Jens Berger
30.05.2009 | 21:55 32

Die Karstadtretter

Staatshilfen Die Diskussion um Staatshilfen für den Arcandor-Konzern wird auf Karstadt reduziert. Doch zu ihm gehören auch das Versandhaus Quelle und der Reiseanbieter Thomas Cook

„Helfen Sie uns doch bitte, Karstadt zu retten“ – für den 72-jährigen Wilhelm, der heute mit einer Unterschriftenliste bewaffnet durch die Goslarer Altstadt läuft, ist das Warenhaus, dessen Mutterkonzern Arcandor sich in akuter Schieflage befindet, ein Stück seines Lebens. „Ohne Karstadt wäre doch die gesamte Innenstadt tot – und wo sollen wir älteren Leute denn sonst einkaufen? Ein Auto haben doch die wenigsten von uns“. Wilhelm ist Mitglied der örtlichen Seniorenvertretung. Zusammen mit den Ortsverbänden der Parteien und lokalen Unternehmen wollen die Freiwilligen der Goslarer Karstadt-Filiale helfen, 10.000 Unterschriften für Staatshilfen zu sammeln – bundesweit sollen es eine Million werden.

Für Kleinstädte wie Goslar ist Karstadt „systemrelevant“. Im letzten Jahr zog das Warenhaus, das demnächst seinen 80. Geburtstag feiern will, zwei Millionen Kunden in die Innenstadt und schrieb dabei sogar schwarze Zahlen. Sollte es schließen, würde dies nicht nur 150 Arbeitsplätze vor Ort vernichten, sondern eine negative Sogwirkung auf die gesamte Innenstadt haben. Das schleichende Sterben der Innenstädte ist vielerorts bereits Realität, doch mit den schönen neuen Einkaufswelten im Internet und auf der grünen Wiese kann sich nicht jeder anfreunden. Mit den Innenstädten stirbt auch ein Stück Kultur und für Rentner wie Wilhelm würde mit Karstadt ein Stück Lebensqualität sterben. Rechtfertigt dies aber Staatshilfen?

Durch Management-Versagen in die Krise

Die Diskussion um Staatshilfen für den Arcandor-Konzern wird in der Öffentlichkeit lediglich auf die Warenhaussparte Karstadt reduziert. Doch Arcandor ist weit mehr als nur Karstadt – zum Konzern gehören auch das Versandhaus Quelle und der Reiseanbieter Thomas Cook. Staatshilfen für einen Reiseanbieter lassen sich allerdings anscheinend nicht so gut kommunizieren. Obgleich der Konzern seit Jahren steigende operative Gewinne einfahren kann, haben vor allem Management-Fehler und eine hohe Schuldenlast dazu geführt, dass dem Konzern am 12. Juni die Insolvenz droht, wenn auslaufende Kredite nicht verlängert werden. Die Kreditgeber Royal Bank of Scotland, Commerzbank und BayernLB machen nach Angaben von Arcandor eine Verlängerung der Kreditlinien von Staatsbürgschaften über 650 Mio. Euro abhängig. Zusätzlich benötigt der Konzern noch einen Kredit der staatlichen KfW in Höhe von 200 Mio. Euro.

Für die akute Schieflage ist allerdings nicht die Finanzkrise verantwortlich. Die Sucht nach Größe wurde dem Konzern zum Verhängnis. Wie Management-Fehler den Konzern erst in die Krise brachten, lässt sich am Beispiel der Karstadt-Immobilien verdeutlichen. Gehörten die Häuser in bester City-Lage früher dem Konzern, so hat Arcandor sie mittlerweile an Finanzinvestoren verkauft. 350 Mio. Euro Miete müssen so Jahr für Jahr an das Highstreet-Konsortium überwiesen werden, hinter dem neben Goldman Sachs auch noch die Deutsche Bank und der italienische Pirelli-Konzern stehen. Der Verkaufserlös in Milliardenhöhe wurde vom Arcandor-Management bereits für andere Dinge ausgegeben – die hohen Mietkosten bleiben und belasten das Geschäftsergebnis.

Steuermillionen für Milliardäre?

Mit jeweils fast 30 Prozent sind Madeleine Schickedanz und die Privatbank Sal. Oppenheim, hinter der 40 Familienaktionäre stehen, die tonangebenden Eigentümer des Arcandor-Imperiums. Die Profiteure von Staatshilfen gehören somit nicht eben zu den Ärmsten des Landes. Sollte der Konzern Insolvenz anmelden müssen, so würden nicht automatisch alle Karstadt-Filialen die Pforten schließen. Im Falle einer Insolvenz würden sich allerdings die Eigentumsverhältnisse ändern. Schickedanz und Sal. Oppenheim würden ihre Anteile verlieren und die Gläubigerbanken wären die neuen Besitzer des Konzerns. Was letztendlich mit den Karstadt-Warenhäusern passieren würde, läge also in der Hand der Banken und es erscheint fraglich, ob diese ein im Kern profitables Unternehmen wirklich aufgeben würden.

Die Metro-Gruppe, der bereits der Warenhauskonzern Galeria Kaufhof gehört, hat sich bereits als potentieller Käufer von Karstadt ins Spiel gebracht. Offiziell spricht man dort zwar von einem Zusammenschluss, ob die insolvente Karstadt-Gruppe bei diesem Zusammenschluss aber irgendetwas zu sagen hätte, erscheint indes unwahrscheinlich. Die meisten Karstadt-Warenhäuser würden unter der Regie von Kaufhof sicherlich weitergeführt werden. Branchenexperten gehen davon aus, dass jedes fünfte Haus einer solchen Fusion zum Opfer fallen könnte. Weitaus problematischer erscheint eine solche „Deutsche Warenhaus AG“ allerdings aus kartellrechtlicher Sicht. Mit dem Verschwinden der Hertie-Warenhäuser hätte eine Kaufhof-Karstadt Allianz eine Monopolstellung im Warenhausbereich.

Es ist Wahlkampf!

Wäre der Arcandor-Konzern im letzten Jahr in eine aussichtlose Lage geraten, hätte er nicht auf Staatshilfen hoffen können. 2009 ist allerdings das Superwahljahr, und vor allem die beiden Volksparteien versuchen, sich gegenseitig als Superretter zu übertrumpfen. Während sich die Union nicht sonderlich für Staatshilfen bei Arcandor erwärmen kann, sieht die SPD eine Chance, sich als selbstloser Helfer in der Not zu profilieren. Arcandor hat mit über 70.000 Beschäftigten schließlich nicht nur mehr Mitarbeiter als Opel – der Konzern genießt vor allem dank der traditionsreichen Karstadt-Häuser auch eine gewisse Sympathie in der Bevölkerung.

Gute Banken, schlechte Banken

Die Eigentümer von Arcandor haben sich Medienberichten zufolge schon bereiterklärt, ihren Teil zur Rettung des Konzerns beizutragen. Mit der italienischen Mediobanca, die 40 Mio. Euro beisteuern will, ist sogar ein neuer Eigenkapitalgeber im Gespräch. Die Aktionäre rund um das Bankhaus Sal. Oppenheim würden sich nicht nur mit einer Kapitalerhöhung in Höhe von 100 Mio. Euro einbringen, sondern auch noch einen Kredit in Höhe von 70 Mio. für die Sanierung bereitstellen. Die Banker betonen zwar, dass diese Zusagen nicht an Staatshilfen gekoppelt seien, aber ein tragfähiges Konzept voraussetzen. Natürlich bedeutet dies implizit, dass ohne Garantien durch den Staat auch keine Eigenmittel der Besitzer fließen werden. So etwas könnte man mit Fug und Recht als Erpressung bezeichnen. Nur wenn der Steuerzahler sich bereit erklärt, die Risiken zu übernehmen, wollen die milliardenschweren Eigner ihren Teil zur Rettung ihres Eigentums beitragen.

Der Tod der Innenstädte ist einstweilen vertagt

All diese Abwägungen werden den Goslarer Rentner Wilhelm nicht sonderlich interessieren. Für ihn geht es darum, dass „sein Karstadt“ fortbesteht und dafür sammelt er Unterschriften. Egal wie die Regierung in Berlin entscheiden wird – die Chancen auf Fortbestand stehen an den meisten Karstadt-Standorten recht gut. Ob diese Häusern nun Sal. Oppenheim und Schickedanz, den Gläubigerbanken oder der Metro-Gruppe gehören, spielt dabei keine übergeordnete Rolle. Der größte Feind der Karstadt-Warenhäuser sind nicht die Einkaufzentren auf der grünen Wiese oder die Finanzkrise – der größte Feind ist das eigene Management, dessen Fehlleistungen den Konzern erst in diese prekäre Lage gebracht haben.
 

Kommentare (32)

ebertus 31.05.2009 | 10:35

Nach dem Umbau/Neubau waren wir diese Woche erstmalig wieder im "neuen" Karstadt in Berlin-Steglitz, an der Schloßstraße. Die Frage nach dem hier angestrebten Geschäftsmodell, die Frage nach den zahlungsfähigen- und willigen Kunden stellt sich mir seit diesem Besuch; auch und gerade im Kontext neuester Rettungsbemühungen. Kaum wieder zu erkennen nach dem Umbau, gewisse vormittägliche Leere und weite, breite Wege. In manchen Bereichen nur relativ wenig substantielle Dinge zum Verkauf - immer verglichen mit dem "alten" Karstadt dort, mit der Fülle an Menschen und dem entsprechenden, wohl auch umgesetzten Verkaufsmaterial. Selbst die großzügige "Stinkeabteilung" war fast menschenleer, obwohl es neben gut situierten Damen von Welt doch auch die auf Markennamen angefixten Kiddies geben sollte.

Die Mehrzahl der Menschen wird, muss wohl zunehmend bei Kik, MäcGeiz, den 1-Euro Läden etc. kaufen. Ja, wir auch!!! Den geplanten, akkubetriebenen Bartschneider nahmen wir im Sonderverkauf bei Rossmann mit, im ebenfalls umgebauten "Forum-Steglitz" für 6,99 Euro. Der preiswerteste "Cutter" bei Karstadt sollte dort für 39,95 Euro über den Tisch gehen.

Und wenn das Geschäftsmodell nicht aufgeht? Schuld sind natürlich in erster Linie (oder wenigstens partiell) die Kunden. Kaufen überwiegend südostasiatische Kinderarbeit und horten das Geld aus den zunehmend prekären Jobs. Der Kaiser ist nackt, die bunten Glasperlen fallen drastisch auf der nach unten begrenzten Prioritätenskala. Den meisten bleibt - und das schon aus rein existentieller Sicht - kaum mehr als die Sicherstellung der Basisebene dieser wohl bekannten Maslow-Pyramide. Karstadt (Berlin-Steglitz) ist da und in sofern nicht kriegswichtig, nicht (neudeutsch) systemisch.

Spiegelfechter 31.05.2009 | 16:57

Hallo ebertus,

für Berlin mag das, was Du schreibst, sicher 100% stimmen. Man sollte das aber nicht verallgemeinern. In der Provinz gibt es (u.a. durch den höheren Altersdurchschnitt) auch ein höheres Kaufkraftvolumen und durch das sicher ebenfalls vorhandene geringere Interesse an Trends und Marken hat Karstadt hier eine treue Kundschaft.

Außerdem ist Karstadt mehr als nur ein "Klamottenladen". Vor allem in der Provinz gibt es bestimmte Artikel (z.B. Töpfe, Hüte, Kurzwaren oder Kissenbezüge) im Innenstadtbereich nun einmal nur bei Karstadt oder in sehr teuren Spezialläden. Die Provinz ist auch nicht Berlin - wenn ein Rentner hier in Einkaufszentrum will, gibt es keine U-Bahn oder S-Bahn. Diese neuen Einkaufszentren auf der grünen Wiese sind höchsten mit Bussen (im Stundentakt) zu erreichen und für Hin- und Rückfahrt sollte man schon mal eine ganze Stunde einplanen. So wird der Kauf eines Knopfes u.U. zu einem 4-Stunden-Job. Für Rentner und auch für sozial Schwache, die kein Auto haben, ist Karstadt hier in der Provinz sehr relevant.

Deutschland ist nicht nur Berlin ;-)

Streifzug 31.05.2009 | 18:40

Hallo Jens Berger (Spiegelfechter),

Früher gab es reichlich kleine Läden im Umkreis jedes Rentners. Warenhäuser sind der Grund für die Verödung der Innenstädte. Sie haben in der Vergangenheit Kleinteiligkeit und gewachsene Strukturen zerstört.

Die Tausenden kleinen Läden, die als Leichen ihren Weg pflastern, waren nie ein großes Thema. Jetzt wo es ihnen selber an den Kragen geht, ist das Gejammer groß und der Griff in die Tasche des Steuerzahlers wird dreist mit Systemrelevanz verschleiert.

Meines Erachtens wäre eine Pleite heilsam. Die Einkaufszentren auf der grünen Wiese sind die logische Fortentwicklung dieser pervertierten Entwicklung aber technisch auch schon bankrott. Keine Steuergelder für tote Strukturen. Es gibt genug lebendige Alternativen.

Spiegelfechter 31.05.2009 | 18:48

Hallo Streifzug,

ich glaube nicht, dass Einkaufzentren und Warenhäuser die Alleinschuld am Sterben der kleinen Geschäfte haben, obgleich sie sicher ihren Teil dazu beitragen. Ich halte vielmehr die schwindende Massenkaufkraft für den Hauptverantwortlichen. Ein kleines Geschäft kann natürlich nur über die Runden kommen, wenn es entweder sehr viel umsetzt oder eine hohe Umsatzmarge einfährt, was nur über höhere Preise geht. "Dank" der Lohn-, Sozial- und Rentenpolitik der letzen Jahre gibt es hier aber viel zu wenig potentielle Konsumenten, die diesen Umsatz reinbringen könnten.

Wie Du dem Artikel entnehmen kannst, bin ich ja selbst gegen Staatshilfen für Karstadt - ich halte das Konzept "Warenhaus" für Mittelzentren allerdings für wichtig und richtig. In Oberzentren und Großstädten mag dies anders sein.

Spiegelfechter 31.05.2009 | 20:25

@Streifzug

Natürlich geht das alles Hand in Hand. Wenn man sich die momentane Lage in Mittelzentren allerdings anschaut, so ist nun einmal mit einer "Zerschlagung der Struktur: Warenhaus" momentan nichts positives zu erreichen. Im Gegenteil - ohne einen solchen Magneten müssen andere kleinere Geschäfte sogar um ihr Überleben fürchten. Der Leerstand an Geschäftsimmobilien im Innenstadtbereich kleinerer Städte ist nun einmal leider Fakt. Zu denken, dies würde sich ändern, wenn die Warenhäuser verschwinden, ist falsch - im Gegenteil, die Lage würde sich sogar noch weiter verschlimmern. In der real existierenden Welt, mit ihren niedrigen Löhnen, der bescheidenen Kaufkraft und den Einkaufswelten im Internet und auf der grünen Wiese hat es die Innenstadt nun einmal schwer.

Streifzug 31.05.2009 | 20:29

Die Angaben stammen aus:
Wal-Mart ist billiger, aber um welchen Preis?
Von Serge Halimi, stellvertretender Chefredakteur von Le Monde diplomatique

veröffentlicht in:
Die Globalisierungsmacher
Konzerne, Netzwerker, Abgehängte
Edition LE MONDE diplomatique No. 2

Im Originalzitat befindet sich eine niedrigere Zahl. Weitere Recherchen führen zur höheren Zahl die aber nicht so belastbar ist.

Das Originalzitat:
"Die niedrigen Preise fallen ja nicht vom Himmel. Zum Teil erklären sie sichaus der Tatsache, dass die Durchschnittslöhne in allen Regionen mit starker Wal-Mart Präsenz um 2,5 bis 4,8 Prozent gesunken sind. Wo immer die Firma sich niederläßt, übt ihre bloße Anwesenheit einen Lohndruck aus. So schafft sie eine Umgebung von 'everyday low prices', aber damit erhöht sie zugleich die Zahl der Kunden, denen keine andere Wahl bleibt, als im 'preisgünstigen' Wal-Mart-Reich einzukaufen.

Denn im ungleichen Spiel zwischen Vertrieb und Subunternehmen sorgen die 'Marktkräfte' gleich in dreifacher Weise für ein Sinken der Reallöhne. Zum einen, weil der Konzern mit seinen Beschäftigten, euphemistisch 'Partner' genannt, wenig zimperlich umspringt. Zum anderen weil die meisten Mitbewerber entweder aus dem Spiel geworfen werden oder sich gezwungen sehen, das gleiche Sozialdumping zu praktizieren wie Wal-Mart. Und schließlich weil Wal-Mart faktisch seinen Zulieferen die Preise diktiert, Staaten inbegriffen."
Siehe hierzu auch den parlamentarischen Bericht von George Miller an das US-Repräsentantenhaus, 16. Februar 2004.

Ein weiteres Zitat aus dem gleichen Artikel:

In der Tat kann das Modell Wal-Mart nur reüssieren, wenn die Löhne für die 'Partner' um 20 bis 30 Prozent unter dem Niveau der Konkurrenz liegen und wenn das Unternehmen krasse Abstriche bei den Sozialleistungen macht, also bei Krankengeld und Pensionsfonds."

Ein letztes Zitat:

"Zum besseren Schutz vor möglicherweise 'unrealistischen' Gewerkschaften verfügt jeder Filialleiter über eine firmeneigene 'Werkzeugkiste'. Beim geringsten Anzeichen organisierter Unzufriedenheit greift er zum roten Telefon, und schon kommt aus der Firmenzentrale in Bentonville ein leitender Angestellter angeflogen. Es folgen einige Tage Volkserziehung nach Art des Hauses, um den 'Partnern' ihre teuflischen Versuchungen auszutreiben."

misterl 31.05.2009 | 22:04

Moin Jens.

Ja Berlin ist nicht Dutschland, wie Du in Deiner Antwort richtig formuliert hast. Aber die "Provinz" ist nicht erst nach Geschäftsschluss tot. Sie ist auf bereits vorher.

Schuld daran sind neben Geschäftsmodell, Internet, fehlender Kaufkraft und Discounter auch etwas anderes. Das große Sterben des Einzelhandels generell in der "Provinz".

Man kann es der Kaufkraft, den Öffnungszeiten, den neuen Zentren oder den Stadtentwicklern anlasten. Wo in der "Provinz" der Resteinzelhandel um 18:00 Uhr spätestens in der Innenstandt die Läden dicht macht ist nur noch eins offen: das Warenhaus! Und das hat kaum potentielle Kunden. Egal ob für Kochtöpfe, Rucksäcke oder Mieder. In der "Provinz" meinen zudem Vermieter, das man gleich wie leer die Einkaufsgassen und Strassen sind, dass man mit einem nicht runter gehen muss: dem Mietzins. Lieber Leerstand als zu billig vermieten. Könnte ja eine Kettenreaktion auslösen. Die "Provinz" zieht als letztes angemerkt auch immer mehr immer gleicher aus. Überall die selben Markenkettenläden mit gleichem Erscheinungsbild, gleichem Angebot, ähnlicher Kundschaft.

Geschäftsmodell? Das ist zu einfach. Die Problematiken der "Innenstädte" sind komplexer und nicht selten liegt es auch an den Stadtentwicklern. Eine kleine Andekote dazu. Es gab in einer rheinischen "Provinz"stadt ein jährliches Stadtfest. Zu diesem waren auch Winzer anderer deutscher Provinzen eingeladen, um das Fest aufzuhübschen. Mit der Zeit entwickelten sich ein 2, 3 Weinläden um einen neu sanierten Platz. Diese waren wohl über die Konkurrenz aus der fernen Pfalz angesäuert und wollten lieber "ihren" Wein aus Spanien, Italien oder Frankreich verkaufen (übrigens einer davon ein Kettenladen). Da man seine Freunde aus den fernen Provinzen (Pfalz) aber nicht so offen ausladen wollte, gab man ihnen zunächst ganz schlechte Standplätze und dann wurden diese teurer. Heute kommen diese Feunde gar nicht mehr, weil es sich nicht rechnet und um 18 Uhr ist das Fest zu ende, weil dann die Weinläden schliessen.

Warum diese Annekdote aus der "Provinz"? Zum vermeintlich oder real auslaufenden Geschäftsmodell gehören auch Stadtentwickler, Vermieter und Vielfalt. All das verbunden mit je nach Region "falscher" Kaufkraft zum Angebot macht das Thema aus.

Übrigens: in der Hauptgasse dieser "Provinz"stadt waren zu "Topzeiten" auf einem Kilometer um die 10 Bäcker (davon Minimum 4 mal Kamps) und 5 oder 6 Telefonläden und kein Herrenausstatter. Es dürfte niemanden wundern, dass Hauptgassen diese Art keinen besondern Reiz versprühen. Wie also soll das Warenhaus an Kundschaft kommen?

ebertus 31.05.2009 | 22:47

"Lieber Leerstand als zu billig vermieten."

Bin zwar kein Fachmann für die steuerliche Relevanz von unvermieteten Gewerbeimmobilien, aber da ist was dran! "Verluste aus Vermietung und Verpachtung" ist sicher eine "Haben"-Position in der Steuererklärung potentieller Vermieter. So zahlen "wir" doch alle mit, für diese Verluste, ähnlich der 1%-Regelung bei Dienstfahrzeugen - die meinen Bäckermeister in die glückliche Lage versetzt, mit dem BMW-X5 statt dem Opel-Combo in die Metro und noch "sonstwohin" fahren zu können.

Bildungswirt 31.05.2009 | 23:15

Lieber Jens Berger,
guter Artikel mit Hintergrundausleuchtung bis zu Schickedanz Co.

Es bleibt das alte Lied: Die Verluste werden sozialisiert, die Gewinne privatisiert.Die Tendenz zur weiteren Konzentration, zur Oligopolbildung ist nicht zu stoppen. Auch bei steigender Massenkaufkraft (zurzeit mehr Wunsch als Wirklichkeit)geht das Sterben der kleinen Läden weiter. Die Grundfehler wurden vor allem in den Großstädten (Innenstadtbereiche) schon in den 50er und 60er Jahren gemacht. Wer den nicht mehrbaren Grund und Boden dem freien Markt überläßt, muss sich nicht wundern, wenn später astronomische Mieten verlangt werden.
Prognose im Wahljahr 2009: Dem Arcandor-Konzern wird per Staatspulle (weitere Neuverschuldung) unter die Arme gegriffen, deutlich mehr als jetzt im Zahlenspiel angenommen, wird über die Eurorutsche rüberwachsen."Rentner Wilhelm" kann kurzfrisitig aufatmen.

Eins noch: "Nur wenn der Steuerzahler sich bereit erklärt, die Risiken zu übernehmen, wollen die milliardenschweren Eigner ihren Teil zur Rettung ihres Eigentums beitragen." Könntest du diese Fata Morgana nicht streichen?
Der "Steuerzahler" erklärt sich weder bereit noch wird er gefragt. Das entscheidet allein die politisch-ökonomische Elite im Rahmen ihrer strategischen Kalküle.
Freundliche Grüße vom Bildungswirt

Spiegelfechter 01.06.2009 | 12:24

Hallo merdeister,

dagegen sprechen zwei Umstände:

- die Mieten in Innenstädten sind so hoch, dass man dort bei normalen Warenpreisen nur über die Runde kommt, wenn man sehr viel umsetzt. Dafür ist aber die Konkurrenz von der grünen Wiese zu groß. Wer automobil ist, fährt dort für seinen Wocheneinkauf hin (keine Parkgebühren wie in der Innenstadt). Allenfalls kleinere Dinge, besondere Dinge und Waren, werden von den meisten Konsumenten in der Innenstadt gekauft. Diese Umsatzmenge reicht aber oft nicht, um die Miete zu zahlen - geschweige denn Angestellte.

- wenn die Warenhäuser weg sind, werden die Innenstädte für lange Zeit noch weniger Besucher haben. In einem solchen Umfeld ein Geschäft aufzumachen, wäre "mutig".

merdeister 01.06.2009 | 12:44

Ich hatte auch mehr an die Wohngebiete gedacht. So etwas wie die Rückkehr der Krämer-Läden.
Wieso bleiben denn die Mieten in den Innenstädten hoch, wenn keiner mehr hingeht?
Wie lange haben die Menschen noch das Geld mit dem Auto auf die grüne Wiese zu fahren?
Es hört sich ja fast so an, als wäre die jetzige Situation unumkehrbar.
Bei mir unten im Haus gibt es einen kleinen Laden, da bekommt man Lebensmittel und ein wenig "Kram", der ist etwas teurer als ein Supermarkt, scheint aber ganz gut zu laufen.
Bei diesen Telefonläden in den Innenstädten (und den ganzen Friseuren) denke ich immer an Geldwäsche, weil da nie jemand drin sitzt...

I.D.A. Liszt 01.06.2009 | 17:31

Insgesamt erscheint es, als wären wir am Ende des Weges angekommen, eines Weges, der 'Kapitalismus' heißt.

Natürlich wußten wir theoretisch immer, daß der Kapitalismus nur überleben kann, wenn er Monopole bildet. Konzentration ist eine andere Form des Monopols, und an der Konzentration leiden aktuell nicht nur die Warenhäuser (siehe Automobilindustrie). Die Finanzkride ist möglicherweise nicht die Ursache für das Ende vonKarstadt, aber sie macht es sichtbar.

Wenn wir tatsächlich das Ende des Weges ereicht haben, können wir beispielweise umkehren. Das dürfte aber fast unmöglich sein. Oder wir suchen nach einem Pfad, der uns weiterführt. Das dürfte sehr schwierig werden.

Natürlich sind die Innenstädte verödet, in dem Sinne, daß dort eine Monokultur von Geschäftsketen vorherrscht.
Natürlich sind die Wohnviertel verödet, weil dort fast keine kleinen Läden mehr existieren.
Natürlich nimmt die Konzentration auf der grünen Wiese zu, und natürlich verfahren wir Benzin und Lebenszeit, wenn wir zum Einkaufen dorthin müssen.

Natürlich sind daran die Stadtplaner schuld, denn die wohnen nicht in einem typischen städtischen Wohngebiet und gehen in der Innenstadt einkaufen. Sie wohnen am Stadtrand im Grünen und kennen die Stadt, die sie verplanen, nur aus der Perspektive des Autofahrers, der auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause, oder zum Einkaufszentrum auf der grünen Wiese ist.

Die Lösung? Vielleicht Zellenstruktur, kleine, autonome Einheiten, die sich überall befinden, z.B. als Geshäfte für Lebensmittel und andere Dinge der Daseinsvorsorge.

Bildungswirt 02.06.2009 | 11:08

Lieber Liszt,
"Insgesamt erscheint es, als wären wir am Ende des Weges angekommen, eines Weges, der 'Kapitalismus' heißt."
Die Täuschungen sind vielfältig, manchmal sieht man den nächsten Hügel und meint den Himmalaya überwinden zu können. Aber es geht einfach weiter und weiter, Rhizom wuchert. Die Frage ist, wie wir selbst aktiv Rhizom gestalten können (nicht einfach Umkehr), dann sehe ich Anschlussmöglichkeiten an das, was du "Zellstrukturen" nennst.Primat des Politischen meint vornehmlich nicht die Berliner Politshowbühne.
Gruß BW

misterl 02.06.2009 | 11:47

Lieber Liszt.

Eine "autonome Einheit" wäre aber immer noch ein Laden als wirtschaftlich arbeitenddes Geschäft?

Der Punkt wäre dann, so etwas läßt sich in einer sich dynamisch selbst entwickelnden Marktwirtschaft nicht vorschreiben. Schon gar nicht pauschal für alle Wohngegenden in der Stadt. Es passiert und wird angenommen oder eben nicht. Die Wahrscheinlichkeit spricht tendentiell für ein "eben nicht".

Es geht um Einkaufsbediengungen für kleine Läden, Preise, Lagerraum, Warensortiment, etcpp. Nicht gerade wenig, um gegen die Gewohnheiten der Menschen ein Angebot aufzubauen, welches wahrscheinlich konkurrenzlos begrenzt ist. Als Privatmensch würde ich jedem, der mir dieses Risiko empfiehlt als Geschäftsmensch zu übernehmen den Vorschlag unterbreiten es selber zu tun.

Falls nicht - ich vermute um den Niedergang Karstadts herum wird es wohl kaum eine Systemdebatte geben. ;-)

~~~

Um was bei einer "Rettung von Karstadt", also verlängert Rettung der Innenstädte gehen muss ist die Entwicklung diverser Konzepte, um die Innenstädte zu retten. Ob mit Karstadt als Teil von Arcandor oder als Bestandteil eine Warenhaus AG unter dem Dach der Metro Gruppe ist an sich unerheblich - jeder für sich hat in "meiner" Provinzstadt ein sehr vergleichbares Problem. Das Warenhaus in der Provinzstadt überlebt nur mit einer lebendigen Innenstadt. Möglicherweise überlebt es auch trotz einer lebendigen Innenstadt einer Provinzstadt nicht.

Das erste Ziel wäre die Rettung der Innenstädte. Ohne Konzept dafür ist jeder Rettungsversuch an sich absurd und liegt nicht in der Verantwortung des Bundes. Wir sind ja kein zentral organisierter Staat. Die Kommunen sind also gefragt. Der Bund wäre dort gefragt, wo es darum geht steuerliche Anreize für Leerstand zu unterbinden, wenn man an sich vermieten könnte (bloss preiswerter).

Ob am Ende Platz bleibt für ein Karstadt und/oder ein Kaufhof mit einem angepaßten Angebot, wird der Markt der jeweiligen Provinzstadt richten. Das entscheiden am Ende die Kunden selber, so sie also solches in Erscheinung treten können (-> Kaufkraft und Binnenmarkt).

LG
misterL

PS Warum kann man seine Kommentare hier nicht editieren?

I.D.A. Liszt 02.06.2009 | 17:37

@ Bildungswirt:
Ich bin der Ansicht, dass Kapitalismus und Marktwirtschaft nicht ein und dasselbe sind.
Es wäre m.E. durchaud vorstellbar, eine sozialistische MArktwirtschaft z haben.

@ misterL:
Möglicherweise ergibt sich eine Lösung aller Probleme von selbst, wenn wir den Punkt erreicht haben, da uns unser System der zunehmenden Konzentration um die Ohren fliegt, d.h. wenn wir es uns einfach nicht mehr leisten können, in die Shopping-Mall auf der grünen Wiese zum Einkaufen zu fahren.
Die Shoppung-Malls würden zwangläufig veröden, und die Geshäfte müßten wieder näher an die Menschen heranziehen.

Ich weiß: Das ist frommes Wunschdenken. Aber ich bin trotzig und wünsche mir das so.

josse 02.06.2009 | 19:03

"Die Arcandor AG ist das gemeinsame Dach dreier starker Säulen: Thomas Cook, Primondo und Karstadt".
So steht es wortwörtlich auf der Webside der Arcandor AG.
Wenn also die Teilfirma Karstadt in Schwierigkeiten geraten ist, dann käme es doch immerhin in Betracht, die Gewinne der anderen Unternehmensteile wie Primondo (Homeshopping, Quelle) und insbesondere von Thomas Cook heranzuziehen, ehe man als Aktiengesellschaft bei Mutter Merkel/Vater Staat betteln geht.
Wenn es den Kapitaleignern ihr eigenes Geld nicht wert ist, eine der drei "starken" Säulen zu stützen - warum soll es der Steuerzahler richten, der in diesem Unternehmen ohnehin nur als Zahlender gern gesehen ist?!

Spiegelfechter 02.06.2009 | 21:44

Hallo Josse,

auf den Hochglanzprospekten von Arcandor steht viel. Da steht auch so einiges über den dollen Profit, den der Konzern angeblich erwirtschaftet. Und die Jungs scheinen das sogar zu glauben - anders lassen sich die Millionenprämien für Middelhoff und Co wohl nicht erklären. Das Problem ist aber, dass diese Zahlen "justiert" sind - glauben sollte man ihnen nicht. Die drei starken Säulen scheinen ähnlich "justiert" zu sein, und bestehen wahrscheinlich eigentlich nur aus Pappmasché.

Spiegelfechter 02.06.2009 | 21:50

@Liszt

Aber diese Entwicklung haben wir doch schon oder denkst Du, die tollen Einkaufsparadiese würden von Niedriglohnempfängern, armen Rentern oder Hartzies aufgesucht? Für diese Klientel gibt es ja die Discounter, die sich überall niederlassen.

Die Shoppingcenter auf der "grünen Wiese" werden allerdings noch lange existieren, da die Zielgruppe nicht wirklich vom Abschwung betroffen ist. Sollte es doch so weit kommen, dann müssen dort halt Kosten gespart, also Löhne gesenkt werden. Kann die Kassierin auf der "grünen Wiese" eigentlich noch in ihrem eigenen Markt einkaufen, oder geht sie zum Discounter?

misterl 03.06.2009 | 10:17

@SF

Unterhalb von 400 Euro-Jobs lassen sich kaum Arbeitskosten einsparen - auch nicht in den Shopping-Center auf der "grünen Wiese". Wäre zu Hinterfragen wie die Verteilung in solchen Centren ist bei den Beschäftigten. Einzelhandelsfachkraft in Vollzeit, in Teilzeit oder als 400 Euro-Job.

Die Kassiererin wird nach und nach ersetzt. Durch Kunden, die sich ihren Bon selber scannen ohne dadurch einen Boni zu bekommen für den Selfservice. ;-)

Auch das ist bereits Realität.