Die Kommune lebt

Anders Leben Die Politik beklagt die Auflösung der klassischen Familie. Zu Unrecht. Die Kleinfamilie ist das ideologische Konstrukt – nicht die Kommune

In zwei übereinanderliegenden Wohnungen in Berlin-Kreuzberg leben seit 30 Jahren drei Mitglieder des Jesuitenordens. Bei ihnen ist jeder willkommen. Wer an ihre Tür klopft, darf in der Wohngemeinschaft leben. Über die Jahrzehnte waren das Menschen aus über 50 Ländern. Das schreibt zumindest Christian Herwartz auf seiner Webseite. Er ist einer der Hauptmieter der Jesuiten-WG.

Es ist nicht leicht, Genaueres über sie zu erfahren. Journalisten sind es gewöhnt, nach Fakten zu fragen, doch Herwartz hält Fragen nach dem, was Journalisten Fakten nennen, für die falschen Fragen. Außerdem: „Dann schicken uns die Leute wieder ihre abgelegten Handtücher.“ Das ist nach dem letzten Artikel vor ein paar Jahren passiert. Aber die Journalistin darf kommen, weil jeder kommen darf. Sie muss nur versprechen, „nicht bei den Äußerlichkeiten stehen zu bleiben“.

Am Samstagvormittag sitzen etwa fünfzehn Menschen um einen Frühstückstisch. „Wer wohnt denn hier, und wer ist zu Gast?“ „Wir sind alle Gast. Wer kommt ist Gast, und wer hier wohnt ist auch Gast. Die Gäste sind hier zu Hause, und wer hier zu Hause ist, ist auch zu Gast bei denen, die kommen.“ Auch vor Ort ist es nicht leicht, Genaueres über die WG zu erfahren. Die Gäste sind Herwartz mit orangenem Pulli und rauschendem Vollbart, eine Ordensschwester, eine Endfünfzigerin mit randloser Brille und Kurzhaarfrisur, einige alte Männer, eine junge Frau, ein paar junge Männer die offensichtlich nicht aus Deutschland stammen, und ein paar mittelalte Männer, denen man ansieht, dass sie Pech mit ihrer Biographie gehabt haben müssen.

Hunderte Mitbewohner

Je weniger man weiß, desto mehr ist man auf Äußerlichkeiten angewiesen. Es gibt hier eine Regel, die zutiefst menschenfreundlich ist und in der sich die Logik der Gemeinschaft kristallisiert. Sie lautet: „Wir sehen den Menschen, nicht sein Problem.“ Diese Regel führt dazu, dass es nahezu unmöglich ist zu erfahren, warum die einzelnen Gäste an der Tür geklopft haben. Das gilt zumindest für jene Gäste, die hier sind, weil es keinen anderen Ort gibt, an den sie gehen könnten.

Herwartz ist hier, weil er Christ ist: „Und als Christ kann man die Tür nicht gut zuhalten“. Renate, die Frau mit den kurzen Haaren und der Brille, war früher Anwältin. Sie kennt Christian Herwartz seit den Siebzigern, „aus der politischen Arbeit mit Gefangenen“. Sie ist nach dem Tod ihres Mannes hier eingezogen, weil sie in Gemeinschaft mit Menschen leben wollte, die sie sich nicht ausgesucht hat. Mit Menschen, die sie gelegentlich bis aufs Blut reizen, weil sie etwa im Bad rauchen. Dann muss sie sich daran erinnern, mit den „Augen der Liebe“ zu blicken: Und zwar auf die freundlichen Seiten, die jeder Mensch hat. Die Augen der Liebe sehen keinen Knacki, keinen Junkie, keinen Illegalen. So werden Menschen hier nicht beschrieben. Die Menschen hier haben Namen, aber die sollen nicht in der Zeitung stehen, genauso wenig wie die Länder, aus denen sie stammen.

Es gibt einen Wälzer, 432 Seiten stark, eine Jubiläumsschrift der WG. Knapp 200 ehemalige Mitbewohner und Freunde der Gemeinschaft haben ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Christian Herwartz hat diese Texte ungekürzt drucken lassen. „Gastfreundschaft“ heißt der Band, und nur aus ihm geht hervor, dass die WG eine Zuflucht für Menschen ist, die aus dem Gefängnis kommen, für Drogenabhängige, psychisch Kranke und Migranten ohne Papiere. „Diese Unterschiedsrederei birgt die Gefahr, dass man die Gemeinsamkeiten nicht mehr sieht“, sagt Herwartz. Deshalb soll nicht die Rede davon sein, dass David wahrscheinlich keine Aufenthaltsgenehmigung hat, sondern davon, dass er seine Tage in der Bibliothek zubringt, wo er an einem Konzept für Stromversorgung in der Dritten Welt tüftelt.

Gerd ist einer der wenigen, der bereitwillig von den Härten erzählt, die das Leben für ihn vorgesehen hat. Er saß regelmäßig im Stasi-Knast, weil er nicht einer Armee dienen wollte, „die falschrum steht“: Die nämlich auf die eigenen Soldaten zielte, damit sie beim Mauerbau nicht flüchteten. Gerd ist der Beweis dafür, dass sich die Nächstenliebe in der Kreuzberger WG wirklich auf alle erstreckt, auch auf fundamental Andersdenkende. Gerd schimpft auf die „Deutsch-türkische-Zwangsfreundschaft“ und auf „linksalternative Spinner“, die hier im Stadtteil das Sagen hätten – und da schließt er die Leute ein, die hier am Tisch sitzen. Gerd ist hier genauso willkommen wie jeder andere. Die Wohngemeinschaft will vor allem eins sein: Ein Gegenpol zur „Ausschlussgesellschaft“, die vor der Haustür beginnt.

Wir lieben gemeinsam

Das Modell einer anderen Gesellschaft findet auf einem 15 Hektar großen Gelände im brandenburgischen Belzig statt. Hier liegt das ZEGG, das „Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung.“ 80 Erwachsene und 13 Kinder leben auf der Anlage mit den hingewürfelten Häuschen und den bunten Plakaten. Man könnte das Gelände für ein Ferienlager halten, und ganz falsch läge man damit nicht. Zur Nazi-Zeit war das hier ein Kraft-durch-Freude-Heim, zu DDR-Zeiten dann eine Ausbildungsstätte der Stasi.

Man kann sich die Begeisterung der Belziger vorstellen, als nach der Wende ein Grüppchen Wessis einfiel, die hier den Sozialismus praktizieren wollten, den die Belziger gerade erst losgeworden waren. 20 Jahre später ist das ZEGG so etabliert in Belzig, dass sogar die Bushaltestelle so heißt.

Es ist nicht schwer, das ZEGG zu beschreiben. Im Gemeinschaftsraum riecht es nach Räucherstäbchen. Bill trägt eine Halskette aus Türkisen unter seinem Jack-Wolfskin-Fleece. Zu Mittag gibt es Grünkernbratlinge mit Pastinaken aus dem eigenen Garten. Hier finden Seminare statt, die „Tanz dich selbst“ oder „Shivas Entzücken“ heißen. Die Realität hier sieht tatsächlich so aus wie ihr eigenes Klischee.

Doch erinnern wir uns an den Jesuiten Herwartz, lassen wir die Äußerlichkeiten beiseite und kommen zu dem, worum es den Leuten geht: Um eine Gesellschaft, die frei sein soll von Hierarchien, von Gewalt und von den Neurosen, die in der Kleinfamilie ihren idealen Nährboden finden.

Experimentell ist vor allem die Wahl der Mittel: Da wäre einmal das „Anarchische Potenzial des Eros“ zu nennen, das sich hier mit verschiedenen Sexualpartnern entfalten darf. Das ideelle Zentrum der Gemeinschaft besteht in einer Kommunikationsform, die „Forum“ heißt. Die Gruppe versammelt sich und einzelne Mitglieder bringen emotionale Vorgänge zum Ausdruck, die dann von den anderen „gespiegelt“ werden. Dem Forum darf sich niemand verweigern, das ist das nichtverhandelbare Gebot der Gemeinschaft.

Barbara Stützel, eine blonde Frau mit fröhlichem Gesicht, ist ausgebildete Psychotherapeutin, aber seit sie im ZEGG lebt, arbeitet sie nur noch als Sängerin und Schauspielerin. „Mein Bedürfnis nach Psychologie wird durch das Forum völlig gestillt.“ Kritiker aus der kirchlichen Sektenberatung sprechen von gefährlichem Psychodruck, der von solchen Gruppenprozessen ausgehen kann. Die Mitglieder schwärmen von heilsamer Wirkung.

Individuelle Konflikte öffentlich zu diskutieren, hat auch mit der Politisierung des Privaten zu tun, einer Lieblingsforderung vieler 68er. „Wir leben in einem politischen Projekt“ sagt Barbara Stützel, und damit meint sie nicht nur, dass das ZEGG sich als Teil einer weltweiten antikapitalistischen, ökologischen Bewegung versteht, und ZEGG-Leute natürlich nach Kopenhagen und anderswohin fahren, um Vorträge zu halten und zu demonstrieren. Sondern sie meint auch die Struktur selbst. Schließlich soll der Mikrokosmos hier beweisen, dass eine Gesellschaft möglich ist, in der Konflikte nicht durch Aggression, sondern durch „Gewaltfreie Kommunikation“ gelöst werden. Das ist eines der Themen, die in den Tagungen und Seminaren gelehrt werden, mit denen sich das ZEGG finanziert. Andere Seminare widmen sich dem zweiten großen „Forschungsthema“, der Liebe.

Unter ihr versteht man hier noch etwas anderes als in der Jesuiten-WG in Kreuzberg. Nicht nur die Menschenliebe soll im ZEGG frei fließen, sondern auch die sexuelle Energie. Monogame Paare sind die Ausnahme, üblicher sind offene Zweier- oder Dreierbeziehungen und Singles in „Liebesnetzwerken“. Paare leben meist in verschiedenen Wohngruppen, und die Kinder suchen sich zusätzlich zu ihren Eltern „Paten“ als Bezugspersonen. Das Modell „Kleinfamilie“ wird konsequent auseinandergepflückt. Dafür finden hier andere Ideologien Resonanz, etwa die von einer göttlichen, naturgegebenen Weiblichkeit, die es im Seminar „Die Kraft des roten Mondes – Menstruation und Gebärmutterkraft“ zu erforschen gilt. Es gibt Buddhisten, Schamanen und Christen – kurz: an spirituellen Alternativen ist im ZEGG kein Mangel.

Schafe in Pankow

Auch wenn die Kommune, verstanden als „Lebensform Rudel“, per se nicht ideologisch sein muss, ist es doch unmöglich, ein Wohnprojekt zu finden, das sich nicht aus einem Konglomerat verschieden stark ausgepräger Überzeugungen speist. Wer sich politisch weit links verortet und weder ästhetische noch intellektuelle Berührungsängste mit Esoterik hat, dürfte schnell eine Lebensgemeinschaft finden, die ihm zusagt.

Rudolf Freundorfer musste länger suchen, bis er ein Projekt gefunden hat, bei dem ihn „das Dogmatische nicht abgeschreckt“ hat. Als er mit seiner Freundin zum ersten Mal aufs „Stadtgut Blankenfelde“ im Berliner Bezirk Pankow kam, war zwar sein erster Gedanke: „Auwei, lauter Hippies.“ Aber dann trafen sie Janka und Patrick Neubauer, und zwei Wochen später war beschlossen, gemeinsam eine Wohnung im Gutshaus zu beziehen.

Patrick schaufelt gerade einen Teller Nudeln mit Eiern und Gemüse leer, Holzhacken macht hungrig. Er trägt eine Arbeiterlatzhose, hat sehr blaue, sehr verschmitzte Augen unter blonden Strubbelhaaren und sieht aus wie ein großgewordener Junge aus einem Astrid-Lindgren-Buch. Janka hat fast dieselbe Frisur, nur in Dunkel.

Bisher ist erst ein einziges Bauprojekt verwirklicht. Und an dem lässt sich schön ablesen, wie es mit Bauprojekten so läuft: Der Schafstall hat doppelt so viel Zeit und Geld verschlungen wie veranschlagt und ist auch ziemlich groß geraten für die paar Coburger Fuchsschafe, die mit den Hufen im Schnee stehen und Besucher freundlich anmähen.

Janka, Patrick und Rudi sind trotzdem stolz. Der Schafstall beweist, dass es geht: Dass aus Ideen Wirklichkeit werden kann. Einen Traum in Realität zu verwandeln, ist harte Arbeit. Teuer ist es auch. Zumindest wenn der Traum darin besteht, aus einem asbestbelasteten, denkmalgeschützten Gutshof ein ökologisches Wohnprojekt zu machen.

Auf vier Millionen Euro ist die Investitionssumme veranschlagt. Vier Millionen, das stemmt eine Handvoll Geisteswissenschaftler, Sozialpädagogen und Künstler nicht nebenbei. Doch das „Stadtgut Blankenfelde“ hat vermutlich deshalb eine Zukunft, weil es hier Vertreter von beiden Menschentypen gibt, die für das Gelingen eines solchen Großprojektes nötig sind: Visionäre und Pragmatiker.

Die Visionäre, das sind die Gründungsmitglieder, Altachtundsechziger, die den Traum vom Stadtgut Blankenfelde erfunden haben. Sie waren es, die das Geld für ein Schadstoffgutachten zusammengekratzt haben, in der Hoffnung auf ein Ergebnis, das erlaubte, den Preis zu drücken. 700.000 Euro wollte der Berliner Liegenschaftsfonds für den Gutshof ursprünglich haben. Als das Gutachten Asbest nachwies, sank der Preis auf einen Euro – und die Verpflichtung zur Altlastensanierung.

Janka, Patrick und Rudi gehören zu den Pragmatikern. Das ist die jüngere Generation der um die 40-Jährigen, die erst später dazugestoßen ist. Während die Visionäre gern von riesigen Gemeinschaftsflächen träumen, stellen die Pragmatiker die Frage nach der Finanzierung. Sie wissen, dass Geldgeber nie von alleine kommen. Deshalb haben sie die Mietergenossenschaft „SelbstBau“ an Bord geholt, die Wohnprojekte wie dieses unterstützt.

Wer irgendwann einziehen will, muss 300 Euro pro Quadratmeter auf den Tisch legen, als Darlehen, das bei Auszug zinslos zurückgezahlt wird. Wichtiger als das Geld ist aber die Bereitschaft zum Engagement. Das heißt ganz praktisch: Viel Zeit ins Projekt zu stecken. Janka und Patrick haben für die Arbeit auf dem Gutshof ihre Lehrerstellen auf zwei Drittel reduziert. Das Leben „in einem großen sozialen Zusammenhang“, wie sie es nennen, ist ihnen wichtiger als wirtschaftlicher Wohlstand oder traute Zweisamkeit. Nicht zuletzt wäre ihnen das Leben in der Kleinfamilie schlicht zu langweilig. Potenzielle Mitbewohner werden sehr genau ausgewählt. Ein einfaches Veto aus der Gruppe reicht, um einen Kandidaten abzulehnen. Schließlich soll die Gemeinschaft ein ganzes Leben halten. Und basisdemokratische Gruppen sind ohnehin fragile Gebilde.

Neue Omas und Ersatzenkel

In Berlin-Mitte wurde so viel basisdemokratisch entschieden, dass der Architekt Sympathien für diktatorische Prinzipien entwickelt haben muss. Schon zwei Bauherren können sich oft nicht einigen, hier waren es 20, die entscheiden mussten, wie das Treppenhaus, wie die Balkons, wie die Fassade aussehen sollte. Das Haus ist trotzdem fertig geworden.

Der Gemeinschaftsraum ist zwar noch ein bisschen kahl, aber Luftschlangen künden von der Einweihungsfeier vor ein paar Tagen. „Ich merke, wie mein Herz klopft“, sagt Maria Schüler, und ihre Stimme wird vielleicht noch eine Spur rauher, „weil meine Zeit begrenzt ist.“ Dabei liegt das Abenteuer vor ihr, und von dem will sie so viel wie möglich mitkriegen.

Das Wort Abenteuer klingt vielleicht unangemessen groß, es geht hier lediglich um eine Hausgemeinschaft aus Alten und Jungen, die gerade entsteht. Aber für jemanden, der 70 ist und die letzten Jahrzehnte allein in einer Wohnung gelebt hat, ist es ein Abenteuer, nochmal neu anzufangen, in einem Haus mit 19, bald 20 Kindern. Dass der Neubeginn ausgerechnet auf dem ehemaligen Mauerstreifen stattfindet, ist für die pensionierte Radiodramaturgin eine schöne Ironie des Schicksals. Im Haus gegenüber hat in den sechziger Jahren eine Freundin gewohnt, und damals haben die beiden Frauen oft ins Sperrgebiet geguckt. „Keine Macht der Welt hätte mir erlaubt, da hinzugehen, und jetzt steht mein Haus hier“, sagt sie. „Im ehemaligen Niemandsland schlage ich Wurzeln unter Wessis“.

Die meisten der jungen Famlien stammen aus dem Westen. Auch Stefanie Klinkhart, die vor zehn Jahren schon ein ähnliches Wohnprojekt in Darmstadt initiiert hat. Aus dem Mietshaus im Wedding, in dem sie zuletzt gewohnt hatte, zog eine deutsche Familie nach der anderen weg, sobald die Kinder schulpflichtig wurden. Als nur noch sie und ihr siebenjähriger Pflegesohn Kevin übrig waren, beschloss Stefanie Klinkhart, dass auch sie anders leben wollte.

Baugruppe heißt das, wenn sich Leute zusammenfinden, die gemeinsam ein Mehrfamilienhaus bauen und dort mehr miteinander zu tun haben wollen, als sich im Treppenhaus zuzunicken. Die Baugruppe von Stefanie Klinkhart und ihren Mitstreitern heißt LUU, das steht für „Living in urban units“, was ein bisschen aseptisch klingt, aber das täuscht: Auf den Fotos auf der LUU-Homepage schieben Leute in bunten Pullis Schubkarren, Kinder wühlen im Dreck, und auf Bierbänken wird Brotzeit gehalten. Häuslebauer, die aussehen wie Hausbesetzer. Eine Baugruppe hat so viel mit einem besetzten Haus zu tun wie Schröders rot-grüne Regierung mit Achtundsechzig. Das eine wäre ohne das andere nicht denkbar, obwohl es sich sehr, sehr weit von seinen Ursprüngen entfernt hat.

Vom Niedergang der Kleinfamilien ist hier nichts zu spüren. Statt sich aufzulösen, tun sie sich zusammen. Und auch die „unvollständigen Kleinfamilien“, wie ein hässlicher soziologischer Begriff für Alleinerziehende lautet, stärken sich hier gegenseitig. Im Konzept des Generationenwohnens sollte man übrigens keine nostalgische Sehnsucht nach der Groß­familie vermuten. Der fundamentale Unterschied liegt in der Selbstgewähltheit der generationsübergreifenden Kontakte. Man wohnt eben nicht mit der potenziell garstigen Schwiegermutter unter einem Dach, sondern mit so netten Leuten wie Maria Schüler, die sich schon auf künftige Ersatz-Oma-Pflichten freut.

Alten-WG hat Zimmer frei?

Für Monika Schäfer wär das ja nix: „Nää, so Generationenwohnen, da kommen die Jungen ständig mit was an. Und die ganze Zeit knackige Leute vor der Nase, die einen daran erinnern, was man selbst nicht mehr kann?“ Das heißt nicht, dass Monika Schäfer lieber allein wäre. Es müssen bloß die richtigen Leute vor der Nase sein. Und das heißt: Alte wie sie.

Andere 69-Jährige fühlen sich beleidigt, wenn sie im Restaurant die Senioren-Speisekarte bekommen, aber Monika Schäfer hat Zettel aufgehängt, auf denen steht: „Alte-Frauen-WG hat noch ein Zimmer frei“. Monika Schäfer, Marianne Köhn und Jutta Brauer suchen die letzte Mitbewohnerin. „Ein Mann kommt hier nicht rein“, sagt Jutta, und Monika sagt: „Höchstens als eine Art Hausmeister“. Große Heiterkeit. Auf dem Tisch liegen zwei frische Päckchen Route 66, aus denen sich Monika und Jutta bedienen, neben dem vollen Aschenbecher ein Asthmaspray. Jutta ist ihr letzter Freund in der Seniorenresidenz so auf die Pelle gerückt, dass sie gesagt hat: „Ich hau hier ab.“ Und Marianne hat ihr Gespons schon in den Siebzigern vor die Tür gesetzt.

Obwohl alle Schmerzmittel nehmen müssen, Jutta wegen Osteoporose, Marianne wegen der Gelenke und Monika wegen der Bandscheibe, sieht es aus, als wäre jetzt endlich die Zeit angebrochen, die sie seit Jahrzehnten ersehnt haben. Ihr Motto: „Ich muss in meinem Alter gar nichts mehr.“ Auf Kompromisse haben sie keine Lust, dafür ist der verbleibende Lebensabschnitt zu kurz. Deshalb hat Monika, die WG-Gründerin, auch eine siebenseitige Check-Liste mit jedem Bewerber abgearbeitet, um sicherzugehen, dass man sich in wesentlichen wie in scheinbar nebensächlichen Fragen des Zusammenlebens einig ist. „Und wichtig ist, dass die Leute ein Hobby haben und sich selbst beschäftigen können. Ich will nicht ständig Scrabble spielen müssen, weil den anderen langweilig ist.“

Monika, Jutta und Marianne tüfteln an ihrer Utopie: Gemeinsam leben ohne Zwang zur Geselligkeit. Sind die Zimmertüren angelehnt, dürfen die Mitbewohnerinnen stören. „Zu heißt zu.“ WG-Regeln ähneln sich; egal ob man 20 ist oder 70.

Bei keiner der Frauen war die Kleinfamilie das Erfolgsmodell im Leben. Marianne hat ihre Kinder nach der Scheidung allein aufgezogen; Monikas Sohn ist beim Vater aufgewachsen, während sie mit ihrer Alkohol- und Tablettensucht kämpfte; Jutta blieb unverheiratet und kinderlos.

Ihre späte Gemeinschaft empfinden sie als Glück. Was davor war, nicht unbedingt. Sei es der frühe Schrecken der Kriegskindergeneration, der im Alter ins Bewusstsein steigt („Wenn heute ein ICE entgleist kommen die Trauma-Psychologen. Zu uns ist niemand gekommen“); seien es die Härten des Berufslebens („Ich bin schon gemobbt worden, da gab es das Wort noch gar nicht“) oder das leidige Thema Männer („Von denen hab ich die Faxen ein für alle mal dicke“). Daraus erwächst eine Solidarität, die sie auch beibehalten wollen, wenn die ersten abbauen. Sie werden sich, solange es geht, gegenseitig pflegen.

Monika und Jutta haben ihre Schachteln Route 66 synchron leergeraucht, als eine SMS auf Monikas Handy eingeht. Ihr Vermieter, Herr Killewald vom Verein „Leben in Berlin“, der verschiedene Senioren-Wohnmodelle organisiert, meldet einen Interessenten für das vierte Zimmer, einen Herrn. Sei’s drum, beschließen die Frauen, vorstellen darf er sich. „Wenn er nicht erwartet, dass wir um ihn rumschwirren ...“ Eine neue Schachtel Route 66 wird angebrochen, und eine zweite SMS geht ein. Herr Killewald rät zum Lüften, bevor der Bewerber kommt. Die vielleicht wichtigste WG-Regel ist kein Verbot, sondern eine Erlaubnis, die uneingeschränkt gilt: Es darf gequarzt werden.

Der Tod ist ein Thema. Sie wissen, dass jede einzelne zwar aller Voraussicht nach nicht mehr ausziehen wird, dass aber zumindest zwei von ihnen noch einmal Mitbewohner casten werden müssen. Man kann sich die Basis eines Zusammenlebens pragmatischer nicht vorstellen. Monika, Marianne und Jutta wohnen zusammen, weil sie weder allein leben noch allein sterben wollen. Sie wissen, dass keine von ihnen eine jener Toten sein wird, die wochenlang in ihrer Wohnung liegen.

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17:00 11.02.2010

Ausgabe 42/2021

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