Die Kaufleute des Todes

Krieg in Gaza Der Einmarsch in den Gazastreifen werde „ein für alle Mal“ dem Töten ein Ende setzen, erklärt Israels Verteidigungsminister Barak. Eine Antwort von Gadi Algazi

Eine neue Runde des Tötens hat begonnen, ohne Pomp und Fanfaren, dafür mit einer ganzen Meute von stolzen Leichenzählern. „Das Verhältnis ist immer noch positiv, die Toten auf ihrer Seite überwiegen“, versichern uns die Kommentatoren. Das israelische Fernsehen rät gar, wir sollten uns die schrecklichen Bilder auf dem Kanal Al-Jazeera nicht ansehen. Wir sollen uns den Anblick der Verwundeten, der Eltern und Kinder, ersparen. Juden brauchen kein Mitgefühl für Araber aufzubringen. Sie sollen nicht an das Leiden denken und nicht an die Zukunft. Der „letzte Schlag“ wird den nächsten Gegenschlag nach sich ziehen.

Alle sagen: Nicht an die Vergangenheit denken

Von der Kadima- bis zur Arbeitspartei, von Ehud Olmert bis zu Ehud Barack – alle raten sie uns, nicht an die Vergangenheit zu denken. Uns nicht daran zu erinnern, was die Bombardierungen im Zweiten Libanonkrieg (Juli 2006, Premierminister: Ehud Olmert) oder die „Operation Verantwortlichkeit“ von 1993 (Stabschef: Ehud Barak) oder die Operation „Früchte des Zorns“ im Jahr 1996 (Außenminister: Ehud Barack) bewirkten. Das alles waren „angemessene Reaktionen“, die „ein für alle Mal“ dem Töten ein Ende setzen sollten, aber immer nur zur nächsten Runde des Tötens geführt haben.

Es war absehbar, was kommen würde. Der monatelange Waffenstillstand hob die Belagerung des Gaza-Streifens nicht auf. Er konnte nicht verhindern, dass es Kindern an Lebensmitteln, Stiften und Büchern und Familien an Medikamenten, Treibstoff und Elektrizität mangelt. Diejenigen, welche die Einwohner des Gazastreifens gepeinigt haben, um „Druck auf ihre Führung“ auszuüben, haben sich des Staatsterrorismus gegen Zivilisten schuldig gemacht. Die monatelange Blockade des Gazastreifens hat lediglich dazu geführt, dass dort die Verzweiflung keine Grenzen mehr kannte und diejenigen bestärkt wurden, die sich Erlösung nur von Waffengewalt versprechen. Sie haben für die Verbreitung der Ansicht gesorgt, die einzige Art, mit dem Terror zu leben, sei die Anwendung von Gegen-Terror. Sie haben damit das Leiden der Israelis in Sderot erhöht und den Kreis der direkt Bedrohten um die Bewohner von Ashkelon, Netivot und und anderen Städten erweitert.

Bombardierungen im Gaza-Streifen werdenSderot, Netivot und Ashkelon keinen Frieden bringen

Selbst jetzt, da überall der Schrei nach Rache zu vernehmen ist, muss gesagt werden: Die Flugzeuge, die Gaza bombardieren, und die Panzer, die es beschießen, können den Bewohnern von Sderot, Netivot und Ashkelon keinen Frieden garantieren. Diese Bomben, die überall, wo sie einschlagen, Tod und Schrecken verbreiten, werden keinen Frieden bringen. Ganz im Gegenteil: Die Armen und Ausgegrenzten dieses Landes, die hungrigen Bewohner Gazas und der israelischen Peripherie, die gegen ihren Willen zum „Sicherheitspuffer“ der Besatzung gemacht wurden – sie alle, Araber und Juden gleichermaßen – werden von skrupellosen Politikern als Geiseln gehalten, die nicht daran denken, ihr Leben zu schonen.

Diese Politiker instrumentalisieren das Leid der Zivilbevölkerung und rechtfertigen damit das Leid und den Tod, die sie über andere bringen. Nach dem Töten wird es zu „indirekten Gesprächen“ kommen und zynische Politiker werden „Übereinkünfte“ erzielen. Weder bindende Vereinbarungen noch wirkliche Lösungen, nur zeitweilige Übereinkünfte zur Vorbereitung des nächsten Waffengangs. Übereinkünfte, die es den Militanten ermöglichen, die Situation zu jedem beliebigen Zeitpunkt wieder eskalieren zu lassen. Solange wir in der Geiselhaft solcher Sicherheitsverwalter bleiben, werden wir nicht in Frieden leben und uns kein anderes Leben, frei von permanenter Bedrohung, vorstellen können.

Geiseln der Politiker des Todes
Die zwei Völker, die unser Land bewohnen, sind Geiseln der Politiker des Todes. Aber nicht alle werden unter den gleichen Bedingungen in Geiselhaft gehalten. Das Leben eines Arabers wird im Vergleich zum Leben eines Juden als sehr gering geachtet, aber es gibt auch jüdische Leben, die wenig wert zu sein scheinen. Es ist kein Zufall, dass die Armen beider Völker, dass diejenigen, die aus Sicht der Herrschenden weniger wert sind, für gewöhnlich auch diejenigen sind, die als Geiseln und Kanonenfutter herhalten müssen. Während der Krieg der Politiker der zynische Krieg der Kaufleute des Todes und der Eliten des Kapitals ist, sind es die beiden Völker, die den Kampf untereinander austragen müssen.

Der Autor ist ein langjähriger Friedensaktivist und Mitglied der arabisch-israelischen Bewegung Hit`chabrut-Tarabut (www.tarabut.info) sowie der Tel Aviver Kampagne gegen das Blutvergießen.

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14:00 06.01.2009

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