Die Krux des Kanonbildens

Medientagebuch Der Grimme Online Award und der Versuch einer Ordnung des Netzchaos durch Gütesiegel

Nachdem das Adolf-Grimme-Institut Anfang Mai die Nominierten seines Online Awards bekannt gegeben hatte, hefteten sich beinahe alle der betroffenen Webseiten sogleich das Logo der Auszeichnung ans Revers. Besonders stolz scheinen diejenigen Vorauserwählten, die eigentlich als Alternative wenn nicht gar Gegenentwurf zu den so genannten "MSM" (den "Mainstream-Medien") betrachtet werden. Ehrensenf - ein Anagramm des Wortes "Fernsehen" - das die täglichen Neuigkeiten und andere skurrile Netzfundstücke als kabarettistische Nachrichtenshow aufbereitet, bedankte sich gleich zu Beginn der Ausgabe vom 3. Mai. "Da werde ich - jaaa gut: wir - nominiert, kann mich demnächst wahrscheinlich vor Angeboten nicht retten", seufzte Moderatorin Katrin, "und ausgerechnet jetzt kommt die Reichensteuer". Im Medien-Blog Wortfeld fand sich die Anleitung "Grimme-Preis selber basteln - so schwer ist das gar nicht". Und Blogpapa Johnny Häusler konnte sich in seinem Spreeblick-Podcast ebenfalls eines Kommentars nicht enthalten - er war wohl selbst verwundert, in der Kategorie "Information" nominiert zu sein. Und sagte folglich das Wetter und die Uhrzeit an, um diesem Anspruch umgehend gerecht zu werden.

Grimme genießt offenbar auch bei der vermeintlichen Online-Opposition einen guten Ruf, das Renommee reicht über alle (Schein-)Grenzen hinweg - sonst ironisierten nicht alle so nett und offen diese gleichsam offizielle Anerkennung, die der des Netzes auf langsamem Fuße folgt. Die Nominierung des Blogs Spreeblick in der Sparte "Information" wirkt allerdings wirklich hilflos - als wusste die Grimme-Auswahlkommission nur, dass es an der Zeit wäre, Häusler für sein langjähriges, kurzweiliges Blog zu ehren, das beim so genannten "Schwanzvergleich", den Blog-Rankings, immer ganz vorne mit dabei ist. Sozusagen: obwohl dort gute Unterhaltung stattfindet.

Doch mit den Grimme-Online-Ordnungen ist es sowieso so eine Sache. Im Gründungsjahr 2001 erklärte man noch: "Der Grimme Online Award zeichnet herausragende Online-Angebote aus, die in Bezug zum Medium Fernsehen stehen." Heute hat er sich davon glücklich frei gemacht und nennt sich nurmehr "Preis für publizistische Qualität im Netz". Im vergangenen Jahr wurden zudem die recht durchlässigen Kategorien - "TV", "Web-Media", "Medienjournalismus" und "Medienkompetenz" - einleuchtender strukturiert. Seitdem heißen sie schlicht "Information", "Wissen und Bildung" und "Kultur und Unterhaltung". Ob das taugt, muss sich zeigen. Wo etwa wollte man ein Social-Network-Projekt wie das Largest Online Stadium einordnen?

Für das wirklich Neue, wirklich Andere lassen sich eben vorher keine passenden Schubladen basteln. So dauerte es ebenfalls bis 2005, dass erstmals ein Blog den Preis erhielt. Um Bildblog kam die Jury im vergangenen Jahr ebenso wenig herum wie um die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Noch bei jeder Verleihung gab es ein solch wahres Muss; im Jahr 2002 war das Telepolis, 2003 dann Perlentaucher. Die Online-Gemeinde schreibt ihre Agenda schließlich stets mit auf die Liste.

Und daneben finden sich Favoriten der Nominierungskommission aus Unidozenten, Medien-Journalisten und Internetwerkern, bei denen akzentuierter auf den künstlerischen, pädagogisch wertvollen oder politisch korrekten Gehalt geachtet wird. In diesem Jahr sind drei Kinderportale nominiert sowie mehr oder weniger bemerkenswerte Projekte über den Auschwitzprozess, die Dresdner Frauenkirche und "Mut gegen rechte Gewalt". Bei anderen fragt man sich weiterhin, warum sie überhaupt auf diese Liste gelangten. Und wieder andere, die man da schon immer sehen wollte, fehlen natürlich. Aber das ist wohl die übliche Krux des Kanonbildens.

Immerhin scheinen beim Online Award kaum Vorschusslorbeeren im Spiel. So sehr man darauf hinweist, Internet-Angebote aus Rundfunk- und Fernsehkreisen "sowie andere herausragende Websites und Online-Beiträge" auszeichnen zu wollen: In der Kategorie "Information" sind die öffentlich-rechtlichen Anstalten gar nicht erst zu finden, in Sachen "Kultur und Unterhaltung" sowie "Wissen und Bildung" haben sie eine starke Konkurrenz. In einer Jury, in der unter anderem der Schriftsteller und Chaos-Computer-Clubber Peter Glaser, der freie Journalist Mario Sixtus und die Chefredakteurin des MediumMagazins Annette Milz sitzen, könnte es zudem eng werden für ZDF, ARD, WDR etc.

Und noch ein Gutes unterscheidet den Online Award vom Fernseh-Grimme: Während Filme, Serien und Shows zum Zeitpunkt der Auszeichnung schon der TV-Vergangenheit angehören, bleiben die Online-Prämierten gerade deshalb weiterhin auf dem Schirm. So klingt die Nominierungsliste ganz zurecht wie ein Empfehlungsschreiben. Für einige der Anregungen, wie zum Beispiel das Medien Kunst Netz oder das Portal irights.info, kann man dankbar sein, ganz gleich, ob sie gewinnen. Denn man wäre vielleicht nicht von selbst und früher oder später ohnehin auf sie gestoßen.

Für Ehrensenf - längst kein Geheimtipp mehr - hat sich, wie es aussieht, die Nominierung bereits jetzt gelohnt. Seit dem 8. Mai läuft die Show auch auf Spiegel Online. Was Katrin zwar immer noch keinen Reichensteuersatz beschert, jedoch für eine den Server schwer belastende Popularität sorgte. Und während fünf Tage zuvor zur Grimme-Nominierung noch alle Fans brav und einhellig gratulierten, tönten nun böse Stimmen, die die Ehrensenfer des "Verkaufs" zeihten, "Content-Lieferanten" nannten und den Spiegel gar Springer unterschoben. Besser Grimme als Spiegel also? Der Online Award scheint auf dem richtigen Weg zu sein.


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00:00 12.05.2006

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