Die Locke

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Papa Gogu. Allgemeines zur Person

Papa Gogu ist der größte Frisör der Welt. Er ist eins zweiundsechzig und 58 Kilo schwer. Bei ihm wurde den erfolgreichsten Sturmspitzen und den schnellsten Flügeln das Haar geschnitten. Bei ihm wurden die dicksten Tenöre rasiert. In seinem Frisörsalon wurden die längsten Schachpartien gespielt.

Papa Gogu ist der schnellste Frisör der Welt. Er hält den Weltrekord im Geschwindigkeits-Konturenschnitt und ist dreifacher Olympiasieger im Nackenmassieren. Aber seine Spezialität ist das Bartschneiden. Er rasiert jeden Bart mit einer einzigen ausladenden, in geschweifte Klammern gefassten Bewegung, wie es nur den großen Künstlern beim Porträtzeichnen gelingt. Das ist so etwas wie seine Signatur, die er sich in graphischer Übersetzung gut sichtbar eingerahmt hat.


Bericht zur Arbeitsproduktivität

Papa Gogu hat sechs Wandspiegel, sechs Waschbecken, sechs Frisörstühle, aber nicht einen einzigen Angestellten. Sein Salon ist immer voll und die Stühle sind besetzt. Papa Gogu kommt bei allen vorbei und macht auf Stoppuhr je eine Bewegung. Auf diese Weise schneidet und rasiert er: von morgens bis abends spielt er simultan und gewinnt jede Partie. Er hat alle erdenklichen Eröffnungen der Schere studiert, er hat gelernt, den Scheitel unter Kontrolle zu halten, also die Gegend, die den Wirbeln am stärksten ausgesetzt ist, und im Finale, wenn das Spielbrett fast leer ist, gelingt es ihm, die Steine so zu verteilen, dass jeder Kunde zufrieden nach Hause geht, besiegt, aber erhobenen Hauptes.


Das Liebesgedicht von Papa Gogu

Als ich jung war, wollte ich für dich
ein Liebesgedicht schreiben.
Als ich jung war, als ich dich in dieser großen Halle gesehen hatte
und du in einer Menge fremder Leute in den Fernseher schautest.
Deine Knöchel standen so eng beieinander.
Ich war jung und wollte für dich
ein Liebesgedicht schreiben.
Es tat mir leid, dass ich nicht Eminescu war
oder wenigstens Sadoveanu,
um dir in einer unvergesslichen Interpretation "Abend auf der Alm" vorzutragen.
Es war Herbst.
Du hattest zusammengebundene Haare.
Ich hatte dich noch nie mit zusammengebundenen Haaren gesehen.
Ich stieg die Treppe hinunter,
heftete meinen Blick auf deine verkreuzten Knöchel
und hatte nicht mal da den Mut, dir zu sagen, dass ich dich liebe.
Ich wusste, du weißt, ich seh dich an.
Ich bin die Treppe hinuntergestiegen und zur Berufsschule gegangen.
Ich wollte für dich die kompliziertesten Haarschnitte lernen.
Ich wollte eine einzigartige Frisur erfinden,
eine, die meine ganze Liebe ausdrücken sollte.
Ich wusste, du weißt, ich seh dich an.
Es war Herbst.
Dann abends vorm Radio
habe ich Nicu Alifantis gehört, wie er
"Es kam, es kam der Herbst" sang.
Er sang in dem Gebäude,
in dem wir vorher zusammen gewesen waren.
Am aller allermeisten wünschte ich mir,
du würdest mein Herz mit deinen Haaren bedecken.
Und mein Lungenkreislauf würde sich mit ihrem Duft vollsaugen.
Ich hatte keine Ahnung, wie deine Haare riechen.
Aber ich wünschte mir, dass mein Herz
mir dann bis an den Rand der Fingernägel
das Aroma deines Shampoos pumpt.
Als ich jung war, war Herbst.
Ich wusste, du weißt, ich seh dich an.
Und ich Idiot bin weggegangen,
um zu lernen wie man Locken macht, (eine blöde Angewohnheit von mir,
die Dinge zu verkomplizieren), statt zu dir zu gehen
und dir zu sagen, dass ich dich liebe.
Und deine Knöchel standen so eng beieinander.

Skeptischer Kommentar zum Liebesgedicht von Papa Gogu

Vielleicht sind es gar nicht unbedingt diese Worte, in denen Papa Gogu dachte. Er ist der größte Frisör der Welt und weiß von allen Haaren schon nach ihrem Glanz, wie sie riechen, ganz egal aus welcher Entfernung er sie sieht. Papa Gogu hat nie die Stimme Sadoveanus gehört, der Abend auf der Alm vortrug und, selbst wenn er sie früher in der Grundschule gehört haben sollte, hat er sie vergessen. Er ist der größte Frisör der Welt und kennt keine Herbstgefühle, höchstens angesichts der Kinderhorden, denen er vor dem 15. September die Haare schneidet.

Wie Sennerhorn? Was für Dörfler mit der Sense auf dem Rücken? Überhaupt keine Sense. Nur das Rasiermesser und die Schere. Welche Akazie? Nur Neon und Spiegel. Was heißt hier Abendläuten? Nur der Kamm, der am Waschbeckenrand ausgeschlagen wird, damit die Schuppen herausfallen. Nur die Liebe war einmal dieselbe. Oder vielleicht auch nicht? Nur die Erwartung atmete damals genauso. Papa Gogu ist der größte Frisör der Welt. Er hatte nie einen Grund, entspannende Frauenknöchel zu beobachten. Und wenn er sie gesehen hat, dann vor langer Zeit, vor der Berufsschule. Und er hat sie vergessen.


Warum Haar nicht verwest

Weil es sich für den Menschen gehört, etwas zu hinterlassen, etwas so Ehrliches, dass es nicht die geringsten Abnutzungserscheinungen aufweisen kann, das aus seinem Inneren kommt und sich bei jedem Hauch von Angst oder Liebe sträubt.

Und weil die seborrhoischen Inseln, aus denen es sich ernährt, nichts anderes als Einsamkeitsblasen sind, die sich zitternd aus der Seele des Fußballers und des Tenors erheben.

Weil das Haar nach dem Tod von Papa Gogu noch ein bisschen weiterwächst, auf diese Weise seine Unabhängigkeit unter Beweis stellt und sich zeigt, dass sein Parallelleben etwas phasenverschoben ist, wie der Ton bei einer Satellitenübertragung.


Papa Gogu und die Katabase

Zuerst hab ich einem Menschen die Haare geschnitten, dann einem anderen und dann einem anderen.
Und dann habe ich einen Menschen rasiert
und dann habe ich wieder Haare geschnitten und gewaschen
und ich habe wieder Haare geschnitten und rasiert.
Mit der Zeit fing ich an, zu massieren.
Die erste Arbeitswoche ist langsam vergangen,
die zweite noch langsamer.
In der dritten Woche habe ich Haare geschnitten und rasiert
und Haare gewaschen.
In der vierten auch.
Und in der fünften.
Ich bin der größte Frisör der Welt geworden.
Zuerst habe ich einem Fußballer die Haare geschnitten, dann einem anderen.
Ich habe das ganze Viertel massiert und das ganze Land
und die ganze Welt.
Ich habe Wimpern gefärbt und Schnurrbärte gerichtet
und ich hab Haare aus der Nase entfernt.
Zuerst habe ich einem Menschen die Haare geschnitten, dann einem anderen und dann einem anderen.
Tag für Tag.
Ich habe auch die Haare aus den Ohren geschnitten, ich habe auch Koteletten angeglichen.
Wozu?
Meine Tage sind alle gleich
und meine Nächte sind alle gleich
und mein ganzes Leben ist ein Frisörsalon,
in dem ich Ohren verbiege,
um mit der Schere um sie herum zu schneiden
und mein ganzes Leben ist ein Spiegel,
in dem ich mich ansehe, und ich halte da einen Kunden an der Nase, um ihm den Schnurrbart zu stutzen.
Mein ganzes Hab und Gut passt einfach auf ein Toilettentischchen
und meine ganze Liebe wird mit den Haaren ausgefegt.
Wozu?
Ich habe einem Menschen die Haare geschnitten und dann einem anderen und dann einem anderen.
Ich bin der größte Frisör der Welt.
Und ich schneide ihnen auch weiter die Haare und rasiere sie
und reibe ihnen mit Talk den Nacken ein.
Und massiere.
Bald werde ich sterben.
Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich frage mich nur,
ob ich den Haarberg wohl ertragen kann,
der sich darüber türmt.
Wie leicht müsste das Haar der ganzen Welt sein,
dass es ein einziger Frisör tragen könnte?
Wieviel Schaum braucht er,
um alle Bärte der Welt einzuweichen?
Ich werde sterben.
Und ich fürchte mich nicht vor dem Tod, sondern vor seinem Frisörsalon.
Vor diesem Ort, an dem ich zuerst einem Menschen die Haare schneiden muss
und dann einem anderen,
und dann einem anderen.
Ich fürchte mich nicht vor dem Tod.
Aber wenn es jenseits von ihm auch Tenöre und Fußballer gibt?
Ich habe einem Menschen die Haare geschnitten und dann einem anderen, einem anderen, einem anderen.
Und wenn ich mit dem Schwarz der Augen in das Schwarz des Spiegels schaue,
sehe ich den Tod in einem weißen Kittel
und mit einem Kamm, der ihm aus der Brusttasche ragt.
Er ist eins zweiundsechzig und achtundfünfzig Kilo schwer.
Er hat alle Zeit, und hinter ihm,
kommt durch die Tür auf der F R I S Ö R -S A L O N steht,
ein Mensch und dann ein anderer und dann ein anderer.

Der letzte Wunsch von Papa Gogu

Noch als er jung war (er war ungefähr 40) sprach Papa Gogu seinen letzten Wunsch aus. Sein letzter ausgesprochener Wunsch ging ungefähr so: Wenn ich gestorben bin, sollt ihr mich nicht begraben und auch nicht verbrennen. Besser, ihr stopft mich aus. Aber nehmt kein Stroh, sondern Haare. Haart mich aus sozusagen. Und stellt mich im weißen Kittel mit der Schere in der einen Hand und mit dem Rasiermesser in der anderen irgendwo in eine Ecke des Frisörsalons. In die Brusttasche sollt ihr mir einen Kamm stecken. Keine Sorge, es wird sich keiner fürchten. Wer mich gekannt hat, weiß, dass ich´n guter Mensch bin, und wer mich nicht gekannt hat, glaubt dann, ich bin eine Schaufensterpuppe. Vergesst nicht, manchmal auf mir Staub zu wischen. Und wenn es geht, könntet ihr mich ab und zu wieder herrichten. Wie Lenin. Habt ihr verstanden? Ich will nicht, dass ihr mich unter die Erde bringt. Füllt mich mit Haaren! Ich will in der Nähe sein. Und der Kamm in der Brusttasche darf nicht aus Knochen sein. Ich will einen aus Plastik und mit Zinken, die wehmütig singen können, wenn die Kunden dran klimpern.

Die Locke, aus dem Rumänischen übersetzt von Eva Ruth Wemme, ist dem Erzählband Zentrifuge entnommen, die in diesen Tagen beim Verlag Merz Solitude erscheint, herausgegeben von der Akademie Schloss Solitude, Stuttgart.. T. O. Bobe wurde 1969 in Constanta, Rumänien, geboren. Er schreibt Lyrik, Prosa, Filmdrehbücher und Kinderbücher. Für Die Locke und Die Spirale erhielt Bobe den Debüt-Preis der Zeitschrift Tobe sowie den Mihai-Eminescu-Nationalpreis.


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00:00 03.12.2004

Ausgabe 38/2021

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