Die Kunst, leben zu lassen

Wald Corona hat uns gezeigt, wie eng die Natur für uns geworden ist. Ihr mehr Platz zu geben, ist nicht leicht – der Bayerische Wald zeigt, wie es geht
Die Kunst, leben zu lassen

Foto: Stefan Volk/laif

Seit das Virus unseren Alltag fest im Griff hat, rechnen uns die Meinungsmacher vor, was so eine Pandemie alles an positiven Nebenwirkungen habe: Pflegekräfte würden endlich wertgeschätzt, Eltern verbrächten mehr Zeit mit ihren Kindern, und auch der letzte Hinterwäldler habe jetzt kapiert, dass in der Digitalisierung das Heil liege. Worüber geschwiegen wird, ist die Tatsache, dass unser Land in diesem Sommer geschrumpft ist. Wegen des drastisch eingeschränkten Fernreiseverkehrs machten viele Menschen im Inland Urlaub. Als Folge wurden die kollektiven Mental Maps neu vermessen. Denn die Deutschen haben nicht nur erlebt, dass es zwischen der See und den Bergen durchaus schöne Flecken gibt, sondern auch, dass diese nur ein Flickwerk aus Naturoasen sind – zu klein für 83 Millionen Menschen.

Auf dem Lusengipfel im Nationalpark Bayerischer Wald, der 2020 sein fünfzigstes Jubiläum feiert, tummelten sich an den Pfingsttagen nach dem ersten Lockdown über 1.000 Menschen. In Wanderregionen des Voralpenlandes wurde versucht, den Zugang zu Wanderwegen durch einen QR-Code auf dem Smartphone zu regeln. Die neue Enge machte in diesem Sommer allen bewusst, wie wenig wir von unserem Land für uns selbst übrig gelassen haben.

Jahrzehntelang haben wir unsere Sehnsucht danach, auf diesem Planeten behaust zu sein, auf ferne Länder projiziert. Unterdessen haben wir unsere eigenen Landschaften immer unbehauster gemacht: flurbereinigt, versiegelt, durch Mega-Infrastrukturen verbaut. Wir haben unsere Dörfer zu Agglomeraten von überdimensionierten Villen umgestaltet und die Pflege der landwirtschaftlichen Nutzflächen an die Agrochemie delegiert, die jeden Quadratzentimeter den Zielen des nächsten Quartalsberichts unterwirft.

Kein Wunder, dass wir am letzten Schultag vor den Ferien die Kinder am Schultor abholen und spornstreichs in den nächsten Stau am Brenner rasen. Doch nun, da der Brenner erneut eine Grenze darstellt, erkennen wir, wie schwierig es ist, in einem industriell überformten Land Ruhe und Erholung zu finden. Denn dazu braucht es etwas Mehr-als-Menschliches: die See oder die Berge, das Brausen des Windes, das Rauschen des Walddachs. Dort können wir Resonanz mit dem Stirb und Werde empfinden, aus dem das Gewebe des Lebens geknüpft ist. Wir sind jedoch abhängig geworden vom toxischen Fernweh in unserem Seelenhaushalt. Toxisch nicht nur, weil der Tourismus oft das zerstört, was er sucht: ein Obdach in der Welt, eine Oase, wo wir eine solche Resonanz mit der Welt empfinden können. Toxisch auch, weil wir darüber die Sorge um unser Hier und Jetzt vernachlässigen. Unsere unmittelbare Mitwelt darf hemmungslos vernutzt werden, solange wir uns drei Wochen im Jahr andernorts den Hauch einer „heilen Welt“ um die Nase wehen lassen können. Und so reklamieren wir verbissen wider besseres Wissen die Reise nach Thailand oder auf die Malediven als unveräußerliches Menschenrecht. Diese Rechnung wurde schon immer ohne den Wirt gemacht.

Die Macht der toten Bäume

Im Bayerischen Wald hat man sich seit 1970 an einem Gegenentwurf zu diesen Entwicklungen versucht. In fünf Jahrzehnten wurde hier eines der interessantesten Naturschutzprojekte Mitteleuropas geschaffen: ein Entwicklungsnationalpark, in dem alternative Formen der Landnutzung erprobt werden – inmitten eines Landes, das weitgehend dem Totalitarismus der instrumentellen Vernunft verfallen ist. Denn die Bereitschaft, Natur Natur sein zu lassen und nicht wirtschaftlich zu nutzen, ist ja mitnichten eine „Nichtnutzung“. Natur, die man sich selbst überlässt, erbringt unablässig Leistungen für den Menschen: Sie hält die großen chemischen Zyklen aufrecht, die Leben auf diesem Planeten erst möglich machen; sie reguliert die Stoffwechsel- und Befruchtungsvorgänge, ohne die der Mensch keinen Quadratzentimeter bewirtschaften könnte; sie versorgt uns mit Sauerstoff zum Atmen und mit Wasser zum Trinken; darüber hinaus ermöglicht sie – gewissermaßen als Abfallprodukt – das, was uns im vergangenen Sommer so sehr zum Bedürfnis wurde: Die sinnliche Erfahrung, dass wir Teil von einer Lebendigkeit sind, die den Horizont unserer Selbstoptimierungsanstrengungen und den Radius unserer Twitterblasen übersteigt.

Naturschutz wurzelt im deutschsprachigen Raum historisch im Anliegen, bestimmte Landschaften in ihrer ästhetischen und ökologischen Integrität zu bewahren. Zwar mögen die meisten Menschen heute mehr über ökologische Zusammenhänge wissen, ihre naturkundlichen Kenntnisse sind aber dramatisch geschrumpft – und damit auch ihr Bewusstsein dafür, was für eine Implosion der Artenvielfalt sich vor ihren Haustüren abspielt. Tragischerweise verstärkt die zunehmend obsessive mediale Aufmerksamkeit, die dem Klimawandel zuteil wird, diese Tendenzen. Wer sich um Landschaften sorgt, wird als Nostalgiker verniedlicht oder als Querulant verunglimpft.

Die Mitarbeiter des Nationalparks Bayerischer Wald sind weder das eine noch das andere, sondern Pragmatiker mit einer Vision. Was sie im ersten Nationalpark Deutschlands aufgebaut haben, zeigt, dass auch in einem dicht besiedelten Industrieland ein zukunftsweisender Naturschutz möglich ist. In der Planungsphase denunzierte der damalige Bundesminister für Landwirtschaft Hermann Höcherl das Projekt als „Totalreservat“, das den „Charakter einer lebendigen Landschaft“ zerstöre. Der bayerische Forstminister Alois Hundhammer prophezeite einen „Wald der toten Bäume“. Dass wir heute die ökologische Dynamik im Nationalpark als wesentlich „lebendiger“ wahrnehmen als in den Wirtschaftswäldern und die Rolle der liegen gelassenen „toten Bäume“ für diese Lebendigkeit begreifen, verdanken wir dieser Aufbauarbeit. Nationalpark bedeutet in Mitteleuropa, wo es keine echten Wildnisgebiete mehr gibt, dass Natur zu einer kulturellen Aufgabe wird: ein Balanceakt zwischen historischen regionalen Nutzungsansprüchen, der philosophischen Fähigkeit, die Gestaltungskräfte der Natur walten zu lassen, und der Umsetzung gezielter Maßnahmen zur Unterstützung ökosystemischer Integrität. Es geht also nicht darum, bestimmte Ökosysteme vor Überformung durch den Menschen zu schützen, sondern darum, die bereits erfolgte Überformung vom Spiel natürlicher Prozesse zurückerobern zu lassen.

Das macht den Nationalpark zu einer hochkomplexen politischen Herausforderung. Hier wird erprobt, inwieweit die Gesellschaft dazu bereit ist, sich ihre eigentlichen Lebensgrundlagen bewusst zu machen und sie zu sichern. Hier wird unsere Zivilisation mit der Erkenntnis konfrontiert, dass sie die eigentlichen Lebensgrundlagen mit sträflicher Sorglosigkeit für gegeben voraussetzt, während sie den Ifo-Geschäftsindex, das Bruttosozialprodukt und die EKGs der Börsenkurse mit fatalistischem Ernst als eigentliche Lebensrealität betrachtet. Hier wird die Illusion grenzenlosen Wachstums mit den Wachstumszyklen des Großorganismus Wald konfrontiert. Das eine loslassen und das andere zulassen können – das sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Und mit beiden tun wir uns schwer, 1970 wie 2020.

Auch deswegen ist die Botschaft dieses Corona-Sommers so wichtig: Wir müssen endlich unsere Mitwelt so einrichten, dass wir sie – und uns selbst in ihr – als lebendig empfinden. Wir können unsere individuelle Erholung und die Regeneration unserer Lebensgrundlagen nicht mehr outsourcen. Wir sollten endlich die Verlustbilanz unseres Lebensstils ziehen – unseres Machbarkeits- und Kontrollwahns. Der Umbau der Biosphäre, die sich aus ihren eigenen Kräften erneuert, in eine Technosphäre, die nur unter immensem Energieaufwand aufrechtzuerhalten ist, kann nicht länger hingenommen werden. Daran gemahnt das 50-jährige Jubiläum des Nationalparks.

Die im Bayerischen Wald gesammelten Erfahrungen haben für zukünftige Schutzvorhaben im In- und Ausland Vorbildcharakter. Dabei, betont der Leiter der Nationalparkverwaltung Franz Leibl, waren „naturschutzfachliche Inhalte und Ziele des Nationalparks zum Zeitpunkt seiner Gründung weder eindeutig erkennbar noch inhaltlich vorgegeben: Erst im Laufe der Zeit kristallisierte sich mit der Philosophie ‚Natur Natur sein lassen‘ der Schutz natürlich ablaufender Prozesse als das alles bestimmende Merkmal heraus.“ Ein enormer Modernisierungsschub: Ökosystemische Entwicklungen sollen ergebnisoffen ablaufen, die Wissenschaft soll die Selbstorganisation und Resilienz natürlicher Wälder studieren, die Politik soll Lektionen über den sozio-ökologischen Umbau der Wirtschaft lernen. Die Nationalparkidee ist aber hierzulande nicht nur, wie Leibl anmerkt, ein „Gegenentwurf zu unserer manipulativ gesteuerten und übernutzten Kulturlandschaft“, sondern vor allem auch eine Chance, die Kunst des Lassenkönnens zu erproben – die Fähigkeit, im Ablassen von Zwängen und Gewohnheiten sich einzulassen auf die Prozesse, deren Zusammenspiel Leben erst ermöglicht.

Fünf kleine Urwaldreste

„Waldwesen“ nennt dies – halb ernst, halb ironisch – der heute 85-jährige Hubert Weinzierl, seinerzeit als ehrenamtlicher Naturschutzbeauftragter der Regierung Niederbayern eine treibende Kraft hinter der Einrichtung des Schutzgebietes: Hier könne die „Ehrfurcht vor dem Lebendigen“, die Albert Schweitzer als Grundhaltung des Menschlichen forderte, eingeübt werden. Dies sei, fügt er hinzu, doch „die vornehmste Aufgabe der Landeskultur“. Womit er einen wunden Punkt trifft. Denn eigentlich gehören viele Fragen des Naturschutzes ins Ressort Kultur, wo man sie meist vergeblich sucht: ethische Fragen wie Generationengerechtigkeit, soziale Fragen nach Glück und Heimat – und die ästhetische Frage, wie die menschliche Fantasie funktionieren soll, wenn sie mit keiner Wildnis mehr konfrontiert ist, sondern nur noch mit anthropomorphen Strukturen.

Mit seinen geschätzten 14.000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten auf über 242 Quadratkilometern Fläche, 1,5 Millionen Besuchen jährlich und einer international viel beachteten wissenschaftlichen Forschung ist der erste deutsche Nationalpark eine Erfolgsgeschichte. Dabei handelt es sich noch gar nicht um einen vollwertigen Nationalpark: Bis 2027 bleibt er noch Entwicklungspark, erst dann wird die Walddynamik in einer Kernzone von 75 Prozent der Gesamtfläche ganz menschlichen Eingriffen entzogen sein, ein zentrales internationales Kriterium für die Ausweisung von Schutzgebieten der höchsten Güte.

Und die ersten fünfzig Jahre waren durchaus konfliktreich. Als Adalbert Stifter im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts mit seiner gleichermaßen kristallinen wie geschmeidigen Prosa das unendlich scheinende „Waldmeer“ von Bayern und Böhmen beschwor, musste er die Holzaxt ausblenden, deren Widerhall bereits überall zu hören war. Die Urwälder mit ihren Giganten fielen der Forstwirtschaft so schnell zum Opfer, dass Fürst Johann Adolf II. zu Schwarzenberg schon 1858 den Berg Kubany zum Schutzgebiet erklären ließ. Seitdem hinken deutsche Bemühungen den tschechischen hinterher. Erst 1914 werden fünf Urwaldreste im Bayerischen Wald, insgesamt knapp 382 Hektar, unter Schutz gestellt; die nie realisierten großflächigen Schutzpläne für den Böhmerwald unter den Nationalsozialisten dürften in erster Linie von expansionistischer Raumpolitik motiviert gewesen sein. Als der erste Nationalpark Deutschlands geschaffen wird, hat die damalige Tschechoslowakei bereits drei vergleichbare Großschutzgebiete.

In den frühen 60er Jahren ist der innere Bayerische Wald Zonenrandgebiet und gilt in der Bundesrepublik als Inbegriff einer strukturschwachen Region. Die Politik favorisiert Pläne, nach denen die Berge Rachel und Lusen zu einem Wintersportzentrum samt Panorama-Hochstraße ausgebaut werden sollen. Das Forstamt Zwiesel lässt die jahrhundertealten Waldweideflächen, die sogenannten Schachten, mit Fichtenmonokulturen aufforsten.

Die Freiheit der Käfer

Gegen beides regt sich Widerstand unter der lokalen Bevölkerung. Der Hochlagenwald samt seiner Kulturgeschichte wird als identitätsstiftende Landschaft wiederentdeckt. 1963 weisen die tschechoslowakischen Behörden satte 1.670 Quadratkilometer in Grenznähe als Landschaftsschutzgebiet aus. In Bayern kursiert erstmals die Idee eines Nationalparks. Kommunalpolitiker wie Karl Bayer aus Grafenau machen sich dafür stark. Hubert Weinzierl verkörpert die Idee in der Öffentlichkeit, der niederbayerische Regierungspräsident Johann Riederer stellt ihm aber eine Bedingung: „Wenn Sie dort oben am Rachel und Lusen keinen Skizirkus wollen, dann müssen Sie mir etwas anderes offerieren, was im Jahr 200.000 Touristen bringt.“ Da gelingt Weinzierl der entscheidende Coup. Er lädt 1966 Bernhard Grzimek, das Gesicht des Naturschutzes und der internationalen Nationalparkidee im bundesdeutschen Fernsehen, in den Bayerischen Wald ein, um ihm zu zeigen, dass diese Region das Potenzial für einen Nationalpark hat. In einem Manuskript hatte Grzimek behauptet, die Einrichtung eines Nationalparks auf deutschem Boden sei nicht realisierbar. Er lässt sich von Weinzierl eines Besseren belehren und wird zum begeisterten Vorkämpfer für das Projekt. Durch Grzimek gewinnt die Idee eine nationale Dimension. Bayern ist plötzlich Avantgarde.

Befürworter und Gegner stehen sich aber unversöhnlich gegenüber. Ein Gutachten des Landschaftsökologen Wolfgang Haber soll Klarheit schaffen. Der besteht auf Konformität eines möglichen Nationalparks mit den 1969 überarbeiteten Statuten der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN), und das bedeutet: keine Kahlschläge, keine Holznutzung, kein Ausbau der Infrastruktur, kein Massentourismus.

Die Abstimmungen in den Ausschüssen des Bayerischen Landtags ergeben eine klare Unterstützung für den Park. Im April 1969 tritt die wohl entscheidende Person auf die Bühne: Hans Eisenmann wird Staatsminister für Landwirtschaft und Forsten, ein leidenschaftlicher Befürworter der Parkidee. Am 11. Juni stimmt der Landtag bei nur einer Enthaltung für die Errichtung eines mehr als 13.000 Hektar umfassenden Nationalparks. Hans Bibelriether wird erster Leiter des Nationalparkamtes. Die Eröffnungsfeiern im Oktober 1970 bieten blau-weiße Bierzeltseligkeit, einen Sonderstempel der Bundespost, eine ADAC-Prämie für den Besucher mit der weitesten Anfahrtsstrecke (ja, Sie lesen richtig) und Festreden, die heute noch mit der gleichen Dringlichkeit zu uns sprechen: Eisenmann bezeichnet den Nationalpark als gesellschaftspolitische Daueraufgabe, Weinzierl beschwört Umweltpolitik als „lebensnotwendigen Faktor für ein menschenwürdiges Dasein“, Grzimek verortet Renaturierungsmaßnahmen unter den dringlichsten Aufgaben der zeitgenössischen Kultur.

Der Park wird unter Bibelriether konsequent international ausgerichtet und setzt sich langfristige Ziele. Prominenz aus Wirtschaft und Gesellschaft engagiert sich in einem Förderverein. „Die Pressearbeit des Parks zielt überwiegend auf die Medien außerhalb der Region,“ schreibt Hubert Pöhnl, „vor Ort soll kein Rechtfertigungszwang entstehen. Dies lässt Gerüchte und Vorbehalte wachsen.“ 1973 erhält Bayern ein modernes Naturschutzgesetz, das erste seiner Art in Deutschland. Darin wird auch der Begriff „Nationalpark“ rechtlich definiert als ein Gebiet, das dem Erhalt „natürlicher Lebensgemeinschaften“ dient und eine wirtschaftsbestimmte Nutzung nicht gestattet. Das Gesetz trägt die Handschrift von Alois Glück, dem Vorsitzenden des Umweltausschusses im Bayerischen Landtag. Zwei Gutachten sollen die Richtlinien formulieren, nach denen hier wieder ein Urwald entstehen soll (dessen Existenz in Tourismusprospekten schon wortgewaltig angepriesen wird).

Wissenschaftlich setzt sich unterdessen immer stärker ein dynamisches Verständnis von Ökologie durch: Die natürlichen Prozesse in einem Ökosystem stellen nicht so sehr Gleichgewichte als vielmehr eine systemische Resilienz her – das, was Josef Reichholf später „stabile Ungleichgewichte“ nennt. Schutzmaßnahmen sollten sich also nicht ausschließlich auf den Schutz einzelner Arten konzentrieren, wie es noch das erklärte Ziel vieler ikonischer Schutzgebiete war, etwa in manchen afrikanischen Ländern; der Fokus müsse vielmehr auf dem Schutz dynamischer Prozesse liegen. Nur so könne auch auf Probleme wie das Waldsterben reagiert werden. Schnell wird der Bayerwald zu einem Zentrum für naturschutzfachliche Themen und innovative Umweltpädagogik.

1983 reißen Windbrüche bis zu zwei Hektar große Löcher in die Bergflanken. Insgesamt 20.000 Festmeter Totholz liegen nun in der Naturzone und sollen im Sinne dieses Prozessschutzes nicht aufgearbeitet werden. Das ist ein Paradigmenwechsel: Ein Windbruch ist keine Naturkatastrophe mehr, sondern einfach nur ein natürliches Geschehnis. Als sich der Borkenkäfer massenhaft vermehrt, greift man nicht ein; er wird bei der Verjüngung des Bergfichtenwaldes helfen. Doch wieder hat die Nationalparkverwaltung ein Kommunikationsproblem: Die Vorgehensweise, wie auch die neue Nationalparkverordnung von 1992, wird als dirigistisch empfunden und vergrämt viele Bürger. Außerdem kann Bibelriether bei der Käferkalamität auf keinen Präzedenzfall zurückgreifen; die wissenschaftliche Beurteilung ist uneindeutig.

Nach dem Jahrhundertsommer 1994 flammt das Käferproblem mit aller Macht wieder auf – just zu dem Zeitpunkt, als der Park um gut 10.000 Hektar nach Norden, ins Gebiet des Großen Falkensteins, erweitert werden soll. Schon dagegen hat sich, oft populistisch angeheizt, Widerstand formiert. Von 1995 bis 1997 frisst sich der Ips typographus durch 2.500 Hektar Fichtenwald. Bürgerinitiativen entfesseln einen Proteststurm gegen die „Geisterwälder“, in denen sich erstaunlich schnell wieder grüne Triebe regen. Ministerpräsident Edmund Stoiber kommt aus München und bleibt cool: Er habe viele tote Fichten gesehen, aber keinen toten Wald. Bundesumweltministerin Angela Merkel reist aus Berlin an und gibt sie zu Protokoll: Sie bedaure, wie sehr wir heute das Gespür für langfristige Kreisläufe verloren hätten. Schließlich einigt man sich auf die Erweiterung, erlaubt aber in der neuen Zone die Käferbekämpfung für 20 Jahre.

Die Nachfolger von Bibelriether, Karl Friedrich Sinner und Franz Leibl, haben sich um Bürgernähe und eine Integration des Parks in die kulturellen Narrative der Region bemüht. Ein wichtiges Anliegen wurde auch die vertiefte Zusammenarbeit mit dem 1991 geschaffenen tschechischen Nationalpark Šumava, mit dem der deutsche Teil ein einzigartiges länderübergreifendes Großschutzgebiet bildet.

Trotzdem ist in der gesamtdeutschen Öffentlichkeit die nationale und internationale Bedeutung des bayerischen Pionierprojekts aus dem Blick geraten. Das könnte sich unter den Bedingungen des Anthropozäns ändern. Heute erfahren Menschen kollektiv zunehmend ihre geradezu geologische Wirkmacht, die Atmosphäre und Biosphäre grundlegend verändert. Wildnis als ein von menschlichen Einflüssen freier Bereich existiert nicht mehr. Paradoxerweise führt uns dieses Bewusstsein unsere Abhängigkeit von den ökologischen Prozessen vor Augen, die Leben erst ermöglichen.

Leben erinnert an das Sterben

Großschutzgebiete werden in dieser Situation scheinbar Unvereinbares gleichzeitig sein müssen: Lebensraum für natürliche Kräfte, der so weit wie möglich dem direkten Einfluss des Menschen und der Technosphäre entzogen ist; individueller Erlebnisraum für unsere Verbindung mit der Geschichte des Lebens; öffentlicher Raum für die Auseinandersetzung mit den systemischen Veränderungen der Biosphäre und der industriellen Überformung unserer Lebenswirklichkeit. Ein Nationalpark muss weiterhin Lebensräume, soweit noch möglich, vor direkten menschlichen Eingriffen schützen. Er muss aber gleichzeitig dem einzelnen Menschen einen emotionalen Zugang zum Gewebe des Lebens ermöglichen, der andernorts kaum mehr möglich ist. Und er sollte überdies sichtbar machen, wie die vom Menschen verursachten globalen Veränderungen auch ein naturbelassenes Ökosystem tiefgreifend verändern.

3,9 Prozent der Landesfläche der Bundesrepublik stehen unter Naturschutz, was nur bedingt Einschränkungen für Jagd und Fischerei oder die Land- und Forstwirtschaft bedeutet. Nur 0,6 Prozent unterstehen einem strengeren Schutz, darunter Nationalparks. Diese Gebiete sind für sich genommen viel zu klein, um die ihnen anvertrauten Ziele erfüllen zu können. Die Richtlinien der EU zum Schutz der Fauna und Flora von 1992 waren ein echter Fortschritt, weil sie die Vernetzung der Gebiete anmahnten und Brückenbildungen gezielt förderten. Die Umsetzung dieser Richtlinien erfolgt jedoch nur schleppend, und auch sie kann nur bedingt Abhilfe schaffen, solange in der Fläche das agroindustrielle Kalkül dominiert und die Raumversiegelung ungebremst fortgesetzt wird. Alle 18 Monate wird in der Republik eine Fläche von der Größe des Nationalparks Bayerischer Wald versiegelt. Und dann ist da noch der deutsche Zwang, Landschaften „aufzuräumen“. So werden die von der Flurbereinigung übrig gelassenen Hecken von den Kommunen regelmäßig einer sogenannten Böschungshygiene unterworfen. In den tief auf Stock geschnittenen Randstreifen wird dabei alles Leben ausgemerzt: Schlangen werden zerhäckselt, Erdkröten zermalmt, Nistmöglichkeiten für Insekten weggeputzt. Welche Psychologie liegt hinter dem Ausräumen unserer Landschaften? Rotten wir das Leben um uns aus, weil uns seine Lebendigkeit an unsere Sterblichkeit erinnert? Ist dies unsere Art, den Tod zu verleugnen? Merken wir nicht, dass die total anthropomorphisierten Landschaften, die wir unseren Kindern hinterlassen, ein Mausoleum sind?

Bayern, der einstige Klassenprimus in Sachen Naturschutz, ist mittlerweile versetzungsgefährdet. Nirgendwo in der Republik ist der Flächenverbrauch größer. Die Versuche, in den weitläufigen Wäldern des Steigerwalds oder des Spessarts einen weiteren Nationalpark auszuweisen, sind in den letzten Jahren am Widerstand populistischer Kommunalpolitiker gescheitert. In der „Vorstufe zum Paradies“, wie Horst Seehofer den Freistaat gerne nennt, haben die Besitzstandswahrer das Sagen. Und die wehrten sich lange erfolgreich sogar gegen die bundesweit eingehaltenen Gewässerrandstreifen zum Wasserschutz. Abhilfe schaffte 2019 erstmals wieder das Volksbegehren „Artenschutz & Naturschönheit“ – und zwang den Gesetzgeber zu weitreichenden Änderungen geltenden Rechts. Da ist es plötzlich wieder: das Bayern, dem man heute herzlich zu einem halben Jahrhundert Pfadfindermut in Sachen Naturschutz gratulieren darf.

Bernhard Malkmus arbeitet als Literatur- und Kulturwissenschaftler an der Newcastle University in Nordengland. Derzeit forscht er als Humboldt-Gastwissenschaftler an der Goethe-Universität Frankfurt an einem Projekt über die Große Beschleunigung und geologische Narrative in der Literatur

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