Fahimeh Farsaie
01.02.2010 | 12:30 12

Die Kinder von Teheran

Antisemitismus Der Politologe Matthias Küntzel will im Islamismus partout die Fratze der Nazis erkennen

Die „sichtbare Gegenwart der deutsch-iranischen Beziehungen wird durch deren unsichtbare Vergangenheit geprägt“, schreibt der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel in seinem jüngsten Buch Die Deutschen und der Iran. Einen Vorteil hat das Buch. Man weiß sofort, worauf sein Autor hinauswill. Denn der Untertitel dieses 300-seitigen Buches, das voller Zahlen, Belege und Beispiele ist, zeigt unmissverständlich seine kritische Sicht: Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft.

Küntzels Recherche über die bilaterale Zusammenarbeit zwischen Iran und Deutschland seit 1979 stützt sich auf die Unterlagen der Archive des Auswärtigen Amts, die bis dato keinem Forscher zur Verfügung gestellt worden sind. Er zitiert aus ihnen. Vielleicht verschaffte ihm seine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundestagsfraktion der Grünen (1984-1988) das Privileg des Einblicks in die noch „geheimen“ Beweise.

Zudem bezieht er sich auf persische Quellen im Original, deren Herkunft er zum Teil nicht preisgibt. Die reichlich verwendeten englischen Referenzen dürften den deutschen Lesern weniger bekannt sein.

Der 1955 geborene Politologe und Publizist Küntzel ist nicht erst seiner Doktorarbeit über die Geschichte des Atomwaffensperrvertrags und das, was er die „deutsche nukleare Option“ nennt, für seine kühnen Thesen bekannt.

Richtschnur Antisemitismus

„Terrorismus“ heißt bei ihm „Djihadismus“. Im Zusammenhang mit den Attentaten vom 11. September 2001 stellt er fest, dass Islamismus und Nationalsozialismus historisch und ideologisch eng miteinander verknüpft seien. Sein Argument stützt sich auf die Behauptung, der Antisemitismus sei nicht nur das zentrale Motiv des Nationalsozialismus, sondern auch des Islamismus. Antisemitismus ist ebenso die zentrale Richtschnur, an der Küntzel die bilaterale Beziehung zwischen Iran und Deutschland misst. Er fängt mit dem Anfangskapitel des aus fünf Kapiteln bestehenden Buches an: „Das Kaiserreich, die Nazis und Iran“.

In diesem Abschnitt versucht Küntzel, die Züge des deutschen Nationalsozialismus in den persischen Islamismus hineinzulesen, und zeichnet die historische Entwicklung dieser „verhängnisvollen Freundschaft“ seit dem 19. Jahrhundert nach. Seit der Zeit also von Kaiser Wilhelms Orientreise und dem „künstlichen Djihad“ des Max Freiherr von Oppenheim aus der Kölner Bankerdynastie. Dieser renommierte Orientalist und Amateurarchäologe wollte vor dem ersten Weltkrieg militante Moslems für die deutsche Kriegsmaschine einspannen.

Ein besonderes Kapitel widmet Küntzel „Deutschland als Gründer der persischen Industrie“, in dem er „die wirtschaftliche und ideologische Kooperation“ zwischen Deutschland und Iran, besonders in der Zeit des Nationalsozialismus hervorhebt. Damals wurde Hitler von manchen schiitischen Predigern im Iran als zwölfter Imam, also als lang ersehnter muslimischer Messias, angesehen.

Nach dem Nationalsozialismus setzten Deutschland und Iran ihre Beziehungen wieder fort, wobei die iranische Seite immer wieder betonte, an die guten Kontakte mit dem Hitlerregime anknüpfen zu wollen. Nach der islamischen Revolution von 1979 hatte die neue Regierung in Teheran keine Probleme, die Zusammenarbeit mit Deutschland, das kurz zuvor das Schah-Regime unterstützt hat, weiter zu vertiefen.

Auch Deutschland führte die bilaterale Zusammenarbeit fort, selbst nach der Präsidentschaft von Mahmud Ahmadinedjad mit seinem Propagandaapparat, der ununterbrochen Antisemitismus in Iran, dem „arischen Partnerstaat Deutschlands“ schürt. Das ist die Kernaussage des Buches: 100 Jahre verhängnisvolle Freundschaft, die vor allem von der Rassenideologie der Nazis gepflegt und getrieben und begleitet wurde/wird, ganz abgesehen von der Art des politischen Systems, der Ideologie, des Regierungsprogramms und der Staatschefs beider Länder; Kaiser Wilhelm, Hitler, Schröder, Merkel, Mossadegh, Reza Schah, Khatami, Ahmadinedjad. Für den Verfasser dieses Buches sind sie alle aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Küntzel will Licht in die „unsichtbare Vergangenheit“ der deutsch-iranischen Beziehungen bringen, scheitert aber an seiner Befangenheit und der Verzerrung der Tatsachen. Er schreibt den politischen Brüchen und Spannungen in den verschiedenen Epochen, die diese Freundschaft überschattet haben, keine große Bedeutung zu und berücksichtigt sie bei seiner Schlussfolgerung auch nicht: wie etwa der Widerstand der iranischen Regierung gegen Hitlers Antisemitismus zeigt.

Zufluchtsland Persien

Reza Schah, der Vater des späteren Mohammad Schah Reza Pahlavi etwa, der Iran zu Beginn des Zweiten Weltkrieges neutral erklärt hatte, lehnte es im Oktober 1940 vehement ab, die Rassenideologie der Nazis im Iran umzusetzen. Dadurch schützte die Regierung die persischen Juden vor den antisemitischen Maßnahmen der Nazibesatzer (Deportation und Ermordung) erfolgreich.

In vielen Details ist Küntzels Buch durchaus aufschlussreich. Er erwähnt sogar, dass Persien damals für viele deutsche Juden ein lebensrettendes Zufluchtsland gewesen sei, weil sie vor Abschiebung und Verfolgung geschützt waren, wie das Schicksal von etwa 1.000 jüdischen Kindern, den so genannten „Teheraner Kindern“ offenbart.

Diese Kinder hatten den deutschen Terror in Polen überlebt und landeten nach einer Odyssee über Sibirien und dem Kaukasus im Sommer 1942 in Teheran: „Dort konnten sie gepflegt und betreut werden und erreichen im Februar 1943 nach einer weiteren Odyssee über Karachi und Suez schließlich Palästina“, schreibt Küntzel.

Die „Teheraner Kinder“ sind nicht die einzigen historischen Zeugen, die Küntzels Theorie von der inneren Wesensverwandtschaft des iranischen und des nazistischen Regimes widerlegen. Sie zeigen aber wie problematisch er vorgeht: Er reduziert seine umfangreiche gesellschaftliche und wirtschaftliche Analyse auf einen einzigen ideologischen Faktor, den Antisemitismus.

Der erlaubt es zwar durchaus, Parallelen zur deutschen NS-Geschichte zu ziehen. Daraus aber eine historische Kontinuität der „verhängnisvollen Freundschaft“ zwischen beiden Ländern zu entnehmen zu wollen, ist fatal und macht die Gegenwart der deutsch-iranischen Beziehungen letzten Endes nicht richtig sichtbar.

Die Deutschen und der Iran. Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft Matthias Küntzel WJS, Berlin 2009, 319 S., 22

Kommentare (12)

zelotti 02.02.2010 | 01:29

Max Freiherr von Oppenheim kam übrigens aus einer jüdischen Bankerdynastie... Soviel zum Thema muslimischer Djihat gegen Juden. Und die Preussen sind ja bekanntlich auch alles alte Kreuzritter, also Verteidiger des Heiligen Landes gegen Muslime und Heiden. So und jetzt noch was zu Tempelhof recherchieren und fertig ist die salomonische Weltverschwörung gegen den Islam. Super...

Andersherum geht es natürlich auch. Da gibt es faszinierendes Material zur Rolle der Wilmesdorfer Moschee zur NS-Zeit, oh, ich meine natürlich ihre allerhöchste SS-Konnektion.

Alien59 02.02.2010 | 08:40

Das sind dann so die Theorien, die von sehr rechten Websites gerne weiterverwendet werden, um den Islam mit NPD etc. in einen Topf werfen zu können. Die Blüten, die das bisweilen treibt, sind unglaublich - ekelhaft. Links dazu erspare ich diesem board.

Vielleicht wäre eine Untersuchung über den Stand der jüdischen Gemeinde im Iran aufschlussreich. Soweit mir bekannt, gibt es auch bei jeder Parlamentswahl festgelegte Sitze für die Vertreter der jüdischen Minorität. Aber solche Details muss sich ein Politikwissenschaftler offensichtlich nicht antun.

rudolf07 03.02.2010 | 01:38

»(...) Soweit mir bekannt, gibt es auch bei jeder Parlamentswahl festgelegte Sitze für die Vertreter der jüdischen Minorität. (...)«
Sitz, Einer, Singular. Und die jüdische Gemeinde im Iran besteht nur noch aus 25000 Mitgliedern, nach ehemals über 100000 zur Zeit des Shas. Die Altersstruktur ähnelt der jüdischen Gemeinde von Miami, das als prosperierend zu bezeichnen, wäre ein Hohn.
@ zelotti
»(...) Max Freiherr von Oppenheim kam übrigens aus einer jüdischen Bankerdynastie... Soviel zum Thema muslimischer Djihat gegen Juden. (...)«
Max Freiherr von Oppenheim war, ebenso wie sein Vater Albert Freiherr von Oppenheim, Katholik und sowas wie das "deutsche Pendant zu Lawrence von Arabien". de.wikipedia.org/wiki/Max_von_Oppenheim
Es ging auch nicht um einen "muslimischer Djihat gegen Juden", sondern um Unterstützung gegen die Briten.

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rahab 04.02.2010 | 14:21

ach du jemine!
gut, die phrase ist über Broders "Der ewige Antisemit" (1986) belegt und durch die weitere verwendung bei ihm, z.b. www.henryk-broder.de/html/fr_stafflinger.html
wie auch durch andere, beispielsweise Josef Joffe (de.wikiquote.org/wiki/Zvi_Rex ) bekanntgeworden -
aber das macht aus ihrem zitat doch keinen verstoß gegen die AGB!
ich rege an, die phrase wieder einzusetzen.
sie lautet: die deutschen werden den juden Auschwitz nie verzeihen.

rudolf07 04.02.2010 | 19:02

@ zelotti
»(...) Er wurde öffentlich als Jude wahrgenommen und hatte auch mit Antisemitismus zu kämpfen. (...)«
Das mag schon sein, macht aber ihre Behauptung, bezüglich einer angeblich von Küntzel aufgestellten Verschwörungsthese, nicht wahrer.
Denn der erwähnte den Baron nur im Zusammenhang mit dem „künstlichen Djihad“, den Oppenheim VOR dem WKI als militärische Hilfe für das deutsche Kaiserreich gegen die Briten organisieren wollte. Und nicht, wie sie kolportieren, als quasi pre-nazionalsozialistischen Brückenkopf in den Iran. Von einer Stilisierung zum Antisemiten durch Küntzel also keine Spur.

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fidelche 06.02.2010 | 10:20

Ich hab mir gestern das Buch von MK gekauft, hab es gelesen und bezweifle ob Frau Fahimeh Farsaie das Buch überhaupt ganz gelesen hat. Hat sie die Kapitel: Eichmann und die Juden im Iran, Deutschland und Iran im zweiten Weltkrieg, Die Kinder der Mienenfelder, Achmadinejad:" Wir lieben die Deutschen" nur überflogen?
Wenn Frau Fahimeh Farsaie im Islamismus partout keine Affinität mit dem Nationalsozialismus sieht, sollte sie sich einmal mit dem Großmufti von Jerusalem befassen. Der faschistische Führer der Palästinenser war Hitlers bester Mann im Nahen Osten. Stellte SS DIvisionen in Bosnien auf. Organisierte den Arabischen Aufstand 1936-39. Lebte gegen Ende des Krieges in Berlin. Organisierte in Zeesen einen antisemitischen Propagandasender für den Arabischen Raum - usw.
Ich empfehle die Bücher von Mallmann/Cüppers -"Halbmond und Hakenkreuz", von Klaus Gensicke "Der Mufti von Jerusalem und die Nationalsozialisten" und von Mattias Künzel "Djihad und Judenhaß".
Wem dass alles zuviel ist, sollte mal die Struktur der Attentate vom Münchner Oktoberfest der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann und die islamistischen Selbstmordattentate in Israel, NY, Madrid usw. vergleichen.
Wenn er oder sie es dann immer noch nicht kappiert, wird es schwierig!