitteren Pointen: Während die Nazis je nach Genealogie „Viertel-“, „Halb-“ und „Volljuden“ unterschieden, war man in den USA bereits mit einem schwarzen Eltern- oder Großelternteil als „negro“ stigmatisiert.

Info

Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde Max Freiherr von Oppenheim, Steffen Kopetzky (Hg.), Verlag Das kulturelle Gedächtnis 2018, 18 €

Schreibtischtäter. Begriff – Geschichte – Typologie Dirk van Laak u. Dirk Rose (Hg.), Wallstein 2018, 24, 90 €

Hitlers amerikanisches Vorbild. Wie die USA die Rassengesetze der Nationalsozialisten inspirierten, James Q. Whitman Andreas Wirthensohn (Übers.), C. H. Beck 2018, 26,95 €

06:00 27.08.2018

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