Die Kunst zu schweben

Im Kino "Die andere Seite des Mondes" von Robert Lepage zeigt einen tragisch-skurrilen Helden und seinen trivial-glücklicheren Bruder

Ein Mann will schweben. Sein Blick richtet sich immer wieder in die Weite des Weltalls, aber dann verengt sich für ihn der Vollmond zum runden Fenster einer Waschmaschine in einem tristen Waschsalon. Auf seinem Schreibtisch baut er gern mit Lineal, Kugelschreiber und Kaugummi einen Turm, der die Form einer Apollo-Rakete annimmt, aber dann sitzt er doch wieder nur in einem Großraumbüro beim verhassten Job eines telefonischen Abonnementswerbers für eine Zeitung aus Québec. All seine luftigen Gedanken schaffen es nicht, ihn aus der irdischen Welt emporzuheben: Philippe ist ein skurriler Held.

Schon als Kind fieberte er dem Menschheitsereignis der Mondlandung entgegen, aber auf dem Höhepunkt der Fernsehübertragung fiel er in Ohnmacht, weil sich ein Tumor in seinem Kopf ausgebreitet hatte. Er bewunderte die schönen Beine der geliebten Mama, mit denen sie durch die Wohnung schwebte - später aber wird sie Opfer einer schrecklichen Krankheit, an deren Folgen zuerst ihre Beine amputiert werden müssen und sie zuletzt stirbt. Wenn Philippe sich an den Bauch seiner Mutter erinnert, sieht er darin einen Kosmos, in dem er sich wie ein Weltraumfahrer bewegt. Aber dann taucht daraus sein bodenständiger Bruder auf. Philippe will hoch hinaus, in die Schwerelosigkeit, aber die Verhältnisse bleiben für ihn erdrückend und erdenschwer. Er ist ein tragischer Held.

Sein Bruder André dagegen ist ein erfolgreich plappernder Wettermann im Fernsehen, mit Vermögen und einem gewissen Ruhm, mit schickem Appartement und einem Freund. Philippe selbst ist immer noch Student und scheitert gerade wieder einmal mit seiner Doktorarbeit. Darin will er das Weltraumwettrennen der Großmächte allein auf die grundsätzliche menschliche Eigenschaft des Narzissmus zurückführen. Eine kühne These, für die es Philippe am notwendigen rhetorisch mitreißenden Schwung fehlt. Auf ein paar Umwegen kriegt jedoch ein russischer Kosmonaut Wind von seiner Arbeit und Philippe wird überraschend zu einem Vortrag nach Moskau eingeladen. Eine große Herausforderung - und ein weiteres Fiasko: wegen Jetlag und Zeitumstellung verpasst er seinen Termin und steht schließlich vor einem leeren Konferenzsaal. Philippe ist ein Mann mit Eigenschaften, mürrisch, tolpatschig, selbstverliebt, fatalistisch, jedoch ganz ohne Heroismus. Er ist ein komischer Held.

Sein Sinnen und Trachten ist auf den Mond gerichtet, La Face cachée de la lune, und dabei hat er kaum einen Blick für seinen Bruder übrig, der doch so etwas ist wie La Face cachée de son égo. Jede Unterhaltung, sowieso meist übers Telefon, wird zu einem kuriosen Kabinettstück des Aneinander-Vorbeiredens. Einmal gerät zufällig eine ehemalige Freundin in die Leitung, am Ende sind sie getrennter als je zuvor. Einmal poltert er in einer Bar über seinen Bruder los: "Es ist mir egal, dass er schwul ist, aber wie die meisten, die ich kenne, ist er ein verdammter, kaltschnäuziger, reicher Glücksrabe." Es ist eines jener sonderbaren Gespräche, die schnell zum einsamen Monolog werden.

Höhepunkt dieser Entfremdung ist das letzte Telefongespräch mit seinem Bruder, von Moskau nach Québec. Philippe erfährt, dass eine obskure Weltraumkommunikationsgesellschaft sein Video-Tagebuch in den Kosmos schicken will. André gratuliert ihm und möchte ihn bei der Rückkehr zum Essen einladen. Philippe reagiert mit dem üblichen Missmut, weil er sich jetzt noch nicht entscheiden kann, was er nach dem langen Flug essen will. André weist ihn seufzend darauf hin, dass er, sein Bruder, die letzte lebende Verbindung zur Mutter sei - und nicht etwa der Goldfisch. Der liegt nämlich erfroren in seinem Glas. Mit traurigem Blick auf sein kaltes Grab macht André dem Bruder seufzend den Vorschlag: "Wäre Sushi etwas für dich?"

Die letzte Kalauer-Pointe gönnt der Film also dem eigentlich unsympathischeren der beiden Brüder. Diese ausgleichende künstlerische Gerechtigkeit kann sich Regisseur und Autor Robert Lepage leisten, spielt er doch gleich beide Hauptfiguren, den mondsüchtigen Studenten und den populären TV-Moderator, den narzisstischen Sternengucker und den Bourgeois Québecois.

Ein Mann will schweben, und wo könnte er das besser als im Kino, das das Leben je nach Wunsch und Vorstellung größer, schöner, leichter macht. Philippe aber hat sich allzu bequem in seiner Monaden-Existenz eingerichtet - auf einer Planetenlaufbahn, die einzig um sich selbst kreist. Zur Identifikation lädt nicht er ein, sondern der Film selbst, der mit all seiner visuellen Erfindungskraft den Zuschauer in den Zustand der Schwerelosigkeit versetzt. Robert Lepages Vorlage war sein eigenes Theaterstück, aber keiner Einstellung merkt man jetzt noch etwas von einer Bühnen-Begrenzung an, im Gegenteil: überraschende Schnitte zwischen Zeiten und Räumen, Überblendungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die flüssigen Übergänge zwischen Erdgebundenheit und kosmischen Ausflügen, die Sprünge zwischen Kindheitsträumen und (scheinbar) dokumentarischem Material, die Assoziationen zwischen Mondoberfläche und kanadischer Winterlandschaft, das ganze Spiegelkabinett der optischen Täuschungsmanöver, die empfindliche Balance zwischen Ironie und Mitgefühl, die souveränen Taschenspielertricks mit surrealen und realistischen Einfällen - all das schafft die schwerelose Verbindung, der Philippe immer vergeblich nachjagt, "zwischen dem unendlich Banalen und dem unendlich Wesentlichen".

Der Film ist ein intellektuelles Vergnügen; nicht so überwältigend wie die Sentimentalität der tiefen Heimatsehnsucht von E.T. und nicht so mitreißend wie der Trip ins kosmische Gefühl von 2001: A Space Odyssey - aber gerade eben irgendwo dazwischen - in einem Schwebezustand. Ganz am Schluss wird davon auch unser "Held" ergriffen.


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00:00 30.06.2006

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