Die Linke und die jungen Leute

Zukunft der Linkspartei Fast aus dem Bundestag geflogen, voll in der Krise: Wie geht es weiter mit der Linken? Bei Erstwählerinnen kommt sie nicht gut an, weiß der junge Ökonom Moritz Gailus – liegt das an Radikalität und Aktivismus? Ein Gastbeitrag zur Debatte
Einem innerparteilichen Konflikt zwischen den Generationen sollte die Linkspartei gleich einen Riegel vorschieben
Einem innerparteilichen Konflikt zwischen den Generationen sollte die Linkspartei gleich einen Riegel vorschieben

Foto: John Macdougall/AFP via Getty Images

Die Bundestagswahl wird bei dem einen oder anderen Linke-Mitglied das Bild von der jungen Generation zurechtgerückt haben. Während ausgerechnet die FDP neben den Grünen mit 23 Prozent am stärksten unter Erstwählerinnen und -wählern abschnitt, rangiert die Linkspartei in dieser Gruppe mit acht Prozent auf dem vorletzten Platz der im Bundestag vertretenen Parteien.

Der Befund, die Linkspartei erreicht junge Menschen bei Wahlen nur unzureichend, mutet kontraintuitiv an. Der im Februar 2021 gewählte Parteivorstand ist jünger und aktivistischer als zuvor und vor allem in Großstädten hat die Partei junge Mitglieder dazugewonnen. Darüber hinaus finden sich zentrale Anliegen junger Menschen im Bundestagswahlprogramm wieder: Laut der Jugendstudie „Junge Deutsche 2021“ sei hier beispielsweise die Forderung nach einer gleichermaßen ökologischen wie sozialen Transformation der Wirtschaft zu nennen. Und dennoch verlor die Linkspartei auch in dieser Altersgruppe. Wie ist das zu erklären?

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Mit der Lage der Linkspartei hat sich zuletzt an dieser Stelle deren direkt gewählte Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch befasst.

Mitglieder ja, Nichtwählerinnen nein

Die gegensätzliche Bewegung des Zuwachses an jungen Mitgliedern bei gleichzeitig schlechterem Wahlergebnis in der Breite der Altersgruppe deutet auf ein zunehmendes Ungleichgewicht hin: die Linkspartei organisiert politisch-aktive Jugendliche, verliert jedoch den Kontakt zu jungen Menschen, deren Engagement sich auf den Wahlakt beschränkt – von tendenziellen Nichtwählerinnen und -wählern ganz zu schweigen. Zweifelsohne ist das Anliegen junger Mitglieder, die Partei zu gestalten, legitim und begrüßenswert. Aber nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die FDP mit einer nach Zielgruppen ausdifferenzierten Strategie junge Wählerinnen und Wähler für sich gewinnen konnte, muss sich die Linkspartei fragen: In welchem Maß sind junge Funktionsträgerinnen und -träger überhaupt mit den vielfältigen Lebensrealitäten Gleichaltriger, geschweige denn Älterer, vertraut?

Das Wahlergebnis legt nahe, dass der größte Teil der Jungerwachsenen in Deutschland nicht so aufrührerisch ist, wie es der „Generation Greta“ bisweilen zugeschrieben wird. Für die Linkspartei bedeutet das: In der Ansprache junger Wählerinnen und Wähler kann zur Schau gestellte Radikalität keine überzeugende und alltagstaugliche Fachpolitik ersetzen. Die Annahme, kategorische Überbietung der politischen Konkurrenz würde gerade bei jungen Leuten auf offene Ohren stoßen, ist verfehlt. Eher ist dies Zeugnis einer naiven Verkindlichung junger Wählerinnen und Wähler. Slogans, wie die pauschale Forderung nach einem „System Change“, führen außerhalb aktivistischer Kreise nicht zum Erfolg. Vor allem dann nicht, wenn nicht verständlich gemacht werden kann, was sie bedeuten. In der Folge wird linker Politik nicht zugetraut, ihre Versprechen zu erfüllen.

Verglichen mit ihrer Vorgängerin wird die Ampel-Regierung vermutlich mehr progressive gesellschaftspolitische Anliegen durchsetzen und so unter Jungerwachsenen weiterhin Sympathien erwecken. Soll die grün-liberale Hegemonie über junge Wählerinnen und Wähler gebrochen werden, muss die Linkspartei ihre Kompetenzen anderweitig unter Beweis stellen: Die kürzlich erschienene „Teengeist“-Umfrage kommt zu dem Ergebnis, dass junge Menschen die Erhöhung des Mindestlohns als wichtigste Aufgabe der Ampel-Koalition sehen, gefolgt von Maßnahmen gegen den Klimawandel und dem wenig jugendlich daherkommenden Anliegen der Altersversorgung – jeweils vor vermeintlichen Nachwuchsthemen wie der Cannabis-Legalisierung oder der Absenkung des Wahlalters.

Dieses Ergebnis ist nur auf den ersten Blick verwunderlich, denn Jungwählerinnen und -wähler sind laut Statistischem Bundesamt Teil der am stärksten armutsgefährdeten Altersgruppe. Folglich sollte die Linkspartei ihre Qualitäten in den Ressorts Arbeit und Soziales, ergänzt um Klima- und Umweltpolitik, ausspielen und sich in der öffentlichen Debatte Gehör verschaffen. Um die Tragfähigkeit der eigenen Pläne zu untermauern, braucht es zudem mehr Durchschlagkraft im bisher vernachlässigten Bereich der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Selbst wenn die Linkspartei mit Finanzthemen keine Wahl gewinnen wird, so bietet eine Regierung unter FDP-Finanzminister Christian Lindner, der die Hand auf den Mitteln für entscheidende Zukunftsinvestitionen hat, eine Angriffsfläche.

Es gibt viel mehr ältere Menschen...

Man sollte sich allerdings nicht der Illusion hingeben, dass eine kritische Begleitung des Regierungshandelns ausreicht, möchte die Linkspartei junge Menschen bei der nächsten Bundestagswahl an sich binden. Besetzten die Grünen für viele junge Wählerinnen und Wähler glaubwürdig die Klimathematik, so konnte die FDP bei der Wahl unter anderem das Thema Bildung für sich beanspruchen und aufstiegsorientierte Jugendliche erreichen. Spekulation auf fehlende klimapolitische Konsequenz der Grünen wird ebenso wie die bloße Aneinanderreihung von vermeintlichen Jugend-Anliegen keine nachhaltigen Erfolge bescheren. Glaubwürdigkeit und Profil erhält die Linkspartei erst durch die Einbettung von Forderungen in eine längerfristige Strategie, unter Setzung von populären wie eigenständigen Akzenten. Die Linkspartei muss vermitteln, was ihre Positionen im Kern ausmacht, auch in Abgrenzung zu einer grün-liberalen Sicht auf die Dinge. Gelingt dies nicht, werden junge Menschen weiterhin lieber FDP oder Grüne wählen. Eine solche Verortung muss innerhalb der Partei ausgehandelt werden. Dabei sollte auf die Erfahrungen jüngerer wie älterer Parteimitglieder zurückgegriffen werden

Denn: Eine zukunftsweisende Strategie muss neben der Jugend insbesondere die wahlentscheidende, weil zahlenmäßig stärkere, Gruppe älterer Menschen abholen – nur 14,4 Prozent der Wahlberechtigten sind jünger als 30, wohingegen 57,8 Prozent älter als 50 sind. Unter Älteren hat die Linkspartei indes noch größere Verluste erlitten als unter Jungen. die Linkspartei darf demnach nicht den gleichen Fehler begehen wie Teile der Klimabewegung, indem sie Jugendliche entlang der Erzählung eines Generationenkonflikts zwischen Jung und Alt mobilisiert. Ältere Wählerinnen und Wähler könnten sich verständlicherweise vor den Kopf gestoßen fühlen. Ohnehin hat das heterogene Erstwählerinnen und -wähler-Ergebnis der Debatte über eine klare Rollenverteilung zwischen den Generationen den Wind aus den Segeln genommen. Stattdessen muss das gemeinsame Interesse, wie es beispielsweise in der Forderung nach einer guten Altersversorgung deutlich wird, hervorgehoben werden.

Es zeigt sich, dass die Verjüngung der Parteistrukturen und die de facto Orientierung an aktivistischen Kreisen kein Selbstzweck sein dürfen. Alter ist lediglich ein Aspekt unter einer Vielzahl an identitätsstiftenden Merkmalen junger Wählerinnen und Wähler. Überzeugt werden diese vielmehr durch ein plausibles sozial-ökologisches Politikangebot, das sich erkennbar von dem anderer Parteien unterscheidet – und durch begeisterungsfähiges Personal, das Menschen in ihrer Lebensrealität anspricht.

Moritz Gailus ist ein junger Ökonom aus Hamburg.

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