Die letzten freien Menschen

Überwachung Die Regisseurin Angela Richter will uns aus dem Dämmerschlaf reißen. Ihr Stück „Supernerds“ ist ein multimedialer Kraftakt
Die letzten freien Menschen
Angela Richter (rechts) bringt den Wikileaks-Gründer als Hologramm auf die Bühne

Fotos: David Baltzer, Horst Galuschka/Imago (rechts)

Jeder, der ein Smartphone besitzt, ist lückenlos überwachbar. Auch wenn das Gerät ausgeschaltet ist, lassen sich Mikrofon und Kamera mit einer einfachen Spyware, die etwa als verstecktes Anhängsel einer App aufgespielt wird, problemlos aus der Ferne aktivieren. Wir tragen die Wanzen, die in Spionagefilmen noch mühsam von Agenten in Telefone oder Kugelschreiber eingepflanzt wurden, willfährig mit uns herum, von der Arbeit in die Kneipe ins Schlafzimmer. Was wir sprechen, kann immer und überall mitgehört, was wir tun, beobachtet werden. Unsere Adressbücher, Anrufdaten und Textnachrichten sind längst ein offenes Buch. Na und? Im Grunde weiß inzwischen jeder, dass er sich als Bewohner digitaler Welten dem Überwachungsapparat ausliefert. Trotzdem hält sich die Empörung darüber in Grenzen. Die politischen Folgen sind, bisher zumindest, minimal.

Was also tun? Der kollektiven Apathie begegnet die Regisseurin Angela Richter am Kölner Schauspiel mit einem „transmedialen Überwachungsabend“, der das Thema aus dem digitalen Nirvana ins Diesseits der alltäglichen Erfahrung holen und seine Zuschauer damit erklärtermaßen aufrütteln will. Supernerds will überall zugleich sein und die Inszenierung eifert so ästhetisch ihrem Gegenstand, der flächendeckenden Überwachung, nach: Jede Aufführung wird im Internet gestreamt, ein interaktives Game wurde entworfen, im Alexander-Verlag ist zum Stück ein Buch mit Interviews erschienen, die Richter mit Whistleblowern geführt hat, die Premiere übertrug der WDR zur besten Sendezeit live.

Parallel zum Bühnengeschehen hantiert der Journalist, Netzexperte und Blogger Richard Gutjahr in einem Fernsehstudio wie ein Wiedergänger des Zauberers von Oz. Er lässt die Handys verblüffter Zuschauer klingeln, die auf der einen oder anderen Rheinseite wohnen, die in den vergangenen 48 Stunden Pornoseiten besucht haben oder die – das betrifft immerhin zwei Drittel des Publikums – bei der Gewährung eines Bankkredits Schwierigkeiten hätten. Dafür sollten die Besucher sich vor der Show mit ihren Adressen und Telefonnummern registrieren. Ob das alles echt ist oder ein Fake – spielt das wirklich eine Rolle?

Beklemmend werden die harmlosen Tricks, als der Schauspieler Yuri Englert in die Rolle des Moderators schlüpft und so lange private Lebensdaten einer Anwesenden vorträgt – Geburtsort und Umzüge, Wohnhaus, Alter und die Namen der Kinder –, bis eine Dame im blauen Kostüm sich wiedererkennt und zögerlich die Hand hebt. Wenig später entdeckt sich ein junger Mann mit Dreitagebart live auf der Großbildleinwand wieder, die einen wichtigen Teil des Bühnenbilds von Katrin Brack ausmacht: Sein Smartphone filmt ihn, ohne, dass er sich dessen bewusst wäre. Anstatt fröhlich zu winken, wie man das in Fußballstadien in solchen Momenten macht, ringt er sich ein gequältes Lachen ab.

Assange als Datenpaket

Als das von Bradley Manning geleakte Video Collateral Murder eingespielt wird, auf dem US-Militär aus einem Hubschrauber auf irakische Zivilisten feuert, springt der Abend eindringlich ins Existenzielle. Nein, es geht nicht darum, wer welche Bücher mag und vielleicht deshalb auch ein anderes Buch kaufen möchte. Es geht um vergangene und zukünftige Kriege, um Täter und Opfer, um Leben oder Tod.

Die Supernerds, das sind für Angela Richter Whistleblower wie Manning, die heute mit Vornamen Chelsea heißt, Julian Assange oder Edward Snowden, denen wir überhaupt erst unser Wissen über die militärisch-nachrichtendienstliche Schattenwelt verdanken. Ihre Aussagen – montiert und von neutral in Jeansstoff gekleideten Schauspielern wiedergegeben – bilden das Skelett des Theaterabends. Über Jahre hinweg hat Richter Interviews mit ihnen geführt und diese in dem Begleitbuch zur Produktion veröffentlicht, das den ganz unironisch bekennenden Untertitel Gespräche mit Helden trägt.

Von sogenannter Objektivität hält die Regisseurin, wie sie in der Einleitung zum Buch deutlich macht, nichts, von Engagement schon. Ähnlich wie die Dokumentarfilmerin Laura Poitras, die mit ihrem Film Citizenfour über Edward Snowden einen Oscar gewann, setzt sie ihre Arbeit als politische Waffe ein und agiert im Grenzbereich zwischen Aktivismus und Kunst. Längst sind die Geheimnisverräter zu den wahren Popstars der Gegenwart geworden, und Richter inszeniert sie als heroische Gestalten in einer moralisch verwaschenen Welt. Assange reist zur Aufführung aus seinem 20-Quadratmeter-Exil in der ecuadorianischen Botschaft in London als Datenpaket an und tritt als Hologramm wie ein Prophet aus purem Licht auf.

Thomas Drake, der sich schon 2005 mit Insiderwissen über die NSA der Presse anvertraut hat, wird auf der Bühne einmal mit den Worten zitiert: „Es gibt nur sehr wenige Menschen, die sich den Mächtigen widersetzen. Menschen, die bereit sind, ihre Karriere oder sogar ihr Leben zu riskieren.“ Und das Bühnen-Alter-Ego von Daniel Ellsberg, dem großen Vorbild der heutigen Whistleblower, der 1971 mit der Veröffentlichung der Pentagon Papers entscheidend zum Ende des Vietnamkriegs beitrug, zitiert aus den Moabiter Sonetten von Albrecht Haushofer, der am Hitler-Attentat des 20. Juli beteiligt war und im Gefängnis anschließend Gedichte schrieb: „Ich hab gewarnt – nicht hart genug und klar! Und heute weiß ich, was ich schuldig war.“ Schweigen bedeutet Mittäterschaft. Der Rückgriff auf den deutschen Faschismus ist durchaus programmatisch zu verstehen.

Sind wir womöglich wirklich „im Grunde die letzten frei lebenden Menschen inmitten der totalitären Apokalypse“, wie Assange düster formuliert? Leben wir in einer präfaschistischen Zeit, wie der NSA-Whistleblower William Edward Binney einmal im Gespräch mit Angela Richter warnt? Als die Interviewerin ihn fragt, ob wir überhaupt noch in einer Demokratie lebten, verneint er ausdrücklich: „Wir haben eine bastardisierte Form von Demokratie, die dabei ist, sehr schnell in Richtung eines totalitären Überwachungsstaates abzudriften.“ Als Unheilverkünder machen die Whistleblower längst nicht mehr nur verborgenes Wissen publik, sie sind zu ultimativen Weltendeutern mutiert, die der Menschheit ihre katastrophische Zukunft voraussagen.

Ihr Kultstatus als eigenmächtig gegen alle Regeln Handelnde ist wohl auch ein Spiegelbild unserer persönlichen Ohnmacht: Wie reagieren wir selbst auf eine Entwicklung, deren aktiver Teil wir in einer Art Dämmerzustand geworden sind? Wie lässt sich eine überwachungskritische Haltung vor einem Zynismus retten, der die einzige Option in trotziger Technikverweigerung sieht? Angela Richters Überwachungsabend speist sich aus einer Hilflosigkeit, in der die Regisseurin Millionen Menschen an ihrer Seite weiß: dem Abstrakten irgendwie performativ beizukommen und den Körper wieder in einen primär körperlosen Diskurs einzubinden. Also filmen sich die Darsteller auf der Bühne bei ihren Monologen, sie richten ihre Ansprachen als Appell direkt in die Kamera, und was als Interviews ursprünglich in einer privaten Gesprächssituation aufgezeichnet wurde, wird nun im Scheinwerferlicht mit raumgreifenden Gesten ausagiert.

Geburtswehen und Tango

Dieser Versuch, den ätherischen Diskurs zu emotionalisieren, führt jedoch zu einem fragwürdigen Resultat: Was ist gewonnen, wenn Körper auf der Bühne in kinetischer Energie explodieren, herumrennen, Räder schlagen und Pirouetten drehen? Was nützt es Sätzen von kristalliner Klarheit, wie Assange sie spricht, wenn dazu satanisches Grunzen auf der Bühne in gestöhnte Geburtswehen übergeht und jemand „ficken, ficken, ficken“ brüllt? Auch wenn man konstatiert, dass Überwacher und Überwachte eine Beziehung eingehen, müssen sie wirklich leidenschaftlich Tango tanzen?

Im Bemühen um Anschaulichkeit wird die Bühne zum Erlebnispark, in dem die Metaphern des Monströsen nur so blühen. So erweist sich in dem multimedialen Kraftakt von Supernerds paradoxerweise ausgerechnet das altehrwürdige Buch als das mit Abstand eindringlichste Medium: Messerscharfe Zeitdiagnosen, wie sie etwa der brillante Analytiker Edward Snowden in den Interviews aneinanderreiht, bedürfen keiner aufgesetzten Hysterie. Die Interviewten erschüttern durch ihre Unbestechlichkeit, und ihre Aussagen entstammen einem nüchternen Blick auf die Welt, der sich keinerlei Illusionen macht. Mehr Minimalismus und weniger Revue hätten diesem Abend sicher gutgetan.

Vielleicht werden uns spätere Generationen ja auch einmal fragen, weshalb wir sehenden Auges in eine Katastrophe gestolpert sind. Und nun? Nur weil die richtigen Waffen noch nicht gefunden sind, ist das kein Grund, nicht danach zu suchen. Auch im Theater.

06:00 05.06.2015
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