Die Jaguarin

Alltag Selbstzweifel und Zukunftsangst sind Elvira fremd. Die schöne Frisörin lebt schnell und gefährlich

Sie drückt ihren dicken, knackigen Bauch gegen meine Wangen und schreit:

"Mit Murmeltierfett habe ich meinen Krebs geheilt, und kein Idiot will mir das hier glauben!"

"Krebs?" Ihre Schere kratzt an meinem rechten Ohr.

"Sorry!" Sie legt ihre großen Brüste an meine Schulter und sieht mir ins Gesicht: "Wo war der Scheitel, hier? Wir ziehen ihn aber da. Das wird dir besser stehen, glaub mir. Ich habe in Lwiw in der Berufsschule von einem richtigen Coiffeur gelernt, der kannte noch die alten Lemberger Zeiten, hat wohl noch in Paris gelernt. Der sagte: nicht Haare abschneiden, wie ein Bildhauer müsst ihr den Kopf gestalten. Bruno hieß er, die alte Schildkröte, der hatte Hände! Mehr als dreißig Jahre ist das nun her. - Und ich war die beste bei ihm."

"Und der Krebs?"

"Ach ja der Krebs. Mein Abiball, da hatt´ ich ein Kleid!" Elvira wirft eine Haarsträhne aus der Stirn und rollt ihre großen Augäpfel nach oben: "Ich war immer die Beste! In allem. Und mein Kleid war himmlisch, selbst genäht, goldgelb, hinten offen bis zum Arsch, und das in den siebziger Jahren! ´77 war´s. Und dann dieser Leberfleck. Auf dem Rücken saß er, dick wie eine Pflaume, ich wollt´s wegschneiden lassen, da sagte der Hautarzt: Krebs. Worauf ich sage: ›Nehmen Sie mir den Scheiß raus, und zwar heute noch, damit mein Rücken zum Abiball heile ist.‹ Und? Schickt er mich ins Krankenhaus? Von wegen! Meine Freundin hat ihn mir rausgelöffelt, ausgeheilt ist es nicht bis zum Abiball, wir haben ein Pflaster drauf geklebt. Und dann hab´ ich den Krebs mit Murmeltierfett kuriert. Weg! Ich bin halt vital, und das bei meiner Hypertonie und meiner Ostiohandrose und was weiß ich noch." Elvira lacht, dreht sich kokett und ruft Richtung Tür:

"Pandalewskij! Bringst du mir ´n Hocker?"

Sie hält inne.

"Pan - da -lewskij!"

"Ja, mein Schatz!" Im Spiegel vor mir erscheint ein Mann Mitte 30, eilfertig, wie ein Kellner eines Luxusrestaurants. Sein dunkelblondes Haar ist zurückgekämmt und zu Waschbrettwellen gezähmt; sein gepflegter Schnurrbart passt perfekt zu beigem Anzug und weißem Hemd. Pandalewskij wäre smart, wären da nicht diese tief sitzenden Augen, die scheu und flink wie ein Fischschwarm hierhin und dahin huschen. Er schiebt Elvira den Hocker hin und flüstert ihr etwas zu. Sie lacht.

Als er aus dem Zimmer gegangen ist, beugt sich Elvira zu meinem Ohr:

"Er folgt mir überall hin. Er ist eifersüchtig! Tierisch eifersüchtig!" Elvira, diese massige Frau im Spiegel, die von ihrem luftig toupierten Haar bis herab zu den feuerroten Fußnägeln, die aus den gefährlich hohen Schuhen herausschauen, frech, verwegen und stolz aussieht, ist sichtbar zufrieden mit diesem wenig glaubhaften Tatbestand. An Elvira ist alles groß. Ihre großen Augen, die etwas hervorstehen, ihre wulstigen Lippen. Ihre dicken Brüste und ihr gewaltiger Bauch sind in ein furchterregendes Sweatshirt mit Jaguarmuster gezwängt. An besonders gewölbten Stellen spannt sich Stoff so sehr, dass das Muster verschwimmt. Der enge, weiße Rock, an den Seiten mit goldenen Bändern zusammengebunden, lässt die Umrisse eines reich verzierten Stringtangahöschens erraten, und die kräftigen Beine, die unter dem Rock hervorschauen, sind sonnengebräunt, was die krankhaft gewölbten Venen und blauen Flecken nicht zu tarnen vermag. Die dicken Fersen sehen müde aus, das Fleisch quillt über die Schuhkante wie ein aufgegangener Hefeteig.

Als ich vorsichtig versuche, daraufhin zu weisen, dass solches Schuhwerk anstrengend für Elviras Beine sei, empört sie sich:

"Soll ich Pantoffeln tragen? Soll ich zu Hause sitzen? Wo denkst du hin! Ich bin immer in Form! Weißt du, wie viele Männer mir nachlaufen? ›Lass dich nur mit Männern ein, die dich vergöttern, lass dich lieben, und du bleibst immer schön und glücklich!‹, hat meine Oma immer gesagt, und so mache ich es!" Elvira lächelt sich zustimmend im Spiegel an, dann betrachtet sie mich kopfschüttelnd:

"Schau dich mal an! Was ist aus dir geworden! Du siehst aus wie die Leute von hier! Wie ein Holzfäller, ohne Schminke, deine Frisur könnte die Buchhalterin einer Schweinezucht-Kolchose tragen! Und die Hosen - das sind doch Männerhosen, die du da trägst! Wo sind deine Hüften? Wo sind deine Brüste? Wo? Ich bin älter als du, und mir heulen in Lwiw noch wer-weiß-wie-viele Kavaliere nach", dröhnt Elvira und flüstert mir dann warm ins Ohr:

"Ich habe aber Pandalewskij mitgenommen, er ist ehrlich und kultiviert, ein Mann, nicht nur für den Spaß, sondern zum Leben. Seine Mama singt übrigens in der Oper. Sie ist in Ohnmacht gefallen, er ist nun mal 15 Jahre jünger als ich, ganz Lwiw lästerte, er sei wegen Deutschland mit mir zusammen, wegen meiner Papiere, aber guck mal, jetzt haben wir deutsche Pässe - und Pandalewskij ist immer noch da!

Pandalewskij", ruft sie. "Mein liebes Tigerchen, machst du mir bitte einen Kaffee? Ich will eine rauchen." Sie lässt sich in den Sessel fallen und begutachtet mein Haar.

"Das wird gut! Links ein bisschen kürzer, ein bisschen frecher musst du sie tragen! Femininer. Glaub mir!"

Ich glaube ihr. Elvira ist eine gute Frisörin. Sie besucht ihre Kunden zu Hause, und pro Nase nimmt sie lächerliche sieben Euro dafür. Weil wir ihre Künste schätzen, versuchen wir jedes Mal, so viele Köpfe wie möglich für ihre Schere aufzutreiben, damit die Anreise sich lohnt. Dieses Mal haben wir vier Kandidaten aus dem Bekanntenkreis gefunden. Mein Mann serviert Tee in der Küche, wo Pandalewskij eben Kaffee für die Damen brüht. Er erscheint mit zwei Tässchen, serviert und zieht sich mit ironischem Kopfneigen zurück.

"Warum nennen Sie ihn mit Nachnamen?"

"Das ist sexy. Du kannst Stasik zu ihm sagen."

"Was macht er?"

"Antiquariat, Münzen, so was ... Er sagt immer: Elchen, lass deine Kundschaft, du brauchst nicht zu schuften! Aber ich will!" Sie pustet den Rauch in die Luft, stilsicher wie eine Diva aus einem vierziger Jahre Film. "So bin ich frei, hab´ immer mein Geld in der Tasche, das hält die Männer kürzer."

Ächzend hebt sie ihren kranken Körper aus dem Sessel und greift wieder zu ihren Werkzeugen. Sie plaudert ununterbrochen und hört schlecht zu, eine kommunikative Schwäche, die für meine Landsleute typisch ist und mich rasend macht. Jetzt stört es mich kaum. Die Berührungen Elviras geschickter Händen erzeugen ein behagliches Wellness-Gefühl, und ihr Reden öffnet Einblicke in ein fremdes, paradiesisches Unterholz, wo die Männer und Frauen noch frei, kühn und schnell leben wie in den sündhaften Siebzigern, als unsere unmittelbaren Vorfahren die Leichtigkeit des Daseins für sich entdeckten. Sie aßen genussvoll und ungesund, trugen farbenfrohe, knisternde Kleider und stellten zum Abendbrot stets eine Flasche Schnaps, mindestens aber Martini, auf den Tisch. Rauchen und Fernsehen galten noch als dem guten Leben zuträglich.

Die kompromisslose Hedonistin Elvira ist diesen Idealen treu geblieben. Während sie mit der Schere knipst, berichtet sie von den zwei Packungen Davidoff, die sie pro Tag vertilgt und betont, dass das aber nichts mit ihrer Bronchitis, ihrer Sinusitis, ihrem Herzrasen und ihrer Hypertonie zu tun hätte. Im Gegenteil. "Trübe Gedanken machen krank, Zigaretten nicht!"

Tatsächlich gestaltet Elvira ihr Leben so, dass trübe Gedanken keine Gelegenheit zum Angriff haben. Sie bewohnt eine helle, niedliche Neubauwohnung, erwacht jeden Morgen in einer kleinen Welt von Rosa-, Lachs- und Smaragdtönen, in ihrem Bad tummeln sich Hunderte Flakons, Döschen und Karaffen, so dass man sich geborgen fühlt wie in einer Piratenschatzkiste. In ihrer Küche in Eichenfurnier trinkt sie ihren Morgenkaffee, dann eilt sie mit Pandalewskij durch den Tag, und am Abend schalten sie den Fernseher ein. Per Satellit sind sie mit der Heimat verbunden, parallel verfolgen sie drei Serien - zwei auf russisch, eine auf ukrainisch - aber dies tun sie nur nebenbei. Ihre Hauptaufmerksamkeit gilt dem Festessen, das sie im Kreis ihrer Freunde zu sich nehmen. Es sind Gleichgesinnte. Menschen, die Wert auf feine Speisen legen und bereit sind, nach Polen zu fahren, um ein Dutzend Kilo leckeres Fleisch für eine Grillparty zu besorgen, die russischen Salat trotz der Mayonnaise nicht verachten, die Lachs und Kaviar schätzen. Auch Krakauer sind inzwischen beliebt.

In Elviras Kosmos tragen Frauen Kleider, die an Raubtiere erinnern, um die Blicke der Männer von den speckigen Kurven abzulenken. Die Männer hingegen sind auffallend korrekt gekleidet, steifgebügelt, in Beige- und Elefantenhautfarben - vielleicht, um vor diesem dezenten Hintergrund ihre Frauen um so freudiger zum Leuchten zu bringen. Die Damen sind oder waren im Service beschäftigt, während die Männer in ihrem ehemaligen Leben in der sowjetischen Versorgungsbranche tätig waren. Heute betreiben sie kleine Geschäfte: Spielhallen, Internetcafes, Eisdielen, Kaviarläden, und selbst wenn sie nur eine harmlose Kinderschach-AG leiten, strahlen sie die Wichtigkeit eines Patriziers aus.

Das Essen ist die Mitte des Universums. Aber: Es geht nie ums Essen allein.

"Nein, Danke!" empört sich Elvira. "Im deutschen Restaurant war ich mal, das ist ja ein Leichenschmaus" Ihre Schere schnappt kriegerisch an meinem Ohr. "Sitzen mit vollen Mündern wie Pelikane da, keine Musik, kein Tanz! Diese Barbaren, gehen bloß zum Fressen aus!" En passant erfahre ich, dass es in der Stadt mehrere Kulturzentren gibt, die mit oder ohne Anlass "Programmabende" veranstalten, eine Kreuzung zwischen Festschmaus und Disko für Erwachsene, wo man essen, trinken, rauchen, tanzen und Karaoke singen kann. Und zurück zu Hause tauscht man sich genüsslich aus:

"Und? Pandalewskij, wie findest du die Neue von Sergej? Komisch, nicht wahr?"

"Ja, mein Schatz, sie ist ein Hering", antwortet Pandalewskij und sieht mit vor Lust verbutterem Blick an Elvira herab. Die frisch gebadete Elvira liegt im leichten Kimono lässig in einem tiefen Sessel, einen Handtuchturban auf dem Kopf. Sie streckt ihren Fuß aus und kitzelt den vor ihr stehenden Pandalewskij unter der Gürtellinie. Pandalewskij und sie führen ein reges Sexualleben, sinnlich und exzessiv, wie Elvira mich wissen lässt. Die Liebe sei das Wichtigste im Leben, sagt sie. "Sie hält mich über Wasser. Ich bin unsinkbar. Wie die Titanik." Sie dreht meinen Kopf nach links und nach rechts und verkündet stolz: "Fertig! Sag´ nicht, dass es dir nicht gefällt! Du siehst prima aus!"

Ich gefalle mir.

In zwei Stunden sind wir alle geschoren. Elvira hat sich selbst übertroffen. Wir überschütten sie mit Komplimenten, was ihr sichtlich gut tut. Als sie aus dem Haus sind und ich aus dem Fenster sehe, sitzt Pandalewskij schon angeschnallt auf dem Fahrersitz, Elvira zwängt ihren großen Körper ins Auto und fingert eine Zigarette aus einer Schachtel. Selbst der lange, füllige Plüschtausendfüßler, der auf dem Handschuhfach klebt, wirkt verfressen, frech, arrogant und trotzdem liebenswert. Wie Elvira. Die schöne, furchtlose Elvira, die majestätisch aus dem Autofenster winkt, als Pandalewskij Gas gibt und die beiden wieder heim in ihr Reich in Rosa und Eiche fährt.

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00:00 18.04.2008

Ausgabe 38/2020

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