Die leere Mitte

Utopie Die Zeit, als es kein Netz mehr gab: Josefine Rieks’ Debütroman führt uns in eine Zukunft, die leider nicht wirklich nachvollziehbar ist
Die leere Mitte
Hohler Raum: Kein Internet mehr und wenig Einfallsreichtum noch dazu

Foto: Arcaid Images/Imago

Wir befinden uns irgendwann in der Zukunft, in der Epoche des „Post-Internets“. Youtube oder Instagram muten die Figuren in Josefine Rieks’ Debütroman Serverland genauso nostalgisch an wie uns heutzutage Schwarz-Weiß-Bilder oder Stummfilme. Vergangenes besitzt allerdings immer eine Aura, die auch den nerdigen Antihelden und Protagonisten des Buches ganz in ihren Bann zieht.

Back to the roots, zurück zur vermeintlich goldenen Zeit des Cyberspace, lautet das Programm dieses durch und durch merkwürdigen Romans. Angefixt von einem rätselhaften Typen namens Meyer begibt sich der Mittzwanziger Reiner darin auf eine Fahrt in die Niederlande, wo die beiden auf eine alte Serverhalle treffen. Schnell wird klar: Der Protagonist soll – und will – die alten Geräte auf Dateien aus vergangenen Tagen durchsuchen. Was sich in den Datenbergen finden lässt, sind allerlei Videos, etwa vom Crash der Flugzeuge in das World Trade Center oder von einem Mann, der sich die eigene Haut über den Kopf zieht. Je mehr absurde und bizarre Filme der Erzähler findet, desto mehr mysteriöse Gestalten – ein Gemisch aus jungen Trinkern und Jointrauchern, Alt-Hippies und Kapitalismuskritikern – siedeln sich auf dem Gelände an.

Nachdem das wiederhergestellte Material bald schon auf einer Leinwand vorgeführt wird, bildet sich unter den Zuschauern eine Gemeinschaft mit eigenen Regeln und Diskussionsforen heraus. Und zu guter Letzt beschließen Reiner und seine Freunde noch, die Videos auf DVD zu brennen und sie wild in alle Welt zu verschicken. Harter Tobak? Vollkommen! Eigentlich ist dieser Text verbissen darum bemüht, ein Bild unserer Gegenwart im Spiegel der näheren Zukunft zu entwickeln. Doch das Hier und Heute wie auch das Morgen sind kaum greifbar. Überhaupt fehlt es Serverland sichtlich an Einfallsreichtum.

Bisschen Witz, bisschen Sci-Fi

Denn wenn Netzfilme die Signatur des digitalen Zeitalters schlechthin darstellen sollen, zu dem man aus unerfindlichen Gründen offenbar in einer Offline-Gesellschaft zurückzukehren hofft, muss man doch fragen: Wie kam es überhaupt, dass das Netz abgeschaltet wurde, und warum? Wofür stehen die nebulösen Figuren, die sich zu einem konturlosen, sozialen Gefüge zusammenrotten? Darunter Meyer, ein launiger Johnny, ein undurchsichtiger Marco und all die Frauen, denen Reiner so gern auf die Brüste schaut, aber wenig Individualität zubilligt. Ein bisschen Witz, ein bisschen Geschlechterspiel und Selbstfindungstrip, ein bisschen Sci-Fi, ein bisschen Gesellschaftskritik. Manches schneidet Josefine Rieks an, das meiste aber bleibt völlig unausgegoren im Raum stehen. Dies trifft ebenfalls auf die vage Utopie am Ende dieser Geschichte zu.

Anknüpfend an die frühen Theorien des Cyberspace, man denke an Marshall McLuhan oder Howard Rheingold, haben Reiner und seine Clique eine Menschheitsgesellschaft vor Augen, die sich über das gemeinsame Anschauen von Videos konstituieren soll. Auf die Verschickung der Dateien an willkürliche Adressen folgt jedoch die Desillusionierung. Die junge Gemeinde in Serverland bricht langsam auseinander. Vorbei ist der Zauber, vorbei ist der Traum von einer ach so heilen Welt.

Dass Utopien in Dystopien kippen oder zumindest in eine Phase der Ernüchterung eintreten können, wird derjenige, der sich ein wenig mit dem Genre auskennt, schon wissen. Frappante Beispiele dafür sind etwa Thomas Morus’ Utopia aus dem frühen 16. Jahrhundert, das der Gattung ihren Namen gegeben hat, Johann Karl Wezels Robinson Krusoe aus dem späten 18. Jahrhundert oder William Goldings Herr der Fliegen aus den 1950er Jahren. In inhaltlicher und noch weniger in sprachlicher Hinsicht zaubert die in Berlin lebende Philosophin Rieks also einen neuen Hasen aus dem Hut.

Immerhin erweist sich die Hauptfigur als ziemlich reizvoll, zumal es sich bei Reiner um einen unzuverlässigen Erzähler handelt, der vom No Name fast zum Revolutionär und Herr einer neuen Ordnung avanciert wäre. Aber eben nur fast. Wie sagt er doch über sich selbst: „Ich sah weder besonders gepflegt noch besonders ungepflegt aus. Eigentlich strahlte ich gar nichts aus“ – eine treffende Aussage, die leider ebenso die leere Mitte dieses Buches beschreibt.

Info

Serverland Josefine Rieks, Hanser, 176 S., 18 €

06:00 07.04.2018

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