Die Kriegslieder von 1948

Israel Die israelische Gesellschaft muss sich dem Widerspruch zwischen den Pionierleistungen ihrer Gründergeneration und der Vertreibung von Millionen Palästinensern stellen

Im Alter von zehn Jahren, ein paar Wochen nach der Flucht aus Nazi-Deutschland und der Ankunft in Palästina, schickten mich meine Eltern nach Nahalal, dem ersten Moshav, wie die Gemeinschaftsdörfer hießen. Ich lebte dort bei einer Bauernfamilie, um mich zu akklimatisieren und Hebräisch zu lernen.

Wie sah dieses Nahalal seinerzeit, Mitte der dreißiger Jahre, aus? 75 Familien lebten in kleinen weißen Häusern, die so gebaut waren, dass sie im Kreis standen. Sie arbeiteten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Im Winter lag im Dorf eine dicke Schlammschicht, im Sommer stieg die Hitze auf Körpertemperatur. Wir Kinder gingen mit den Erwachsenen arbeiten, zuweilen war es fast unerträglich.

Alle lebten in unbeschreiblicher Armut. Ein kleines Glas mit selbst produziertem Wein am Freitagabend, zum Schabbat, war der höchste Luxus. Als der Dichter Nathan Alterman das Lied Ruhe erfüllte den Müden schrieb, war das keine poetische Phrase. Er sprach über wirkliche Leute, die Söhne und Töchter der gutbürgerlichen Schicht aus Petersburg und Kiew, verwöhnte Kinder wohl situierter Eltern, die nach Palästina kamen, „um das Land aufzubauen“. Sie gingen sehenden Auges in ein Leben voll erbärmlicher Armut und Schwerstarbeit, sie lernten eine neue Sprache und gaben ihre Muttersprache für immer auf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass einer von ihnen nach der Tagesarbeit noch genügend Kraft hatte, Tolstoi oder Dostojewski zu lesen.

Sichere Zuflucht für Millionen

Natürlich wussten sie, dass rundherum Araber lebten. Auf dem Weg von Nahalal nach Haifa kam man an arabischen Dörfern vorbei und sah die Fellachen auf den Feldern arbeiten. Doch gab es keinen Kontakt mit Arabern, man verstand ihre Sprache nicht und hatte keine Vorstellung, was in ihren Köpfen vorging, wenn sie die Juden beim Bestellen ihrer Felder sahen.

Wir fühlten damals, an einem noch nie da gewesenen heldenhaften Unternehmen beteiligt zu sein, indem wir eine neue Welt, eine neue Gesellschaft, einen neuen Menschen, eine neue Kultur schufen. Wir wussten, woher wir kamen – aus Europa, das für Juden immer mehr zur Hölle wurde. Wir wussten, dass es unsere Pflicht war, eine sichere Zuflucht für Millionen Glaubensbrüder zu bauen, die in einer immer größeren Gefahr lebten (obwohl sich noch keiner den Holocaust vorstellen konnte), und nirgendwo sonst mehr hin konnten.

Als die „Unruhen“ im April 1936 begannen, sahen wir darin keinen „arabischen Aufstand“, sondern eher ein britisches Komplott, bei dem die ignoranten Araber gegen uns aufgestachelt wurden, um weiter die Herrschaft Großbritanniens über das Land aufrechtzuerhalten. Wir glaubten, die „aufgehetzten“ arabischen Massen griffen uns an, weil sie nicht begriffen, dass wir dem Land eine moderne Landwirtschaft, Gesundheitsfürsorge, Sozialismus und Solidarität der Arbeiter brachten. Ihre Führer, die reichen Effendis, wiegelten sie auf, weil sie fürchteten, die Fellachen könnten von uns lernen. Und da waren natürlich auch jene unter uns, die glaubten, dass die Araber um des Tötens willen töteten, weil das ein wesentlicher Teil ihrer Religion sei.

Dies waren keine zynischen Ausreden. Der Zionismus war nicht zynisch, der ganze Yishuw – die neue hebräische Gesellschaft – glaubte an diese Doktrin. Sie musste es tun, um den idealistischen Geist am Leben zu erhalten und zugleich die andere Seite der Medaille zu ignorieren.

Mit dem Rücken zur Wand

Vladimir Ze’ev Jabotinsky, der im Ausland lebte und nicht an den Pionierleistungen des arbeitenden Erez Israel teilnahm, sah die Dinge aus der Ferne und um Vieles klarer: Schon in den zwanziger Jahren stellte er fest, dass die palästinensischen Araber sich so benehmen wie jedes andere Volk, wenn Fremde mit der Absicht in ihr Land kommen, ihnen die Heimat zu nehmen. Nur wenige hörten damals auf ihn.

Und so führten wir 1947/48 den ersten Krieg, als die Devise galt: „Es gibt keine Alternative.“ Davon waren wir alle überzeugt. Wir kämpften mit dem Rücken zur Wand. Das Leben unserer Familien hing an einem seidenen Faden. Der Feind umgab uns von allen Seiten. Wir glaubten, dass wir – die wenigen, die sehr wenigen – fast ohne Waffen einem Meer der Araber gegenüberstanden. Die arabischen Armeen näherten sich den Zentren der hebräischen Bevölkerung, schlossen Jerusalem ein und kamen nahe an Tel Aviv heran. Die jüdische Gemeinschaft verlor über 6.000 junge Leute aus einer Bevölkerung von 635.000. Ganze Jahrgänge wurden dezimiert, unzählige heroische Taten vollbracht.

Wir wussten fast nichts über die wirklichen Kräfteverhältnisse. Die Araber erschienen uns wie eine riesige Macht. Uns blieb verborgen, wie zerstritten und unfähig sie waren, eine landesweite Verteidigungskraft zu schaffen.

Heute hat eine wachsende Zahl von Israelis damit begonnen, die volle Bedeutung der Nakba (das arabische Wort für Katas­trophe), der damaligen Vertreibung Hunderttausender, zu verstehen – dies wurde zur großen Tragödie des palästinensischen Volkes, das seine Heimat verlor. Einige sehen den ganzen Krieg von 1948 als Verschwörung der zionistischen Führung, die von Anfang an, die Palästinenser aus ihrem Land entfernen wollte, um es in einen jüdischen Staat zu verwandeln. Nach dieser Ansicht waren die Soldaten von 1948 Vollstrecker einer bösartigen Politik und die Pioniere der dreißiger Jahre nichts als Landräuber, die eine ethnische Säuberung durch Vertreibung und Enteignung bewirkten.

An einem seidenen Faden

Man kann sich in dieser Auffassung durch die heutigen Siedler bestärkt sehen, denen vorschwebt, die Palästinenser auch noch aus den letzten Resten ihres Landes zu verdrängen. Religiöse Fanatiker und faschistische Hooligans, die behaupten, Erben der Pioniere von einst zu sein, verwischen deren eigentliche Absichten.

Wie kann man den Widerspruch zwischen den großartigen Leistungen der Generation, die einen neuen Staat aufbaute, und den dunklen Seiten ihrer Aktionen, vor allem deren Folgen, überwinden? Können wir mit ganzem Herzen die Kriegslieder von 1948 (von denen ich eines schrieb und gar nicht stolz darüber bin) singen, ohne die schreckliche Tragödie zu leugnen, die wir dem palästinensischen Volk gebracht haben?

Barack Obama sagte Anfang April dem türkischen Volk, dass es endlich mit den von ihren Vorfahren begangenen Verbrechen an den Armeniern klarkommen müsse, während er zugleich die Amerikaner daran erinnerte, sie müssten sich mit dem Genozid an den Ureinwohnern Nordamerikas und der Ausbeutung der schwarzen Sklaven durch ihre Vorfahren auseinandersetzen.

Ich glaube, dass wir Gleiches gegenüber den Palästinensern vorhaben sollten. Ich bin davon überzeugt, dass dies bedeutsam, sogar lebensnotwendig für unsere eigene geistige Gesundheit und auch ein erster Schritt zur schlussendlichen Versöhnung ist. Wir müssen reparieren, was repariert werden kann – ohne unsere Vergangenheit und die Lieder zu verwerfen, die die Unschuld unserer Jugend ausdrücken. Wir müssen mit diesem Widerspruch leben, weil er die Wahrheit unseres Lebens ist.

Übersetzung: Ellen Rohlfs/Christoph Glanz

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

05:00 29.04.2009

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!