Die List der Koralle

Artig und Eigenartig Die Deutsche Gesellschaft für Philosophie traf sich zu ihrem ersten Kongress im 21. Jahrhundert

Überhaupt Bonn. Die Fußgängerzone, in schmale Gässchen gepresst, ist eng und voll, der gut gesättigte Lebensstandard wirkt leicht angeschmutzt, weil er schon so lange dauert. Mitten im Stadtkern liegt die Universität, das alte Schloss des Kurfürsten Joseph-Clemens, die gelbe Fassade leuchtet mächtig. Alles ist von allem nur ein paar Schritte entfernt. Studenten tragen ab dem ersten Semester Jackett und sind artig frisiert. Hinterm Schloss, im Hofgarten, erneuern Arbeiter geräuschvoll das Pflaster.


Festvortrag

"Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward", schrieb Theodor W. Adorno an den Anfang seiner Negativen Dialektik. Dieser Satz hängt bleischwer wie ein böses Menetekel über der gesamten Zunft der Denk-Athleten. Sie halten sich auf die eine oder andere Art über Wasser, nicht ganz zu unrecht aber entsteht der Eindruck, ihre große Zeit sei vorbei. Allgemeine Gesellschaft für Philosophie in Deutschland e.V. (AGPD) nannte sich, bis zur letzten Woche, die Organisation der (west-)deutschen Philosophen, 1950 ins Leben gerufen. Alle drei Jahre richtet die AGPD eine Konferenz aus. Es war wieder so weit. Unter dem alles erschlagenden Titel "Grenzen und Grenzüberschreitungen" traf man sich die letzte Septemberwoche lang zum 19. Kongress in Bonn und gab sich zum Zeichen der Öffnung und Internationalisierung den neuen Namen Deutsche Gesellschaft für Philosophie. 1.000 TeilnehmerInnen verteilten sich auf 220 Vorträge.

Wie immer will Großes und Kleines unterschieden sein. In der Aula der Universität werden die einleitenden und abschließenden Reden des Kongresses gehalten und die Festvorträge. Wolfgang Wieland, viel verdienter Emeritus aus Heidelberg, Philosoph und Mediziner, spricht hier über die "Herausforderungen der Bioethik". Seine Aussage ist deutlich: Das Lebensrecht des Menschen sei unter keinen Umständen antastbar, es zähle zu den "unabwägbaren Gütern". Man kann nicht behaupten, dass Wieland alle Probleme, die sich in seinem Themenbereich auftun, geschickt umgeht, er pflügt gleichsam durch sie hindurch mit seinem von aller Faktizität unbeirrbaren Diktum. Was ist ein Mensch? Gilt die absolute Heilungspflicht bei medizinischem Fortschritt immer noch? Ist es gerecht, dass so viele Menschen verhungern, während andere künstlich ernährt werden? All diese Fragen sind Wieland nichts und verschwinden hinter den Paukenschlägen klassischer Moralphilosophie: "Bioethik" sei vom Bösen, sei "ideenpolitisches Marketing", das versucht, Tötungsrechte zu legitimieren.

Festvortrag. In den ersten Reihen sitzen die Ordinarien, die vor 20 Jahren auch schon dort gesessen haben. Man hört zu, die Hände im Schoß gefaltet, ohne Papier und Stift. Prodesse et delectare. Philosophie ist rhetorische Bedeutungskunst. Eine Oper.


Mega und Meso

Ob es besser ist, die großen Probleme ins Kleine herunter zu brechen, bleibt fraglich. Winfried Franzen, Professor in Erfurt, unterscheidet "Mega"- und "Mesoprobleme" in der ethischen Betrachtung der Gentechnik. Nicht jede - so denn mögliche - Art der Gen-Manipulation führe zum viel beschworenen "Dammbruch". Sollten Eltern beispielsweise per Gen-Verfahren die Augenfarbe ihres Kindes bestimmen wollen, so habe diese Veränderung der individuellen Natur, "Natur -I", noch keine Folgen für die Spezies, "Natur-S", oder gar für das Wesen, "Natur-W", der Menschengattung. Franzen, trocken, bodenständig, ließ die Luft aus den großen Katastrophenszenarien. Doch was ist damit gewonnen? Es gibt Themen, die so groß sind, dass man sich entweder an ihnen verschluckt oder, wenn man sie in Häppchen schneidet, an ihnen verhungert. Gentechnologie, philosophisch betrachtet, scheint ein solches zu sein. Was Adorno mit "Verwirklichung" der Philosophie meinte, muss etwas anderes gewesen sein, als die Anwendung philosophischer Begriffskunst auf ihr fremde Phänomene.

Wohltuend waren daher auf dem Kongress eher die Entdeckungen am Rande, die kleinen Vorträge beispielsweise zur Religionsphilosophie, die - ganz unprätentiös und unter Protest des sehr streitbaren Christenmenschen Hermann Lübbe - eine "Wiederkehr der Vielfalt der Bilder in der Religion", ergo des Polytheismus, konstatierten (Anton Grabner-Haider) oder die Ekstase des Fußballfans durchaus zum religiösen Erlebnis rechneten (Reinhold Esterbauer).


Bild und Wort

Neben der erwähnten "Bioethik" kursierten eine Reihe von Themen, die als aktuell zu bezeichnen wären. Hierzu gehört die wieder verstärkte Diskussion um Phänomenologie, die Frage nach Schuld und Vergeltung von Verbrechen und die Beschäftigung mit dem Thema "Bild". Wenn die Philosophie im Laufe des 20. Jahrhunderts vom Paradigma des Bewusstseins zu dem der Sprache überging, so ist seit geraumer Zeit - parallel zum "linguistic turn" - vom "iconic turn" die Rede.

Martin Seel (Gießen) führte eine kleine Theorie des Films vor. Gegen Siegfried Kracauers These, der Film sei die Erweiterung der Fotografie, setzte Seel den Wesensunterschied der beiden Kunstgattungen. Film geht anders mit Raum und anders mit unserer Zeit um, er entfaltet in der Bewegung Bilder "denen man sich nicht entziehen kann, weil sie sich entziehen". Den Tönen ist der Film näher als dem starren Bild, sein Gelingen steht und fällt mit seinem Rhythmus. "Filme sind Musik fürs Auge", lautete daher das Fazit Seels, der seine virtuosen Vorträge wie rasche Autofahrten durch schöne Landschaft konzipiert. Weich geht er in die Kurven und führt, ein wenig zu sicher leider, ans Ziel.

Die im klassischen Sinne philosophischen Fragen zum Bild aber lauten: Ist das Bild ein Zeichen? Oder: Brauchen Gedanken Bilder? Nein, meinte streng erkenntnistheoretisch der Konstanzer Ex-Präsident der AGPD Jürgen Mittelstraß. Begriffe sind klar und eindeutig, Bilder sind es nicht. Ließe sich der Gedanke ins Bild übersetzen, "verlöre die Wahrheit das, was sie ist, nämlich nichts als die Wahrheit zu sein". Das hätte auch Platon nicht schöner sagen könnten.

Gegen Mittelstraß hatte die Kongressregie den Kunsthistoriker Horst Bredekamp (Berlin) gesetzt, der mit einer hinreißenden Diashow genau das Gegenteil behauptete. Bredekamp rekonstruierte, wie Charles Darwin das Schema der Evolution zunächst als Baumgeäst aufzeichnete, aber, unzufrieden, nach langem Hin und Her, in der Koralle mit ihren unzähligen blind endenden Verzweigungen die passende Bildmetapher für das Artensterben fand. Bilder - so Bredekamp - drücken nicht Gedanken aus, sie fordern Gedanken, und Darwins Evolutionstheorie selbst sei nichts weiter als der Kommentar zum Bild der Koralle.

Wo nun die Wahrheit liegt? Nicht zu entscheiden; ob Mittelstraß, ob Beredekamp, jeder wird auf seine Weise Recht haben. Die Crux aber liegt in der Lebensauffassung, die hinter den theoretischen Konzepten stehen, daher zum Schluss die Politik.


Politik

Am Vorabend des Kongressbeginns, dem 22. September, hatte eine Philosophen-Wahlparty stattgefunden, deren allgemeine Stimmung, so wurde berichtet, ganz zu Anfang der Hochrechnungen wesentlich fröhlicher gewesen sei als zum Ende hin. Das ist natürlich "gossip" und doch richtig: Die AGPD ist ein konservativer Club, und das spiegelt sich vor allem darin, wer und was auf den Kongressen fehlt. Manch bedeutender Wissenschaftler von Rang und Namen lässt sich hier nicht blicken; die Frauenquote ist, wie überhaupt in der Philosophie, mehr als mäßig. Auch auf - gelinde gesagt - ins unzulässig Empirische greifende Ausfälle bei den Vorträgen muss man gefasst sein. So verkündete etwa Peter Koslowski (Indianapolis; Witten-Herdecke) in gepresster Wut, Gerhard Schröder habe mit seiner vor der Wahl propagierten Absage einer Beteiligung am möglichen Irakkrieg "Parteiraison über Staatsraison gestellt" und das Gemeinwohl aufs Äußerste gefährdet.

Doch es gab auch anderes. "Grenzüberschreitungen" war ja das Thema des Kongresses. Leicht chaotisch hielt der "positive Nihilist" Gianni Vattimo (Turin, jetzt für die European Socialists im Europäischen Parlament) eine grenzensprengende Rede gegen den kategoriellen Ordnungswahn und plädierte für eine Philosophie, die sie sich freundlicher gegenüber der Massenkultur verhält. Wir brauchen keine Ästhetik der Grenzen, die Hohes und Niedriges trennt, war Vattimos These, an der zunehmenden Ästhetisierung der (Konsum-)Gesellschaft kann er nichts Schlimmes finden, eher an den strengen Philosophien, die für ihn per se auch politisch konservativ sind.

Zwar hätte man sich angesichts des etwas konfusen Vortrags ein wenig mehr Vorliebe für begriffliche Unterscheidungen gewünscht, doch die Frage, die Vattimo ansprach, bleibt brisant: ob nämlich Grenzen, oder Unterscheidungen, in sich notwendig auch Hierarchien herstellen. Wie etliche andere Vertreter postmodern geprägter Philosophie geht Vattimo davon aus, dass Unterscheidungen wesentlich Ausschlüsse und Phänomene der Domination seien. Diese Annahme ist eine - meist unhinterfragte - Basis vieler Polit-Theorien (etwa bei Giorgio Agamben) und müsste einmal gründlich diskutiert werden.

Wer Grenzen sprengen will, greift an die Wurzeln der Philosophie, die doch immer die Disziplin der klaren und strengen Begriffe war. Der Kampf zwischen der anarchischen Postmoderne und der "traditionellen" Philosophie wirkt heute allerdings ein wenig abgedroschen; die Zeiten in denen man Philosophie als Philosophiekritik betreiben konnte, scheinen vorbei. So gehen sie geschiedene Wege, die postmodernen Theorien wandern in die sogenannten Kulturwissenschaften aus, die restliche Philosophie - sagen wir´s bildlich - bleibt in Bonn und ist hin und wieder eine Besichtigungsreise wert.

00:00 04.10.2002

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