Die Kunst, das Wort zu ergreifen

Provokateurin Warum wir wieder Intellektuelle wie Susan Sontag brauchen

Als im März dieses Jahres postum der letzte Essayband der Schriftstellerin, Intellektuellen und politischen Provokateurin Susan Sontag erschien, war in der amerikanischen Presselandschaft eine geradezu nostalgische Stimmung auszumachen. Der New York Observer betitelte seine überschwängliche Rezension von At the Same Time, das im Sommer auf Deutsch vorliegen soll, unmissverständlich mit "Warum wir Susan Sontag vermissen" und verglich die darin versammelten Essays mit "gezielten Schlucken intellektuellen Espressos". Was war passiert? Klangen die im Band versammelten Texte über die europäischen Schriftsteller Anna Banti, Leonid Tsypkin, Victor Serge und Halldor Laxness nicht etwas obskur? Konnte es sich um die gleiche Autorin handeln, die fünfeinhalb Jahre zuvor, im patriotisch nivellierten Nachklang des 11. Septembers, von den Journalistenkollegen der renommierten New Republic in eine Reihe mit Saddam Hussein und Usama Bin Laden und deren "Plänen zur Zerstörung Amerikas" gestellt wurde? Noch nach ihrem Tod im Dezember 2004 hatte Sontag, die es ihr ganzes Leben wie selbstverständlich geschafft hatte, sich ins Licht der gebildeten Öffentlichkeit zu rücken, einen Nerv getroffen.

Susan Sontag brachte nach einem mehrmonatigen Studienaufenthalt in Paris eine so romantische wie medienwirksame Idee vom Dasein des Intellektuellen in das Amerika der frühen sechziger Jahre mit. Die Texte, Fotos und TV-Auftritte der jungen Autorin waren geprägt von der gedanklichen Brillanz einer Simone de Beauvoir, vom Gespür für Kontroversen eines Jean-Paul Sartre, von der kompromisslosen Ernsthaftigkeit eines Albert Camus und von dem wurzellosen, urbanen Außenseitertum eines Roland Barthes. Es war ihrer egozentrischen Überzeugungskraft, ihrer übermächtigen Intelligenz und nicht zuletzt ihren fotogenen Looks zu verdanken, dass sie diese romantischen Ideen bis zum Ende ihres Lebens glaubhaft aufrecht erhalten konnte. Obwohl immer ein Hauch Theater in der Luft lag, wenn Sontag impulsiv das Wort ergriff und die Debatten zu Vietnamkrieg, Feminismus, Kommunismus oder Irakkrieg aufmischte, niemand schien näher am Ideal der öffentlichen Intellektuellen als sie.

Wie das große Vorbild Thomas Mann, der ihr als 14-jährigem Mädchen eine Audienz in seiner Villa im kalifornischen Exil gewährt hatte, gehörte Sontag zum Typus der Autorin, die zu spät für ihr Genre gekommen ist und dieses dadurch zu neuer Blüte bringt. Was Mann für den bürgerlich-realistischen Roman bewerkstelligte, schaffte Sontag für den intellektuellen Diskurs. Die Gruppe der New Yorker Intellektuellen vergötterte und attackierte Sontag nach ihren ersten kontroversen Veröffentlichungen zur schwulen Camp-Ästhetik, zu Popkultur, zu Science-Fiction-Filmen, zu pornographischer Literatur, zu "Aids als Metapher" und nicht zuletzt zum "Tod der Interpretation".

Zum Zeitpunkt ihres Karrierebeginns lag die Gruppe jedoch schon in ihren letzten Zügen. Zehn Jahre später interessierte sich kaum noch jemand für den ehemals so bekannten Zirkel um Edmund Wilson, Lionel Trilling und Mary McCarthy, während Sontags Ansehen stieg. Dafür legte sich die Autorin eine Reihe von schnell aufeinander folgenden öffentlichen Rollen zu, die fein auf die Stimmungen und Bedürfnisse des Zeitgeistes abgestimmt waren - ein Muss für weibliche Medienstars, so scheint es. Aus der dunklen Avantgarde-Diva zu Beginn der Sechziger wurde während des Vietnamkrieges die radikale, politische Aktivistin. Danach gab sie sich als reflexive Filmemacherin à la Ingmar Bergmann, als feministische Anti-Feministin, als klassische Romanautorin oder als Bush-kritische Dissidentin - um nur ein Paar der vielen Sontag-Inkarnationen zu nennen.

Überraschender Weise war Sontag der Begriff der "Intellektuellen" spätestens seit Beginn der achtziger Jahre regelrecht verhasst. Während zahlreicher Podiumsgespräche forderte sie mit dem Verweis auf den Schimpfwortcharakter des Begriffs die neutrale Bezeichnung der Schriftstellerin für sich ein. Es fällt schwer, diese Kategorisierungsverweigerung nicht als Reaktion auf den gesellschaftlichen Absturz dieses Modells zu verstehen. Sucht man heute in einschlägigen Lexika nach Definitionen des Begriffs, wird man neben wenig hilfreichen Synonymen wie "Verstandesmensch" oder "Geistesarbeiter" schnell auf Vorwürfe wie "Dilettantismus" aufmerksam gemacht, auf Redebeiträge "außerhalb der eigenen Fachkompetenz". Das gesellschaftliche Störpotential des Intellektuellen wird heute meist nur noch als bloße Polemik abgetan und dabei ist impliziert, dass es überflüssig sei.

Nicht, dass dies etwas Ungewöhnliches wäre. Nicht nur in der amerikanischen Unterhaltungskultur, die in den Achtzigern ihren Kampf gegen die Kultur der Intelligenzija schon längst gewonnen hatte, standen Intellektuelle unter dem Pauschalverdacht des unangenehm Elitären. Vielmehr wurde die Bezeichnung schon bei ihrer Erfindung im Gefolge der Dreyfus-Affäre im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit radikalem, unpraktischem und unpatriotischem Verhalten assoziiert. Erst die bürgerlichen Nachkriegsgesellschaften brachten eine positive Aufwertung der Intellektuellen-Rolle mit sich.

Die Rolle des mitunter unbequemen, gesellschaftlichen Gewissens spielten die Intellektuellen allerdings nur kurz. Die nächste Intelligenzija-Generation las Theorie. Jacques Derrida oder Giorgio Agamben, Richard Rorty oder Judith Butler wandten sich nicht mehr an eine breite Öffentlichkeit, sondern an eine spezialisierte Gruppe von kulturwissenschaftlichen Akademikern. Die vielzitierte Figur des "Medienintellektuellen", die den "öffentlichen Intellektuellen" gewissermaßen beerbte, wirkt wie eine klischeebeladene Parodie der ehemals wichtigen Tradition. Wer kann heute Bernhard Henry-Levi oder Peter Sloterdijk wirklich ernst nehmen?

Die Arbeit des Intellektuellen meint immer auch eine Öffentlichkeit, die bereit ist, auf diese Arbeit zu hören und sie mitunter als Wegweiser für das eigene Werteverständnis anzunehmen. So unzeitgemäß diese Vorstellung angesichts der Vanity-Fair-Ära von Paris Hilton bis Ayaan Hirsi Ali auch klingen mag, die Zeiten scheinen wieder reif für eine solche Figur. Eine Figur, die mit Brillanz, Charme und Rücksichtslosigkeit das Risiko eingeht, einen Hut in die öffentliche Arena zu werfen, der erst nach provokativen Denkanstößen und kollektiver Selbstbefragung passt. Eine Figur, die das beherrscht, was Derrida einmal die "Kunst des öffentlichen Wortergreifens" nannte. Susan Sontag hat dies ein letztes Mal am 11. September 2001 gezeigt. Wer erinnert sich nicht an die scharfen Worte, mit der sie - von Berlin aus - die Bush-Regierung der Massenverdummung, der Panikmache und der Kriegshetze zieh. Selbst die liberale Neue Zürcher Zeitung schrieb damals von "schrillen Tönen." Sontags kontroverses "Feige waren die Mörder nicht" kann man auch in ihrem postumen erschienenen Band At the Same Time nachlesen. Die Nostalgie um Sontags Form der Intellektualität, wie sie in Rezensionen wie der des New York Observer deutlich wurde, mag nicht zuletzt darin begründet liegen, dass sechs Jahre nach den grausamen Ereignissen in New York nicht George Bush, sondern Susan Sontag Recht behalten hat.

Daniel Schreiber, geboren 1977, lebt als freier Autor in New York. Gerade ist im Berliner Aufbau-Verlag sein Buch: Susan Sontag - Geist und Glamour erschienen.

00:00 23.11.2007
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