Die Letzte ihrer Art

Angela Merkel In die Bewertung der Bundeskanzlerin muss auch eingehen, wie viel Schaden sie durch ihr Nichtstun abgewendet hat
Die Letzte ihrer Art

Illustration: Lucas Kaiser für der Freitag

In dem Film Cloud Atlas sagt Sonmi-451 den todtraurigen Satz: „Ich wurde nicht genomiert, die Welt zu verändern.“ Und dann? Verändert sie die Welt. Ein schönes Märchen, ist Sonmi-451 doch tatsächlich eine, die durch langsames Denken und eher Nicht-Tun zu einem großen Ziel kommt.

Aussitzen. Das war möglicherweise der am häufigsten erhobene Vorwurf an Angela Merkel. Stillstand auf Platz zwei. Reformstau, mindestens Platz drei. Seltsamerweise wurde nur selten die Frage gestellt, was uns eigentlich in den 16 Jahren geblüht hätte, wäre Angela Merkel die gewesen, die wir uns immer zu wünschen meinten. Eine Reformerin vor dem Herrn, eine wagemutige Kämpferin, eine Visionärin, eine machthungrige Macherin. Und das mit ihrer CDU, die zu großen Teilen zurück ins konservative Körbchen wollte, und einer schrecklichen CSU im Rücken, deren Führer sich zum Geburtstag über eine Anzahl Abschiebungen freut, die so hoch ist wie er alt. Zwei Amtsperioden mit einer jeweils zu schwachen und schwächer werdenden SPD als Koalitionspartnerin und vier Jahre lang mit einer FDP, die für ihren unverhohlen neoliberalen Kurs auf Kosten der (in ihren Augen) Loser sicher einen grellgelben Stern auf dem Walk of Fame verdient hat.

Wo wären wir heute, hätte Angela Merkel sich auf Tempo trimmen lassen von ihren starken konservativen Flügeln, dem bayerischen Brutus in wechselnder Gestalt, einer FDP, die uns auch dann noch predigen wird, dass der Markt alles richtet, mischt sich der Staat nur nicht ein, wenn wir wahlweise in Hitze verglühen oder in Hochwassern ersaufen? Wie sähe das heute aus, wäre die Frau nicht eine so solide Bedenkenträgerin und Spaßbremse gewesen, eine Aussitzerin, die uns das Wort „alternativlos“ so lange in die Hirne gehämmert hat, bis es schwer war, überhaupt noch was anderes zu buchstabieren? Muss in die Nutzenbewertung und Schadensbemessung nicht auch eingehen, wie viel sie möglicherweise abgewendet hat, einfach dadurch, dass sie nichts tat, als andere aus ihren eigenen Reihen tun wollten?

Demzufolge natürlich auch nicht das, was wir uns wünschen – sozial, ökologisch, transformativ. Das stimmt. Wir hätten in all den Jahren und angesichts dessen, was uns an Ungemach droht, eine andere Regierung gebraucht. Vorher auch schon, als Gerhard Schröder meinte, sein Lebensprojekt müsse darin bestehen, ein prekaritätsbegünstigendes Reformwerk umzusetzen, das den Namen eines Experten trägt, der heute nicht mehr wirklich etwas damit zu tun haben möchte. Schröder hat sich genauso wenig um den Klimawandel und das, was hätte getan werden müssen, geschert wie seine Nachfolgerin. Der man allerdings zugutehalten kann, dass sie möglicherweise über ausreichend wissenschaftliche Expertise verfügt, die mit all den Unterlassungen verbundenen Folgen zu kennen. Und vielleicht. Nur vielleicht. Manches getan hätte, wäre es nur auf sie angekommen.

Hin und wieder müssen wir uns leider klarmachen: Es hätte schlimmer kommen können. Mögen wir uns doch nur mal vorstellen, ein Friedrich Merz hätte 16 Jahre lang die Geschicke des Landes bestimmt. Das hilft nicht weit, aber es ist tauglich, manches ein bisschen geradezurücken. Zumal sich abzeichnet, dass Angela Merkel die Letzte ihrer Art sein könnte. Wer jetzt den Anspruch erhebt, ihre Nachfolge anzutreten, verkörpert – mit Einschränkungen, was Olaf Scholz anbelangt – eine andere Sorte Politikerin und Politiker. Mit einem anderen Verhältnis zur Macht und weitaus größerer Hybris. Wir werden vielleicht nicht mehr so fremdeln müssen, wie es oft mit Angela Merkel der Fall war. Denn die blieb immer fremd, während uns einer wie Laschet doch recht bekannt vorkommt.

Es besteht sogar die Chance auf mehr Charisma – allerdings in nur einer Farbkombination, die ohne Schwarz auskommen muss. Aber wir werden auch feststellen – sollte doch die CDU den nächsten Kanzler stellen –, dass Merkels Aussitzerei kein Einzelfall ist, weil Reformstau systemische Ursachen hat. Eine Kanzlerin, die im Alleingang die Welt verändert, ist noch nicht geboren.

Die Schriftstellerin Kathrin Gerlof schreibt regelmäßig für den Freitag. Zuletzt erschien der Roman Nenn mich November (Aufbau Verlag)

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06:00 09.08.2021

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