Die Lücke in jedem System

Heimat Ich dachte, dass ich einer von euch wär / Ihr sagtet, dass ich einer von denen bin / Aber wer sind die und wer seid ihr / und warum gibt es eigentlich kein WIR hier*

Klugscheißerei ist etwas sehr Deutsches, viel mehr als Lederhosen oder Pünktlichkeit. In unserem schönen, anstrengenden Land streitet man sich deshalb ständig über Begrifflichkeiten, diskutiert Definitionen statt Themen. Auch dann, wenn man eigentlich einer Meinung ist, startet oft dieses verbale Penisfechten. Im nächsten Moment werden die größten Zahlen und Daten, die krassesten Fakten und die absurdesten Fremdworte auf den Tisch gepackt.

Nur der „Mauerfall“, der war ausnahmsweise mal für alle genau das: Die Mauer fiel, der Weg war frei. Aber „Wiedervereinigung“? Am Anfang war das nur ein Begriff, den jemand oben auf ein Stück Papier geschrieben hat, das anschließend andere ­Jemande unterschrieben haben. „Okay, abgemacht, ab jetzt beginnt hier die Wiedervereinigung.“ Aber inzwischen ist „Wiedervereinigung“ auch nur noch eines dieser deutschen Worte, über die sich Deutsche streiten.

Ich bin in den achtziger Jahren in Hamburg aufgewachsen. Die nächste Mauer-Grenze war zwar auch nur knapp sechzig Kilometer entfernt, aber trotzdem hätte die DDR genauso gut auf dem Mond sein können. Für mich gab es sie als Kind nicht. Wir hatten keine Verwandten im Osten, keine Bekannten, keine Reiseziele. Ich wusste, dass Deutschland getrennt ist und hatte in der Schule bestimmt auch mal gehört, dass es dort ein anderes politisches System gibt. Aber was zur Hölle bedeutet das schon für ein Kind? Natürlich habe ich im November 1989 im Fernsehen zugesehen, wie all diese Menschen über die Mauer geklettert sind und sich enorm gefreut haben. Da war ich gerade mal elf. Ich hatte einfach keine Ahnung und außerdem ganz andere Probleme.

Meine ersten Berührungen mit der „ehemaligen DDR“ kamen viel später, als Rapper. In den Neunzigern, als meine Kollegen und ich viel auf Hip-Hop-Jams in Jugendhäusern unterwegs waren, war im Osten viel los. Es gab dort einen extremen Nachholbedarf und wir wurden das Gefühl nicht los, dass wir dort das dankbarste Publikum fanden, das wir je gesucht hatten – egal wo wir im Osten hingefahren sind. Zugegeben, das Hinfahren selbst war oft spooky. Wenn es sich vermeiden ließ, wollten wir unterwegs zu den Auftrittsorten lieber nicht anhalten. Jeder von uns ist vor der Fahrt aufs Klo gegangen, die letzte Tanke im Westen war der letzte Stopp für Getränke und Proviant. Jedes Mal wenn ich da war, habe ich Skinheads gesehen. (Und das war für Jemanden wie mich auch nichts Normales: In den Stadtteilen von Hamburg, in denen ich mich aufgehalten habe, gab es so etwas in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern einfach nicht.)

Abgesehen davon (wenn man davon absehen kann), hatte ich eine total positive Assoziation mit „Ost-Deutschland“: Der Osten war da, wo die Leute live am meisten auf unser Zeug abgehen. Alles andere war damals, mit 18, 19, kein Teil meiner politischen Agenda: Für mich ging es um schwarz und weiß, um Deutschsein oder eben nicht. Und überhaupt nicht um Westdeutsch oder Ostdeutsch. Für mich war Deutschland eben West-Deutschland.

Der türkische Dönerverkäufer

Als wir 2002 die Brothers-Keepers-Tour durch den Osten gemacht haben, war die Sache schon ein bisschen anders. Schließlich waren wir jetzt ein ganzer Verein mit dunkelhäutigen, deutschen Rappern und Sängern, die gemeinsam gegen Fremdenhass vorgehen wollten – besonders im Osten. Da haben wir von vielen Situationen gehört (und einige selbst erlebt), bei denen man noch nicht mal von Rassismus sprechen konnte – da gab es einfach keine Menschenrechte. Wie die Story von dem türkischen Dönerverkäufer in Pirna in der Sächsischen Schweiz, der aus Berlin mit seiner Familie dort hingezogen war, um im Döner-Business etwas weniger Konkurrenz zu haben als in der Hauptstadt.

Nachmittags aßen die Skinheads bei ihm, abends standen sie pöbelnd vor seinem Geschäft und bedrohten ihn und seine Familie. Er erzählte uns, dass er über die Jahre mehrere Prozesse verloren und Tausende D-Mark in Anwaltskosten investiert hatte, und mittlerweile komplett seinen Glauben an ein faires Rechtssystem verloren hatte. Die Polizei legte mittlerweile sogar direkt auf, sobald bei 110 sein türkischer Akzent deutlich wurde. Und das war nur eine von vielen Geschichten. Zivilcourage gab es nicht, zumindest nicht in Bezug auf Menschen, die „ausländisch“ aussahen und klangen. Wir gingen in sechste, siebte und achte Klassen – und wenige dieser Schüler hatten mal gehört, dass man nicht Neger sagt. „Und wie ist das bei Euch so mit Rassismus?“, fragten wir. Worauf einer aufsteht: „Nee, Rassismus gibt es hier nicht so viel. Aber Neger mag ich nicht so.“ „Äh … okay.“ Nachdem wir das mit dem Wort geklärt hatten, kam die Frage:

Warum?

Mich hat mal einer an der Bushaltestelle angerempelt.

Und hat dich auch schon mal ein Deutscher an dieser Haltestelle angerempelt?

Ja, klar.

Und jetzt magst Du auch alle Deutschen nicht?

Nee, ach so … stimmt.

Es ging da nicht um den einsamen ätzenden Spinner in der Nachbarschaft, der einem das Leben schwer macht, weil man anders aussieht oder woanders herkommt. Es war die ganze Nachbarschaft. Wie soll man sich da integrieren? Ich hoffe wirklich sehr, dass sich in den knapp zehn Jahren seit Adriano etwas geändert hat.

In den letzten Jahren habe ich mich sehr viel mit diesem Land auseinandergesetzt, mit meiner „Heimat“. Ich habe ein ganzes Album und ein Buch über mein Verhältnis zu Deutschland geschrieben (Dis wo ich herkomm – Deutschland Deluxe) und mit einer Gruppe von Kids eine „Deutschlandreise“ für ZDFinfo unternommen, immer mit der Frage: „Was ist deutsche Kultur?“ Als so eine Art Hobby-Soziologe, der sich häufig Gedanken darüber macht, wie man so eine Gesellschaft verbessern kann, interessieren mich vor allem die persönlichen Erlebnisse und Geschichten. Besonders die von Leuten in meinem Alter, die im Osten aufgewachsen sind. Ich finde es immer wieder spannend, was sie über den Zusammenhalt der Jugendlichen in der DDR erzählen, über die Art wie Jugend umsorgt wurde, was für Möglichkeiten es gab, sich musikalisch und sportlich zu engagieren.

Ich finde es interessant zu sehen, dass viele Sachen an diesem System anscheinend absolut Sinn gemacht haben. Man hat wohl leider nur nicht bedacht, dass das Ganze am Ende von Menschen kontrolliert wird und Menschen eben immer Machtpositionen ausnutzen. Daher kamen dann diese Schattenseiten, sprich: diese extreme Unfreiheit. Auf unserer „Deutschlandreise“ waren wir auch im Stasi-Museum in Leipzig. Das demonstriert einem wirklich sehr lebhaft, wie unfrei es in der DDR zugehen konnte. Ich fühlte mich ja damals schon in West-Deutschland total unfrei. Nur weil Jemand theoretisch mein Telefon abhören konnte, ich mein Gras heimlich kaufen musste und weil es so viele Polizisten gibt. Aber die DDR? Ein System, das Leute so extrem unterdrückt hat, und sie zu spitzelnden Tätern gemacht hat, damit sie nicht selbst zu Opfern werden – das hat mich umgeworfen.

Schmelztiegel als Perspektive

Wo ist jetzt eigentlich die Wiedervereinigung? Was genau erwarten sich die Leute von so etwas? Es haben ja wenigstens alle schon mal die gleichen Rechte. Aber ich muss zugeben: Wenn ich über Deutschland rede, kann ich eigentlich nur für West-Deutschland reden. Dort, wo es diese Schmelztiegel gibt, da sehe ich eine Perspektive. Ich hab keine Ahnung wie man mit dem Rest umgeht. Der Osten ist durch diese rechten Tendenzen immer noch nicht so attraktiv für mich. Obwohl es wunderschöne Landstriche in Mecklenburg Vorpommern gibt. Aber gerade wenn ich zwischen Hamburg und Berlin hin- und herfahre, werde ich diesen Gedanken nicht los: Zwischen diesen beiden bunten Flecken gibt es so viel braun. Natürlich gibt es die großen Städte im Osten, in denen immer was gehen wird. Leipzig und Dresden habe ich immer als attraktive, deutsche Städte empfunden, von denen ich mir vorstellen kann, dass sie in den nächsten Jahren zu einem der neuen Schmelztiegel werden. Aber was wird aus Chemnitz, seitdem das „splash!“-Festival da weg ist? Es wundert mich, dass der größte Hip-Hop-Event in Deutschland, der ausgerechnet in so einer kleinen Stadt im Osten stattgefunden hat und sie meiner Meinung nach extrem bereichert hat, von der Stadt nicht den Support bekommen hat und nach „Ferropolis“ umziehen musste. Aber irgendwie passt das auch zu dieser krassen Landflucht: Jeder zweite Typ, den ich in Hamburg oder Berlin treffe, kommt aus dem Osten. Es ist fast so, als würde die Wiedervereinigung nur im Westen stattfinden.

Abgesehen davon hat das Land hier echt Potenzial. Auch weil es regional so unterschiedlich ist. Zum Glück ist Deutschland nicht nur seine Vergangenheit und der Staat. Das sind nur ein paar Jahre und ein paar hundert Menschen. Schon wieder Menschen? Die sind anscheinend die Lücke in jedem System. Deshalb ist das, was Sarrazin sagt nicht nur das Gegenteil von dem, was ich denke, es ist mir völlig egal. Für mich geht es überhaupt nicht darum, dass in Deutschland alle weiß oder alle schwarz oder grün oder sonst irgendetwas sind. Ich will einfach, dass hier coole Menschen aufwachsen, die ihre Lebensqualität zu schätzen wissen und etwas dafür tun, dass sie sich noch verbessert.

Darum geht es doch. Hab ich recht?

*Aus einem unveröffentlichtem Songtext von Samy Deluxe

Samy Deluxe ist einer der bekanntesten deutscher Rapper. Er wurde als Samy Sorge 1977 in Hamburg geboren und wuchs in Eimsbüttel auf. Sein Vater stammt aus dem Sudan, verließ die Familie jedoch früh. Zuletzt veröffentlichte Samy Deluxe Dis wo ich herkomm (EMI, 2009)

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17:00 05.10.2010

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