Die Logik des Stammtisches

Distanz Eine Antwort auf die Bitte, beim "Freitag" zu bloggen und Anmerkungen zur Kommunikation im Netz: "Ein Text schafft Distanz. Bloggerei ist das genaue Gegenteil"

Liebe Redaktion,

Der Freitag bringt mich in Verlegenheit. Ich soll mich in die Bloggerei zu meinem Ökotext einmischen. Ich nehme aber auch an keinem Stammtisch teil. Warum sollte ich mich also hier einmischen? Andererseits verweigere ich ungern Kommunikationen.

Ich habe mir die Oberfläche zu meiner Rezension eines kulturwissenschaftlichen Fachbuches über ökologische Fragen ausgedruckt. Das sind allein über zwanzig Seiten. Wann soll ich das lesen? In der Zeit hätte ich ein Kapitel Goethe oder Marx gelesen. Welche Verschwendung von Lebenszeit, gegen die sowieso keiner mehr protestiert.

Was die Blog-Beiträge zu meiner Rezension anbetrifft: In Wahrheit machen im wesentlichen zwei Männer mittleren Alters Smalltalk über alles Mögliche, am wenigsten über meinen Text. Was soll's?. Es kommt ja allerhand zu allem Möglichen zusammen – aber was hat das mit mir zu tun?

Ein Columbus der Hermeneutik (C.) wirft mir mangelnde „Ernsthaftigkeit bei der Recherche“ vor, was den Regenwald angeht, - eine Recherche, die unternommen zu haben ich nie beansprucht habe. Stattdessen habe ich einen Beitrag des besprochenen Buches unter einem bestimmten Aspekt ausgewertet.

C. ging es, wie überhaupt dem gewöhnlichen Blogteilnehmer, sowieso nur darum, die eigenen Kenntnisse zu irgendeinem Thema, das egal wie, oder auch nicht mit dem Bloganlass zusammenhängt, möglichst vollständig auszubreiten.

Ein paar Zeilen

Ein Mitbürger Hirschel geht mit meinem Text folgendermaßen um: Er liest offenbar einen Absatz, ärgert sich total und haut schon `mal ein paar Zeilen in das unendliche Zeichenuniversum. Eine Stunde später kommt die nächste Eruption und so weiter und so fort.

Da kann ich echt nichts zu sagen. Alle nehmen offenbar Texte wie Realia, naturalistisch, etwa als hätte ich über den Regenwald Tatsachenbehauptungen aufgestellt, die nun bestritten werden könnten.

Zum ABC des sinnerschließenden Textumgangs: ganzer Text als Intervention in ein Feld von Kommunikationen, Text als Handlung, Kernaussage, Textintention, Adressaten, Textstruktur, Schreibstrategie. Das ist das Mindeste, was man bei einer Antwort bedenken sollte. Und?

Komme mir albern vor, aber sei's drum: Ich entdecke eine interessante Parallele zwischen dem Eingriff der Trepl-Truppe in das Feld der Ökologie (als Wissenschaft und als Praxis des Naturschutzes) und der Entwicklung der grünen Politik.

Sie versuchen, das Ökodenken aus all den Einseitigkeiten herauszuholen, die sich politisch bei den Grünen ergeben haben, indem sie ein Feld nach dem anderen räumten. Diese Parallele arbeite ich aus. Von all dem keine Spur in den Blogs.

Text als Text

Haben Redaktion und Herausgeber eigentlich jemals noch Zeit, über ihr Handwerk und insbesondere über die Eigenart von Texten zu reflektieren?

Der erste Begriff, der mit dem Text als Text zusammenhängt, ist „Distanz“. Ein Text schafft Distanz und entsteht aus Distanz. Die Bloggerei ist das genaue Gegenteil, sie ist distanzlos, sie zieht jegliche Distanz ein. Zum Beispiel die Unterscheidung eines Textes von den Bezugstexten „dahinter“ – auch das ist eine Distanz.

Das fängt schon einmal damit an, dass ich eine Strecke zurückgelegt habe, bevor der Text im Freitag steht. Texte zu den Grünen und zur Naturpolitik über Jahre, eine Tagung Ende 2008, Lektüre des Buches, langsam entsteht ein Gedanke, wie das Buch im politischen Feld platziert werden könnte.

Es folgt Textarbeit, mindestens drei Versionen, Kürzungen. Da ist im Kopf und auf dem Papier jedes Wort dreimal umgedreht worden, wie früher der Groschen, bevor er ausgegeben wurde. Meilenweit entfernt von den verbalen Anrempeleien des Netzes.

Text schafft Distanz: der Abstand zu anderen Texten, der Schutzraum, der durch redaktionelle Regeln behütet wird, die Transposition von Tatsachen und Gedanken in ein Medium mit seiner eigenen Logik – diese Distanz zur übrigen Welt wird bei Lektüre immer mitgedacht. Genau diese Distanz schafft das, was einmal Öffentlichkeit genannt wurde.

Öffentlichkeit, kritische – ein Raum, der dem Machtdruck (der Ökonomie, der Politik, der Psyche) ein Stück weit entzogen ist und wo die Konflikte nach eigenen Regeln, die kontrolliert und beherrscht werden wollen, ausgetragen werden können. Allgemeiner Zugang und Verpflichtung auf den common sense, den verallgemeinerbaren Sinn – an alle, für alle. Allerdings auch mit einer eigenen Machtlogik der Exposition, des Skandals, des Prangers.
Die Logik des digitalen Smalltalks oder auch des Stammtischs ist dem diametral entgegengesetzt, das mal schnell zu verbinden – reine Illusion. Eine gefährliche Illusion. Aber macht nur! Nichts für ungut.

Beste Grüße

Wieland Elfferding

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14:30 05.09.2009

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