Die Klimazocker

Erderwärmung Die Staaten ­haben den einstigen Konsens über den Klimaschutz verspielt. Auf dem Gipfel in Kopenhagen bekommen sie die Quittung

Es geht um die Zukunft des ­Planeten Erde, es geht um das Schicksal der Menschheit. Die Wissenschaft hat viel geleistet, um Ursachen und Folgen des Klima­wandels zu verstehen: Naturwissenschaftler haben mit Computermodellen die ökonomisch-ökologischen Systemzusammenhänge erforscht und Sozialwissenschaftler Konzepte entwickelt, um Maßnahmen und Ziele im Umgang mit diesem Phänomen in Einklang zu bringen. Nobelpreisträger ermahnen, auf dem Klimagipfel in Kopenhagen ein tragfähiges Abkommen zu schließen. Die Vorstellungen darüber, was unbedingt getan werden muss, um einen Kollaps des Klimasystems zu verhindern, sind konkretisiert worden.

Man weiß alles über den Umfang der notwendigen Treibhausgasreduzierung, über das Zeitfenster für die Trendumkehr, über die nationalen und regionalen Emis­sions­budgets, die nicht überschritten werden sollten. Auch über die Lösungsstrategien wurde im Wesentlichen Einvernehmen erzielt, über Mengen- und Preislösungen, über den Umbau der Wirtschaft mit Hilfe von Zertifikaten von Verschmutzungsrechten und Ökosteuern, über eine Energiewende und den notwendigen Übergang der Gesellschaft zu nachhaltigen Konsum- und Lebensstilen.

Große globale Vision

Vor Kopenhagen kam eine Klimapolitik der „gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung“ in den Blick: Für die Stabilisierung des Klimasystems sind alle Staaten und alle Erdenbürger zuständig, doch die Anstrengungen, die dafür notwendig, und die Lasten, die dabei zu tragen sind, müssen gerecht verteilt werden. Es gilt das Verursacherprinzip, wonach die Kosten für einen Abbau der Emissionen und die ­Anpassung an den Klimawandel unterschiedlich aufgeteilt werden müssen. Zeitweise leuchtete dazu gar eine große globale Vi­sion auf: So wie nach der UN-Charta alle Menschen gleiche Rechte haben, so sollten auch die Rechte auf die Nutzung der Ökosysteme, die Emissionsrechte, pro Kopf gleich sein – eine revolutionäre Idee für eine Welt, in der bisher die einen jährlich mehr als 20 Tonnen, die anderen weniger als eine Tonne an Treib­hausgas verursachen.

Die Diskussion über den internationalen Klimaschutz, die 1992 begann und nach 1997 mit dem Kyoto-Protokoll vertieft wurde, fand zunächst dort statt, wo sie hingehört – in den Vereinten Nationen. Es ging um multilaterale Politik als Antwort auf das globale Klimaproblem. Wissenschaftliche Erkenntnis und die politische Vernunft sollten eine globale Politik formulieren und die Umsetzung vorantreiben. Wenn es gelegentlich Zweifel gab über die Dramatik des Klimawandels, wurden sie durch einen klugen Diskurs überwunden, um den sich besonders der Weltklimarat mit seinen Berichten verdient machte. Auch die ökonomische Analyse des Klimaproblems wurde verfeinert. Dank des Stern-Reports gibt es klare Aussagen über die enormen Kosten des Nichtstuns und die relativ geringen Kosten, die durch aktives klimapolitisches Handeln entstehen. Die politische Vernunft sollte ökonomisch untermauert werden, damit die Ziele eines Nachfolgevertrages zum Kyoto-Protokoll festgelegt, der Instrumentenkasten erweitert und die institutionellen Mechanismen verbessert werden konnten.

Unter die Räder gekommen

Doch dieser vernünftige Ansatz geriet immer mehr unter die Räder partikularer Interessen. Aus dem multilateralen Politik­ansatz wurden vielfach minilaterale Interessenverbindungen, besonders durch die Auslagerung der politischen Zuständigkeit der UN in die Interessenkartelle der G8, der G20 und der APEC-Staaten. Statt eines Wettbewerbs um möglichst viel Klimaschutz entstand ein Wettbewerb über die Verlagerung der damit verbundenen Kosten. Statt der Vereinbarung von neuen Verteilungsmechanismen entstand Streit um Geldsummen. Der Umgang mit der Klimakrise wurde von mentaler Zukunftsblindheit überlagert: Kurzfristige Bankenrettung war wichtiger als langfristige Klimarettung. Und selbst die Klimaverhandlungen der UNO wurden Teil des Problems: zu viel Aktivismus, zu wenig Arbeit an Lösungen. Nun sind es nur noch wenige Tage, bis in Kopenhagen der Klimagipfel beginnt, und noch immer liegt kein Vertragsentwurf vor, der das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll ersetzen könnte.

Schon mehren sich die üblichen Ausweichmanöver, die immer dann ins Spiel kommen, wenn ein Thema vergeigt wurde. Da gibt es die Frohnaturen, die noch eine Lösung in allerletzter Minute erwarten. Da gibt es die Vertröster, die sagen, man brauche mehr Zeit, es könne ja immer noch nachverhandelt werden. Es ist nicht auszuschließen, dass vor, in und nach Kopenhagen noch eine Lösung zustandekommt, die das globale Klimasystem wenigstens in einem Korridor hält, der noch als verträglich erscheint. Wenn aber der Klima-Gipfel scheitert, wenn aus dem Zwei-Grad-Ziel der internationalen Klimapolitik reale vier Grad Erderwärmung werden, dann wird die Welt nicht mehr so sein, wie wir sie kennen – dann entstehen enorm hohe Kosten und unendlich viel menschliches Leid. Es ist kein Trost zu wissen, dass davon auch jene betroffen sein werden, die heute noch im Klima-Casino zocken.

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12:00 26.11.2009

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