Die Königin ist gefallen

Pakistan Nach dem Attentat auf Benazir Bhutto kontrollieren die USA zwar die Atomwaffen des Landes, nicht aber seine politischen Schlachtfelder

Nach dem Tod von Benazir Bhutto verbietet sich jede Spekulation über die Zukunft Pakistans. Zu verworren und verfahren sind die politischen Verhältnisse - als gesichert gelten kann aber: Die Vereinigten Staaten haben keine Alternative, wollen sie in Afghanistan bleiben, brauchen sie den Brückenkopf Pakistan.

Dieser tragische Tod hat Millionen von Menschen innerhalb und außerhalb Pakistans zutiefst erschüttert - auf dem politischen Schachbrett der Macht war Benazir Bhutto zuletzt durch routinierte Grausamkeit zu einer Figur mit der Option auf diesen und jenen Zug reduziert worden. Nun ist die Königin gefallen und damit "Plan B" der amerikanischen Pakistan-Politik. "Plan A" tritt wieder in Kraft: Solo für den König.

Auf seiner texanischen Ranch beeilte sich Präsident Bush, al-Qaida als Urheber des Anschlags zu geißeln und bei seinem Partner Pervez Musharraf auf "nicht schuldig" zu plädieren, bevor die pakistanische Polizei überhaupt eine erste Beweisaufnahme beendet hatte. Die Statements beider Administrationen sprangen wie die Hälften eines Reißverschlusses ineinander: Ein vom pakistanischen Geheimdienst abgehörtes Telefonat schien die üblichen Verdächtigen zu überführen. Die tödliche Wunde an Benazir Bhuttos Kopf durchlief eine Reihe von Metamorphosen, bis es nur noch Widersprüche gab.

Aussage gegen Aussage, Legende gegen Legende, Verleumdung gegen Verleumdung - inzwischen nehmen alle Spieler Aufstellung in den für sie günstigsten Positionen. Posthum entwickelt die Ermordete zuvor unbekannte Qualitäten. Sie kann nicht nur die darniederliegende Volkspartei (PPP) glanzvoll vereinen. Plötzlich wird Benazir Bhutto auch für ihren Erzfeind Nawaz Sharif zu einer mit Wärme erinnerten "Mitkämpferin gegen die Diktatur". Washington zögert nicht, eine im "Kampf gegen den Terror" gefallene Märtyrerin zu feiern - sogar al-Qaida-Führer Baitullah Mehsud will sie geschätzt haben. Nur Präsident Musharraf zieht Nachteile aus dem Attentat von Rawalpindi, klagt Bhutto ihn doch posthum - angeblich in einer für den Fall der Fälle zur Veröffentlichung bestimmten E-Mail an einen Bekannten - der direkten oder indirekten Täterschaft an.

Straßenschlachten, Dutzende von Toten, brennende Polizeireviere und Bahnhöfe - der Schießbefehl für "staatsfeindliche Aktivitäten": All das schien für das US-Außenministerium auch Tage nach dem Anschlag verblüffender Weise kein Grund, die "freien und demokratischen" Wahlen verschieben zu lassen - im Gegenteil: Man bestand auf einer besonders raschen Rückkehr zur Demokratie. Denn Eile war geboten, nicht nur diktiert vom Aufruhr in Pakistan, auch von den beginnenden US-Vorwahlen, mehr noch von der explosiven Lage in Afghanistan. Dort bröckelt gerade die NATO-Allianz - während die USA und Großbritannien weiter gegen die Taleban kämpfen, scheinen Deutschland und andere NATO-Partner längst nicht mehr überzeugt, dass sich dieser Feldzug noch gewinnen lässt.

Das richtige Gesicht

18 Monate hatten Washington und London verhandelt, um Bhuttos Heimkehr aus dem Exil zu ermöglichen und der Militärregierung ein pseudodemokratisches Feigenblatt zu verpassen. Sie schien die allein präsentable Figur, die Pervez Musharraf helfen würde, sich an der Macht zu halten. Musharraf lehnte zwar lange eine Machtteilung ab - aber nur, bis ihm das Wasser bis zum Halse stand. Im September stellte ihm US-Vizeaußenminister Negroponte schließlich ein Ultimatum. "Er teilte dem Präsidenten im Prinzip mit, dass wir bereit seien, ihn zu stützen, aber er brauchte ein demokratisches Gesicht für die Regierung, und wir dachten, Benazir war das richtige Gesicht", sagte Ex-CIA-Mann Bruce Riedel als Vertreter des Nationalen Sicherheitsrates nach Benazirs Ermordung der Washington Post. Im Oktober verpflichtete Condoleezza Rice die zuweilen tollkühne Hasardeurin Bhutto als demokratietaugliche Galionsfigur der amerikanischen Pakistan-Politik und schickte sie damit in den Tod. Einiges deutet darauf hin, dass der widerspenstige Musharraf seine ihm zugewiesene Zwangspartnerin ins offene Messer laufen ließ, nachdem er sich ihrer anders nicht entledigen konnte.

Vorerst bleiben der Bush-Regierung nun allein prekäre Optionen. Sich wieder voll hinter Musharraf zu stellen und ihn als Diktator zu halten, ist eine davon. Zu dem früheren Premier Nawaz Sharif hält Washington bisher Abstand wegen seiner Nähe zu den islamischen Parteien, was ihn als Partner im "Antiterrorkrieg" äußerst unglaubwürdig erscheinen lässt. Vielleicht wartet man einfach ab und freundet sich mit dem Gewinner der Wahlen an. Die Volkspartei (PPP) jedenfalls hat nach der Ernennung von Benazirs 19-jährigem Sohn Bilawal zum Parteichef gute Chancen, auf einer Sympathiewelle zu einem überwältigenden Sieg zu reiten, sofern das Votum überhaupt stattfindet. Das Ansehen der Partei könnte jedoch trotz allem darunter leiden, dass der junge Mann für einige Jahre de facto von seinem selbst innerhalb der PPP sehr unbeliebten Vater Ali Zardari vertreten wird, der laut Benazirs Testament sogar als direkter politischer Erbe gilt. "Er mag unser Vorsitzender sein, aber er ist mein Sohn und in einem zarten Alter", sagte Zardari gleich nach Bilawals Einsetzung und ließ keinen Zweifel, wessen Partei die PPP nun ist. Heftige Machtkämpfe sind programmiert.

Für den Bedarfsfall

Während das politische Schachspiel seinen Lauf nimmt, überlässt das US-Militär wenig dem Zufall. Seit Wochen führen Spezialeinheiten, ohne viel Aufsehen zu erregen, gewisse Operationen in Pakistan durch. Einen Tag vor Benazir Bhuttos Ermordung kündigte der außenpolitische Kolumnist der Washington Post, William Arkin, für Anfang 2008 eine "dramatische Steigerung dieser Aktivitäten" an. Die in Pakistan stationierten Special Forces sollten um ein Vielfaches verstärkt werden, pakistanische "Anti-Terror-Einheiten" trainieren und ausrüsten.

Seit dem 22. November sprechen amerikanische Medien immer wieder vom Aufbau einer 85.000-köpfigen Kampftruppe aus Stammesmilizen, die augenblicklich von US-Ausbildern zum Einsatz gegen al-Qaida-Kräfte vorbereitet würden. Auch Pläne für eine Militärintervention lägen für den Bedarfsfall vor. Die pakistanischen Atomwaffenarsenale, verlautbarte Verteidigungsminister Robert Gates vergangene Woche, seien bereits unter Kontrolle.

2 cellpadding=10 cellspacing=2> Die Bhutto-Dynastie

Zulfikar Ali Bhutto
Als Begründer der zunächst sozialistisch orientierten Pakistan People´s Party (PPP) kommt Zulfikar Ali Bhutto Ende 1971 erstmals an die Macht. Das Land durchlebt nach der Abtrennung von Ostpakistan (Mujibur Rahman ruft dort die Volksrepublik Bangladesh aus) eine schwere Staatskrise. Doch Bhutto sorgt als Präsident für eine spürbare Konsolidierung: Nach Jahren der Militärdiktatur führt er eine moderne, demokratische Verfassung ein, deeskaliert das Verhältnis zu Indien und arbeitet im CENTO-Pakt mit den USA zusammen. Ab Mitte der siebziger Jahre freilich neigt Bhutto immer mehr zur politischen Maßlosigkeit - Korruptionsvorwürfe häufen sich. Als im März 1977 Parlamentswahlen offenkundig zugunsten der PPP manipuliert werden, brechen blutige Unruhen aus. Daraufhin putschen die Streitkräfte unter Führung des späteren Staatschefs, General Zia ul-Haq, der Bhutto bald darauf wegen Anstiftung zum Mord vor Gericht stellen lässt. Das am 18. März 1978 vom Obersten Gericht in Lahore gefällte Todesurteil wird in der Nacht zum 5. April 1979 vollstreckt.

Mir Murtaza Bhutto
Sohn von Zulfikar Ali, der sich vor der Hinrichtung seines Vaters ins afghanische Exil absetzt und dort die Widerstandsorganisation Al Zulfiqar ("Das Schwert") gegen das Regime von Zia ul-Haq gründet. In Afghanistan schließt sich Murtaza zeitweise dem islamischen Widerstand gegen das säkulare Regime der Demokratischen Volkspartei Afghanistans (PPA) und die sowjetische Besatzung an. Ende 1993 kehrt er nach Pakistan zurück, tritt eine Jahre zuvor gegen ihn verhängte Haftstrafe an, darf aber im Juni 1994 gegen Kaution das Gefängnis wieder verlassen.

Es kommt zum offenen Streit mit der Schwester Benazir um das politische Erbe des Vaters und die Führung der Volkspartei (PPP). Im September 1996 fällt Murtaza unter bis heute ungeklärten Umständen einem Mordanschlag zum Opfer. Bereits im Juli 1985 war Shahnawaz, der jüngere Bruder Murtazas, im französischen Exil auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen.

Benazir Bhutto
Tochter von Zulfikar Ali. Sie bemüht sich seit Mitte der achtziger Jahre um das politische Vermächtnis ihres Vaters und wird 1993 Vorsitzende der Volkspartei (PPP), indem sie ihre Mutter, Busrat Bhutto, aus dieser Funktion verdrängt. Zuvor musste sie vorübergehend ins Exil gehen und war 1986 "als Fackelträgerin der Demokratie" nach Islamabad zurückgekehrt. Nach dem Tod von Militärdiktator Zia ul-Haq im August 1988 gewinnt sie die daraufhin ausgeschriebenen Wahlen und wird noch im gleichen Jahr als erste Premierministerin eines islamischen Landes vereidigt. Zweimal wegen Korruption und Vetternwirtschaft gestürzt, geht Benazir Bhutto 1999 ins Exil nach Großbritannien, von wo sie erst im Oktober 2007 zurückkehrt. Präsident Musharraf soll ihr Straffreiheit wegen anhängiger Korruptionsverfahren zugesichert und mit ihr ein Agreement zur "Demokratisierung" Pakistans geschlossen haben.

Die größten Parteien im Parlament Pakistans

Pakistan Muslim Liga (PML-Q)
Sie entstand aus abtrünnigen Parteigängern von Ex-Premier Nawaz Sharif (78 Mandate)

Pakistan People´s Party (PPP)
Partei von Ex-Premierministerin Benazir Bhutto (52 Mandate)

Muttahhida-Majlis-e-Amal (MMA)
Koalition islamistischer Parteien (43 Mandate)

Pakistan Muslim League Nawaz (PML-N)
Partei von Ex-Premier Sharif (15 Mandate)

00:00 04.01.2008

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