Die Kinder der Revolution fressen alles

Klassik-Sehnsucht Beim Internationalen Tanzfest in Berlin verraten aber nicht alle dafür ihre Ideale

Es war die siebzehnte Ausgabe von Tanz im August und alles schien schon mal dagewesen - Installationen, Aktionen, Impros, Dia- und Monologe, "reiner" und "ethnischer" Tanz, die Flamen, Franzosen, Kanadier, sakral, profan, intellektuell, politisch, nackig, draußen und beliebig kombiniert. Es ist Deutschlands größtes Multiple-Choice-Festival mit und ohne Spitze. Jedes Jahr ein neuer Mix aus bewegten 3D-Bildern. Und die stets drängendere Herausforderung: wie auftrumpfen?

Die Kuratoren erdachten die Vierte Dimension. Es sollte, nach Jahren fruchtlosen Beschleichens, zwischen Ballett- und Zeitgenossen zur Vereinigung kommen. Denn was entsteht, wenn Vergangenheit und Zukunft unter einer Decke stecken? Nun, eben: Gegenwart. Die Idee "4D" war geboren: Klassik-Kommentare von Jerôme Bel (Véronique Doisneau, 2004), Xavier Le Roy (Giszelle, 2001) und William Forsythe (The The, 1995) mit Sahnehäubchen vom Staatsballettchef. Psst, Überraschungssolo! Mit Ankündigungen ist das so eine Sache. Sie wecken unsere Erwartungen. Sind wir deshalb reaktionär?

Selbstprüfung: Im HAU 2 wird Ich sehe was, was du nicht siehst gespielt. Wir kriegen Taschenlampen statt Bühnenbeleuchtung und Saallicht. Das Stück heißt Ohne Titel, Xavier Le Roy verheimlicht seine Autorschaft. Wenn ihn das uninteressant machen sollte, hat´s nicht geklappt. Auf der Bühne amöbenhafte Menschenschemen, unbewegt. Der Rest ist Ahnung, bis der Rauch kommt. Daraus macht das Publikum schöne Scheinwerfereffekte, dann wird gekichert, das Licht geht an, ein Kapuzenmann zieht an den Strippen einer Puppe ohne Gesicht. Wer sind die Deppen? Die Leute, die inzwischen gegangen sind, angeleuchtet von allen anderen. Durchgefallen. Nachsitzen bei The Application ebenda. Wieder kein Tanz, dafür ein paar Frustrierte mehr. "Ich bin ja nicht hier, um Ihre Erwartungen zu erfüllen", entgegnet Juan Domínguez. Der Choreograf und Performer ist charmant. Außerdem ernsthaft besorgt, als unhöflich missverstanden zu werden. Er geht dem skeptischen Zuschauer entgegen und weicht dann doch aus. Im Abschmettern grundsätzlicher Fragen geübt. Dass der Mann mit dem gepflegten Tanzbegriff nämlich nur anders - sprich: besser - hinsehen müsse, dann würde er schon merken, wo der Tanz ist, ist eine Tautologie. Domínguez ist Teil einer Clique, die leichthin argumentiert, wer ihre Art zu arbeiten nicht nachvollziehe, dem fehle der gute Wille (oder Schlimmeres). Klingt auch frustriert und enttäuscht mich (Vorsicht: Erwartungsdruck!) als alten Fan. Ich sehe großflächig platt gewalzte Ideen, zunehmend epigonal und selbstreferentiell, obendrein offenbar kritikscheu. Ein einziger folgt Domínguez´ Aufforderung zum Diskutieren und wird funktionalisiert. Die Szene mit der jungen Frau, die dem Alten an den Kopf wirft, seine Ansichten seien überholt, war schon vorbereitet. Fragende Gesichter gibt´s viele, warum aber kommt von den Jungen kein Mucks? Die Kinder der Revolution fressen alles.

Augen öffnen, (Wahrnehmungs-) Verhältnisse debattieren war gestern. Künstler, die einst mit dem Anspruch antraten, ihr Publikum gedanklich zu beteiligen, den neoliberalen Ausschlusssystemen eine Art Basisdemokratie des freien, kritischen Austauschs über die Bühnengrenze entgegenzusetzen, sind zu Kult-Funktionären verknöchert. Gurus und Anhänger, die Jargonparties veranstalten. Über deren Intertext-Witze nur noch der Freundeskreis lacht. Denn wer sich in ihre Shows verirrt, dem fehlt der Code. Ob sie das beunruhigt? Kaum, denn erstens findet alles auf Englisch statt. Das sowieso nicht jeder versteht. Zweitens hat die Konzept-Szene inzwischen gute Abwehrreflexe ausgebildet. Sie führt Selbstgespräche. Die, hat Xavier Le Roy vor Jahren gesagt, könne er in seiner Küche führen. Zeit, darüber nachzudenken. Oder aber, man macht die Fenster wieder auf, lässt Frischluft rein und ein paar unverbildete Zuschauer.

Zurück in die Staatsoper zu Malakhovs Überraschungssolo. Er werde "aber anwesend" sein, wird mir versichert, als ich zufällig vorher anrufe. Was mir, so nebulös, wie ein Affront erscheint, den ich patzig pariere: "Seinetwegen komme ich sowieso nicht." Die anderen schon. Und so sitzen an jenem denkwürdigen Abend, als wieder ein Traum zerplatzt, vor allem Malakhov-Fans Unter den Linden. Es geht nicht los. Ich weiß ja warum. Eine halbe Stunde später erscheint er. Mit dünnem Stimmchen erwähnt er seinen Blinddarm, vor vier Wochen operiert. Wir werden das verstehen, schönen Abend, und duckt sich hinter den Vorhang zurück.

Sein Solo entfällt ersatzlos. (Verdrängungsangst? Verachtung? Oder selbst eine concept performance, in der sich das Ballett zum Verschwinden bringt, ganz "ohne Titel"?) Aus "4D", dem Hochzeitsabend aus Klassik und Konzept wird "3D". Das Festival ist blamiert. Das zahlende Publikum entrüstet sich. Für die postmoderne Posen-Giszelle erwärmt es sich nicht, weil ihm dezidiert niemand vermitteln will, was es sieht. Die Viertelstunde Gliederknoten von The The steigern, mangels Zusammenhang, das Verständnis kaum. Und auffangen muss das Véronique Doisneau. Zum Glück. Denn wenngleich sie an der Pariser Oper nur Halbsolistin ist und mit 41 kurz vor der Pension steht: An Persönlichkeit bringt sie mehr auf die Bretter als "einer der besten Tänzer seiner Generation", und sie hat Interesse an der Kommunikation. Jérôme Bel, ihr Choreograf, widmet ihr sowie allen unbekannten Ballerinen diese Hommage, weil sie in den bewegendsten Momenten des Balletts als "menschliches Dekorstück" herhalten müssen. Welche Verschwendung! Doisneau, grazil und ruhig, aber nicht kleinlaut, erzählt von sich - Alter, Familienstand, Platz in der Hierarchie der Compagnie -, ihren Wünschen und tanzt. Petipa hat sie gern getanzt, Béjart nicht. Giselle wäre sie gern gewesen. Aber in ihrer Position wird still gestanden, wenn die Musik am schönsten ist. Dann kommen die Solisten. Beispiel Schwanensee. Erst zart, heftiger dann und schließlich singen die Geigen in lyrischer Emphase. Doisneau macht Arabesquen an den Rand, wo sie erstarrt. Die Hände demütig gekreuzt wie zur Festnahme. Bestechende Demonstration. Véronique Doisneau stellt Gerechtigkeit her. Feinfühlig, mit adäquaten Mitteln, jenen der Tänzerin selbst. Sie denkt, fühlt und arbeitet nicht wie das entmündigte Wesen, zu dem sie die Struktur ihres Arbeitsplatzes degradiert. Bels Konzept, so simpel, ist klug und ergreifend. Es gibt noch Idealisten.

Sprung ins Podewil zu Pfuuff ou le bout de la langue. Gaetan Bulourde meint entweder "die Zungenspitze" oder "das Ende der Sprache". Auf alle Fälle entfesselt er ein ohrenbetäubendes Gelärm im praktisch leeren, weißen Tanzstudio unterm Dach. Die Hitze hier ist auch nicht von Pappe. Kunst soll wehtun. Als er mit dem Schreien fertig ist, blättert er in farbigem Papier, wirft es nach Textanweisung in den Raum. Anschließend beginnt er zu dozieren - über Wärmeschichten. Französisch. Allerdings mit konsekutiver Simultanübersetzung. Respekt. Und danke für den Fisch. Nein, ehrlich, Pfuuff ist eindeutig und einschließlich seines völlig unzusammenhängenden Pressetextes eine furiose Persiflage. Ein Aufbäumen gegen manchen berühmten Kollegen und seine hermetischen Werke. Bissiger geht´s nicht. Aber das, leider, haben wahrscheinlich nur die Eingeweihten kapiert. Der Rest vom Tanz im August war übrigens auch ohne Konzept schön.


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