Die Krise füttert sich selbst

Schwarzer Donnerstag Vor 75 Jahren löste ein gigantischer Kurssturz an der New Yorker Börse die Weltwirtschaftskrise aus. Damit ist der Börsencrash zum Archetyp existenzieller Ängste geworden

Die Panik erreichte ihren Höhepunkt um 11.30 Uhr. Bis dahin hatte ein Großteil der 12.894.650 an diesem Donnerstag gehandelten Aktien ihren Besitzer bereits gewechselt. Zunächst aufgeregt, dann hysterisch und schließlich von Angst durchdrungen, verkauften die Händler in der New Yorker Aktienbörse was ging. Egal zu welchem Preis. Aus dem Ticker galoppierten die Notierungen, bis schließlich die Technik versagte. Eine derartige Menge Aktien hatten die Händler noch nie gehandelt. Wo genau die Kurse standen, wusste deswegen schon gegen elf Uhr niemand mehr zu sagen. Sicher war nur, dass die Kurse ins Unterirdische fielen, in Minutenschnelle, angeheizt durch immer mehr Verkäufe. Die Panik nährte die Panik. Ein Händler brach ohnmächtig auf dem Parkett zusammen. Bis Mittag hatten sich elf stadtbekannte Spekulanten das Leben genommen und eine aufgebrachte Menge vor der Börse wartete gespannt, wann ein auf dem Dach des Gebäudes gesichteter Mann springen würde. Innerhalb von drei Stunden hatten sich nicht nur Millionen Dollar in Luft aufgelöst. Mit ihnen begann die berauschende Illusion vom Reichtum aus dem Nichts zu schwinden.

Der Börsencrash vom 24. Oktober 1929, ein Donnerstag, der später als "schwarzer Freitag" in die Geschichte einging, ist heute der Archetyp des Börsencrash. Wann immer in den vergangenen 75 Jahren die Aktienkurse drastisch fielen, erwachten die Bilder aus der Weltwirtschaftskrise von Anfang der dreißiger Jahre. In jeder wirtschaftlich schwierigen Lage tauchen vor dem geistigen Auge Millionen von Arbeitslosen auf, die sich zu einem Bild verdichten: Jenem Mann mit Papptafeln auf Brust und Rücken, auf denen er seine Arbeitskraft anbietet. Die Verzweiflung einer ganzen Epoche erwacht in der kollektiven Erinnerung immer wieder, wenn die Wirtschaft kriselt. Denn mit dem Crash von 1929 hat sich das unbehagliche Gefühl verbreitet, dass die Wirtschaft eine höhere, nicht zu durchschauende Macht sei, der der arbeitende Mensch ausgeliefert ist. Diese Ohnmacht hält bis heute und scheint sich in drohenden Massenentlassungen bei Opel oder Karstadt auch gerade wieder zu bestätigen.

Doch die Zeiten sind nicht mehr dieselben: Selbst wenn 10.000 Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren sollten, wird dies nicht das ganze Land niederreißen. Heutzutage ist es unvorstellbar, dass ein einzelnes Ereignis eine derartige Kettenreaktion wie 1929 auslöst. Politik und Wirtschaft lernen nur am lebenden Objekt, das heißt, sie werden die einmal begangenen Fehler kaum wiederholen, aber natürlich andere machen, von denen sie noch nicht wissen, dass es Fehler sind.

Eine Wirtschaftskrise funktioniert im Jahr 2004 nach anderen Gesetzen als 1929. Und ihre Auswirkungen werden nicht mit der Zeit zwischen den Weltkriegen zu vergleichen sein. Dennoch bleibt das Unbehagen, dass Deutschland zur Zeit einen Niedergang auf Raten erlebt. Mindestens 4,5 Millionen Menschen sind arbeitslos, die Wirtschaft wächst bescheiden, der Staat ist pleite, die Renten- und Sozialkassen sind marode. Es taucht wieder die Angst auf, die schon vor 75 Jahren die Menschen lähmte und die große Depression auslöste. Und damals wie heute ist die Angst dort am größten, wo der Verlust von Wohlstand und sozialer Sicherheit droht. Wie nach dem Crash von 1929 fürchtet sich die Mittelschicht am meisten, denn sie leidet noch nicht unter der Not, sondern unter einem möglichen Verlust von Identität und materiellem Wohlstand. Die Ängste waren damals wie heute real. Realistisch sind sie deswegen nicht. Denn die wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten von heute sind in keiner Weise mit den zwanziger und dreißiger Jahren zu vergleichen.

Was geschah damals, am 24. Oktober 1929? Am Morgen war noch alles ruhig, die Kurse nach den extremen Schwankungen der Tage zuvor fest, die noch kurz zuvor unbekannten Verluste schienen gedämmt. Die Händler und ihre Auftraggeber waren noch benommen von den opiathaften Beschwörungen des Wall Street Propheten Irving Fisher, der die Verluste vom Montag der Woche als "aus den Kursen geschüttelten Wahnsinn" bezeichnet hatte. Nun würde erst recht alles gut werden, hatte der einflussreiche Wirtschaftsprofessor von der Harvard School of Economics erklärt, denn die US-Wirtschaft sei stabil. Gesund wie ihre Arbeiter, die Dank der Prohibition ihre Arbeitskraft nicht durch Alkohol vermindern könnten. Und überhaupt seien die Unternehmensgewinne aus den Glorious Twenties, den kometenhaften Produktionssteigerungen, nicht einmal in den Aktienkursen abgebildet. Deshalb müssten die Kurse unweigerlich steigen, orakelte Professor Fisher drei Tage vor dem Schwarzen Tag.

Mit der Einschätzung war Fisher nicht allein. Die Chefs der großen Bankhäuser, die Fondsverwalter von Goldman, Sachs, die US-Regierung unter Präsident Herbert Hoover, alle waren davon überzeugt, dass die Kurse weiter steigen würden. Sie mussten weiter steigen, sie waren vier Jahre lang immer steil gestiegen, und Hoover und seine Bankiers wollten, dass sie weiter steigen. Selbst wenn der Erkenntnisstand über die wirtschaftlichen Zusammenhänge damals noch mehr als heute dem Lesen aus dem Kaffeesatz ähnelte, sind die Fehlinterpretationen der damaligen Akteure erstaunlich. "In Amerika sind wir heute dem Triumph über die Armut näher als jemals zuvor in der Geschichte irgendeines Landes", hatte Hoover im Wahlkampf 1928 der Bevölkerung eines Landes verkündet, dessen Massen in den zwanziger Jahren nicht wesentlich besser lebten als später in der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre.

Erstaunlich aus heutiger Sicht ist auch, dass die Menschen ihm glaubten. Aber dieser kollektive Realitätsverlust war Teil der Stimmung in den zwanziger Jahren. Denn vor dem Crash von 1929 herrschte die Euphorie. Es war die Phase der Manie, die der großen Depression vorausgeht. Seit 1922 hatten die Unternehmen Jahr für Jahr neue Produktionsrekorde aufgestellt. Angetrieben von Henry Ford und der Autoindustrie boomte die Wirtschaft unkontrolliert. Die Konzerne schlossen sich zu immer größeren Trusts zusammen und beherrschten in Oligopolen die US-Wirtschaft und weite Teile der korrupten, aber stets von den Republikanern geführten Regierungen. Die Wirtschaft war im wahrsten Sinne hyperaktiv, und sie produzierte bald mehr Autos, Toaster, Radios und Kühlschränke, als die Bevölkerung in dem zügig elektrifizierten Land kaufen konnte. Endlich, endlich schien Mitte der zwanziger Jahre die wirtschaftliche Depression nach dem Ersten Weltkrieg überwunden. Die Arbeiter und Angestellten in den Industrieunternehmen verdienten gut und kauften. Dass es den Farmern so schlecht ging wie je zuvor, spielte da keine Rolle. Amerika erschien - nicht nur in den Produktionen der boomenden Filmindustrie - als ein grenzenloses Paradies von Industriegütern. Wer nicht genügend Geld hatte, konnte sich problemlos einen Kleinkredit bei den Banken besorgen. Wer mehr wollte, spekulierte mit dem geliehenen Geld bei Landverkäufen in Florida, in texanischen Ölfeldern oder eben an der Börse.

Bald galt nicht mehr die protestantische Arbeitsethik der Gründungsväter, laut der jeder durch eigene Hände Arbeit vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen und damit Gottes Reich auf Erden schaffen konnte. Die US-Amerikaner waren nun davon überzeugt, einen Anspruch auf Wohlstand und Gewinn zu haben. Und wer diesen Anspruch hat, arbeitet nicht from rags to riches, er setzt skrupellos seine Mittel ein, um sein Recht zu bekommen. In der Unabhängigkeitserklärung hatten die alten Puritaner den Amerikanern noch das von Gott verliehene Recht auf den Pursuit of Happiness, dem Streben nach Glück, zuerkannt. Aus diesem Leitmotiv aller amerikanischen Handlungen war in den kurzen Boom-Jahren von 1922 bis 1929 das als legitim empfundene Recht auf Reichtum geworden.

Als am 24. Oktober 1929 die Kurse an der New Yorker Börse stürzten, begann daher die gerade erst gefundene Identität der Amerikaner zu bröckeln. Der Börsencrash vernichtete Werte, so zweifelhaft sie auch waren. Und dieser Werteverlust war weitaus schlimmer als die Vernichtung des Börsenkapitals. Zu den Absurditäten des New Yorker Börsencrash gehört deshalb auch, dass am Freitag und Samstag nach den größten Kursverlusten aller Zeiten der Optimismus zurückkehrte und die Kurse stabil blieben. Die größten Banken hatten am Nachmittag des Schwarzen Donnerstag 40 Millionen Dollar in den Markt gepumpt. Diese Stützungskäufe hatten tatsächlich die Kurse bis zum Abend fast wieder auf das Niveau vom Vortag gehoben. Deswegen verbrannte in der ersten Woche des Crash nur das Geld von Kleinanlegern.

In der zweiten Woche lösten sich die Gewinne der Großanleger, des reichen Bürgertums, der professionellen Spekulanten in den Banken und der jüngst erfundenen Fondsgesellschaften auf. Bis zum Dienstagabend waren die Kurse auf den Stand von Herbst 1928 gefallen - die Gewinne eines ganzen Jahres waren verloren. "Das einzigartige Kennzeichen des Crash von 1929 war, dass das Schlimmste immer schlimmer wurde", schreibt der Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith in seiner Analyse des Zusammenbruchs für einen Kongressausschuss des Jahres 1954. "Was an einem Tag aussah, wie das Ende des Verfalls, stellte sich am nächsten Tag als dessen Beginn heraus."

Bis November vernichteten sich 26 Milliarden Dollar an Aktienwerten. Doch es sollte drei Jahre dauern, bis die Kurse auf ihrem Tiefstand angekommen waren: Dem Stand von 1921. Dieser stetige Verfall schürte das Klima der Unsicherheit, in der sich die Depression breit machen konnte. Nüchtern betrachtet unterscheiden sich die Gegebenheiten der zwanziger Jahre nicht wesentlich von denen der dreißiger Jahre. Wirtschaftswissenschaftler sind daher überzeugt, dass das Ende der Spekulationsblase nicht zwingend in eine Rezession in den USA hätte führen müssen. Dass sie es dennoch tat, schreiben sie der Panik, einer schlechten Politik, einer schlechten Unternehmensstruktur und vor allem der schlechten Verteilung des Wohlstands zu.

Fakt ist, dass die Angst herrschte. Arbeiter und Angestellte fürchteten um ihren Job, Unternehmen fürchteten um ihre Gewinne, Banken fürchteten um ihre Einlagen. Diese Angst sog das Kapital auf. Die Krise fütterte sich selbst, denn die Banken fielen wie Dominosteine, viele Konzerne schlossen und bis zum Höhepunkt der Krise im Jahr 1932 verloren deshalb 15 Millionen Menschen ihren Job. Die Regierung Hoover unternahm nichts, was dem wirtschaftlichen Niedergang hätte entgegenwirken können. Im Gegenteil, Hoover machte alles noch schlimmer. Er hielt am republikanischen Dogma eines ausgeglichenen Haushalts fest, senkte deswegen weder Steuern noch Zinsen und hielt öffentliche Ausgaben zurück. Aus einer völlig unbegründeten Angst vor Inflation - in Wahrheit herrschte Deflation - blieb Hoover beim Goldstandard, das heißt der Bindung des Geldes an Goldreserven. Bis 1931 häufte er zwei Fünftel der weltweiten Goldreserven an, ohne diesen Vorteil in einer lockeren Geldpolitik an die Bevölkerung weiterzugeben.

Aber nicht nur der Dollar war an die Goldreserven in Fort Knox gekoppelt. Außer Spanien, Portugal, Rumänien und Japan hatten alle Länder ihre Währungen an den Goldstandard gehängt. Da sich die Goldreserven in den USA und Frankreich sammelten, hatten die anderen Länder keinen Spielraum für eine eigenständige und freizügige Geldpolitik. Die Länder hatten buchstäblich kein Geld. Über diese Kette von aneinandergeknüpften Währungen verbreitete sich die US-Krankheit über die ganze Welt zur Weltwirtschaftskrise.

In Deutschland traf die Rezession auf ein Land, das mit letzter Kraft seine Reparationszahlungen aus dem Ersten Weltkrieg beglich und seine Hoffnungen schon an einem anderen Schwarzen Freitag, dem 13. Mai 1927, verloren hatte. Mit der über den Atlantik schwappenden Krise kam auch die Angst, die noch heute im kollektiven Gefühlshaushalt regiert, wenn vom Crash 1929 die Rede ist. Die Bilder von hohlwangigen Arbeitssuchenden in den Straßen Berlins, von Schlangen vor den Suppenküchen und bettelnden Kindern haben sich ins Gedächtnis gebrannt. Diese Bilder und das mit ihnen verbundene Gefühl sind so intensiv, dass Ultrarechte und Linke sie in den vergangenen 75 Jahren immer wieder für ihre Kritik am Kapital und der freien Wirtschaft benutzen konnten.

Bis heute taugen die Bilder der Weltwirtschaftskrise, um in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Angst vor dem Verlust an Werten hervorzubringen. Schlimmer noch, sie fördern die Identitätskrise der Deutschen aus der Zeit zwischen den Kriegen hervor. Denn mit ihnen verbunden ist das Gefühl der Erniedrigung nach dem Versailler Vertrag und die Scham über die dann möglich gewordenen Verbrechen des Nationalsozialismus, mit denen die Depression sich schließlich in Aggression entlud. Die bis heute wirkende Kraft der Bilder aus der Weltwirtschaftskrise zeigen, dass ihre gesellschaftlichen Ursachen und Folgen nie aufgearbeitet wurden. Weder die Psychologie der Krise, noch der aus ihr folgende Wahn wurden je zu einem gesunden Verständnis der Vorkommnisse nach 1929 verarbeitet.

Die Bilder bleiben, auch wenn die Fakten gegen eine Wiederholung der Ereignisse sprechen. Denn der Crash von 1929 und seine Folgen werden sich nie wiederholen. In den vergangenen Jahrzehnten hat es von Caracas über Mexiko bis Kuala Lumpur, Singapur, Frankfurt und New York immer wieder Börsencrashs gegeben. Die Asienkrise 1997 und die ein Jahr später folgende Russland-Krise hatten dieselben fatalen Folgen für die Länder, wie der Crash von 1929 für die USA. Ausgelöst hatten sie diesmal nicht Aktien- sondern Währungsspekulationen und eine falsche Geldpolitik der betroffenen Länder. Selbst wenn die Länder wirtschaftlich am Boden lagen, wirkte sich dies nur kurzfristig auf die Weltwirtschaft aus. Die Industrienationen waren gefestigt, die Politik stabil und die Mechanismen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds wirkten. Selbst wenn beide Institutionen durchaus kritikwürdig sind, dämmten sie die Krise ein. Gegründet wurden sie noch während des Zweiten Weltkriegs, um das kriegszerstörte Europa wieder aufzubauen und wirtschaftliche Kettenreaktionen wie nach dem Crash von 1929 auszuschließen. Nie wieder sollte falsche Wirtschaftspolitik eines Landes die ganze Welt in Mitleidenschaft ziehen. Die wirtschaftspolitische Lektion von 1929 war also angekommen. Erst nach dem nächsten großen Crash werden wir wissen, was diesmal falsch gelaufen ist.


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00:00 22.10.2004

Ausgabe 38/2020

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