Peter Geist
04.08.2009 | 13:49

Die Logik der Zickzackroute

Nachruf Alles an ihm war einzig: Seine Poesie, sein genauer Sarkasmus, seine Herzenswärme, seine Vortragsweise. Adolf Endler, der Dichter des Prenzlauer Bergs, ist tot

Am Sonntagabend hörte das Herz des Dichters Adolf Endler auf zu schlagen. Diese Nachricht ist schrecklich und ganz unvorstellbar bei einem, der doch noch jüngst den eigenen Tod so auf die Schippe nahm, wie nur er das konnte: "Grüß Gott! rief ich, Tach!, /Als ich sie herbeitorkeln sah, / Die aparte graugelbe Urne 'A.E.'; / Und, wie jeder sich denken kann, / Nicht ganz ohne misslichen Riss /Dieses Dings – /"You’re welcome!"

Nein, diese Lücke wird niemals zu füllen sein. Alles an Endler war einzig: Seine Poesie sowieso, aber auch sein genauer Sarkasmus, seine Herzenswärme, seine Vortragsweise als stetes Erlebnis, seine pointierten Denk-Gänge im Gespräch, seine unbestechliche Integrität. Und wo bitte gab es das in der deutschen Literaturgeschichte, dass jemand zum couragiertesten Mentor, den man sich denken konnte, gleich zweier bedeutsamer Dichtergruppierungen avancierte: in den sechziger Jahren der "sächsischen Dichterschule", zwanzig Jahre später der "Prenzlauer-Berg-Connection". Beide Gruppennamen sind Endlersche Findungen und längst von der Literaturgeschichtsschreibung absorbiert. Auch die Tatsache, dass man mühelos eine kleine Anthologie mit Gedichten über A.E. zusammenstellen könnte – mit Texten etwa von Karl Mickel, Elke Erb und Sarah Kirsch, Andreas Koziol und Johannes Jansen –, unterstreicht die Ausnahmeerscheinung dieses Dichters, eine "der verwachsensten Gurken der neuen Poesie" (Selbst-Spott).

Er nannte es mild eine "halsbrecherisch anmutende Zickzackroute", was er der Welt geboten: 1930 geboren und aufgewachsen in Düsseldorf, 1955 nach Ärger mit dem Verfassungsschutz hoffnungsvoll in die DDR übergesiedelt, dortselbst als Lyriker, Herausgeber und Essayist dem Prinzip des Hakenschlagens durch die literarische Landschaft stets treu geblieben, will heißen: ungreifbar für jedwede normative Ästhetik. Erstunterzeichner der Biermann-Petition 1976, wurde er nach dem 79er-Protestbrief von neun Autoren wegen der erneuten Verschärfung der Kulturpolitik an Honecker aus dem Schriftstellerverband der DDR verbannt. Seine Texte erschienen danach vorzugsweise in Berlin-West oder in nichtoffiziellen Zeitschriften. Seit den neunziger Jahren folgten späte Ehrungen, etwa mit dem Bremer Literaturpreis und dem Peter-Huchel-Preis.

Der Tarzan im Prenzlauer Berg

"Ich opponiere indessen gegen diese ständig zur Erstarrung und Abtötung des Lebens strebende Welt". Diese Selbstauskunft deutet an, warum Endler seit Mitte der 60er Jahre entleerte Sprachen ins Absurde zu destruieren begann. Statt eingeforderter Prunkrede collagierte er die anarchischen Sprachen Berliner Hinterhof- und Kneipenprovenienz zu Gleisslichtszenerien von plebejischer Würde wie machtbestimmter Beschädigung zugleich. Als Leit-Lautung fiepte und kicherte ein Lachen Rabelaisscher und Chlebnikowscher Abkunft, das sich in scharfen Endreimschlägen und schrillen Lautballungen zum Hohnlachen steigerte und Grotesken hervortrieb. All dies wurde in der Lyrik zusammengestichelt in Reimketten, vernäht mit Polemikspitzen und intertextuellen Fäden zu Nahverwandten wie Paul Gurk, Kurt Schwitters oder Günter Bruno Fuchs.

Ende der 70er Jahre radikalisierte Endler dieses poetologische Prinzip noch einmal, das er fortan als "phantasmagorisch" apostrophierte: waghalsige Balanceakte ins Ungesicherte, die in der Fallhöhe zum Plafond ehemaliger Hoffnungen ebenso wie zum Fond der Dichtungstradition das hervortrieben, was Bataille das "obszöne Werk" nannte. "endlich kippt das alles kreischend ins Wüste und Kaputte um und sticht zerbeult sternenwärts", brachte es Endler auf den Punkt. Seine 1994 unter dem Titel Tarzan im Prenzlauer Berg veröffentlichten Sudelblätter der Jahre 1981 – 1983 zeichneten als Erfahrungsgrund den als surreal wahrgenommenen Alltag im zerfallenden Staatsgebilde DDR nach. Diesem Leben war nur noch in Steigerungsformen des "Schwarzen Humors" beizukommen war.

Endler verfeinerte nun Textformen, die sich optimal in Wohnungslesungen darbieten bzw. in der entstehenden nichtoffiziellen Zeitschriftenszene in Umlauf setzen ließen: Es entstand über die Jahre ein einzigartiges Flechtwerk von Short-stories, Anekdoten, Zeitungsausrissen, Hinterhofdialogen, Ideologie-"Kaderwelsch", Romanexposés und Dramoletten mit verschiedenen Spaltungsfiguren wie Bobbi Bumke Bergermann, Robert F. Kellerman, Bubi Blazezak und einer Fülle von Anagrammen seines eigenen Namens, das als kapriziös-karnevaleskes "Nebbich"-Projekt selbst mythenträchtig wurde. Wiewohl es nach 1990 nach und nach zugänglich wurde, hat der unkorrumpierbare Endler in seiner Schrägsicht von außen-unten, unermüdlich weiterschreibend, die schöne neue Welt als Hypostasierung des Erlebten begriffen und in gültige Verse gebannt. Und hatte zugleich mit seiner Frau Brigitte sieben Jahre lang das legendäre "Café Clara" in Berlin zu einem Sammlungsraum der Weltpoesie geweitet, in den verrückenden Neunzigern.

Eddi, wie ihn seine Freunde nennen durften, hat uns zwischen die Mahlsteine der Geschichte geratenen Fuffziger von Auf-Begehrenden Halt im Haltlosen geben können: In seiner Dichtung, als moralische Instanz, in einem Engagement, das zu erleben etwas sehr Seltenes, ja Glückhaftes übertrug. Und dies im neidlosen Wissen, dass dies schon vor uns  so war: Wie schrieb doch Karl Mickel in seinem "Porträt A.E." aus dem Jahre 1962: "Der kann lachen und weinen/ Laßt auch uns nicht versteinen."

Peter Geist (geb. 1956) lebt in Berlin, Literaturwissenschaftler und Kritiker, Mitglied der Jury des Peter-Huchel-Preises, zuletzt erschienen: "Deutsche Lyrik des 20. Jahrhunderts in Einzel und Gruppenporträts (Hg., zus. Mit U. Heukenkamp), Erich Schmidt Verlag Berlin 2006