Die Lachnummern

Medientagebuch Zu Beginn der Woche Mord und Totschlag, am Wochenende alles Comedy

Lachen ist gesund. Eine alte Volksweisheit, nach der sich offenbar private wie öffentlich-rechtliche Fernsehsender richten, wenn sie eine Comedy-Nummer nach der anderen ausstrahlen. Oder steckt da gar das kreative Potential des Bundesgesundheitsministeriums dahinter? Sponsoring nach dem Motto: Lache in der Not, und du sparst dir viel Ärger und noch mehr Geld? Die mündige Fernsehkonsumentin hat nämlich längst gemerkt, dass sich das Fernsehen nach dem biorhythmischen Bedarf des gemeinen Zuschauers richtet: Quasi zum Wachrütteln gibt´s vorzugsweise sonn- und montags Mord und Totschlag, unter der Woche folgen Schmalz, Tränen und Probleme, und ins Wochenende hinein darf auf vielen Kanälen gelacht werden.

Oder gegrölt. Oder geschmunzelt. Oder genickt und gegrinst, Einverständnis signalisierend, wenn wir - noch lieber, wenn andere - ertappt, entlarvt, verschaukelt, verhöhnt, "verbraten" werden. Nach grober Zählung 20mal am Freitag und 25mal am Samstag, Wiederholungen, weitere Wochentage und solche realsatirischen "Dummies" wie Wiesn 2002 auf tv-München oder Sabine Christiansen in der ARD nicht eingerechnet. Eine geballte Ladung von dem, was gemeinhin Humor genannt wird, findet man auf den Kommerzkanälen mit bis zu sechs Serien nacheinander, nur unterbrochen von Lachsalven aus der Büchse und vielen, allzu vielen Werbeblöcken. Was also ist so lustig bis zum Abwinken? Ritas Welt - Nikola - Anke - Axel! - Knop´s Spätshow - Familie Heinz Becker - Eine schrecklich nette Familie - Alf - Die Harald Schmidt Show - Ladykracher.

Lustig? Ja, nein, doch, jein, na ja, och, jaa! Comedy statt Kabarett. Ulk statt pointierter Schärfe. Gern durch Mundart, wobei das Rheinische an sich ja schon fröhlich stimmt, das Bairische zum Schenkelklopfen animiert und das Sächsische die Stereotype der ewig Gestrigen bedient. Lauter Personalisierungs-Serien, in denen die Hauptrollen der Titelträger dem höchst unpolitischen Mainstream entsprechen und neben den gängigen Milieustudien über Fernsehen und Reporter, Familie und Alltag, Behörden und Willkür und über das immerwährende Missverständnis zwischen Männern und Frauen durchaus auch Neues erschlossen und vergagt wird. Der Rest speist sich aus dem Lachsack, wie übrigens sämtliche, auf den Kommerzkanälen vor allem zur Vormittags- und zur Nachtzeit gezeigten platten US-Versionen (Cybill - Jesse - Keine Gnade für Dad). Bei wem aber klappt es immer? Harald Schmidt, glasklar. Eigentlich außer Konkurrenz und im Grunde über alle Genres hinausgewachsen, also weder Show noch Comedy (was der Sender annonciert), noch Unterhaltungskunst, sondern ganz einfach eine Klasse für sich.

Comedy ist, wenn es kracht. Anke Engelke, mit Anke (SAT 1) nicht so treffsicher, zeigt in 14 neuen Folgen von Ladykracher (SAT 1), dass Männer und Frauen immer noch in zwei Welten leben: "Was ist der Unterschied zwischen shoppen und einkaufen? Armani, Gucci, Joop ist shoppen. Katzenstreu, Ringsalami, Waschmittel ist einkaufen." Oder die Nummer der maulenden WG-Nachwuchs-Aspirantin über WGs im allgemeinen und die Alternativ-68er-ff im besonderen. Zum Brüllen.

Der Witz ist leicht, Humor kann schwarz sein, und die Comedy gut bairisch inszeniert. Wer´s nicht glaubt, braucht nur Freitag abends das Bayerische Fernsehen einzuschalten. Im Café Meineid werden die leisen, ironisch-persiflierenden Saiten der Bayern ausgespielt. Was so schnöde als endlose "Gerichts-Serie" daherkommt, fußt auf fundierten Volks-Theater-Traditionen. Und was als zweite Staffel mit elf neuen Folgen seit letztem Freitag weitergepflegt wird, ist saukomischer TV-Trash, den vier Kabarettisten und zwei kabarettistische Schauspielerinnen in einer schrägen Mischung aus Satire, Stand-Up Comedy, Kabarett und Sketchen zum allerbesten geben. Alles, was besonders den Bayern im Fernsehen lieb und heilig ist, wird hier gnadenlos, hart und krachledern, aber um Gottes willen nicht herzlich abgewatscht. Volksmusiksendung, Quizshow, Infotainment, Oktoberfest - wer fern sieht, weiß, was und wer gemeint ist!

Humor kann auch weh tun: "Ich hatte mal nen Freund, der hatte viele Schallplatten. Wir haben dabei natürlich immer gefummelt - aber nach drei Minuten war´s vorbei. Danach hatte ich einen Freund mit einer Langspielplatte - und nach drei Tagen war ich keine Jungfrau mehr!" Grölendes Hahaha. Ende des Witzes. Soweit Gaby Köster, eine halbe Stunde vorher noch im selben RTL schlagfertig und kess in Ritas Welt, in 7 Tage - 7 Köpfe, diesem tumben Wochen-Rückblick unter Vorsitz von Jochen Busse, der noch bis vor kurzem als ungemein treffsicherer "Hagen" in Das Amt die Lachmuskeln trainierte. So ist das mit dem name-dropping in der bunten Medienwelt. Einmal irgendwo im Abspann, schon auf dem Promi-Sessel. Das geht noch an jedem runden Tisch daneben. Kaffeeklatsch am Samstag nachmittag und Blond am Freitag (beides ZDF) mit Ralph Morgenstern läuft unter dem Label "Comedy-Talk" und ist einfach nur "blond" und tuntig, reif für eine Parodie. So wie Ottfried Fischer, Tonnenrund und selbst in der Gesichtsmimik unbeweglich, der als Moderator in Ottis Schlachthof (BFS) regelmäßig den Beweis der absoluten Unfähigkeit antritt, gerade so, als ob die Bayern, die es doch, siehe oben, ganz anders können, mit ihm auf Teufel komm raus das Exempel statuieren wollen: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 04.10.2002

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare