Die Kneipe ist mein Schicksal

Serbien Nach dem rigiden Lockdown blüht das Leben wieder auf. Der Alkohol fließt, alte Gerüchte über Geflüchtete gehen um
Die Kneipe ist mein Schicksal
Aufnahme von einem scharf gesicherten Flüchtlingscamp an der Grenze zwischen Serbien und Ungarn

Foto: Andrej Isakovic/AFP/Getty Images

Von der EU weitgehend unbemerkt, sperrte der autoritäre serbische Präsident Aleksandar Vučić ab März das EU-Beitrittsland Serbien äußerst rabiat zu: Ausnahmezustand, Ausgangsverbot ab 17 Uhr und am Wochenende ab 13 Uhr, totale Ausgangssperre für Migranten und Menschen über 65, Einreiseverbot sogar für serbische Staatsbürger, Soldaten auf den Belgrader Straßen. Im Mai dann sperrte Vučić schlagartig wieder auf. Die Geflüchteten, die sich seit geraumer Zeit im Grenzstädtchen Šid sammeln, durften nach zwei Monaten Kasernierung wieder raus. Nur dass ihnen Vučić, „als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme“, sogleich die Armee schickte.

So komme ich wieder in die multiethnische Vojvodina zurück. Im Winter 2015/2016 sah ich in Šid den großen Treck der Balkanroute und hörte die Geschichten der Einheimischen, von denen viele selbst im kroatisch-jugoslawischen Krieg vertrieben worden waren. Nun bin ich zum ersten Mal seit Corona im Ausland, ein irreales Gefühl. Am Šider Bahnhof gibt es noch das „Čubura“, das „Café am Wegesrand“.

Immer noch oder schon wieder sieht man das Auto vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR, vor den bereits 2015/2016 vollen Pavillons des Migrantenheims spielen Kinder. Der Armeeeinsatz entpuppt sich umgehend als PR: Vor den drei Lagern der Großgemeinde Šid sind einzelne Krafthünen aufgepflanzt, nirgends mehr als zwei. Mit den überbreiten weißen Ledergürteln auf den grünen Tarnfarbenuniformen haben sie etwas von Dragqueens. Wirklich neu sind die Schlangen vor Banken, Schlangen vor allen Banken.

Das Nachtleben ist zurück. Kein Mundschutz, nirgends, etwaigen Aerosolen wird durch inwendige Desinfektion und schneidenden Rauch der Garaus gemacht. In einer ärmlichen Kneipe feiern junge, müde, teils in Blaumann gekleidete Malocher mit Jugosongs wie diesem: „Die Kneipe ist mein Schicksal, die Kneipe ist meine Wahrheit.“ Eine einzige Öffnungsorgie. Herrlich, das ist ein Leben wieder!

Vučić begründete die Armee-Entsendung mit „kleinen Diebstählen“, der Bürgermeister auch mit illegalem Eindringen in „verlassene Häuser“ und mit einer während des Lockdowns auf 2.000 verdoppelten Migrantenzahl. Die Flüchtlingsbetreuer dagegen geben zu Protokoll: „Es gab keine Vorfälle.“ Ich gehe an die von den Vučić-hörigen Medien genannten Hotspots. Dass an einem Kiosk im Dorf Adaševci drei Schachteln Zigaretten gestohlen wurden, könnte stimmen. Ansonsten: Vorfälle gab es im Dorf Sot, sagen sie in der Stadt Šid. Vorfälle gab es in Šid, sagen sie in Sot. Wieder überrascht mich die Sympathie, die hier nicht wenige für die Geflüchteten äußern. „Sie grüßen freundlich“, sagen zwei alte Dörflerinnen in Sot, wo es mehr verlassene als intakte Häuser gibt. Von eingedrungenen Migranten wissen die beiden nichts. Die Ältere, 74 Jahre, mit eine Schubkarre voller Unkraut, sagt: „Ich war drei Monate eingesperrt, Freiwillige kauften für mich ein.“

Das abgelegene Lager Principovac, in dem vorwiegend junge Männer untergebracht sind, liegt direkt an einem kleinen Grenzübergang nach Kroatien. Der Zaun ist hoch, der davor stehende Kraftkrieger und zwei Grenzpolizisten reden von „vielen“ Vorfällen, nur eben eher in Adaševci. Ein Grenzpolizist zeigt auf die nahe Waldlinie: „Das ist schon Kroatien, wir können nicht jeden erwischen. Serbien gibt ihnen alles, aber sie wollen nicht zu uns, sie wollen zu euch.“

Ich spreche mit einem Flüchtling, der ganz ohne Gepäck vom Lager nach Šid gewandert ist, 13 Kilometer. Jawad Khan Hassan, 25 Jahre alt, ein Paschtune aus Pakistan. Er sagt, er sei seit 2012 von zu Hause weg, habe in einer türkischen Schuhfabrik illegal Geld verdient und sei seit zehn Monaten auf der Reise. Dem „Agenten“, der ihn nach Griechenland brachte, zahlte er 2.500 Dollar, dem nach Nordmazedonien 600, dem nach Serbien auch 600. „Wir sind zu neunt in Istanbul aufgebrochen, acht sind in Europa, nur ich habe kein Geld mehr.“ Zweimal über die Drina nach Bosnien, einmal von Subotica nach Kroatien, jedesmal aufgegriffen und zurückgeschickt. Dann Corona, das war keine Zeit zum Reisen, auch nicht zum Fürchten. „Wir hatten im Lager eine Moschee und beteten jeden Tag.“ Jawad will nach Frankreich. Der Agent für Kroatien-Slowenien-Italien nimmt 5.000 Euro. Wenn seine Eltern das Geld geschickt haben, bricht er auf. „Das Lager hat nach hinten raus keinen Zaun. Ich könnte durch den Wald nach Kroatien laufen. Aber ich habe es noch nicht versucht.“ Als ich Šid Adieu sage, sind die Schlangen vor den Banken nicht kürzer geworden. Die Leute stehen an, weil Präsident Vučić jedem Erwachsenen 100 Euro Corona-Geld auszahlt. Gleich danach, am 21. Juni, lässt er wählen.

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06:00 23.06.2020

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