„Die Leute haben jetzt Angst vor mir“

Porträt Phyllis Omido wollte niemals Umweltaktivistin werden. Heute leitet sie eine NGO mit acht Mitarbeitern
Alice Ahlers | Ausgabe 50/2019 1

Als Kind kletterte Phyllis Omido am liebsten auf Bäume. Auf dem Land im Westen Kenias, wo sie in einem traditionellen Dorf aufwuchs, spielte sie unbeschwert in der Natur, aß Früchte von den Ästen, trank Wasser aus dem Fluss. Die einzige Sorge ihrer Großmutter sei es gewesen, dass sie von einer Biene gestochen werden könnte, erzählt Phyllis Omido viele Jahre später, als sie auf einer großen Bühne in San Francisco steht.

Scheinwerfer, Kameras, hunderte Zuschauer blicken sie an. „Heute dagegen gibt es Menschen, die um ihr Recht auf sauberes Wasser, auf klare Luft und auf Spielplätze ohne Gift betteln müssen“, ruft sie. In der Nacht zuvor hat sie auf dem Boden geschlafen, weil ihr das Hotelbett zu schick war.

An diesem Sommertag im Jahr 2015 erhält sie den Goldman Environmental Prize, eine Art Nobelpreis für Umweltaktivisten. Phyllis Omido hat ein ganzes Dorf vor einer giftigen Fabrik gerettet. Seitdem ist sie für ihren Kampf gegen das tödliche Bleirecycling international bekannt und in ihrer Heimat eine Art Nationalheldin. „Ich hatte nie vor, eine Umweltaktivistin zu werden, aber an dem Tag, als ich das erste Mal verhaftet wurde, habe ich diese Rolle angenommen“, sagt Phyllis Omido, 41 Jahre alt, eine kräftige Frau mit einem strahlenden Lächeln, durch deren dunkle Locken sich kleine rote Strähnen ziehen. Sie sitzt in der Lobby eines Hotels nahe dem Berliner Tiergarten. In diesem Herbst ist sie nach Deutschland gekommen, um ihr Buch Mit der Wut einer Mutter vorzustellen. Eine Geschichte, die in Zeiten von Klimawandel und Umweltzerstörungen Mut macht.

Phyllis Omido hat in der letzten Nacht wenig geschlafen, wirkt aber wach. Ihre kleine Tochter, sechs Monate alt, bekommt gerade Zähne. Jetzt schläft das Baby ganz ruhig auf dem Arm ihrer Agentin.

Auch ihren Sohn King, 13 Jahre alt, hat sie mitgebracht. Auf den ersten Blick ein ganz normaler Teenager, der in Jeans und Sneakern in einem Sessel fläzt und auf seinem Handy daddelt. Doch seine kognitive Entwicklung wurde als Kleinkind gestört. Er ist langsamer als andere Kinder in seinem Alter, braucht beim Lernen spezielle Förderung, erzählt seine Mutter. Die Folgen einer Bleivergiftung.

All das begann im Jahr 2009, als Phyllis Omido einen neuen Job anfängt. Über die Stelle im Büro der Geschäftsleitung einer Metallfabrik ist sie mehr als glücklich. Die neue Arbeit bringt ihr nicht nur mehr Geld und einen Firmenwagen, sie darf ihren Sohn, damals drei Jahre alt, sogar nachmittags mit zur Arbeit nehmen. Für die alleinerziehende Mutter wie ein Sechser im Lotto. Doch es kommt anders. King merkt es gleich, als er das erste Mal auf dem Hof der Fabrik spielt. „Mama, hier stinkt‘s“, sagt der kleine Junge. Regelmäßig rollen große Lastwagen durch das Tor des Werks. Auf ihrer Ladefläche stapeln sich alte Autobatterien, deren Blei in der Fabrik recycelt wird. Phyllis Omido wundert sich nur kurz über den fauligen Geruch. Doch dann wird ihr Sohn schwer krank, hat Husten, Hautausschlag, Fieberschübe. Eine Blutprobe bringt die Ursache ans Licht: Die Bleiwerte in seinem Körper sind 37 Mal höher als sie normalerweise sein dürften.

Tiefschwarzer Rauch

Ein Tag, der Phyllis Omidos Leben für immer verändert hat. „Ich war damals sehr, sehr wütend“, sagt sie. „Es kann nicht sein, dass jemand mit etwas Geld verdient, das Kinder krank macht.“ Sie kündigt sofort ihren Job, fährt aber noch einmal zurück nach Owino Uhuru, dem Ort, in dem die Metallfabrik steht. Um das Werk drängen sich kleine schiefe Häuser mit Wellblechdächern dicht aneinander.Die Menschen, die dort wohnen, verdienen nicht mehr als drei Euro am Tag, viele von ihnen arbeiten in der Fabrik. Phyllis Omido läuft von Hütte zu Hütte, erfährt, dass sie unter ähnlichen Symptomen leiden wie ihr Sohn.

Das Trinkwasser schmecke seltsam, berichten sie. Nachts müssten sie ständig husten. Dann lege sich tiefschwarzer Rauch aus den Schloten der Recyclinganlage über das Dorf. Er kommt aus dem großen Ofen der Fabrik, wo die Arbeiter das Blei aus den Autobatterien schmelzen, das später in großen Containern verschifft und wieder verkauft wird – auch nach Europa. An einer undichten Stelle in der Werksmauer läuft dreckige Brühe mit ätzender Säure aus den Batterien in das Armenviertel, vermischt sich mit dem Regen zu übel riechenden Pfützen.

Omido schreibt Briefe an Behörden und Abgeordnete. „Ich dachte anfangs wirklich, die Regierung würde etwas tun, um die Bewohner zu beschützen, wenn ich sie nur informierte“, sagt die Umweltaktivistin, die in Nairobi Betriebswirtschaft studiert hat. Doch als niemand reagiert, wird sie zur Anführerin des Protestes im Dorf. Dass daraus ein Kampf werden würde, der noch immer andauert, ahnte sie damals noch nicht. Bis heute sind nach ihren Angaben in Owino Uhuru 38 Erwachsene und 300 Kinder an einer Bleivergiftung gestorben. Die Frauen hätten viele Fehlgeburten. In fast jeder Familie sei jemand krank.

Von diesen Schicksalen erzählt Phyllis Omido, auch in Deutschland. In der Berliner Urania sitzt sie als Speakerin neben der deutschen Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete auf der Bühne eines Kongresses von Ärzte ohne Grenzen. Statt eine getragene Rede am Stehpult zu halten, bleibt sie lässig und etwas schief in ihrem Stuhl sitzen, erzählt auf Englisch ihre Geschichte, während es im Saal immer stiller wird.

Dass Phyllis Omido so viel Leid gesehen hat, merkt man ihr nicht an. Wenn sie von den Menschen in Owino Uhuru redet, ist sie bestimmt und konzentriert, dann macht sie zwischendurch wieder kleine Scherze über sich selbst. Schon als Kind sei sie sehr unbequem gewesen – zum Beispiel wenn es um traditionelle Gebote in ihrer Familie gegangen sei. So habe sie öfter die Teile eines Hühnchens verspeist, die Frauen in ihrem Stamm eigentlich verboten waren zu essen. „Ich bin dann zu meinem Vater gegangen und habe gesagt: „Du! Vater! Ich habe sie gegessen!“ Die Zuschauer lachen.

Phyllis Omido konfrontiert ihr deutsches Publikum nicht mit Vorwürfen und Forderungen, auch wenn sie genug Grund dafür hätte. „Das hier ist ein tolles Land. Wenn ich alle diese schönen Autos auf den Straßen sehe, frage ich mich aber, ob deren Besitzer wissen, woher das Blei in ihren Autobatterien kommt“, sagt sie nur.

Ein paar Tage zuvor war sie Gast bei einer Diskussion mit Experten beim Öko-Institut in Berlin, ein Vertreter der deutschen Automobil-Industrie war nicht dabei. Als Phyllis Omido damals beginnt, sich gegen die giftige Recyclinganlage aufzulehnen, stößt sie auf harte Widerstände. Sie organisiert Demos, blockiert mit den Bewohnern mehrmals den Verkehr auf einer großen Autobahn. Über Tage besetzen sie die Umweltbehörde. Doch kein Verantwortlicher reagiert. „Ein reicher Politiker hat an den Geschäften der Bleischmelze mitverdient“, erzählt Phyllis Omido. Die korrupten Regierungsbehörden in Mombasa hätten ihn geschützt. Auch die Polizei habe unter seinem Einfluss gestanden.

Tödlicher Schrott aus Europa

Weltweit verseuchen Unternehmen Wasser, Boden und Luft, indem sie ihren Giftmüll in die Landschaft entsorgen. Verheerend ist die Bleivergiftung, an der nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jedes Jahr mehr als 600.000 Menschen sterben. Hauptursache ist das unsachgemäße Recycling von Blei-Säure-Batterien. Laut Zahlen des Öko-Instituts werden 1,2 Millionen Tonnen von ihnen jedes Jahr allein in Afrika ausgeschlachtet. Ein großer Teil davon wird aus Europa importiert, obwohl es verboten ist, Elektroschrott auszuführen. Laut der Deutschen Umwelthilfe werden mehr als die Hälfte aller Elektrogeräte aus Deutschland auf widerrechtliche Weise recycelt und in illegalen Verwertungsanlagen verschrottet. Das Risiko lohnt sich, weil die Umweltauflagen in afrikanischen Ländern weniger streng sind. Das saubere Blei führt man dann wieder ein.

Das Recycling lohnt sich auch, weil der weltweite Bleiverbrauch steigt. An den Metallbörsen liegt der Preis bei fast 1,90 Euro pro Kilo. So werden in Afrika jedes Jahr um die 800.000 Tonnen Blei recycelt – nicht nur in industriellen Bleischmelzen, sondern auch in kleinen Hinterhof-Werkstätten, wo die Batterien aufgespalten und per Hand entkernt werden. Für die Arbeiter noch gefährlicher, da sie weder Schutzanzüge noch Atemmasken tragen. Auf Umwegen über Zwischenhändler, häufig chinesische oder indische Firmen, landet der Rohstoff wieder in Europa. Ausgangs- und Endpunkt der Geschäfte ist auch Deutschland mit seiner Autoindustrie. Im Buch Mit der Wut einer Mutter. Die Geschichte der afrikanischen Erin Brockovich (Europa Verlag, 2019) erzählt Phyllis Omido von ihrem Kampf.

Sie erhält anonyme Anrufe, die sie einschüchtern sollen. „Du solltest dich nicht mit den Großen anlegen“, sagen Männerstimmen. Manchmal wacht sie nachts schweißgebadet auf. Als sie eines Abends nach Hause kommt, lauert ihr ein Mann auf und schlägt sie mit einer Kalaschnikow zusammen. Ihr Sohn muss alles mit ansehen. Bei einer Demo wird sie verhaftet und landet im Gefängnis. Man wirft ihr vor, öffentlich zu Gewalt aufzurufen, bezeichnet sie sogar als Terroristin. Hunderte Bewohner von Owino Uhuru campen aus Solidarität vor dem Gefängnis.

„Mach dir keine Sorgen, Phyllis“, rufen sie, als sie zur Gerichtsverhandlung nach Mombasa gefahren wird. „Wir werden dir folgen. Wir lassen dich nicht alleine!“ Ein Anwalt von Rechtsanwälte ohne Grenzen erreicht, dass die Klage fallengelassen wird. Trotz allem denkt sie nicht daran, aufzugeben, kauft sich mehrere scharf abgerichtete Hunde, die sie bis heute bewachen.

Als sich die kenianische Regierung damals weiterhin weigert, die Fabrik zu schließen, wendet sich Phyllis Omido an die East African Community, ein Verbund zwischen mehreren Staaten, der einen eigenen Gerichtshof hat. Dieser erlässt ein neues Gesetz, das den Export von Blei aus Ostafrika verbietet. Ein großer Erfolg für die Umweltaktivistin, ein schwerer Schlag für die Bleischmelzen – auch in Owino Uhuru. Den indischen Managern der Anlage wird das Exportgeschäft auf Dauer zu mühsam – auch weil Phyllis Omido der Hafenpolizei immer wieder Hinweise gibt, wo sie kontrollieren sollen. 2014 wird die Bleischmelze geschlossen. Doch noch immer ist die Umwelt verseucht. Die Menschen trinken das giftige Wasser, werden weiterhin krank. „Das Blei muss weg!“, sagt Phyllis Omido. 800 Menschen seien bereits auf Bleivergiftung getestet. Drei Viertel davon positiv. „Die Herren Direktoren schließen einfach die Werkstore und verschwinden mitsamt ihrem Gewinn“, sagt die Kenianerin. „Die Werksleitung und alle, die weggeschaut haben: Sie gehören verurteilt und bestraft dafür, dass sie das Leben der Menschen wissentlich zerstört haben.“

Von den 150.000 Dollar, die 2015 mit dem Goldman Environmental Prize verbunden waren, finanziert sie einen Gerichtsprozess. Im Namen der 3.000 Bewohner von Owino Uhuru reicht Phyllis Omido eine Sammelklage gegen die Bleischmelze und die Regierung Kenias ein. Sie fordert, dass diese das verseuchte Land und Wasser des Ortes reinigen lassen. Außerdem sollen die Bewohner finanziell entschädigt werden. Im Frühjahr kommenden Jahres soll das Urteil in Mombasa gesprochen werden. „Ich weiß, dass wir den Prozess gewinnen werden“, sagt Phyllis Omido. Die Beweise, die sie vor Gericht vorgelegt hätten, seien eindeutig. „Es kann aber sein, dass wir auch nach einem positiven Urteil weiterkämpfen müssen, weil die Regierung die Forderungen nicht umsetzt.“

Giftmüll neben der Schule

Sie ist heute froh, allen Bedrohungen und Einschüchterungsversuchen Stand gehalten zu haben. „Das war es wert“, sagt sie. Denn dadurch habe sich in Kenia schon einiges verändert. Erst vor Kurzem seien in einem Fluss erhöhte Bleiwerte gemessen worden. Alle Industrieanlagen entlang des Ufers mussten daraufhin vorerst schließen. „Das wäre vor zehn Jahren undenkbar gewesen“, sagt sie.

Zudem sei ihre eigene Bekanntheit eine große Hilfe. In Kenia ist sie jetzt so etwas wie ein Umwelt-Popstar. „Die Leute wissen, wenn Phyllis kommt, dann muss sich etwas ändern, sonst gibt es Konsequenzen.“

Phyllis Omido hat mittlerweile eine eigene NGO mit acht Mitarbeitern. Vor Kurzem habe sich eine Schule bei ihr gemeldet, weil ein Unternehmen gleich nebenan seinen giftigen Müll abgeladen hatte. Die Behörden hatten auf mehrere Beschwerden der Schule nicht reagiert. Phyllis Omido ging einmal kurz in die Firma und fragte: „Verseucht ihr etwa die Schüler mit eurem Gift?“ Am nächsten Tag sei der gesamte Müll verschwunden gewesen.

„Sie haben jetzt Angst vor mir“, sagt Phyllis Omido und lacht laut, so als könnte sie das selbst noch nicht ganz glauben. „Für diese Art von Macht, die ich jetzt habe, bin ich sehr dankbar.“ Und auch ihr Sohn King will später einmal Aktivist werden. Allerdings für die Rechte von Tieren.

Alice Ahlers war Redakteurin der Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung und lebt heute als freie Journalistin in Berlin

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06:00 22.01.2020

Ausgabe 48/2020

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