Die Kugel von drüben

Mauerstück Die Grenze als Staatstheater oder Kinderspiel. „Das beispielhafte Leben und der Tod des Peter Göring“ wurde vor vier Jahrzehnten von Schülern in Berlin inszeniert

In diesem Jahr, wie an jedem 13. August, ist ein Jahrestag des Mauerbaus. Weil’s diesmal der fünfzigste ist, wird er gebührend gefeiert. Nun, vielleicht nicht gefeiert. Aber gedacht wird des verblichenen Bauwerks unbedingt. Es werden Reden gehalten und Kränze niedergelegt. Eine Ehrenformation der Kampfgruppen marschiert allerdings nicht auf. Wir leben zwar in Zeiten der Ironie, aber so witzig sind wir nun auch wieder nicht. Und die Arbeiterklasse, überhaupt, hat ihre Waffen ja bereits abgegeben. Erich Honecker, dessen politisches Meisterstück die Mauer war, ist leider nicht abkömmlich. Und seine Witwe wird nicht eingeladen. Sie würde auch keiner Einladung folgen. Vielleicht macht sie es sich an besagtem Tag in Chile ein bisschen schön.

Anwesende Gäste des bundesdeutschen Staatstheaters werden die unvermeidlichen Herren Gauck und Biermann sein, vielleicht kriegt auch Veronica Ferres eine Einladung. Seit ihren Tagen als Frau vom Checkpoint Charly ist sie ja Grenzübergangsstellen-Expertin. Vielleicht fordert Maria Furtwängler wie schon einmal von Wladimir Putin eine Entschuldigung? Es wird, das ist sicher, medial ein bisschen Knallchargen-Rummel geben. In den Kasernen wird es dagegen still sein. Kein Tagesbefehl des Genossen Minister ergeht an die Mannschaften, kein gemütliches Beisammensein der Offiziere findet statt. Kein literarisch-musikalisches Programm einer FDJ-Singegruppe erklingt. Und auch unsere Theaterschaffenden studieren sicher kein Bühnenstück zum Thema ein. Dabei gäbe es eins, das seiner Wiedergeburt harrt.

Im Dienst erschossen

Es heißt Das beispielhafte Leben und der Tod des Peter Göring. Geplant und am Ende aufgeschrieben wurde es von den Theaterdichtern Thomas Brasch (1945 – 2001) und Lothar Trolle (geb. 1944). Mitgemacht haben auch die Theaterwissenschaftlerin Barbara Honigmann, die Bühnen- und Kostümbildnerin Eva-Maria Viebeg und Fünftklässler einer Berliner Schule. 1971 improvisierten die elfjährigen Jungen und Mädchen unter Anleitung der Künstler Stationen und Situationen aus dem Leben jenes, damals bereits zum Helden gewordenen, Peter Göring. Er war ein dreiviertel Jahr nach dem Mauerbau beim Grenzdienst erschossen worden. Die Erwachsenen kannten ihn aus der Zeitung, die Kinder aus dem Heimatkundeunterricht. Was die Schüler wussten oder sich dachten, spielten sie. Einer erzählte den Inhalt einer Szene, spielte sie mit seinen Klassenkameraden. Wenn ein Kind, das vom Zuschauerraum aus zusah, Lust und eine Idee hatte, ins Spiel einzugreifen, erfand es sich eine weitere Rolle und machte mit. Später wurde getauscht, der Vater spielte die Mutter, die Bäuerin den LPG-Vorsitzenden. Heraus kam weniger ein Stück über Peter Göring, sondern eins über das offizielle Bild von ihm, also ein Stück darüber, wie sich der kleine Moritz einen sozialistischen Helden vorstellt. Die konkrete Situation an der Grenze war weitgehend unbekannt und musste von den Spielern durch Klischees ersetzt werden. Das Stück zeige – heißt es im Untertitel – „die Biografie eines glücklichen Menschen“.

Ob Peter Göring wirklich ein glücklicher Mensch war? Ob er aus Überzeugung handelte? Wir wissen es nicht. Es existiert nur das Wissen, das die DDR nach seinem Tod über ihn verbreitete. Er war einer, der sich zur Verfügung stellte. Er folgte dem Ruf zur LPG, dann – als die Mauer gebaut wurde – zur Grenzpolizei. Am 23. Mai 1962 tötete ihn ein Schuss aus Westberlin. Man kann die ganze, wahre Geschichte im Netz lesen unter www.chronik-der-mauer.de.

Der 14-jährige Erfurter Schüler Wilfried Tews war reichlich ahnungslos nach Berlin gereist, dort in einen Kanal gesprungen und wollte rüber. Die Grenzposten schossen. Vom gegenüberliegenden Ufer gaben Polizisten dem Jungen Feuerschutz. Es wurde überhaupt viel geschossen an diesem Tag, und zwar von beiden Seiten. Die Grenzer verletzten den im Wasser Schwimmenden schwer. Ein Unteroffizier erhielt von Westberlin aus einen Oberschenkeldurchschuss. Der 21-jährige Gefreite Göring starb durch eine Kugel von drüben. Dass sie ein Querschläger war, blieb geheim, ist aber auch nur ein Zufall. Einer der vielen Schüsse von vorn hätte genau so tödlich sein können. Die Obduktion ergab: „Durchschuss durch das dritte Fingerglied des rechten Zeigefingers, Durchschuss an der linken Schulter (Einschuss in Höhe des Schultergelenkes von vorn), Steckschuss (Einschuss linke Seite des Rückens in Nierengegend). Die letztgenannte Verletzung ist ursächlich für den Tod.“

Das Ereignis schlug Propaganda-Wellen auf beiden Seiten. Tews traf Willy Brandt. In der DDR wurde des toten Gefreiten gedacht, den man postum schnell noch zum Unteroffizier machte. Göring stand an der Staatsgrenze der DDR in Berlin auf Wacht, hieß es, „zum Schutz aller gutgesinnten Deutschen, ob sie in Berlin oder Dresden, Hamburg oder München wohnen. Er war jung und liebte das Leben. Die Rosen, die er in der Freizeit zeichnete, sind das Letzte, was der Mutter blieb.“ Tatsächlich wurde Görings Mutter in das Gedenken fortan eingebunden. Und ließ sich einbinden.

Wilhelm Pieck tritt auf

Die 19. Oberschule im Berliner Prenzlauer Berg, 1900 erbaut und heute Gymnasium, ist ein riesiger, wehrhafter Klinkerbau. Hier fanden die Proben zu dem Theaterstück statt. Schließlich gab es sogar eine Premiere. Die Kinder bestanden darauf, sonst hätten sie die Entwicklung des Stücks als sinnlos empfunden. Für Brasch, Trolle und Co. war die Arbeit eine Form alternativen Theaters. Trolle später: „Wir waren ziemlich arrogant, unsere Clique, wir verachteten den offiziellen Kunstbetrieb.“ Und er erzählt: „Die Schulleitung und die Eltern waren irritiert, die dachten, das wäre ein nettes Programm zum Elternabend. Dann kamen alle diese merkwürdigen Gestalten, viele aus dem Westen, und da hat der Direktor uns erst mal rausgeschickt und die Personalausweise kontrolliert, und die aus dem Westen durften nicht rein.“ Das Schönste seien die Improvisationen der Kinder gewesen, „die haben Thomas und ich dann aufgeschrieben, aber leider konnten wir keine Versuche in dieser Richtung mehr machen.“

Denn natürlich kam nach der ersten Aufführung keine weitere zustande. Das Stück ist nicht zynisch. Aber subversiv. Und eine Majestätsbeleidigung allemal. Der naive Duktus des Ganzen, das brav Exemplarische der Szenen, das in die Dialogsätze geflossene Zeitungsdeutsch machen aus dem Helden einen Pappkameraden. Für ihn ist es einfach dumm gelaufen. Vielleicht hätte er sich irgendwann einmal weigern sollen? Nicht jedem Aufruf folgen?

Und dann tritt auch noch Wilhelm Pieck auf! Ursprünglich war es Peters Vater gewesen, der ihm nachts auf Wacht erschien wie weiland dem Hamlet seines Vaters Geist. Dann wurde aus dem toten leiblichen der tote Über-Vater. Präsident Pieck war im September 1960 gestorben. Die Zeitung Neues Deutschland hatte getitelt, er sei nun „eingeschreint im Herzen der Arbeiterklasse“. Jetzt kommt er vorbei und guckt sich den antifaschistischen Schutzwall an.

Göring: „Hände hoch oder ich schieße.“ – Pieck: „Ich bin Wilhelm Pieck, erkennst du mich nicht?“ – Göring: „Sie sind vor einem Jahr gestorben, Genosse Präsident. Ich habe an Ihrer Beerdigung teilgenommen.“ – Pieck: „Du bist wieder auf Wache, Peter Göring.“ Und er erklärt dem verdutzten Gefreiten: „Die Erde ist aus zwei Teilen.“ – Göring: „Ich bin dem Aufruf gefolgt. Ich werde wachsam sein. Diese Grenze darf keiner berühren.“

Würde man heute mit elfjährigen Kindern ein Stück über die Mauer entwickeln, käme wahrscheinlich ein Holzschnitt heraus, ganz ähnlich dem damaligen. Nur wäre, was damals dunkel war, hell. Den Kindern würden merkwürdige Worte aus dem Mund laufen. Selbstschussanlagen, Todesschützen, Todesstreifen. Aber vor allem immer wieder das eine, große: Flucht-in-die-Freiheit. Die Zeit des ferngesteuerten Redens ist nicht vorbei. Wir werden es wieder feiern anlässlich des 13. August.

Karsten Laske ist Autor, Filmregisseur und Träger des Deutschen Drehbuchpreises 2010

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11:00 10.01.2011

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