Die letzte Verbindung

Internet-Cafés In Japan suchen obdachlose Männer Zuflucht in Internet-Cafés. Sie verbringen die Nächte auf Matten vor dem Computer. Aus der Gesellschaft gefallen, aber noch vernetzt

Kikuji Nakatas Leben ähnelt einem Cyberpunk-Roman. In diesem Subgenre der Science-Fiction-Literatur wird der Wandel durch das Internet nicht als harmonisches, Frieden bringendes Zusammenschrumpfen der Welt verstanden. Vielmehr verschmilzt der globale Kapitalismus mit der virtuellen Welt zu düsteren neuen Lebensspähren.

Kikuji Nakata ist mit einer von ihnen besonders vertraut. Der 27-Jährige ist ein NetCafé Nanmin, ein so genannter Internet-Café-Flüchtling, der in Tokio Nacht für Nacht Zuflucht in Internet-Cafés sucht. Die anderen zwei Alternativen für ihn lauten: Unter freiem Himmel schlafen oder in Notunterkünften – falls dort freie Betten vorhanden sind.

Das Geld, was Nakata als Aushilfsarbeiter und Tagelöhner verdient, ist nicht genug für das Mieten einer eigenen Wohnung, da beim Einzug fünf bis sechs Monatsmieten auf einmal bezahlt werden müssen. Soviel Geld kann er nicht sparen. Bei der Unterzeichnung eines Mietvertrages für eine Wohnung müsste er außerdem einen Bürgen nennen, der die monatlichen Gebühren im Notfall für ihn bezahlen könnte. Aber Kikuji hat keinen Kontakt zu Personen, denen es finanziell besser geht als ihm. Wer sich wie er mit Gelegenheitsarbeit über Wasser hält, der verdient am Tag rund 70 Euro. Für das Essen reicht es, für Obdach im Café ebenfalls. Aber für wie viele Tage? Jeden Tag lebt er mit der Ungewissheit, wann er wohl den nächsten Aushilfsjob bekommt.

Und so bezieht er das nächtliche Lager in einer kaum drei Quadratmeter großen Zelle. In den Internetcafés gibt es zwar keine Betten, aber beispielsweise Matten, auf denen man vor dem Computer hocken kann. Groß genug für ein paar Stunden unruhigen Schlafs sind sie. Außerdem besitzen viele der Cafés Snackautomaten und Duschen, meistens gibt es auch kostenlose Getränke. So kommt man mit umgerechnet etwa 10 Euro durch die Nacht.


Der virtuelle Raum wird damit zur letzten Anbindung für obdachlose Japaner. Sie sind aus der Gesellschaft rausgefallen, aber doch noch an das weltweite Rauschen im Netz angeschlossen. Der Cyberspace ist für Kikuji auch Zufluchtsort: „Im Internet stehen mir wenigstens Möglichkeiten offen, mich abzulenken und jemand zu sein“, sagt er. Die Anonymität des Netzes gibt ihm Schutz, sie lässt ihn seine soziale Bedeutungslosigkeit für einige Stunden vergessen.

Nach Schätzungen des japanische Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und Sozialwesen gibt es über 5.000 NetCafé Nanmins. Tendenz steigend. Etwa viermal so viele Japaner verbringen laut amtlicher Schätzung mindestens 14 Nächte pro Monat in NetCafés. Doch die Dunkelziffer wird noch höher vermutet. Schließlich sind nicht alle gewillt, ihren sozialen Status dokumentieren zu lassen – dafür ist das gesellschaftliche Stigma zu groß. Bei einer Umfrage erklärten allein in Tokio 88 Prozent aller befragten Frauen, sie würden auf keinen Fall einen Mann heiraten, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Da die meisten der NetCafé Nanmins jünger als 35 und damit im üblichen Heiratsalter sind, scheint ihre dauerhafte gesellschaftliche Marginalisierung damit unausweichlich.

Wer in die Zeitarbeits- und Obdachlosigkeitsspirale hineinrutscht, für den ist eine Rückkehr in das japanische „Arbeitsstelle auf Lebenszeit“-System äußerst kompliziert. Unternehmen sind kaum gewillt jemanden einzustellen, der Aushilfsjobs im Lebenslauf stehen hat. Sie ziehen junge Uni-Absolventen mit lückenlosen Lebensläufen vor.

Angesichts des düsteren Status quo gab das Sozialministerium im Januar bekannt, es wolle Firmen subventionieren, die Gelegenheitsarbeitern den Vorrang gegenüber anderen Stellenbewerbern gewähren. Außerdem sollen die Gelegenheitsarbeiter ein Berufstraining erhalten, das ihnen die Rückkehr in eine reguläre Beschäftigung erleichtert.

Kampf um jeden Gelegenheitsjob

Während die Regierung über diese und andere Maßnahmen diskutiert und langsam mit der Umsetzung beginnt, kämpfen die NetCafé Nanmins weiterhin um Gelegenheitsarbeit und kurzfristige Jobs. Das ist schwierig, denn die Bewerber müssen eine Wohnadresse vorweisen können. Ferner werden Aushilfsjobs häufig telefonisch vergeben, doch auch Handyverträge können mittlerweile nicht mehr ohne gültige Anschrift geschlossen werden. Wie viele Handy- und Zeitarbeitsverträge mit Internetcafé-Adressen der NetCafé Nanmins versehen sind, kann nur vermutet werden.

Die kleinen, mit Plastikwänden voneinander getrennten Computerzellen der Internetcafés sind ihnen der einzige Raum für die nächtliche Privatsphäre. Irgendwie erinnern sie verblüffend an apokalyptische Zukunftsvisionen von einst. Größen der Cyberpunk-Literatur wie William Gibson haben in den 80ern die Zukunft ähnlich beschrieben: Als eine dystopische Welt, in der Menschen in winzigen Wohnraumzellen hocken und den Kontakt mit der Außenwelt größtenteils über das Internet aufrecht erhalten. „Willkommen in Dystopia“, sagt Kikuji Nakata und öffnet die kleine weiße Plastiktür zu seiner Computerzelle.


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10:45 27.06.2009

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