Die Kunst des Durchwurschtelns

Umbruch Beim Management der Euro-Krise fährt Kanzlerin Angela Merkel beharrlich „auf Sicht“. Gibt es dazu überhaupt eine Alternative?

Nicht nur, um das Unwort des vergangenen Jahres noch einmal in Erinnerung zu bringen: Ist Durchwurschteln alternativlos? Diese Frage drängt sich auf. Nicht erst seit der Eurokrise. Die Europäischen Gipfeltreffen sind ein Indiz dafür. Die Ausschläge auf den Finanzmärkten sind nicht nur das Echo auf die wechselnden Beschlüsse und ständig neuen Ideen. Sie sind gestrickt nach dem gleichen Muster von Versuch und Irrtum, nicht in der Absicht zu lernen, sondern, um zu spielen: Durchwurschteln - in Verbindung mit ultraschneller Kommunikation. Man könnte die Geschichte der Krisen erzählen in endlos wiederkehrenden Schleifen von Wurschteleien. Das allerdings würde uns nicht wirklich bei der Antwort auf die eingangs gestellte Frage weiterhelfen.

In einer der fast schon wieder vergessenen Schleifen tauchte plötzlich ein ungewöhnlicher Vorschlag auf. Aus dem Mund des damaligen griechischen Regierungschefs Giorgos Papandreou klangt es wie eine Drohung: „Lasst uns doch das Volk befragen!“ Eigentlich ein urdemokratisches Prinzip. Aber die Angst ging um, das Haus der Euro-Rettung könnte einstürzen. Die europäischen Gipfelstürmer reagierten mit einem Aufschrei: Um Himmelswillen! Kein Prinzip!

Schlimm genug, dass das Bundesverfassungsgericht dem Parlament die Kompetenz zur Mitsprache bei Budget-relevanten Teilen der Euro-Rettung eingeräumt hat. Da könnte ja jeder kommen! (War nicht das Haushaltsrecht einmal das vornehmste Recht eines Parlamentes?) Aber die Überschrift über eine Satire sollte die Frage eigentlich nicht werden. Dazu ist sie zu ernst.

Anerkennend muss man vermerken: In dieser Krise gewinnt die Kanzlerin Angela Merkel an Statur. Und das ist keineswegs ironisch gemeint. Im Durchwurschteln ist sie wirklich gut. Und die Frage ist ja keineswegs beantwortet: Ist Durchwurschteln alternativlos? Dann hätte sie uns in der Tat einiges voraus, die Kanzlerin. Sie freilich bezeichnet das als „auf Sicht fahren“. Man hat aber eher das Gefühl, da wird im Nebel gestochert. Und ein Leuchtturm ist nicht in Sicht.

Alte Tante ohne Sexappeal

Beim Durchwurschteln hat die Kanzlerin allerdings ernste Konkurrenz, auch im eigenen Haus. Auf Beispiele in der Regierung möchte ich hier nicht zurückgreifen, obwohl es die reichlich gäbe. Ich will mich an die, wie es im Grundgesetz heißt, „an der Willensbildung mitwirkenden“ Institutionen halten, nämlich die Parteien. Über die FDP braucht man dabei nicht mehr zu reden. Sie hat seit ihrem Eintritt in die Regierung zwar großes Durchwurschtel-Potenzial entwickelt, aber was soll dann diese Prinzipienreiterei bei den Steuersenkungen? Diese Art von Gradlinigkeit wirkt so weltfremd, dass selbst eine so ehrenwerte Liberale und große alte Dame wie Hildegard Hamm-Brücher die Vermutung hat, die FDP verschwinde bald von der Bildfläche.

Die SPD freilich ist auch gefährdet, wenn sie meint, die Debatte über den Mindestlohn sei die Vorbereitung auf den nächsten Bundestagswahlkampf 2013. Wer glaubt, dass in der Politik so langfristig gedacht wird, kann getrost als alte Tante bezeichnet werden, der es an Sexappeal fehlt. Da sind die Piraten doch schon von ganz anderem Kaliber, wenn man bedenkt, welches Durchwurschtel-Potenzial sie schon bei ihrer ersten Pressekonferenz nach der Berliner Wahl entwickelt haben. Die Grünen kommen da einfach nicht mehr mit. Jeder merkt, dass sie in die Jahre gekommen sind.

Schon wieder muss ich mich entschuldigen. Denn ganz ohne einen satirischen Unterton kann man die gegenwärtige Situation kaum beschreiben. Aber trotzdem: Die Eingangsfrage ist ernst gemeint. Und sie verlangt nach einer ernsthaften Antwort.

Was ist los mit unserer Welt? Könnte es sein, dass wir uns in einem Umbruch befinden, der größer ist, als der der Reformation vor 500 Jahren, in deren Folge uns Aufklärung und industrielle Revolution ereilten? Das war der Anfang scheinbar unendlichen Wachstums. Dieser Irrtum hat sich so fest in unser Bewusstsein eingegraben wie seinerzeit in das Bewusstsein der Kommunisten das Gesetz vom Sieg des Sozialismus, den wir in der sozialistischen Schule gelehrt bekamen wie ein Naturgesetz. Ich habe dem Gesetz schon damals nicht geglaubt. Eine gute Voraussetzung, auch den heute verkündeten Gesetzen des Kapitalismus zu misstrauen.

Durch die Revolution unserer Kommunikationsmittel haben wir endlich begriffen: Wir leben auf einer endlichen Erde. Was im fernen China passiert, betrifft uns genau so wie der Konkurs eines Unternehmens in der eigenen Stadt. Spekulanten in Tokio haben Einfluss auf die Kürzungen in unseren Sozialsystemen. Entfernungen messen sich nicht mehr in Kilometern, sondern in Übertragungssekunden von Mails im World Wide Web. Wir leben auf einem endlichen Globus ­– im Zeitalter der Globalisierung. Die Endlichkeit ist nämlich des Pudels, sprich der Globalisierung, Kern. Eigentlich ist das nichts Neues. Neu aber ist, dass dies im Alltagsbewusstsein der Menschen angekommen ist. Sie spüren es, angefangen von den steigenden Bezinpreisen bis hin zur Klimakatastrophe, die alle betrifft.

Da könnte es doch sein, dass wir in einem Umbruch leben, für den die endlich offen gestellte Frage nach dem Ende des Kapitalismus nur die Frage nach der Stille vor dem Sturm ist. Der Umbruch könnte leicht ein ähnlich großer in der Menschheitsgeschichte sein wie der, als wir von Jägern und Sammlern zu Sesshaften wurden.

Und wäre es dann nicht verständlich, dass wir, von notorischen Besserwissern abgesehen, alle keinen Masterplan haben für das, was langfristig richtig und nötig ist? Ist Durchwurschteln also tatsächlich alternativlos? Dann würde die Tugend darin bestehen, das Durchwurschteln zu qualifizieren. Oder, um es seriöser zu sagen: dieses Lernen mit Hilfe von Versuch und Irrtum so zu qualifizieren, dass es möglichst keine irreparablen Schäden angerichtet werden. Dass wir nicht zu viele Fukushima-Erlebnisse brauchen, um ideologischen Ballast über den Haufen zu werfen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto vertrauter wird mir der Gedanke. Zumal ich bei der nachwachsenden Generation entdecke: Durchwurschteln – ich sollte, weil ich die Generation meiner Kinder für diese Fähigkeit eigentlich bewundere, wohl besser sagen: Improvisieren – ist zur Lebenskunst, ja zur Überlebenskunst geworden. Wer kann schon noch bei so vielen prekären Arbeitsverhältnissen sein Leben planen? Und war nicht für viele Hartz IV vor allem darum so bedrohlich, weil da der Absturz, die Perspektive also, sich durchwurschteln zu müssen, plötzlich Menschen aus allen Schichten und Lebenslagen als reale Möglichkeit Augen stand? Wie geordnet war da doch noch mein Leben!

Ja, es ist nicht leicht, Lebensbereiche auszumachen, Menschen zu entdecken, für die das nicht zutrifft: Durchwurschteln ist alternativlos. Der Strudel, der selbst solche noch scheinbar sicheren Lebensbereiche zu verschlingen droht, ist gewaltig. Kein Zweifel, die Krisen der letzten Jahre, deren Namen man sich kaum noch merken kann, haben in den Schaltzentralen vor allem eine Frage in den Vordergrund gerückt: Und welche Katastrophe gilt es heute zu überstehen?

Trampelpfad in die Zukunft

Bei allem Verständnis für diese Art Alternativlosigkeit, bei aller Einsicht, bei allen Verbeugungen vor der Kanzlerin, die das Fahren auf Sicht zur Kunst des Regierens erhoben hat, es bleibt ein Zweifel. Sind Prinzipien wirklich so ungeeignet zur Lebensgestaltung und zum Regieren, wie es Helmut Schmidt seinerzeit von der Bergpredigt Jesu behauptet hat? Führt diese Art zum Improvisieren automatisch in die Beliebigkeit? Müsste es nicht wenigstens Leitplanken geben, die in der Bahn halten? Eine Art Beichtspiegel? Fragen, die man sich vorlegt, wenn man den nächsten Schritt geht? Und welche Fragen müssten das dann sein?

Von Ärzten wird gelegentlich gesagt, sie gllichen Maulwürfen. Tappen im Dunkeln, und was übrig bleibt sind Erdhügel. Gilt Ähnliches nicht für die, die sich an den Symptomen der Krisen versuchen, ohne die Ursachen in den Blick zu nehmen? Wäre Ehrlichkeit nicht der Anfang, wenigstens die Fragen zu entdecken, die jenseits des anscheinend alternativlosen Durchwurschtelns von Bedeutung sind? Aber Politiker dürfen offenbar keine Fragen stellen, auf die sie nicht schon eine Antwort wissen. Dabei wäre eine Verständigung in unserer Gesellschaft über solche Fragen ein Meilenstein beim Entdecken der Trampelpfade in die Zukunft.

Es geht nicht einfach um Antworten. Es geht um die Suche nach den richtigen Fragen. Um die Frage beispielsweise nach Qualitäten statt Quantitäten, es geht um Sein statt Haben, wie Erich Fromm schon vor mehr als 60 Jahren anmerkte. Es geht um die Frage, was Fortschritt heute ist. Um die Frage von Solidarität statt Konkurrenz. Um den Zusammenhalt in der Gesellschaft also. Es geht darum, was unsere endliche Erde verträgt. Wir haben keine andere. Uns mit ihr zu arrangieren, ist wirklich alternativlos.

Reinhard Höppner (SPD) war von 1994 bis 2002 Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Ehrenamtlich engagiert sich der 63-jährige Mathematiker unter anderem in der Evangelischen Kirche

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

08:00 11.12.2011

Ausgabe 25/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2