Die Karstadtretter

Staatshilfen Die Diskussion um Staatshilfen für den Arcandor-Konzern wird auf Karstadt reduziert. Doch zu ihm gehören auch das Versandhaus Quelle und der Reiseanbieter Thomas Cook

„Helfen Sie uns doch bitte, Karstadt zu retten“ – für den 72-jährigen Wilhelm, der heute mit einer Unterschriftenliste bewaffnet durch die Goslarer Altstadt läuft, ist das Warenhaus, dessen Mutterkonzern Arcandor sich in akuter Schieflage befindet, ein Stück seines Lebens. „Ohne Karstadt wäre doch die gesamte Innenstadt tot – und wo sollen wir älteren Leute denn sonst einkaufen? Ein Auto haben doch die wenigsten von uns“. Wilhelm ist Mitglied der örtlichen Seniorenvertretung. Zusammen mit den Ortsverbänden der Parteien und lokalen Unternehmen wollen die Freiwilligen der Goslarer Karstadt-Filiale helfen, 10.000 Unterschriften für Staatshilfen zu sammeln – bundesweit sollen es eine Million werden.

Für Kleinstädte wie Goslar ist Karstadt „systemrelevant“. Im letzten Jahr zog das Warenhaus, das demnächst seinen 80. Geburtstag feiern will, zwei Millionen Kunden in die Innenstadt und schrieb dabei sogar schwarze Zahlen. Sollte es schließen, würde dies nicht nur 150 Arbeitsplätze vor Ort vernichten, sondern eine negative Sogwirkung auf die gesamte Innenstadt haben. Das schleichende Sterben der Innenstädte ist vielerorts bereits Realität, doch mit den schönen neuen Einkaufswelten im Internet und auf der grünen Wiese kann sich nicht jeder anfreunden. Mit den Innenstädten stirbt auch ein Stück Kultur und für Rentner wie Wilhelm würde mit Karstadt ein Stück Lebensqualität sterben. Rechtfertigt dies aber Staatshilfen?

Durch Management-Versagen in die Krise

Die Diskussion um Staatshilfen für den Arcandor-Konzern wird in der Öffentlichkeit lediglich auf die Warenhaussparte Karstadt reduziert. Doch Arcandor ist weit mehr als nur Karstadt – zum Konzern gehören auch das Versandhaus Quelle und der Reiseanbieter Thomas Cook. Staatshilfen für einen Reiseanbieter lassen sich allerdings anscheinend nicht so gut kommunizieren. Obgleich der Konzern seit Jahren steigende operative Gewinne einfahren kann, haben vor allem Management-Fehler und eine hohe Schuldenlast dazu geführt, dass dem Konzern am 12. Juni die Insolvenz droht, wenn auslaufende Kredite nicht verlängert werden. Die Kreditgeber Royal Bank of Scotland, Commerzbank und BayernLB machen nach Angaben von Arcandor eine Verlängerung der Kreditlinien von Staatsbürgschaften über 650 Mio. Euro abhängig. Zusätzlich benötigt der Konzern noch einen Kredit der staatlichen KfW in Höhe von 200 Mio. Euro.

Für die akute Schieflage ist allerdings nicht die Finanzkrise verantwortlich. Die Sucht nach Größe wurde dem Konzern zum Verhängnis. Wie Management-Fehler den Konzern erst in die Krise brachten, lässt sich am Beispiel der Karstadt-Immobilien verdeutlichen. Gehörten die Häuser in bester City-Lage früher dem Konzern, so hat Arcandor sie mittlerweile an Finanzinvestoren verkauft. 350 Mio. Euro Miete müssen so Jahr für Jahr an das Highstreet-Konsortium überwiesen werden, hinter dem neben Goldman Sachs auch noch die Deutsche Bank und der italienische Pirelli-Konzern stehen. Der Verkaufserlös in Milliardenhöhe wurde vom Arcandor-Management bereits für andere Dinge ausgegeben – die hohen Mietkosten bleiben und belasten das Geschäftsergebnis.

Steuermillionen für Milliardäre?

Mit jeweils fast 30 Prozent sind Madeleine Schickedanz und die Privatbank Sal. Oppenheim, hinter der 40 Familienaktionäre stehen, die tonangebenden Eigentümer des Arcandor-Imperiums. Die Profiteure von Staatshilfen gehören somit nicht eben zu den Ärmsten des Landes. Sollte der Konzern Insolvenz anmelden müssen, so würden nicht automatisch alle Karstadt-Filialen die Pforten schließen. Im Falle einer Insolvenz würden sich allerdings die Eigentumsverhältnisse ändern. Schickedanz und Sal. Oppenheim würden ihre Anteile verlieren und die Gläubigerbanken wären die neuen Besitzer des Konzerns. Was letztendlich mit den Karstadt-Warenhäusern passieren würde, läge also in der Hand der Banken und es erscheint fraglich, ob diese ein im Kern profitables Unternehmen wirklich aufgeben würden.

Die Metro-Gruppe, der bereits der Warenhauskonzern Galeria Kaufhof gehört, hat sich bereits als potentieller Käufer von Karstadt ins Spiel gebracht. Offiziell spricht man dort zwar von einem Zusammenschluss, ob die insolvente Karstadt-Gruppe bei diesem Zusammenschluss aber irgendetwas zu sagen hätte, erscheint indes unwahrscheinlich. Die meisten Karstadt-Warenhäuser würden unter der Regie von Kaufhof sicherlich weitergeführt werden. Branchenexperten gehen davon aus, dass jedes fünfte Haus einer solchen Fusion zum Opfer fallen könnte. Weitaus problematischer erscheint eine solche „Deutsche Warenhaus AG“ allerdings aus kartellrechtlicher Sicht. Mit dem Verschwinden der Hertie-Warenhäuser hätte eine Kaufhof-Karstadt Allianz eine Monopolstellung im Warenhausbereich.

Es ist Wahlkampf!

Wäre der Arcandor-Konzern im letzten Jahr in eine aussichtlose Lage geraten, hätte er nicht auf Staatshilfen hoffen können. 2009 ist allerdings das Superwahljahr, und vor allem die beiden Volksparteien versuchen, sich gegenseitig als Superretter zu übertrumpfen. Während sich die Union nicht sonderlich für Staatshilfen bei Arcandor erwärmen kann, sieht die SPD eine Chance, sich als selbstloser Helfer in der Not zu profilieren. Arcandor hat mit über 70.000 Beschäftigten schließlich nicht nur mehr Mitarbeiter als Opel – der Konzern genießt vor allem dank der traditionsreichen Karstadt-Häuser auch eine gewisse Sympathie in der Bevölkerung.

Gute Banken, schlechte Banken

Die Eigentümer von Arcandor haben sich Medienberichten zufolge schon bereiterklärt, ihren Teil zur Rettung des Konzerns beizutragen. Mit der italienischen Mediobanca, die 40 Mio. Euro beisteuern will, ist sogar ein neuer Eigenkapitalgeber im Gespräch. Die Aktionäre rund um das Bankhaus Sal. Oppenheim würden sich nicht nur mit einer Kapitalerhöhung in Höhe von 100 Mio. Euro einbringen, sondern auch noch einen Kredit in Höhe von 70 Mio. für die Sanierung bereitstellen. Die Banker betonen zwar, dass diese Zusagen nicht an Staatshilfen gekoppelt seien, aber ein tragfähiges Konzept voraussetzen. Natürlich bedeutet dies implizit, dass ohne Garantien durch den Staat auch keine Eigenmittel der Besitzer fließen werden. So etwas könnte man mit Fug und Recht als Erpressung bezeichnen. Nur wenn der Steuerzahler sich bereit erklärt, die Risiken zu übernehmen, wollen die milliardenschweren Eigner ihren Teil zur Rettung ihres Eigentums beitragen.

Der Tod der Innenstädte ist einstweilen vertagt

All diese Abwägungen werden den Goslarer Rentner Wilhelm nicht sonderlich interessieren. Für ihn geht es darum, dass „sein Karstadt“ fortbesteht und dafür sammelt er Unterschriften. Egal wie die Regierung in Berlin entscheiden wird – die Chancen auf Fortbestand stehen an den meisten Karstadt-Standorten recht gut. Ob diese Häusern nun Sal. Oppenheim und Schickedanz, den Gläubigerbanken oder der Metro-Gruppe gehören, spielt dabei keine übergeordnete Rolle. Der größte Feind der Karstadt-Warenhäuser sind nicht die Einkaufzentren auf der grünen Wiese oder die Finanzkrise – der größte Feind ist das eigene Management, dessen Fehlleistungen den Konzern erst in diese prekäre Lage gebracht haben.
 

21:55 30.05.2009

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