Die Leere der Mitte

Nacherzählt Unsachbuchgemäß nähert sich Irina Liebmann ihrem Vater, der keinen Platz in der frühen DDR hatte

Das vorweg: Wenn man Irina Liebmanns Buch Wäre es schön? Es wäre schön! Mein Vater Rudolf Herrnstadt zur Hand nimmt, die Resonanz sich vergegenwärtigt, die es hervorgerufen hat (Preis der Leipziger Buchmesse), dann kommt man nicht umhin, betrübt an Liebe im Exil von Edith Anderson (Freitag 30/07) aus dem letzten Jahr zu denken. Und an die Chance, die der Aufbau-Verlag verpasst hat, als er dieses Buch nicht machte - denn es geht darin um die Nachkriegsjahre des Aufbau-Lektors Max Schroeder. Liebe im Exil ist ein ähnlicher Stoff, Schroeder ein ähnlicher Charakter wie Herrnstadt; beides Menschen, die in den Nischen des Exils warten mussten, bis ihr Leben beginnen sollte, um dann nicht feststellen zu können, dass es schon vorbei ist.

Dass Liebe im Exil nicht in dem Verlag erschienen ist, zu dessen Geschichte es gehört, sondern im um die frühen DDR-Jahre besorgten Kleinverlag Basisdruck, sagt etwas über die deutsche Geschichtsschreibung aus, das auch für Irina Liebmanns späte Familiengeschichte gilt. Nämlich: Wie schwer der Versuch offenbar noch immer fällt, das brüchige deutsche 20. Jahrhundert in eins zu denken. In etwas das, trotz aller Widersprüche, Verfehlungen, Tragödien,Geschichte heißen können. Oder Tradition.

Diesen Versuch benennt Irina Liebmann, 1943 geboren, als Schriftstellerin hervorgetreten, auf der ersten Seite. "Alles, was ich geschrieben habe, die Bücher, die Dramen, die Lieder mit ihren unterschiedlichen Themen erscheinen mir wie Stückchen, abgebrochen von dem Ganzen, das ich ausgelassen habe, und in der Mitte davon steht er." Rudolf Herrnstadt ist das leere Zentrum in der Biographie der Autorin, die sie sich aus eigener Kraft geschaffen hat. Insofern handelt es sich bei der Selbstanzeige nicht um die privatistische Diagnose eines Vaterkomplexes. Es ist vielmehr ein gesellschaftlicher, ein historischer Befund. Die Mitte des deutschen 20. Jahrhunderts am Ende der Katastrophe des Dritten Reichs ist leer, noch immer vieles seitdem: Stückwerk, abgebrochen von dem Ganzen. Liebmanns Versuch, die Stückchen zusammenzufügen, kann nur aus dem Abstand der Jahre und des emanzipierten Lebens geschehen - bei Anderson war es der Abstand der zugereisten Amerikanerin -, und er kann, um es vorwegzunehmen, nur scheitern. Die entscheidende Frage, die Frage, die sie in Bezug auf ihren Vater, bleibt unbeantwortet: Wie konnte er nur?

Wäre es schön? Es wäre schön! entwirft das Leben Rudolf Herrnstadts in drei Bildern, der Vorkriegszeit, des Exils und der frühen DDR-Jahre. Vieles daran ist Tasten, spekulativ, Rekonstruktion, insbesondere die frühe Zeit. Geboren wird Rudolf Herrnstadt 1903 als Sohn eines jüdischen Anwalts in Gleiwitz, Oberschlesien. Dort hat er Freunde, die später wie er an der deutschen Geschichte mitwirken werden, Gottfried Bermann Fischer etwa, der Verleger. Nach Berlin, wo Herrnstadt Dramatiker werden will und Journalist wird beim Berliner Tageblatt unter Theodor Wolff, gelangt er über Umwege: abgebrochenes Studium, Fabrikarbeiter; hier liegen womöglich die Wurzeln für die Nähe zu den Kommunisten und nicht zu den familiär favorisierten Sozialdemokraten. Schon vor der Machtergreifung der Nazis arbeitet Herrnstadt für den Nachrichtendienst der Roten Armee wie seine Freundin aus Berliner Tagen, Ilse Stöbe, die später auffliegt und hingerichtet wird. Herrnstadt kommt dagegen nach Moskau, wo er als Chefredakteur an der Zeitung Freies Deutschland arbeitet, die wie die exilierten Kader der deutschen KP im gleichnamigen Nationalkomitee versucht, die deutsche Bevölkerung gegen Hitler aufzubringen. Bei Kriegsende ist Herrnstadt einer der ersten, die nach Deutschland zurückkehren, dreizehn Tage nach der Kapitulation erscheint unter ihm die erste Ausgabe einer Berliner Zeitung, der Berliner Zeitung. Später wird er Chefredakteur von Neues Deutschland, sitzt im Zentralkomitee der SED, und gilt im turbulenten Juni 1953 kurz als Hoffnungsträger eines anderen DDR-Sozialismus. Aber die Machtlage in Moskau nach Stalins Tod bleibt rätselhaft, Ende Juli ist Herrnstadt ein Verräter und wird, lungenkrank, verbannt ins Chemiegebiet, Merseburg nahe Leuna, Buna, Schkopau. Er stirbt 1966.

Die Rehabilitierung hat lange auf sich warten lassen. 1990 veröffentlicht Irina Liebmanns Schwester Nadja Das Herrnstadt-Dokument. Das Politbüro der SED und die Geschichte des 17. Juni. Das sind die Fakten. An denen orientiert sich Wäre es schön? Es wäre schön! auch, aber Irina Liebmann ist keine Sachbuchautorin, und darin liegt die Qualität dieses Buchs. "Mein Vater hat viel und gerne erzählt - und wiederum nichts", schreibt die Autorin. Historiker mögen darüber streiten, ob die Verknappungen von Liebmanns dramatischem, elliptischem Stil der Komplexität der Kämpfe unter den KPD-Kadern um Ulbricht in Moskau und später in Berlin gerecht werden. Ob Geschichte so einfach klingen darf. Aber der Leser dankt es ihr. Liebmann driftet unweigerlich ins Fiktive, womit nicht der Wahrheitsgehalt in Frage gestellt, sondern die Erzählbarkeit einer Biographie gewährleistet wird, die nicht gepasst hat in die Apparate und nicht passt in die Geschichtsschreibung, wie sie Guido Knopp pflegt.

Das noch: Von der Rückseite des Buchs lächelt freundlich Rudolf Herrnstadt, ausgezehrt und mit einem zu großen Jackett, an dem Parteiabzeichen stecken, darunter ein offenes Hemd. Dass hier nichts zusammenpasst, sagt etwas über die Offenheit einer Zeit, in der Rudolf Herrnstadt glaubte, endlich an seinem Platz zu sein. Das erzählt nun seine Tochter, ohne etwas zu verschließen.

Irina Liebmann Wäre es schön? Es wäre schön! Mein Vater Rudolf Herrnstadt, Berlin Verlag, 2008, 288 S., 19,90 EUR

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00:00 06.06.2008

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