Die kulturelle Vakuum-Pumpe

Neurose und Moderne II Von den Problemen des modernen Menschen, sein Ich-Ideal mit der Realität in Deckung zu bringen

Die Fülle von Optionen in der modernen Gesellschaft, schrieb Till Bastian in Teil I seiner Ausführungen über "Neurose und Moderne", setzen den Einzelnen unter immer höheren Entscheidungsdruck (vgl. Freitag 22/2008). Selbstoptimierung wird dabei zur lebenslangen Herausforderung. In diesem zweiten und letzten Teil befasst sich der Autor mit der "inneren Leere" des Individuums als Folge der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten.

Unsere oft äußerst problematischen Selbst-Entwürfe, unsere (oft äußerst zwiespältige) Haltung zur eigenen Geschichte, unsere (oft äußerst quälenden) Wünsche und Ängste angesichts der Optionen, die uns die Gegenwart eröffnet, aber auch in Anbetracht der von uns abgeforderten Entscheidungen - all das sind die Plagegeister der Moderne, die uns den letzten Rest an innerer Ruhe rauben, die uns in Depressionen und das Gefühl des Ausgebranntseins treiben können. Um ihnen entgegenzutreten, ist nicht nur eine individuelle, sondern auch eine soziale Diagnostik vonnöten.

Überforderung und innere Leere

Mit diesen Zeilen hatte ich den ersten Teil meines Essay beendet. Indes hat meine Darstellung einige Leser irritiert. Ein Leserbriefschreiber wandte gegen meine Ausführungen ein, ich wolle durch Einschränkung von Freiheitsspielraum und Pluralismus Neurosen "heilen". Die Unterstellung ist offenkundig falsch, hatte ich doch in meiner Kritik an der "Multioptionsgesellschaft" erstrangig auf die durch Technik und Wissenschaft vermutlich unumkehrbar dargebotene Fülle an Möglichkeiten hingewiesen - und diese kann in der Tat mehr als schwindlig machen, nämlich unsere Identität untergraben. Darum ging es mir.

Richtig ist immerhin, dass stets das Zusammenwirken der äußeren Möglichkeiten und Bedingungen mit den inneren Fähigkeiten oder Mängeln betrachtet werden muss. Und hier offenbart sich dem forschenden Blick ein seltsames Wechselverhältnis aus überfordernder äußerer Fülle und lähmender innerer Armut. Dieser Befund ist freilich nicht völlig neu. Schon am Ende des 20. Jahrhunderts vertraten viele Autoren die Auffassung, es liege eine grundlegende Veränderung der psychogenen Krankheitsbilder vor - sie glaubten festzustellen, dass viele Patienten nicht mehr an "klassischen" neurotischen Symptomen, Zwängen, Hysterie, Phobien, sondern an innerer Leere und der mit dieser Leere korrespondierenden Unfähigkeit litten, Freude und Liebe zu empfinden. "Wer hat heute noch eine Seele?", fragte die französische Kulturtheoretikerin Julia Kristeva 1993 in ihrem Buch Die neuen Leiden der Seele provokativ. Ihrer Meinung nach "scheint die tägliche Erfahrung einen spektakulären Rückgang des Innenlebens zu demonstrieren. ... Die von Stress bedrängten Männer und Frauen von heute haben es eilig zu gewinnen und zu verteilen, zu genießen und zu sterben, und ersparen sich jene Repräsentation ihrer Erfahrung, die man psychisches Leben nennt." Solche Thesen befinden sich in Einklang mit Christopher Laschs 14 Jahre früher erschienenen Bestseller Das Zeitalter des Narzissmus, in dem der Autor sich ausführlich dem Problem der "inneren Leere" gewidmet hat.

Da es mir im folgenden Text erstrangig um dieses den "Patienten von heute" oft recht summarisch attestierte Gefühl der "inneren Leere" geht, will ich jene Leere kontrastieren mit Äußerungen aus der Feder eines Zeitgenossen Sigmund Freuds. Ich ziehe hierzu die Lebenserinnerungen des Arztes und Dichters Arthur Schnitzler heran, der sich in jener Zeit, als Freud seine Wiener Privatpraxis eröffnete, in die Gastwirtin Olga Waissnix verliebte. Nicht nur des misstrauischen Gatten wegen mussten Arthur und Olga höchste Vorsicht üben - dies erforderten auch die Gesetze der zeitgenössischen Doppelmoral, denen Schnitzler eine gewisse Würde nicht versagt: "Doch wenn auch die Herzen nach den uralten Gesetzen der Liebe und Eifersucht zucken mochten, die Wimpern rührten sich nicht. Das gehörte mit zur Eleganz" (Arthur Schnitzler, Eine Jugend in Wien).

Erotik beim Schach

So verfiel das verliebte Paar auf die riskante, wohl auch erregende Idee, im Hof des Hotels, vor aller Augen, miteinander Schach zu spielen: "...Wer immer wollte, blieb für kürzere oder längere Zeit neben unserem Tischchen stehen und warf einen flüchtigen, zuweilen etwas lächelnden Blick auf das Schachbrett, auf dem übrigens die Figuren in kürzeren und längeren Pausen wirklich, gelegentlich sogar ganz der Regel nach, hin und her zogen. Konnte es etwas Harmloseres geben als solch ein Spiel? Im Freien, im Hof, am Hoteleingang, angesichts der Welt gewissermaßen? Und wenn beim Rücken der Figuren die Finger der beiden Spieler flüchtig sich berührten, konnte das überhaupt irgendwem auffällig vorkommen? Und wenn dann ein Zittern durch unsere Glieder lief, unsere Wangen sich röteten, unsere Blicke feucht schimmerten, war das durch die Erregung des Spiels nicht ausreichend erklärt? Und wenn man etwa von weitem, von einem der Fenster im ersten oder zweiten Stock gewahrte, dass unsere Lippen sich leise bewegten, konnte ein gutwilliger Mensch ahnen, dass dieses Lippenbeben nicht bedeutete ›Schach dem König‹, sondern vielleicht: ›Ein Augenblick neben Ihnen, Arthur, wiegt mir alle Schmerzen auf, die ich Ihretwegen zu leiden habe.‹ Nicht ›Schach der Königin‹, sondern: ›Ich möchte Ihnen zu Füßen sinken, Olga, und weinenÊ...‹".

Es gäbe aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch Texte in Hülle und Fülle zu zitieren, die verdeutlichen, dass äußerer Zwang bei aller Bedrückung auch zu Lust und Raffinesse führen können. Einer der innerseelischen Mechanismen, die dies bewirken, ist unter dem Namen "Sublimation" wohlbekannt. Man könnte die beklagte innere Leere also besser als Folge eines Geleertwerdens erklären: durch eine Art kulturellen Sog entsteht ein "Hohlraum" eben dort, wo früher Subtilisierung, Sublimierung und andere Ich-Leistungen möglich gewesen sind.

Es gibt drastische Befunde, die belegen, dass hier nicht bloß eine geistreiche Hypothese vorgetragen wird. Das Magazin Gehirn und Geist hat in einer eben erschienenen Ausgabe festgestellt, dass die sexuelle Aktivität der Deutschen seit 1980 beständig abgenommen hat - und dies vermutlich gerade wegen der Allgegenwart von Sexualität in der keinerlei Schamgrenzen mehr respektierenden Werbe-, Medien- und Internet-Welt. Sie führt offenkundig dazu, dass den Menschen der Spaß am Sex vergeht. Der Verhaltenstherapeut und klinische Psychologe Peter Fiedler von der Universität Heidelberg hat die statistischen Daten an genannter Stelle so interpretiert: "In dem Maß, wie die traditionelle Sexualmoral mit ihren Verboten, Sanktionen und Schuldgefühlen verschwand, machte sich scheinbar Langeweile breit. Offensichtlich besaßen gerade die unerfüllten, oft verbotenen oder tabuisierten sexuellen Wünsche und Bedürfnisse eine große Triebkraft."

Der Gegenwartsmensch wird also offenbar weniger von inneren Konflikten - etwa zwischen sexuellem Begehren und restriktiver Moral - motiviert, sondern er versucht, überstimuliert durch eine Umwelt mit permanentem Aufforderungscharakter, ein Bild von sich selbst zu entwerfen, das mit dieser Welt in Übereinstimmung steht. Anders gesagt: Weniger jener Teil des Freudschen "Über-Ich", der dem "Gewissen" entspricht, also der Ambivalenz im Verhältnis zu Norm und Gebot, peinigt uns - denn es ist ja (fast) alles erlaubt -, sondern das von unserem Selbst entworfene Ideal-Bild, das "Selbst-Ideal" mit seinen immanenten Wunschbildern und Größenphantasien. Die Diskrepanz zwischen dem Wunschbild von sich selbst und der oft wenig befriedigenden Realität erschwert nicht nur die Herausbildung einer stabilen Ich-Identität - sie führt offenbar zum Rückzug in die Passivität und in virtuelle Welten, in denen eigene Defizite nicht mehr schmerzlich empfunden werden.

Alles erlaubt - und langweilig

Denn die Gegenwartsrealität betreibt nicht nur die schon von Ulrich Beck beklagte "Enteignung der Sinne", sie entwertet auch traditionelle Ich-Leistungen wie Affektkontrolle, Triebverzicht und Selbstdisziplin. Die oben geschilderte Entsublimierung ist dabei nur ein Teil eines umfassenden Prozesses. Wir werden zur Teilhabe an sozialen Prozessen genötigt, die uns bestimmte Synchronisationsleistungen abverlangen (etwa die Fähigkeit, immer die passende Geheimzahl oder PIN-Nummer parat zu haben). Diese haben aber mit einem konflikthaften Verhältnis zwischen inneren motivationalen Systemen (der modernen Fassung der Freudschen Triebmythologie) und mehr oder minder restriktiver Gruppenmoral nur noch selten etwas zu schaffen. Eher geht es darum, "mithalten" zu können, denn die Erlebnis- und Spaßgesellschaft beharrt auf ihrem kategorischen Imperativ: "Dabei sein ist alles!" Gerieten früher der Freigeist und Wüstling in die Gefahr, sozial geächtet zu werden wie etwa Mozarts Don Giovanni, so trifft dieses Los heute in erster Linie den melancholischen Spielverderber, der sich nicht ins Internet einloggen mag.

Die Kultur der Moderne und technokratischen Multioptionsgesellschaft wirkt also, gerade durch die Überfülle an Angeboten und Stimuli, wie eine gigantische Vakuum-Pumpe, ein "Exhauster", der durch seinen Sog die innere Stabilisierung traditioneller "Ich-Leistungen" aus der Balance wirbelt. Die zunehmende Tendenz zum Hikkikomori-Syndrom und zu anderen Formen des modernen Eremitentums (vgl. Freitag 45/2007 ), dürfte hier nur die Spitze des berühmt-berüchtigten Eisberges sein.

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