Die Konstruktion des Wir

Kälteeffekt In seinem Buch "Der Brand" setzt der Historiker Jörg Friedrich auf das Pathos der Erinnerung

Vor ungefähr fünf Jahren hatte es in den Feuilletons einen Rumor um die Thesen des Schriftstellers W.G. Sebald gegeben, die deutsche Nachkriegsliteratur habe vorm Thema Luftkrieg versagt. Damit hatte Sebald freilich nicht die Duelle am Himmel im Sinn, wie sie in Illustriertenserien, Landser-Heftchen oder in Romanen wie dem damals als höchste Dichtung bejubelten Gerd Gaisers, Die sterbende Jagd, ausgiebig nachgeschmeckt werden konnten. Sebald ging es um den Bombenkrieg, um seine "Naturgeschichte", um den Fokus auf Destruktivität und Leiden, auf die Opfer, die deutschen Städte und ihre Bewohner. In Folge dessen wurde etwa 1999 Gerd Ledigs Roman von 1956, Vergeltung, wiederaufgelegt, was zu ergriffenen Rezensionen, aber keinen nennenswerten Verkaufszahlen führte.

Nun ist neuerlich zum Bombenkrieg gegen Deutschland ein Buch erschienen, nahezu 600 Seiten stark, von Jörg Friedrich. Sein Titel, Der Brand, lässt Bilder wie der Nibelungen Untergang assoziieren. Es handelt sich um die Ausarbeitung eines Kapitels aus Friedrichs umstrittenem Buch von 1993 über das deutsche Heer in Russland, unter Einarbeitung von dem allermeisten, was an Forschung und Erinnerungen zum Thema erschienen ist. Da sein Verlag zum Springer-Konzern gehört, ergab sich der Verbund mit der Bild-Zeitung. Die brachte Auszüge und entsprechende Illustrationen. So kam das Buch in der 49. Woche auf Platz zehn der Spiegel-Bestsellerliste. In der 50. Woche aber tauchte es gar nicht mehr auf - wohl wegen der Lieferengpässe. Weniger jedoch der Verbund mit dem Boulevard, als vielmehr die Boulevard-Erregtheiten in England - Deutscher erklärt den Nationalhelden Churchill zum Kriegsverbrecher! - haben in den hiesigen Feuilletons und Kultursendungen zur neuerlichen Aufmerksamkeit geführt. Die Reaktionen waren bisher vergleichsweise verhalten. Selbst jene allzeit bereiten Reflex-Krawalleure, Experten des boulevardmedialen Intimisierungs- und Skandalisierungsverfahrens in der Qualitätspresse, sind bisher nicht aufgetreten. Ebensowenig wie der Autor wollte offenbar auch das Feuilleton explizit zur explosiven Frage der persönlichen Verantwortung des britischen Kriegs-Premiers Stellung nehmen.

Die Frage ist ohnehin obsolet. Zum einen war es gerade die englische Militärforschung, die dazu längst Material bereitgestellt hat, das Churchills "Sind wir Bestien?" zumindest nicht rundweg verneint, die Problematik des moral bombing deutlich benannt und für Dresden sehr eindeutige Kritik gefunden hat. Zum anderen hatten die Unbelehrbaren hierzulande ohnehin schon immer die Frage für sich und ihre Klientel entschieden. Schließlich, was änderte eine Schuldzuweisung? Für die allfälligen Aufrechner wäre sie nicht mehr nötig. Für alle anderen aber ist Aufrechnung grundsätzlich sinnlos. Entlastung von der Bürde der Geschichte brächte sie nicht, eher stärkte sie das Gegenteil, das Bewusstsein verzweifelter Verstrickung in die unklaren Fronten der Gegenwart und erwartbaren Zukunft.

Die Frage nach dem Bombenkrieg, wie unlängst die nach der Vertreibung, kommt ja nicht einfach auf, weil jetzt, der Generationen-Trias folgend, die Enkel nach der Welt der Großeltern fragen, die Großeltern ihnen erzählen, was die Eltern nicht hatten hören wollen, und die Eltern ihrer Verantwortung beiden gegenüber sich zu versichern suchen. Die Frage hat vielmehr ihr Widerlager in den jüngsten und fortlaufenden Gegenwartserfahrungen selbst. Sie ist unmittelbar gekoppelt an die Kriegs-Wahrnehmungen seit dem Golf-Krieg. Wer hat in alledem nicht die Verwischung von Fronten wahrnehmen müssen? Wer vermöchte im Nahen Osten unbefangen Stellung beziehen? Wer wüsste nicht, wenn er so oder so entscheidet, dass er sich damit immer zugleich gegen einen anderen Teil seiner Moral festlegt? Wem wäre nicht klar, dass es das "Reich des Bösen" nicht gibt und schon deshalb nicht "wir" die Guten sind. Um eben dieses Wir aber geht es im Falle von Friedrichs Buch.

In Martin Doerrys Dokumentation zum Leben der Lilli Jahn findet sich unter anderem ein Brief des 16-jährigen Flakhelfers Gerhard Jahn, in dem er, der nach den Nazi-Gesetzen Halbjude war, seiner ins KZ verschleppten Mutter stolz berichtet, dass "wir" einen kanadischen Bomber abgeschossen haben. Was in solch lakonischem Satz an Aberwitz aufscheint, das ist durch noch so umfassende Darstellungen kaum zu erreichen. Friedrich wählt das große Panorama, in dem auch der Feuersturm von Kassel ausführlich in Zahlen, Beschreibungen und Einzelstimmen vorkommt - dennoch nicht die zerstörte Wohnung der Jahns, nicht die Sorge der Lilli Jahn, die im nahegelegenen KZ Breitenau, geängstigt den Feuerschein sah. Das noch so breit Ausgeschilderte erfasst eben doch nicht alles, bleibt stets nur Auswahl, Arrangement und Perspektivierung. Um so mehr fragt sich, welche Perspektive das ist.

Friedrichs Buch ist gewissenhaft recherchiert, es ist, auch wenn es einige Fehler enthält, nicht einseitig oder verzerrend. Es ist aber in all dem Aufgebot an Fakten und Erinnerungen keineswegs eine Rekonstruktion dessen, "wie es damals wirklich war". Dabei hat Friedrich auf den ersten Blick eine adäquate Herangehensweise gewählt, die der ausgekühlten Nüchternheit, des sachlichen Blicks von oben und außen. Er beginnt, ausgehend vom Fall Wuppertal, mit der Ausarbeitung jenes industriellen Unternehmens, das ein Bombenangriff bedeutet. Er entwickelt die Entstehung der britischen Bomberflotte, das Zusammenspiel der nötigen Elemente von der Navigation bis zur Zusammensetzung der Bombenmischung. Er beschreibt die Perfektionierung der Bomben-, Anflug- und Abwurftechniken. Und es ist auch keineswegs so, dass er die deutschen Anteile, Guernica, Warschau, Rotterdam oder Coventry vergäße. Es geht ihm nicht um die Frage, wer angefangen hat. Er entwirft das Großereignis Bombenkrieg. Dazu fächert er alsbald das Ganze geographisch gegliedert auf, so dass jeder einschlägig Interessierte schnell "seine" Stadt herauszupicken vermag. Dann folgt der Gang in Keller und Bunker, zum kollektiven Verhalten wie zur individuellen Wahrnehmung zwischen Euphorie und Fatalismus, um schließlich mit einer Bilanz der kulturellen Verluste zu enden - Architektur, Kunstwerke und Bücher.

Ihm mag dabei das Modell von Alexander Kluges Text über den Angriff auf Halberstadt vor Augen gestanden haben, dessen Analyse eines industriell erzeugten Unglücks. Friedrichs Nüchternheit und Faktizität jedoch ist pathetisch. Seine Kälte des Sachlichen macht den Schrecken nicht analytisch fassbarer, sondern lädt das Material zusätzlich auf. "Das Opfer stirbt nicht seinen Tod, denn es hat keinen. Es befindet sich in einem Abschnitt, wo das Leben aufhört." Solche Sätze immer wieder. Um des Kälteeffekts willen wird aus einem britischen Kommando schnell eine "Massenvernichtungsgruppe". Nicht anders als die Planer des Bombenkriegs selbst, liefert Friedrich ständig neue Kalkulationen. Etwa: Übertrüge man Hamburgs Verlustrate auf Berlin, wären dort 110.000 Menschen umgekommen, nahezu ein Drittel der Toten nach Hamburg und das Eineinviertelfache von Hiroshima. Hätte also eine "Hamburgisierung Berlins" das Reich früher kapitulieren lassen? Wenn ja, wäre das Flächenbombardement auf die Stadtkerne als strategische Waffe zu rechtfertigen gewesen, wenn nein, diente das "fortgesetzter Massenausrottung". Berlin gehörte jedoch, wie Köln und anders als Lübeck - "Das waren die Gründe für Lübecks Zerstörung: seine Lage, seine Schwäche und seine Altersschönheit." - zu den moderneren Städten, in denen ein Feuersturm sich kaum entfachen ließ.

Trotz derart effizient hergestellter beiläufiger Evidenz des Verbrecherischen geht es Friedrich nicht um Schuldzuweisung. Ihm geht es auch - trotz aller Detaillierung und Differenzierung - nicht um die Rekonstruktion von Mentalitäten - warum beispielsweise Commander Harris so fixiert war auf das Muster des in den britischen Kolonien bewährten terror bombing, welche Verachtung und Angst vorm heimischen Proletariat auf die deutsche Arbeiterschaft projiziert wurde, die man zum Aufstand bomben wollte. Ihm geht es nicht um die - unerlässliche - Prüfung im Einzelfall, was nach der besonders diffizilen Position des Luftkriegs im Kriegsvölkerrecht vertretbar war und was nicht mehr. (Dazu findet man beim Freiburger Militärhistoriker Horst Boog entschieden mehr.) Ihm geht es um die epische Instrumentierung der Konstruktion einer großen Emotion, der des "Wir". Doch wer ist das "Wir" dieser Darstellung des Bombenkriegs um Deutschland? Ist es Peter Spoden, der 1944 stolz der Propagandaillustrierten Signal von seinen Abenteuern als abgeschossener Nachtjäger berichtet? Ist es jener Landser, den Friedrich zitiert, der einmal in den Luftschutzkeller gezwungen, lieber wieder an die Front wollte? Sind das die überlebenden Erzähler oder die verkohlten, zerschmetterten, gesottenen, geplatzten, erstickten Opfer fürs Massengrab? Sind das diejenigen, die in Süddeutschland und auf dem Lande den Bombenkrieg bloß in Gestalt der Evakuierten und Ausgebombten erfuhren, oder diejenigen, die im Luftschutzkeller oder zwischen zwei Alarmen geboren wurden? Sind es die Erben jener Volksgemeinschaft, die unter dem Druck des Bombenterrors vollends zerstob, an deren Stelle aber die um so zähere Elementargemeinschaft trat, die bis zum allerletzten Moment nicht aufbegehrte und lieber an die Wunderwaffen glauben wollte? Oder sind "wir" vielleicht doch diejenigen, denen die zahllosen Opfer der Alliierten die Chance eines neuen Beginnens ermöglichte - wie verhindert, wie vertan auch immer?

Friedrichs Wir ist von anderer Art. Vielleicht nicht intendiert, aber faktisch ist es das suggestive Wir des einzelnen Ich. Er evoziert, was man sonst nur im Selbstgefühl der großen Massen erfährt, den fatalistischen Rausch aus Allmacht und Verlorenheit. Darin verknüpfen sich zwei Suggestionen: "Das waren wir Deutschen" und "So sind wir Menschen". Und schon deshalb stehen eben nicht jene endlosen, jahrelangen, routinehaften Zermürbungsfälle von etwa Berlin, Braunschweig oder dem Ruhrgebiet im Zentrum, sondern die von Friedrich selbst zu Singularitäten erklärten Feuerstürme - Wuppertal, Hamburg, Kassel oder Pforzheim. Es ist Nibelungenbrand. Wagnerianismus aus dem Geist der Magazin-Sachlichkeit. Das mag den Bauch auf kommende Katastrophen einstimmen, dem Kopf hilft es zu deren Verhütung nicht weiter.

Das Pathos der Erinnerung, mit dem Friedrich angesichts acht Millionen im Krieg verbrannter Bücher endet - "Doch wird das Papier sich seiner bemächtigen, es hat längeren Atem als das Feuer." - ist, mit seiner erborgten Kraft der Bilder, selbst papieren. Stattdessen wäre an jenen Aspekt des Vergessens zu erinnern, der der Erinnerung als Vorwand für ein Anderes den Boden zu entziehen wünscht. Wie Hans Erich Nossack unter dem unmittelbaren Eindruck des Feuersturms von Hamburg in Nekiya, in seinem mythisierenden Versuch der Verarbeitung parabolisch geschrieben hat: "Draußen war einmal Krieg. Die Völker versuchten sich gegenseitig zu vernichten. Es ist schon lange her. Kaum daß die Toten sich noch dessen erinnern. Sie sagen sich, es ist besser, wir vergessen es und wir werden vergessen, sonst bekommt einer Lust, es noch einmal zu versuchen, und behauptet, er müsse uns rächen. Das ist aber nur ein Vorwand, weil er unzufrieden mit sich ist; denn wir bedürfen nicht der Rache, sondern des Friedens."

Jörg Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 - 1945, Propyläen-Verlag, München 2002

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00:00 13.12.2002

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