Die Kinder von Teheran

Antisemitismus Der Politologe Matthias Küntzel will im Islamismus partout die Fratze der Nazis erkennen

Die „sichtbare Gegenwart der deutsch-iranischen Beziehungen wird durch deren unsichtbare Vergangenheit geprägt“, schreibt der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel in seinem jüngsten Buch Die Deutschen und der Iran. Einen Vorteil hat das Buch. Man weiß sofort, worauf sein Autor hinauswill. Denn der Untertitel dieses 300-seitigen Buches, das voller Zahlen, Belege und Beispiele ist, zeigt unmissverständlich seine kritische Sicht: Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft.

Küntzels Recherche über die bilaterale Zusammenarbeit zwischen Iran und Deutschland seit 1979 stützt sich auf die Unterlagen der Archive des Auswärtigen Amts, die bis dato keinem Forscher zur Verfügung gestellt worden sind. Er zitiert aus ihnen. Vielleicht verschaffte ihm seine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundestagsfraktion der Grünen (1984-1988) das Privileg des Einblicks in die noch „geheimen“ Beweise.

Zudem bezieht er sich auf persische Quellen im Original, deren Herkunft er zum Teil nicht preisgibt. Die reichlich verwendeten englischen Referenzen dürften den deutschen Lesern weniger bekannt sein.

Der 1955 geborene Politologe und Publizist Küntzel ist nicht erst seiner Doktorarbeit über die Geschichte des Atomwaffensperrvertrags und das, was er die „deutsche nukleare Option“ nennt, für seine kühnen Thesen bekannt.

Richtschnur Antisemitismus

„Terrorismus“ heißt bei ihm „Djihadismus“. Im Zusammenhang mit den Attentaten vom 11. September 2001 stellt er fest, dass Islamismus und Nationalsozialismus historisch und ideologisch eng miteinander verknüpft seien. Sein Argument stützt sich auf die Behauptung, der Antisemitismus sei nicht nur das zentrale Motiv des Nationalsozialismus, sondern auch des Islamismus. Antisemitismus ist ebenso die zentrale Richtschnur, an der Küntzel die bilaterale Beziehung zwischen Iran und Deutschland misst. Er fängt mit dem Anfangskapitel des aus fünf Kapiteln bestehenden Buches an: „Das Kaiserreich, die Nazis und Iran“.

In diesem Abschnitt versucht Küntzel, die Züge des deutschen Nationalsozialismus in den persischen Islamismus hineinzulesen, und zeichnet die historische Entwicklung dieser „verhängnisvollen Freundschaft“ seit dem 19. Jahrhundert nach. Seit der Zeit also von Kaiser Wilhelms Orientreise und dem „künstlichen Djihad“ des Max Freiherr von Oppenheim aus der Kölner Bankerdynastie. Dieser renommierte Orientalist und Amateurarchäologe wollte vor dem ersten Weltkrieg militante Moslems für die deutsche Kriegsmaschine einspannen.

Ein besonderes Kapitel widmet Küntzel „Deutschland als Gründer der persischen Industrie“, in dem er „die wirtschaftliche und ideologische Kooperation“ zwischen Deutschland und Iran, besonders in der Zeit des Nationalsozialismus hervorhebt. Damals wurde Hitler von manchen schiitischen Predigern im Iran als zwölfter Imam, also als lang ersehnter muslimischer Messias, angesehen.

Nach dem Nationalsozialismus setzten Deutschland und Iran ihre Beziehungen wieder fort, wobei die iranische Seite immer wieder betonte, an die guten Kontakte mit dem Hitlerregime anknüpfen zu wollen. Nach der islamischen Revolution von 1979 hatte die neue Regierung in Teheran keine Probleme, die Zusammenarbeit mit Deutschland, das kurz zuvor das Schah-Regime unterstützt hat, weiter zu vertiefen.

Auch Deutschland führte die bilaterale Zusammenarbeit fort, selbst nach der Präsidentschaft von Mahmud Ahmadinedjad mit seinem Propagandaapparat, der ununterbrochen Antisemitismus in Iran, dem „arischen Partnerstaat Deutschlands“ schürt. Das ist die Kernaussage des Buches: 100 Jahre verhängnisvolle Freundschaft, die vor allem von der Rassenideologie der Nazis gepflegt und getrieben und begleitet wurde/wird, ganz abgesehen von der Art des politischen Systems, der Ideologie, des Regierungsprogramms und der Staatschefs beider Länder; Kaiser Wilhelm, Hitler, Schröder, Merkel, Mossadegh, Reza Schah, Khatami, Ahmadinedjad. Für den Verfasser dieses Buches sind sie alle aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Küntzel will Licht in die „unsichtbare Vergangenheit“ der deutsch-iranischen Beziehungen bringen, scheitert aber an seiner Befangenheit und der Verzerrung der Tatsachen. Er schreibt den politischen Brüchen und Spannungen in den verschiedenen Epochen, die diese Freundschaft überschattet haben, keine große Bedeutung zu und berücksichtigt sie bei seiner Schlussfolgerung auch nicht: wie etwa der Widerstand der iranischen Regierung gegen Hitlers Antisemitismus zeigt.

Zufluchtsland Persien

Reza Schah, der Vater des späteren Mohammad Schah Reza Pahlavi etwa, der Iran zu Beginn des Zweiten Weltkrieges neutral erklärt hatte, lehnte es im Oktober 1940 vehement ab, die Rassenideologie der Nazis im Iran umzusetzen. Dadurch schützte die Regierung die persischen Juden vor den antisemitischen Maßnahmen der Nazibesatzer (Deportation und Ermordung) erfolgreich.

In vielen Details ist Küntzels Buch durchaus aufschlussreich. Er erwähnt sogar, dass Persien damals für viele deutsche Juden ein lebensrettendes Zufluchtsland gewesen sei, weil sie vor Abschiebung und Verfolgung geschützt waren, wie das Schicksal von etwa 1.000 jüdischen Kindern, den so genannten „Teheraner Kindern“ offenbart.

Diese Kinder hatten den deutschen Terror in Polen überlebt und landeten nach einer Odyssee über Sibirien und dem Kaukasus im Sommer 1942 in Teheran: „Dort konnten sie gepflegt und betreut werden und erreichen im Februar 1943 nach einer weiteren Odyssee über Karachi und Suez schließlich Palästina“, schreibt Küntzel.

Die „Teheraner Kinder“ sind nicht die einzigen historischen Zeugen, die Küntzels Theorie von der inneren Wesensverwandtschaft des iranischen und des nazistischen Regimes widerlegen. Sie zeigen aber wie problematisch er vorgeht: Er reduziert seine umfangreiche gesellschaftliche und wirtschaftliche Analyse auf einen einzigen ideologischen Faktor, den Antisemitismus.

Der erlaubt es zwar durchaus, Parallelen zur deutschen NS-Geschichte zu ziehen. Daraus aber eine historische Kontinuität der „verhängnisvollen Freundschaft“ zwischen beiden Ländern zu entnehmen zu wollen, ist fatal und macht die Gegenwart der deutsch-iranischen Beziehungen letzten Endes nicht richtig sichtbar.

Die Deutschen und der Iran. Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft Matthias Küntzel WJS, Berlin 2009, 319 S., 22

12:30 01.02.2010

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