Die Kraft von unten

Erdbebenhilfe und Zivilgesellschaft Die Chinesen staunen über sich selbst

Chinas Bevölkerung in den urbanen Zentren der Ostküste ist weder narzisstischem Konsumrausch verfallen, noch politisch unmündig. Die ernorme Hilfe für die Erdbebenopfer von Sichuan bezeugt Solidarität und Mitgefühl, sie lässt auch Ansätze einer aufkeimenden Zivilgesellschaft erkennen, deren "Spätfolgen" noch nicht absehbar sind.


Mit geschlossenen Augen lehnt Zhao Rongyu an der Wand einer Unterführung im Norden Pekings. Um seinen Hals hängt eine Gitarre, neben ihm kleben Plakate mit Nachrichten und Fotos über das Erdbeben in der Provinz Sichuan. Jäh geht ein Ruck durch den 23-Jährigen: "Der 12. Mai 2008 war eine Katastrophe", singt er mit rauer Stimme, "wie kann es sein, dass so viel Leben plötzlich nicht mehr da ist. Wie kann es sein?" Passanten bleiben stehen, senken den Kopf, hören zu und werfen Yuan-Scheine in den aufgeklappten Gitarrenkoffer.

Zhao, singender Vagabund aus der Provinz Shandong im Osten Chinas, lässt sich seit Wochen durch Peking treiben und lebt von der Hand in den Mund. "Die Leute dort haben alles verloren, da muss man doch etwas tun", ruft er seinem Auditorium noch zu, bevor er für diesen Tag einpackt.

Die chinesische Führung hat sehr schnell, sehr effizient und sehr öffentlich auf die Naturkatastrophe reagiert, die Mobilisierungskraft des Staates unter Beweis gestellt und im ganzen Land eine Anteilnahme ausgelöst, wie sie die Volksrepublik vermutlich noch nie erlebt hat. Hunderte Reporter fuhren auf eigene Faust ins Erdbebengebiet und berichteten - aufgewühlt durch die Fernsehbilder reisten ihnen Tausende Landsleute hinterher, um sich als freiwillige Helfer anzubieten. Wer zu Hause blieb, ging zu Wohltätigkeitsaktionen, spendete Blut oder gab Geld - etwa 30 Milliarden Yuan (vier Milliarden Euro) addierten sich allein auf diese Weise, aufgebracht nur von der Bevölkerung.

Der Unternehmer Chen Liang lässt sich von den Schildern des Chinesischen Roten Kreuzes durch eine kleine Gassen im Westen Pekings lotsen. In dem dreistöckigen weißen Gebäude werden in allen Zimmern bis in die späten Abendstunden hinein Spenden entgegengenommen. Chen gibt 2.300 Yuan (300 Euro). "Dass so viele Kinder gestorben sind, hat mich besonders erschüttert", sagt der 33-Jährige mit der Brieftasche unterm Arm. "Viele von uns haben in den vergangenen Jahren bestens verdient. Jetzt können alle etwas zurückgeben. Und das gehört sich auch so." Oft würden die Leute Schlange stehen, erzählen die Rot-Kreuz-Helfer, Pensionäre würden ihre gesamte Monatsrente auf den Tisch legen. Familien ließen es sich nicht nehmen, Decken, Kleidungsstücke oder Spielzeug abzuliefern - alle wollten helfen.

Die chinesische Bevölkerung staunt über sich selbst. "Kraft von unten. Das Wachsen einer Zivilgesellschaft berührt China und die Welt", titelt die Wochenzeitung Nanfang Zhoumo in einer Erdbeben-Beilage Anfang des Monats. Nichtregierungsorganisationen sollten "wegen ihres Expertenwissens und ihrer Nähe zum Volk" eine besondere Rolle bei der Koordination des Wiederaufbaus übernehmen.

Die Regierung hat sich dazu noch nicht geäußert. Offiziell begrüßt und toleriert sie jeden ehreamtlichen Helfer, warnt aber zugleich "aus Sicherheitsgründen" vor einem ungebremsten Zustrom in die verheerte Region. Häufig zu recht: unkoordinierte Einzelaktionen von Freiwilligen sorgen für zusätzliches Chaos und schwer kalkulierbare Gefahren. Betrüger versuchen, mit selbstgegründeten Hilfsvereinen das schnelle Geld zu verdienen. Manch lokale Administration fürchtet, je mehr vor allem qualifizierte Helfer eintreffen, desto größer die Gefahr, durch Korruption verursachte Baumängel an eingestürzten Gebäuden könnten entdeckt werden.

Aus Sicht des Staates mögen Opfermut und neues soziales Selbstbewusstsein einen nationalen Kollektivgeist befördern, der vor den Olympischen Spielen nicht abträglich sein kann. Aber die Welle der Solidarität wird wohl weiter tragen - auch wenn die Chinesen bis dato nicht viel am Krisenmanagement der Zentralregierung auszusetzen haben: Sollten beim Wiederaufbau die Versprechen nicht eingehalten werden, könnte sich eine erwachte Zivilgesellschaft zum Kläger und Mahner berufen fühlen und müsste wohl gehört werden.

Der Musiker Zhao ist wegen seiner Gesänge für die Erdbebenopfer schon zwei Mal von der Polizei mitgenommen worden. Die Einzahlungsbelege bei der Bank mit dem Spendenvermerk reichten als Beweis seiner Unschuld nicht aus. Die könnten auch gefälscht sein, beschieden ihm die Beamten. Beim ersten Mal setzte ihn die Polizei nur für Stunden fest, beim zweiten Mal musste er eine Nacht auf der Wache verbringen. "Keine angenehme Erfahrung, für eine gute Sache bestraft zu werden", sagt Zhao. Aber er wolle trotzdem nicht weichen und weiter auftreten. Plakate hängt er nicht mehr auf, kleine Handzettel auf dem Straßenpflaster müssen es nun richten. Die Passanten würden zwar inzwischen weniger spenden, aber achtlos stehen ließen sie ihn nicht.

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00:00 13.06.2008

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