Die Legende vom Zerfall

Die Faily-Kurden Sie sind im Unterschied zu den übrigen Kurden Schiiten und werden zwischen Irak und Iran hin und her getrieben

In diesen Wochen werden wir süchtig nach den Nachrichten, die wir hassen. Wider Willen werden wir zu Voyeuren eines Krieges gemacht, nicht zum ersten Mal, aber besonders gründlich. Über die innere Verfassung des Irak aber wagt niemand definitive Aussagen. "Ein Land, das keine Identität kennt, die stärker ist als die Loyalitäten von Clan, Stamm, Ethnie oder Religion...", lese ich in der FAZ. Seit dem Golfkrieg von 1991 heißt es: der Irak droht in drei Teile zu zerfallen - den kurdischen, sunnitischen, schiitischen. Wenn das geschähe, würde das ominöse Gleichgewicht in der Region kippen. Von Irakern höre ich, das sei eine Erfindung Saddams, die von türkischen und amerikanischen Politikern seit zwölf Jahren gern aufgenommen werde.

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Im Berliner Verein der Exil-Iraker fragt ein Mann eindringlich, ob ich die Faily-Kurden kenne, ob ich wüsste, dass sie von Saddam in den Iran getrieben werden und von dort wieder zurück, dass sie Vergessene seien, von allen Vergessene. Er schreibt das Wort "Faily" auf einen Zettel. Der Mann hat eine weiche Stimme, sie ist wie eine Entschuldigung, dass er andere mit so schweren Dingen belastet. Darum höre ich ihm immer weiter zu. Sein Name ist Karim Ayna, er kommt aus Bagdad.

"Wir leben an der Grenze, schon immer", beginnt er. Jahrhunderte war es die Grenze des Osmanischen zum Persischen Reich. Hier liegt östlich vom Tigris die Region Lorestan, dort vor allem leben die Faily-Kurden. Als 1920/21 der Irak von den Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich geschaffen wurde, empfahlen die auch ein Gesetz über die Einbürgerung, das zwei Kategorien von Staatsangehörigen schuf. Die Faily-Kurden bekamen eine Einbürgerung zweiter Klasse, die jederzeit ihre Ausweisung erlaubte. Heute leben etwa zwei Millionen Faily im Irak, rund drei Millionen in Iran.

Die Familie von Karim Ayan wohnte einst in einem Stadtteil von Bagdad, der vor allem von Faily und Assyrern, Händlern und Handwerkern, bevölkert wurde. Es gäbe dort einen riesigen Markt, der im Grunde der Irak sei, sein Zentrum, erzählt Karim. Dieser Markt war in der Hand der kurdischen Faily. Sie genossen als Händler Vertrauen, hatten immer eine "saubere Hand" in Bezug auf Geld. Viele Faily-Kurden waren wohlhabend bis reich, sie richteten eine große Schule ein, eine arabische, für alle Kinder. Die meisten orientierten sich links: Bis 1980 hielten 40 Prozent der Faily in Bagdad zu Barzanis Kurdisch-Demokratischer Partei (KDP), 55 Prozent zu den Kommunisten. Es gab unter ihnen keine Baath-Anhänger. Für Saddam Hussein bündelten sich die Gründe, Faily-Kurden zu verfolgen. Neben dem politischen Motiv stand das ökonomische, er nahm ihnen den Handel aus der Hand, beraubte sie. Ethnisch waren sie Kurden, religiös gehörten sie zu den Schiiten.

1979 flüchtete Karim nach Ungarn, studierte Technik, fing dort auch als Bauingenieur an zu arbeiten. 1989 geriet er unter Druck, hatte keinen Pass, keinen Kontakt mit der irakischen Botschaft. So kam er nach Deutschland, wo ein Bruder von ihm lebte, erhielt nach zwei Jahren Asyl. Nun verkauft er seit Jahren griechische Delikatessen.

1980, kurz vor dem Krieg gegen Iran, hatte Saddam mit großen Aktionen gegen die Kurden überall im Land begonnen. Bis zu 200.000 Faily wurden vertrieben. "Die Familien von zwei Brüdern meiner Mutter mussten auf LKW steigen, wurden an die Grenze gebracht und - weggeschmissen", sagt Karim. Es war kalt. Die iranischen Beamten sagten: Geht zurück, ihr seid Iraker, aber die Eltern der beiden Brüder waren im iranischen Elam geboren, deshalb durften sie bleiben.

"Ich habe viele Verwandte in Elam, bin aber doch in Bagdad geboren und war irakischer Soldat", erklärt Karim, "ich habe Rechte auf mein Land. Alle, die aus Bagdad rausgeschmissen wurden, wollen zurück. Ihre Kultur, ihre Bildung, alles ist mit dem Irak verbunden. Die UNO und Europa wissen nichts über die Faily-Kurden. Hunderttausende haben keinen Pass, keinen Ort. Wie eine Herde sind unsere Leute aus Bagdad vertrieben worden. Saddam brauchte Holz zum Brennen, und da haben sie die Faily-Kurden verbrannt", sagt Karim. Rund 7.000 sind verschollen. Die Listen liegen bei der UNO. Leben sie noch?

Und die Perspektive des Irak? Karim Ayna meint, die Vorstellung vom Zerfall sei Unsinn. Die arabischen Sunniten hätten nur einen Anteil von etwa acht Prozent im Irak. Es wäre komisch, wenn sie einen eigenen Staat gründen wollten. Sie könnten nicht allein existieren. Selbst in Bagdad seien sie nur 30 Prozent. Keine Gruppe propagiere einen eigenen Staat. Die irakischen Kurden wiederum wüssten, dass sie, wenn der Staat zerbricht, mit den Türken oder Iranern zu leben hätten. "Mit ihnen verbindet uns aber am wenigsten, auch kulturell und sprachlich. Wir meinten bisher, dass wir mit den Arabern leben können. Wir leben seit 1.000 Jahren mit ihnen." Es gäbe derzeit im Exil 65 irakische Parteien und Vertreter ethnischer Gruppen. Alle sähen im Föderalismus eine Lösung.

1980 verschwand mit vielen anderen auch Karims Bruder Hafut, 23 Jahre alt. Seine linke Hand und sein linker Fuß waren von der Kinderlähmung verkrüppelt. In einem Musikklub traf er einen Baathisten, mit dem er oft stritt. "Die rechte Hand meines Bruders war sehr stark, er hat ihn sicher hart getroffen. Nach einer Stunde kamen zwei Polizisten, sie riefen ihn aus dem Klub heraus. Der Pförtner beobachtete, wie mein Bruder ins Polizeiauto geholt wurde. Er war der letzte, der ihn sah."

Ein Bruder Karims bezahlte Kriminelle, damit sie den Verschleppten finden. Nach zwei Jahren kam die Nachricht: Er lebt, sitzt in einer Einzelzelle. Aber sollte die Familie nach ihm fragen, werde sie erledigt. Der Rat hieß: Bleibt still, besser einer als die ganze Familie. "Sie haben seit 1982 nichts mehr gesagt", beendet Karim die Geschichte des verschollenen Bruders.

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Eines Tages wird wahrscheinlich aus allen Sendern tönen: Die Raketen sind auf ihre Flugbahn gesetzt, die Bomber gestartet. Belgrader erzählten, dass allein das Detonationsgeräusch dieser Raketen etwas nie zuvor Gehörtes war, unerträglich, größte Angst machend. Bagdad wird das Ziel sein und weitere Städte, Elektrizitätswerke, Kasernen, Amtsgebäude, Häfen, Fabriken, Straßen, Brücken. Einige Tage lang wird nichts sein als der Beschuss und das Bombardement von außen. Das ist der Plan, den wir schon kennen.

Der Architekt Alexander Christof, seit zwei Jahren in Bagdad, sagt: "Das Blut der Menschen wird vor Angst gerinnen."

00:00 07.03.2003

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