Die Kunst des vornehmen Vernichtens

Im Gespräch James Wood vom „New Yorker“ ist der Marcel Reich-Ranicki der amerikanischen Literaturkritik. Alexander Schimmelbusch traf ihn in Berlin

Der Freitag: In Deutschland gibt es kaum noch Verrisse. Selten nimmt sich jemand die Zeit, ein Buch nach allen Regeln der Kunst in die Pfanne zu hauen. Das ist eigenartig, da die Verrisse in Deutschland traditionell nur so krachten. Vielleicht haben sie von Marcel Reich-Ranicki gehört …

James Wood: Ja klar, ich erinnere mich noch, wie er das Buch von Günter Grass zerrissen hat (lacht). Was hat sich verändert?

Der deutsche Literaturbetrieb ist klein und inzestuös, und alle treffen sich ständig auf Drinks, insbesondere in Berlin, und jeder verkneift sich seine Verrisse, um unangenehme Situationen auf Cocktailpartys zu vermeiden.

In London ist es genauso.

Sie scheinen keine derartigen Skrupel zu haben.

Nein, habe ich nicht, obwohl es gewisse Anstandsregeln gibt, an die ich mich zu halten versuche. Ich bemühe mich beispielsweise, nicht zu hart zu Debütanten zu sein. Generell bin ich ein wenig netter zu jüngeren Autoren. Wenn man es hingegen mit Autoren wie John Updike, Don DeLillo oder Thomas Pynchon zu tun hat, ist Rücksicht fehl am Platze. Als ich jünger war, habe ich ohne jedes Zögern auch Debüts hingerichtet. Aber das Alter hat mich gelehrt, nicht mehr so grausam zu sein.

Si

e gelten als Furcht einflößender Kritiker, als der „vornehme Vernichter”...

Dieser Ruf kommt wohl daher, dass ich, als ich nach Amerika kam – ich war 30, das war 1995 –, ziemlich bald gegen Romane von Updike, DeLillo und Pynchon anschrieb und die Leute sich dachten, wow, der ist ja wirklich hinter den großen Namen her, um sie niederzumachen und so weiter, was ja gar nicht der Fall war. So dachte ich damals nicht. Im Grunde rezensierte ich nur, was auf den Markt kam, aber daher kommt wohl dieser Ruf als „Vernichter“. In Amerika gibt es einige Autoren, Pynchon und DeLillo in erster Linie, deren Bücher einfach nicht negativ besprochen werden. Wenn man es doch tut, gilt man sofort als altmodisch, der Avantgarde nicht würdig. Wenn Pynchon einen 1000seitigen Roman veröffentlicht, kann man aus den freundlichen Rezensionen herauslesen, dass der Roman den Rezensenten nicht wirklich gefallen hat, sie dies aber nicht geschrieben haben, um nicht auf der falschen Seite der Literaturgeschichte zu stehen. Ich bin als Kritiker immer wieder als Verfechter eines alt- modischen Realismus attackiert worden, obwohl ich, zumindest in meinen Augen, weder besonders altmodisch noch ein besonderer Fan des Realismus bin. Das alles lag immer auch an der Auswahl der Autoren, die ich kritisiert habe.

Ihr neues Buch „Die Kunst des Erzählens“ kann man auch als technische Anleitung zum Romanschreiben lesen. Kann es für Romanautoren auch schädlich sein, beim Schreiben den Werkzeugkasten vor sich zu haben? Birgt die intensive Auseinandersetzung mit Romantheorie für Autoren nicht auch die Gefahr, am Ende lediglich Kunsthandwerk abzuliefern?

Das Schreiben bleibt ein Mysterium, ganz egal, wie wir es auseinandernehmen, daran muss ich immer denken, wenn ich mir Samuel Becketts

Über Daniel Kehlmann, der das Vorwort zur deutschen ­Ausgabe Ihres Buches geschrieben hat und der als sehr bele­sener, auch theoretisch versierter Germanist gilt, hört man oft das Urteil, dass seinen Romanen ­etwas fehlt, das Müssen, die Notwendigkeit, eine Motivation, die darüber hinausgeht, ein bekannter Schriftsteller sein zu ­wollen – wobei hier natürlich auch Neid eine Rolle spielen könnte, da er ja zu diesem kommerziellen Phänomen geworden ist. Man ist offenbar geneigt, ihn als Streber, als Kunsthandwerker abzutun.

Was meinen Sie, trifft das zu? Ich habe nur das kurze gelesen,

Ich kann es nicht sagen, außer dem Vorwort zu Ihrem Buch habe ich noch gar nichts von Kehlmann gelesen. Es ist wahrscheinlich einfach so, dass ernsthafte Menschen zu Autoren tendieren, für die in ihren Büchern etwas auf dem Spiel steht.

Ja, absolut.

Bestrebungen in der amerikanischen Literatur der letzten zwei Jahrzehnte, die mediale Sintflut an Information in Romane zu pressen, scheinen Sie nicht überzeugt zu haben.

Nein, nicht wirklich, da ich in ­diesen Romanen kaum technische Fortschritte dem gegenüber ­erkennen kann, was schon Joyce und Döblin gemacht haben. Es gab schon damals eine Sintflut, heute ist sie natürlich massiv ­angeschwollen, aber das Prinzip ist dasselbe, es geht darum, wie viele Informationen einen bedrängen, während man versucht, an seine Freundin zu denken oder was auch immer. Mich interessiert das ­Phänomen, aber die zeitgenössischen Romane, die davon geprägt sind, finde ich nicht gerade auf- regend.

Sie haben diese Art zu schreiben den „hysterischen Realismus” ­genannt.

Ja, und was beispielsweise David Foster Wallace betraf, erschien es mir so, dass die Grundlage für das kritische Lob seiner Arbeit oft war: Unsere Leben sind heute so komplett anders als die Leben der Menschen vor hundert Jahren, dass wir eine völlig neue Art zu schreiben brauchen.

Wir sind heute zum Beispiel von viel mehr Müll umgeben.

Da haben Sie recht, aber ist das wirklich einzigartig und neu? Vor 20 Jahren, im goldenen Zeitalter der Werbung, waren die Menschen auch schon von viel Müll umgeben. Meiner Ansicht nach gibt es gewisse ewige Themen, also Sterben, Sex, den Sinn des Lebens und so weiter. Ich will damit nicht sagen, dass diese Autoren diese Fragen nicht ansprechen, dass man nicht einen großen Roman schreiben kann, in dem die Figuren mit dem ganzen Müll und diesen Fragen gleichzeitig konfrontiert werden. Genau das hat Foster Wallace ja versucht, er wurde immer metaphysischer und philosophischer und menschlicher, während die Sätze immer länger wurden und der ganze Müll immer ausführlicher dargestellt war.

Haben Sie „Der fahle König” gelesen, das nachgelassene Romanfragment?

Ich habe es mir angeschaut, aber noch nicht gelesen. Es gibt da einen eigenartigen Zufall: In der

Ziemlich weit weg von David Foster Wallace.

War ich auch in dem einen Roman, den ich mal geschrieben habe.

Muss aber nicht so bleiben.

Nein, Sie haben recht, das muss es nicht.

Was Sie „hysterischen Realismus” nennen, ist natürlich auch attraktiv, zum Beispiel deshalb, da viele Romanautoren mittlerweile richtige Journalismus- Junkies sind. Man kann heute derartige Mengen an Journalismus konsumieren, aus allen Ecken der Welt, über jedes Thema. Da ist es für den Autor attraktiv, all dies und alle Gedanken darüber in einem Roman unterzubringen.

Die Gefahr dabei ist, dass dieses ganze Wissen zu mühelos erworben wird. Das ist meines Erachtens schlecht für die Kunst. Natürlich ist es nicht schlecht, Dinge zu wissen, es ist gut, Dinge zu wissen, aber es ist nicht immer gut, Dinge zu wissen, wenn dieses Wissen so erworben wurde, dass kein stringenter Kontext dafür existiert. Man kann das gelegentlich bei Jonathan Franzen beobachten, wenn er über eine Figur improvisiert: wie leicht es heute für Autoren ist, auf Kosten ihrer Figuren besonders clever zu sein.

Haben Sie den Film „Wonder Boys” gesehen?

J

a! (lacht)

Der von Michael Douglas gespielte Romanautor sitzt mit seinem Lektor Crabtree beim Schnaps. Ein Fremder betritt die Kneipe, und die beiden blödeln blitzschnell dessen Vorgeschichte herbei. So stellt man sich manchmal Franzen vor, natürlich ohne Schnaps. Er sitzt da und denkt sich spontan interessante Details über seine Figuren aus, die mit diesen nicht unbedingt etwas zu tun haben.

So ist es.

Man könnte diese Methode allerdings auch einfach als sehr zeitgenössisch betrachten.

Das könnte man.

Man könnte den Erzähler einfach nicht als Jonathan Franzen sehen, sondern als einen sehr zeit- gemäßen, seichten Charakter, der die Menschen manchmal ein wenig leichtfertig zeichnet.

Ja, das könnte man, es wäre auch interessant, einen Roman von Franzen in die erste Person übersetzen zu lassen, mit einem unzuverlässigen, unsympathischen Erzähler, der Menschen nicht gut lesen kann und sie daher unentwegt missversteht, das wäre belustigend. Es gibt ein Zitat, das ich manchmal benutze, um mir das Gefühl zu geben, dass ich weiß, wovon ich rede. Es stammt von Thomas Mann, aus einem Brief, wenn ich mich recht erinnere. Er war in London und wurde von den damals berühmtesten englischen Schriftstellern ausgeführt, H. G. Wells und George Bernard Shaw, die sehr umtriebig waren, die Romane und Stücke schrieben, aber auch Journalisten und Polemiker und Sozialisten waren, und Mann schreibt also in seinem Brief, dass er mit diesen zwei berühmten ­Autoren essen war, die schwungvoll seien, voller Ideen. Aber am Ende hatte er „das Gefühl, dass sie keine geistigen Edelmänner sind.“


Seine Karriere als Literaturkritiker startete der 1965 in Durham (GB) geborene James Wood beim Guardian. Seit 2007 ist er beim New Yorker unter Vertrag, veröffentlicht aber auch in der New York Times oder der London Review of Books. Wood ist als Kritiker gefürchtet. Für die überdrehte, trashkulturtheoretische Schreibweise von Autoren wie David Foster Wallace und Don DeLillo erfand er den Begriff Hysterischer Realismus, während die formale Avantgarde ihn wiederum als konventionellen Nostalgiker sehen will, dem zufolge der Roman seit Flaubert keine nennenswerte Entwicklung mehr gezeigt habe. So ist James Wood selbst Gegenstand von Polemik geworden: Die jungen Herausgeber des altklugen Kulturmagazins n+1 etwa erregten sich, Wood wolle wohl sein eigener Großvater sein. Gerade ist bei Rowohlt sein Buch Die Kunst des Erzählens erschienen. Zur Zeit hält sich James Wood als Fellow der American Academy in Berlin auf. AS, MA

Von James Woods Gesprächspartner Alexander Schimmelbusch ist zuletzt der Roman Blut im Wasser erschienen. Er gewann mit ihm den Preis der Hotlist 2009

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10:20 14.07.2011

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