Die Löwen und die Hühner

Afghanistan In der Oasenstadt Herat gibt es ein Jahr nach den Taleban keine Fremden, die eine andere Welt herbeitragen und ein Erwachen vor der Zeit provozieren

Eden ist kein Garten. Eden ist eine wilde Oase in einer gottverlassenen Wüste. Längst sind die Erzengel davon, haben das Flammenschwert fortgeworfen und ihren Platz einem Schwarzbärtigen überlassen, der zur Verteidigung eine Pistole im Halfter und einen Stempel in der Schublade hat. Jeden, der Einlass begehrt, zwingt er zum Ausfüllen von Formularen, auf denen immer wieder der Name des Vaters eingetragen werden muss. Schweiß tropft ihm von der Stirn auf das Papier. Erst nach langer Prüfung gibt er mit einem Grinsen die Pforte frei: "Welcome to paradise!"

Alexander, Eroberer von Herat

Westafghanistan, Herat, Flughafen, zwölf Uhr mittags: Fünf zerschossene Flugzeuge, sieben festgefahrene Panzer, Gerippe von Jeeps in flirrender Sonne. Kriegstrümmer. Eine Landepiste, die man schnell wieder räumen muss, falls das Militär ausfliegen will. Auf dem rissigen Boden neben dem windschiefen Abfertigungsgebäude hocken Kerle mit düsteren Gesichtern, kauen auf kalten Kippen und federn in den Knien, dass die darüber gelegte Maschinenpistole wippt. An der Einfahrt zum Flughafengebäude hat ein irrer Pedant ausgediente Raketenwerfer in Reih´ und Glied ausgerichtet, darüber weht die afghanische Flagge und ist an den Rändern schon ausgefranst. Als nagte die Zeit an ihr, doch ist es nur der heiße Wind im afghanischen Sommer.

Herat rückt als grüner Fleck in den Blick. Von Kandahar im Süden Afghanistans kommend, wo der Flughafen weiter im Kriegsgebiet liegt und auch die verletzten amerikanischen Soldaten - das Toilettenpapier in der einen und den Tropf in der anderen Hand - die verdreckten mobilen Toilettenboxen benutzen müssen. Aus diesem trostlosen, in Hitze zerfließenden Kandahar kommend, wo sich noch immer genügend Taleban verschanzen, ist Herat eine Oase der Fruchtbarkeit, auch des Friedens. Auf dem Weg hierher überfliegt man ein schroffes Gebirge, Bergkette an Bergkette. Das Sonnenlicht flirrt über dem Gestein, dass es aussieht, als schmelze es - als sei alles noch im Entstehen und Zerfließen gleichermaßen. Schön ist dieses Land und so menschenfeindlich, dass einem das Zähneklappern kommt. Aber dann endlich Herat, Obstgärten und Bäume, grüne Felder und glitzernde Gräben zur Bewässerung. Es gibt Esel und Menschenmassen. Männer, die schon an der Ausfallstraße zum Flughafen Melonen und Gurken feilbieten. Daneben klappern Kutschen, die Pferde mit roten Trotteln geschmückt, die Wagen mit Plastikblumen. Und der Wind ist so heiß, dass er die Haut brennen und die Menschen in einen lethargischen Halbschlaf mitten auf dem Asphalt fallen lässt. Der Wind bauscht die Burkas auf, sie flattern wie das blaue Frühlingsband aus Mörikes Gedicht. Beim Gehen wird die Burka gerafft, damit die Plateau-Sandalen zu sehen sind, bis die begleitende Mutter oder Schwiegermutter eingreift, energisch die Burka wieder über Hände und Füße zupft, der köstlichen kleinen Frivolität ein Ende bereitet.

Herat ist uralte Geschichte, ein Ort, an dem sich die persischen mit turkmenischen, osmanischen und mongolischen, die christlichen mit den islamischen Einflüssen mischen. Vor 5.000 Jahren soll es hier die erste Besiedelung gegeben haben, und als Alexander der Große Herat eroberte, war es längst eine reiche Stadt. Im 15. Jahrhundert machte sie Timur, der Nachfahre Dschinghis Khans, zur Kapitale des riesigen Timuriden-Reiches. Und seine Schwiegertochter, die Königin Gawhar Shad, eine frühislamische Emanze, holte Künstler, Architekten und Literaten an ihren Hof und in ihr Bett. Die Liste der Zitate über die kulturelle, wirtschaftliche und architektonische Herrlichkeit Herats ist lang. Ein afghanischer Staatsmann wird mit dem Spruch zitiert, wenn einer in Herat seine Füße ausstrecke, trete er mit Sicherheit einen Dichter. Herodot beschrieb die Stadt als "Brotkorb Asiens". Karawanen zogen hindurch, brachten Seide aus dem Iran, Gewürze aus Indien, erzählten von Menschen, die das Feuer anbeteten. Eroberer kamen, siegten und verschwanden wieder.

Aller Asche der Geschichte entstiegen ist Masiid-e-Jami, die Freitagsmoschee, von der gesagt wird, sie sei das prächtigste Beispiel islamischer Architektur in ganz Zentralasien. Zehn Minuten braucht man, den Bau zu umrunden, wohl Tage, wollte man jedes Detail auf den handbemalten Kacheln sehen. Natürlich liegen nur Männer auf den Knien. Im Innenhof, dem schattenspendenden, fallen sie und erheben sich, murmeln, singen, fallen wieder. Allah ist groß, die Frau gehört ins Haus. Da kann der Westen noch so selbstverliebt über die Befreiung Afghanistans jubeln. Herat, den Innenhof von Masiid-e-Jami, wird dieser Jubel nicht beeindrucken.

Ismail, Löwe von Herat

Ismail Khan, genannt der "Löwe von Herat", ist nun der selbst ernannte Herrscher über die Stadt und die gleichnamige Provinz sowie die angrenzenden Regionen Badghis im Norden und Farah im Süden. Löwen gibt es viele in Afghanistan. Schon Masud, der Führer der Nordallianz, trug diesen Beinamen, doch der ist tot und brüllt nicht mehr. Damit ihm das nicht widerfährt, regiert Khan mit eisernem Griff und 7.000 Soldaten. Als einstiger Mudschaheddin und späteres Mitglied der Nordallianz hat er viele Schlachten durchgestanden. Rückhalt bieten die Freunde in Iran, die es gern sehen, wenn der "Löwe von Herat" als Alleinherrscher über seinen Provinzen steht. Kabul und die dortige Regierung sind weit. Ob nun Präsident Karzai eine Entscheidung trifft oder im Hindukusch Schnee fällt, es berührt den "Löwen" wenig.

Scharmützel mit anderen Warlords liefert sich Khan meist nur an den Grenzen seines Reiches. Aber Herat beschützt er, Herat baut er aus eigenen Mitteln einen Park zum Promenieren. Noch sind die Bäume zu klein, um vor der Sonne zu schützen, doch auf den Schaukeln schwingen kleine Mädchen und lassen ihre Kopftücher im Wind wehen. Eine Gabe so schön, die glatt vergessen lässt, dass Khan sein Geld mit Waffen- und Drogenschmuggel verdient. Nachts fallen in Herat manchmal Schüsse. Wer da gejagt wird und warum stirbt, erfährt man nie. Vielleicht auch deshalb nicht, weil es in dieser Stadt keine Journalisten gibt, die aus jedem Toten eine neue Saga vom Terror spinnen. Ganz ohne amerikanische Erdnussbutter und UN-Friedenskorps hat Herat den Sprung in die afghanische Nachkriegszeit geschafft. Die Häuser sind intakt, die Soldaten dösen träge in der Sonne und stinken meilenweit nach ungewaschenem Mann. Auf dem Basar gibt es all jene Dinge, die ein gewöhnlicher Mensch zum Leben braucht und noch vieles mehr. Speiseeis, das selbst in Kabul eine Rarität ist. Stoffe in allen Farben. Gold, Satellitenschüsseln aus Blechresten zusammengeschmiedet, Teppiche, chinesische Fahrräder. Antiquitätenverkäufer, schlitzohrig und betrügerisch wie alle Antiquitätenverkäufer. Fliegende Händler, aufdringliche Schreihälse, tote halbe Rinder. Spottbillige Hühner, über die man in Herat erzählt, sie seien eine Spende des Iran für Khans Soldaten. Offenbar brauchen die Soldaten keine Hühner.

In Herat gibt es ein Jahr nach den Taleban keine Fremden, die eine andere Welt herbeitragen und ein Erwachen vor der Zeit provozieren. Sich vom Unbekannten zu distanzieren, ist deshalb nicht nötig. Mit freundlicher Neugierde wird man stets und überall von Männern und Jungen umringt. Wie schön sie sind, diese Gesichter, viel schöner als jedes Klischee von den stolzen Afghanen. Der Ernst in den Augen ist ohne Skepsis, unerschütterlich, bis man mit den Kindern Späße treibt und die Erwachsenen in deren Lachen einfallen. Ein bisschen verwundert klingt dieses Lachen. Wie ungeübt in der Leichtigkeit des Lebens. Was gab es denn auch schon zu scherzen, außer über die Rohheit der Taleban, denen sich Herat als intellektuelles Zentrum des Landes überlegen fühlte?

Der Beachtung zu fliehen, ist unmöglich. Selbst durch die Burkas, aus anonymen Mündern ohne Gesicht, erklingt im Vorübergehen ein flüchtiges "Hello", das man festhalten und zu einem Gespräch führen möchte. Könnte man nur die Augen sehen, nach Lebensmut in den Gesichtern forschen - statt dessen fühlt man Blicke, die sich nicht erwidern lassen. Die eigene Unverhülltheit wird zur Nacktheit, das Gesichtsgitter der anderen zum Schutz vor zuviel forschender Nähe. Manchmal berührt eine Hand, umfassen fremde Finger für Sekunden die eigenen, und getragen von der plötzlichen Nähe zu den blauverhangenen Schwestern glaubt man doch tatsächlich an die heilende Macht der Menschenliebe.

Mehmet, Hüter des Grals von Herat

Der Burka-Händler von Herat heißt Abdullah, nur eine der Seltsamkeiten in dieser Stadt, denn Abdullah heißen sie alle. Nur manchmal Hamid oder Omar. Bei Abdullah jedenfalls hängen die Burkas wie plissierte Schläuche in seinem Straßenladen und sehen alle gleich aus. Dies laut zu sagen, treibt Abdullah in einen hektischen Monolog, dessen Quintessenz lautet, es gäbe sehr wohl Unterschiede. Umgerechnet 25 Dollar soll die Luxusvariante kosten. Für die erstaunte Frage, wer sich diese stolze Summe leisten könne, hat Abdullah nur ein müdes Lächeln übrig: "Die Eitelkeit der Frauen kennt keinen Preis." So belehrt, bleibt dennoch die Frage, ob denn die Wächter der weiblichen Unscheinbarkeit sämtlich und spurlos verschwunden sind? Abdullah lacht herzlich und winkt den einen und den anderen von der Straße in den Laden, um ihn als gewesenen Taleban vorzustellen, der nach Hause zurückgekehrt sei, sich den Bart gestutzt und für seine Irrwege Abbitte geleistet habe. Freundlich nicken die geläuterten Gotteskrieger zu seinen Worten, rücken verlegen an ihrem Turban herum und erkundigen sich höflich danach, wie einem Herat gefalle. Kann denn Frieden so einfach sein?

Mehmet ist der Hüter des Grals von Herat - des Mausoleums von Königin Gawhar Shad. Und das Dach des Tempels erlaubt einen weiten Blick über die Stadt. Mehmets Erklärungen dazu sind nur mühsam zu verstehen, aber der weinende Ton und der weisende Finger sind Klage genug. Dort ein Schutthaufen, das war die Schule, von amerikanischen Bomben getroffen. Waren Kinder im Gebäude? Aber ja, sagt er, besinnt sich dann und sagt, na ja, vielleicht auch nicht. Aber rechts, das riesige Loch im Minarett, das hat eine Rakete der Taleban hinterlassen. Und dahinten, am Rande der Stadt, die Flüchtlingslager, du musst sie sehen. Tausende wohnen seit Jahren in diesen Camps und täuschen Heimat vor. Wie denn auch anders, wenn die wahre Heimat keine mehr ist, nur ein Stück verdorrtes Land. Wenn die Winter und jede Krankheit den Tod bedeuten. Aber was ist das für eine Heimat in Herat, ohne Weizen, ohne Hospitäler, ohne Zuflucht? Was für eine Freiheit, in der man an jedem Dreck sterben kann? Dann lieber die Sehnsucht und den Stolz hinunterschlucken?

Noch geblendet von der Geschäftigkeit des Basars, vom Reichtum der Goldhändler, von schillernden Seidenstoffen aus Teheran fällt man plötzlich in einen tiefen Graben mit dunklem Wasser. In namenlosen Seitenstraßen stehen bröckelnde, schiefe Lehmhäuser. Schmutzige Kinder rennen auf mageren Beinen und betteln um ein paar Afghani. Dafür wollen sie Schuhe putzen und würden wahrscheinlich alles tun, was ihre Mägen mit Brot füllt. Fliegenübersäte Babys krabbeln im Staub, stinkende Müllberge liegen am Weg. Dazwischen hocken sich die Männer zur Notdurft hin, ziehen ganz öffentlich die Hosen herunter, Ende des islamischen Schamgefühls. Kranke zeigen ihre Wunden und jammern leise mit ausgestreckter Hand bis ein wütender Polizist dazwischen geht und sie mit Stockschlägen vertreibt. Mitleid zu zeigen, hat Folgen. Von allen Seiten hinken die Krüppel sofort herbei, die Beinlosen, die Armamputierten, die mit den riesigen Narben im Gesicht. Die hungrigen Greise, die nichts mehr leisten und daher als letzte ihr Essen bekommen. Die Hoffnungslosen, in deren Augen das Sein vergangen ist. Erst da begreift man, dass Frieden nicht satt macht. Wer nicht mehr im afghanischen Krieg stirbt, hat noch lange nicht überlebt.

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00:00 20.09.2002

Ausgabe 41/2021

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