Die Koalition der Verlierer

Wendezeiten Unter dem Datum 9. November (Maueröffnung) ist der 4. November schier in Vergessenheit geraten - nicht bei uns
Uwe Koch | Ausgabe 45/2015

Große politische Umwälzungen bringen es mit sich, dass Leute an einem Strang ziehen, die gänzlich unterschiedliche Absichten haben. Deswegen fressen Revolutionen ihre Kinder. Jeder ist zufrieden über die Hilfe des anderen; erst im Nachhinein entscheidet sich, wer benutzt wurde und wer der Benutzer war.

Am Samstag, dem 4. November 1989, kamen auf dem Berliner Alexanderplatz, einem Aufruf von Vertrauensleuten der Gewerkschaften Berliner Theater folgend, sehr viele Menschen zusammen. Es sollen eine halbe Million, nach anderen Schätzungen eine Million gewesen sein, und sie legten Wert darauf, keine Manifestation zu sein, sondern sie demonstrierten, und zwar nicht für Optimismus, Entschlossenheit, Lebensfreude, unverbrüchliche Gefühle oder wofür sonst die knappe Freizeit bisher manifestierend vergeudet wurde, sondern gegen die gesellschaftlichen Zustände in ihrer Gesamtheit. Die Angst, von der SED umarmt zu werden, war groß, die Furcht vor der Polizei klein. Das gesellschaftliche Kräfteverhältnis, wie man früher gesagt hätte, war entscheidend verändert, nur hatte sich noch nicht herausgestellt, zu wessen Gunsten.

Über viele Stunden hinweg übertrug der DFF die Kundgebung der 17 Rednerinnen und Redner. Während das politische Establishment sich auflöste - Margot Honecker und Harry Tisch, Kurt Hager und Erich Mielke waren zwei Tage zuvor zurückgetreten, die Bezirkssekretäre der SED, die Oberbürgermeister, die Vorsitzenden der Blockparteien legten reihenweise ihre Ämter nieder -, wurde auf dem Alex eine demokratische DDR entworfen: Das politische Strafrecht sollte aufgehoben, die Paragraphen über staatsfeindliche Hetze, verfassungsfeindliche Zusammenschlüsse und Zusammenrottung gestrichen werden. Die führende Rolle der SED möge nicht mehr in der Verfassung festgeschrieben sein, die Wehrkunde in den Schulen sollte abgeschafft, der Zivildienst eingeführt werden.

„Die selbstkritischen Intellektuellen des Landes“, so die Frankfurter Allgemeine in einem Bericht über die Demonstration, hätten dem Regime „unter dem Jubel von Hunderttausenden den Prozess gemacht und das Urteil gesprochen“.

In einer Reihe von Beiträgen schreibt Uwe Koch in der „Volkszeitung“ über die – nun ehemalige – DDR vor einem Jahr und er dokumentiert den „westdeutschen Blick“ auf die wiedergewonnenen Ostgebiete

Die Redner dieses Tages allerdings standen bald selbst vor diversen Tribunalen. Das Bündnis des 4. Novembers war ein Zusammenschluss der Verlierer; die Skeptiker der alten und die Idealisten der neuen Zeit hielten daran fest, dass aus der DDR noch etwas werden könne. Dem Günter Schabowski, der für seinen Verein dort die Kohlen aus dem Feuer holen wollte, entzog die Partei wenig später das Mitgliedsbuch. Den Stefan Heym, den die F.A.Z. noch einmal dafür lobte, „an der Idee eines menschlichen Sozialismus festgehalten“ zu haben (6.11.89), ertappte sie nachher dabei, immer noch daran festzuhalten. Das Urteil der Scharfrichter des Feuilletons gegen die Rednerin Christa Wolf, die „ihre Sprache wiedergefunden“ hatte, ist bekannt: Sie soll schweigen. Und Manfred Gerlach, der auf dem Alex den Rücktritt der Regierung forderte, wurde als Parteivorsitzender gleich mit zurückgetreten. Jens Reich, dessen politische Gruppe nach und nach durch Wahlgesetze ausgetrickst wurde, kam noch verhältnismäßig glimpflich davon - verglichen mit Markus Wolf, in dessen Wohnung am Morgen des Vereinigungsfeiertages das BKA mit einem Haftbefehl stürmte. „Er war wohl der erste“, holperte die F.A.Z.-Korrespondentin damals, „der sich in der DDR öffentlich für das offene Aussprechen der Wahrheit ausgesprochen hat“. Und schließlich dürfte auch, was der Vorsitzende des Berliner Rechtsanwaltskollegiums, Gregor Gysi, an jenem Tag als Losung ausgab, nämlich „Die beste Staatssicherheit ist die Rechtssicherheit“, heute bei sozialdemokratischen Innensenatoren nur ein maliziöses Lächeln hervorrufen.

Für ein paar Tage gab es im Westen noch ein wenig Anerkennung für jene „Schriftsteller, die zu Wortführern der Menschen“ werden konnten (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Nov. 89).

Doch in die Ermahnung der westdeutschen Intellektuellen, sie sollten ihre „sprachlose Verlegenheit überwinden und die neue ost-westliche Wirklichkeit in angemessene, womöglich kühne Worte und Bilder übersetzen - vorausgesetzt, sie schaffen es, die Freiheit der Sachsen und Brandenburger für annähernd so aufregend zu halten wie die undurchsichtigen Machtkämpfe in Nicaragua“ (Michael Schirrmacher in der F.A.Z.), mischte sich jetzt auch schon manch offenes Wort an die Utopisten drüben, an die „grauen Heroen des Durchhaltens wie Christa Wolf“, an die Intellektuellen "mit schreckensweit geöffneten Augen: In Deutschland findet eine Revolution statt, und sie können sagen, sie sind nicht dabei gewesen.“ (Die Zeit, 9. Nov. 29)

Manche sind vielleicht heute froh drum. „Ich war dabei“, wird jedenfalls Martin Walser sagen können, der die neue ost-westliche Bescheidenheit in angemessene, womöglich kühne Worte übersetzte: "Zuerst richten wir uns jetzt das deutsche Zimmer ein, bevor wir vom europäischen Haus reden.“ (10. Nov. 89).

Die Ziele der Demonstration vom 4. November gingen jedenfalls völlig an den politischen Interessen des Westens vorbei, auch wenn alle Parteien aus Bonn ihre Unterstützung versicherten. Ernst-Otto Maetzke kommentierte eine Woche später den Frontverlauf: „ Eine neue >Große< Koalition, eine Hüben-drüben-Koalition ist im Entstehen. Sie will auf dem Boden der gegenwärtigen DDR nicht nur den Sozialismus retten, sondern sogar ein Musterbeispiel für einen wahren Sozialismus, einen >Sozialismus des Dritten Weges< entstehen lassen. Dabei soll der westdeutsche >Kapitalismus< die Kosten in noch höherem Maße übernehmen, als er sie schon für den >real existierenden Sozialismus< getragen hat. Zugleich soll er zum Verzicht auf die Forderung grundlegender wirtschaftlicher Reformen gezwungen werden.

Dieses Konzept haben die drei westdeutschen Parteivorsitzenden Kohl, Waigel und Lambsdorff durchschaut. Sie wollen ihm widerstehen. Es wird der schwierigste politische Kampf ihres Lebens."

Partner für diesen Widerstandskampf mussten zu diesem Zeitpunkt in der DDR noch mühevoll gesucht werden. In der CDU der DDR hatten vier Mitglieder einen „Brief aus Weimar“ unterschrieben und galten damit als Keimzelle einer „Erneuerergruppe“, der sich im Nachhinein auch de Maizière zurechnen ließ. Mit den Weimarern traf der hessische CDU-Generalsekretär Jung am 9. November zusammen und hatte seine liebe Not:

„Programmatisch tue sich die Reformgruppe der Ost-CDU noch sehr schwer. Nach Darstellung Jungs glauben seine Gesprächspartner, dass in der DDR am ehesten „eine Art Sozialismus“ mehrheitsfähig sei. Nach ihren Vorstellungen sollen Schlüsselindustrien Volkseigentum bleiben. . .

Das Denken des reformerischen Flügels der Ost-CDU ist nach den Worten Jungs noch stark von der Alternative Sozialismus/Kapitalismus geprägt; dass die soziale Marktwirtschaft ein „dritter Weg“ sei, hätten die Gesprächspartner mit Interesse zur Kenntnis genommen.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Nov. 89).

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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12:19 09.11.2015

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