Die Lücken im Archiv

Speicherarbeit Einst mangelte es an der Technik, heute an Kriterien - was einer Pflichtabgabe fürs Fernsehen entgegen steht

Das Bewusstsein für die Geschichte eines noch recht jungen Mediums wie dem Kino ist gestiegen. Seit diesem Jahr wird von mehreren Parteien auf eine so genannte Pflichtabgabe für Filme gedrängt, Filme sollen wie Bücher archiviert werden. Dietrich Leder hat im Freitag 25 diese Politik auch für das Fernsehen angemahnt. Nun gibt Hans Müncheberg zu bedenken, dass solch ein Unterfangen an den Kapazitäten scheitern muss.

Wenn die Literaturwissenschaft bei der Erforschung historisch weit zurückliegender Entwicklungslinien auf bedeutsame Lücken stößt, handelt es sich für die Zeit vor der Erfindung des Buchdrucks um einschneidende Verluste der wenigen großen Bibliotheken, in denen viele der von Hand kopierten Bücher aufbewahrt wurden. Meist entstanden die Verluste durch Kriege und Glaubensstreitigkeiten, oft durch Naturkatastrophen.

Die technische Entwicklung des Buchdrucks ermöglichte die Herstellung von Büchern in größeren Auflagen. Dadurch kam es zu einer raschen Verbreitung neuer Gedanken und Erkenntnisse auf allen Gebieten von Wissenschaft und Kunst. Durch die vielfache Speicherung der vorhandenen literarischen Werke konnte ihr Bestand nicht immer durch kirchliche Autodafés oder eine faschistische Bücherverbrennung ernsthaft gefährdet werden. Bei Bränden, wie zuletzt in der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek, entstanden allerdings, die nicht durch Reprint-Ausgaben zu schließen waren.

Zur Sicherung eines kompletten Bestandes veröffentlichter Druckwerke wurde in einigen Staaten per Gesetz bestimmt, dass jeder Verlag und jede selbständig arbeitende Druckerei ein Pflichtexemplar an eine dafür bestimmte Institution zu liefern hat. Als zuständige Bibliothek für deutschsprachige Publikationen wurde 1912 vom Börsenverein Deutscher Buchhändler die Deutsche Bücherei in Leipzig gegründet. Sie verwahrte vom 1. Januar 1913 an alle deutschsprachigen Druckerzeugnisse, nicht nur Bücher und Broschüren, auch künstlerische Drucke, Zeitschriften, Dissertationen, Karten und Musikalien.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wurde bereits vor der Gründung zweier deutscher Staaten in Frankfurt am Main 1946 eine Deutsche Bibliothek als Gegenstück zur Deutschen Bücherei in Leipzig gegründet mit der Aufgabe, die seit 1945 erscheinende deutschsprachige Literatur zu sammeln. Der Herstellung der deutschen Einheit dürfte die Dopplung solcher Institution überflüssig gemacht haben.

Medienhistorisch Interessierte wünschen sich natürlich, dass es für die relativ junge Geschichte der audiovisuellen Medien entsprechende Regelungen zur Sicherung ihres unaufhörlich wachsenden Erbes gibt. Für die mehr als 110-jährige Entwicklung der Kinematographie - darin eingeschlossen 80 Jahre Tonfilm - scheint es auf den ersten Blick unproblematisch, die Zeugnisse ihres Schaffens zu bewahren. Alle Werke wurden auf einem transportablen Material fixiert und hätten bei entsprechenden gesetzlichen Regelungen gesammelt und gesichert werden können. Leider wurden die Anfänge filmischer Gestaltungen von den maßgebenden Instanzen für Jahrmarktsbelustigungen gehalten. Ihr kultureller Wert wurde nicht erkannt. Zudem erwies sich das für den Film verwendete Material nicht als so beständig, wie es für eine unproblematische Aufbewahrung notwendig gewesen wäre. Es gab nicht nur Probleme mit dem leicht entflammbaren Nitrofilm. Man erkannte bald, dass auch der so genannte Sicherheitsfilm für eine längere Lagerung besondere klimatische Bedingungen brauchte - er musste eingefroren werden. Die damit verbundenen Aufwendungen hätten durch staatliche Regelungen abgesichert werden müssen. Da dies bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts nicht geschah, gingen viele Zeugnisse der Filmgeschichte unwiederbringlich verloren.

Unabhängig von dem ideologischen Hintergrund muss dazu festgestellt werden, dass in der DDR eine Pflichtabgabe für Filmwerke eingeführt worden war. Alle offiziell tätigen Filmstudios hatten jeweils eine Kopie ihrer Produktionen an das Staatliche Filmarchiv der DDR zu übergeben. Diese Bestände aus 45 Jahren sind weitaus vollständiger als die Zeugnisse der Filmproduktion in den alten Bundesländern. Heute ist für die Bewahrung der Gesamtheit noch vorhandener Filmwerke das Bundesfilmarchiv zuständig.

Für das Fernsehen, das als jüngeres audiovisuelles Medium vor rund 70 Jahren seine ersten Programme ausstrahlte, bestanden von Anfang an unterschiedliche Zuordnungen. Unter dem Slogan "Fernsehen - dabei sein" wurde es Anfang der dreißiger Jahre als ein optisch ergänztes Rundfunkreportage-Medium betrachtet. Diese spezielle Aufgabe hat das Fernsehen von den Olympischen Spielen 1936 in Berlin bis zur jüngsten Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz erfüllt.

Der Wiederbeginn des Fernsehens nach 1945 fand in beiden deutschen Teilstaaten bereits nach einem neuen Selbstverständnis statt. Man verstand sich vom Beginn an - neben der Informationspflicht - auch als kulturelles Institut mit einem umfassenden Bildungsauftrag. Beide Sendesysteme begannen ihre Programmarbeit bereits, bevor sie zu größeren Live-Übertragungen die Studios verlassen konnten - und beide begannen im Dezember 1952 mit repräsentativen Ausschnitten aus Goethes Werk - die 1950 gegründete ARD mit einem "regulären" Programm, das "Fernsehzentrum Berlin" in Adlershof mit einem "offiziellen Versuchsprogramm".

Neben Bemühungen um eine aktuelle Berichterstattung entwickelten sich rasch künstlerische Gestaltungsformen. Im szenischen Bereich wurden die Möglichkeiten eines originären Fernsehspiels erprobt, es gab eine breite Palette von Adaptionen der Weltliteratur, man erfand sehr schnell populär werdende Sendereihen und schließlich die nur im Fernsehen möglichen Langzeitserien. Einem leider oft nivellierenden Publikumsgeschmack verbunden, entwickelten sich viele Formen der Fernsehunterhaltung, nicht zu vergessen die Vielfalt an Sendungen für Kinder und Jugendliche, ferner das weite Gestaltungsfeld von Musik und Tanz.

Da das junge Medium Fernsehen unter Einsatz einer neuentwickelten, von den Zuschauern als hochmodern empfundenen Technik arbeitet, ist es heute - nach einer bereits historisch zu nennenden Zeitspanne - für manchen Zeitgenossen schwer zu verstehen, dass nicht von Anfang an alle wesentlichen Sendungen aufgezeichnet und so für die Fernsehgeschichte als unerlässliche Quelle erhalten wurden.

Diese Fragestellung verrät einen bedauerlichen Mangel an Kenntnis der sowohl bei der ARD als auch bei dem ab 1956 "regulär" sendenden Deutschen Fernsehfunk (DFF) herrschenden technischen Bedingungen. In West wie in Ost mussten die Fernsehprogramme, sofern es sich nicht um die relativ wenigen vorgefertigten oder die bald zahlreicher angekauften "Fremdfilme" handelte, über mehrere Jahre ausschließlich "live" ausgestrahlt werden. "Live" bedeutete, dass Bild und Ton im Moment des Geschehens über den Sender gingen, ohne gleichzeitig für eine spätere Wiederholung fixiert werden zu können. Die Wiederholung einer elektronisch produzierten Sendung war in den Jahren 1952 bis 1957 nur als eine komplette Wiederaufführung möglich.

Bedenkt man die rasch wachsende Zahl gestalteter Sendungen - beim DFF waren es 1957 bereits 450, 1960 schon 980 - dann ist leicht zu verstehen, dass nach einem Weg gesucht werden musste, um die wenigen Studios nicht mit den vielen Live-Sendungen einschließlich der aufwendigen Live-Wiederholungen zu überfordern.

1957 konnte der DFF ein erstes technisches Ensemble zur Bildschirm-Film-Aufzeichung (BFA) von der Fernseh-AG in Darmstadt erwerben. Zwei Schmalfilmkameras mit einem speziellen 16-mm-Filmmaterial konnten, sich abwechselnd, für jeweils 10 Minuten das elektronische Bild von speziellen Monitoren abfilmen, bei reibungslosem Verlauf also vollständige Sendungen 90 Minuten und länger aufzeichnen. Das Risiko bestand allerdings darin, dass ein Fehler bei der Aufzeichnung oder ein Defekt im Filmmaterial - in der Regel erst nach der Entwicklung des Materials im Kopierwerk entdeckt - die gesamte Arbeit wertlos werden ließ. Der große materiell-technische Aufwand machte es zudem unmöglich, das gesamte gestaltete Programm filmisch festzuhalten. Auch wenn die BFA als gelungen bezeichnet werden konnte, blieb die Bild- und Tonqualität eines 16-mm-Films schon aus technischen Gründen stets hinter der "live" ausgestrahlten Originalsendung zurück. Das änderte sich erst in den sechziger Jahren, als nach einer Erprobungsphase zu einer elektromagnetischen Bild-Ton-Aufzeichnung (MAZ) übergegangen werden konnte, zunächst allerdings mit einer "materialfressenden" 2-Zoll-Technik.

Bei der ARD soll die so genannte Live-Zeit, wie im Standardwerk Geschichte des Deutschen Fernsehens von Knut Hickethier und Peter Hoff zu lesen ist, noch etwas länger gedauert haben. 1958 wurde relativ kurz das BFA-Verfahren erprobt, doch bereits 1959 begannen Versuche mit einer aus den USA importierten MAZ-Technik.

Ausschließlich für das Fernsehen produzierte Filme waren in beiden deutschen Fernsehsystemen für lange Jahre die Ausnahme. Erst mit dem Programmstart des ZDF wurde die Vergabe von Produktionsaufträgen für Filme zu einem üblichen Verfahren und ließ bald größere Kapazitäten entstehen. Beim DFF blieben Fernsehfilme noch lange die von den Mitarbeitern wegen vieler damit verbundener Vorteile beneidete Ausnahme. In den sechziger Jahren reichte die für gestaltete Fernsehsendungen vorhandene Filmkapazität weder in den alten Bundesländern noch beim DFF dafür aus, das Programm im entscheidenden Umfang auf Film zu fixieren. Besonders im aktuellen Bereich erhielt die magnetische Bildaufzeichnung eine unverzichtbare Rolle. So wurde die MAZ rasch aus einem Versuchsstadium herausgeführt. Mitte der sechziger Jahre dürfte sie ein wesentliches Mittel zur Programmgestaltung geworden sein.

Dazu kommt: Das 1965 Tag für Tag erreichte Programmvolumen betrug bereits im Durchschnitt 33 Stunden, 5 Jahre später waren es schon 58 Stunden. Es wuchs kontinuierlich weiter und machte Mitte der achtziger Jahre mit der Einführung des Dualen Systems einen weiteren Wachstumssprung. Heute bieten mehr als 20 in Deutschland zugelassene Sender ein 24-Stunden-Programm. Auch wenn man davon ausgeht, dass zum Beispiel die Tagesschau auf mehreren Sendern zugleich ausgestrahlt wird, dass hin und wieder außergewöhnliche Ereignisse parallel übernommen werden, ja selbst wenn man unterstellt, dass zwei Drittel der Programme aus Sportübertragungen, Importen und Wiederholungen bestehen, blieben tagtäglich mehr als 200 Programmstunden über deren Aufbewahrung zu entscheiden wäre. Welches Gremium müsste gebildet werden, um dazu in der Lage zu sein? Wie müsste es zusammengesetzt sein, um die dafür notwendigen Kriterien zu fixieren sowie die erforderliche Autorität allen Sendern gegenüber zu besitzen? Und welche Gestalt müsste das Deutsche Rundfunkarchiv oder eine noch zu gründende medienhistorisch allein für das Fernsehen zuständige Institution erhalten, um die unaufhörliche Flut an aufgezeichneten Sendungen entgegenzunehmen, zu ordnen und für die Mediengeschichte verfügbar zu machen?

Ein prominenter Pionier des bundesdeutschen Fernsehens soll vor Jahren gefragt worden sein, welche Zukunft er für die qualitative Entwicklung dieses Mediums sähe. Unter dem Eindruck des nivellierenden Diktats der Einschaltquoten auf das Niveau der Fernsehprogramme sei die Antwort gewesen: "Keine! Ein Medium ist immer dann am besten, wenn es jung ist." Ob es ihm um eine ernste Mahnung oder bereits um eine resignative Bilanz ging, ist nicht bekannt. Wichtig ist jedoch der Hinweis, die Anfänge der Fernseharbeit daraufhin zu untersuchen, unter welchen Aspekten das Medium nach 1945 neu entwickelt wurde und daraus vielleicht Maßstäbe für eine künftige, in ihrem Niveau nicht länger gefährdete Programmgestaltung zu gewinnen.

In diesem Zusammenhang darf auf einen frühen Versuch in der DDR verwiesen werden, die unvermeidbaren Archiv-Lücken der sogenannten Live-Zeit mit nahezu archäologischen Methoden zu schließen. Wie der Archäologe aus gefundenen Bruchstücken auf die Formen der vor rund viertausend Jahren gebrannten Gefäße der Schnurkeramiker schließt, so versuchte vom Ende der siebziger Jahre an eine kleine Gruppe von Fernsehmitarbeitern der ersten Jahre alles zu sammeln, was noch an Sachzeugnissen aufzufinden und an persönlichen Erfahrungen zu erfragen war.

In der Summe ergibt sich aus dieser Arbeit ein durchaus repräsentativ zu nennendes Bild über die Konzepte, Erfahrungen, Erfolge aber auch Irrtümer des ersten Jahrzehnts einer damals auf gesamtdeutsche Rezeption angelegten Fernsehentwicklung. Dieses Archiv dokumentiert in umfangreichen Materialsammlungen und auswertenden Datenbanken ein sonst bereits verlorengegangenes Kapitel deutscher Mediengeschichte.

Hans Müncheberg war Autor und Dramaturg beim DDR-Fernsehen und gehörte zu der im Text erwähnten Gruppe, die ein Fernseharchivs aufzubauen begonnen hatte. Es steht vorerst bei ihm zu Hause.

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